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Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen

Ich sage es gerade heraus, auch wenn ich mich hiermit als vollkommen rückständig oute: Die Digitalisierung unserer Welt macht mir Angst. Nach einem heiß diskutierten Abend über dieses Thema legte mir mein Neffe tröstend die Hand auf die Schulter und sprach mir gut zu: „So schlimm wird es nicht werden.“ Ich aber denke, dass es sogar noch weit aus schlimmer werden wird, als ich es mir gerade vorstellen kann.

In den letzten Wochen ging die Erfolgsmeldung durch die Presse, dass Künstliche Intelligenz (KI) Ärzten bei der Diagnostik von Hautkrebs überlegen ist. Das ist toll, ich kann mir das gut vorstellen, dass die KI mit so vielen Bildern und Informationen gefüttert wurde, dass sie wunderbar Vergleiche anstellen kann zwischen gut- und bösartig. Die positive Nachricht für die Ärzte sei es, dass sie durch solche Anwendungsbereiche viel mehr Zeit für ihre Patienten gewännen. Halt, da muss ich sofort widersprechen, denn so funktioniert Wirtschaft nicht und Medizin unterliegt heute klar den Kriterien der Wirtschaftlichkeit. Es kann mir keiner weismachen, dass durch KI generierte Zeit für das Zwischenmenschliche genützt würde. Nein, es werden Kosten minimiert werden, indem Personal eingespart wird. Wo KI die Arbeit des Menschen übernimmt, wird diese für die Arbeitnehmer wegfallen. Es werden natürlich für entsprechend qualifizierte Menschen auch viele neue Jobs entstehen. Weniger Qualifizierte werden sich beispielsweise zu Krankenpflegern umschulen lassen müssen, denn zumindest da wird der hohe Bedarf an Arbeitskräften in den nächsten Jahrzehnten vermutlich bestehen bleiben. Denn 100 Jahre alt zu werden, wird bald nichts außergewöhnliches mehr sein. Die Zahl steigt und wird vermutlich auch durch verbesserte Früherkennungsmethoden der KI noch rasanter steigen. Leider werden die meisten Senior(inn)en diese gewonnene Lebenszeit trotzdem nicht quietschfidel verbringen, sondern für Jahre oder Jahrzehnte auf Pflege angewiesen sein. Natürlich werden auch in der Pflege bereits Pflege-Roboter in Pilotprojekten eingesetzt, vor allem um Pfleger durch die Übernahme einfacher Tätigkeiten zu entlasten. Ich habe aber trotzdem noch Hoffnung, dass wir die Versorgung unserer überalterten Gesellschaft langfristig nicht Robotern überlassen werden.

Ich bin also nicht per se Pessimistin. Ich frage mich einfach, was vom Menschen noch bleibt, wenn wir alles Denken Rechnern überlassen und in diesem Bereich keine Aufgaben mehr haben. Mit eben jenem Neffen habe ich mich auch darüber gestritten, wie Schule sich verändern muss. Dass nur die Einführung digitaler Medien im Klassenzimmer kaum wirksam ist, haben unlängst einige Studien belegt. Er meinte, Schüler(innen) müssten sich Wissen nicht mehr selbst aneignen, sondern nur noch lernen, wie und wo man es sich beschaffen könne. Es ist ja jederzeit zugänglich. Wie erlangen aber Kinder Bildung, wenn sie nur noch im Bedarfsfall nachgucken, anstatt zu lernen, sich durch die jahrelange Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen selbst ein Bild zu machen? Wie bilden sie sich eine Meinung, wie können sie Dinge einordnen und entscheiden?

Diese junge Generation, für die Digitalisierung bereits so selbstverständlich ist, hat ein fast blindes Vertrauen in die Konzerne, die sie steuern. Dabei lässt sich so wunderbar manipulieren und überwachen. Wirklich Ernstnehmen wird man den Missbrauch von Daten vermutlich erst, wenn es zu spät ist. Nehmen wir China als leuchtendes Beispiel, dass sich Jahrzehnte lang darin geübt hat, seine Bürger zu unterdrücken, zu überwachen und klein zu halten. Ab 2020 soll das „Soziale Bonitätssystem“, mit dem der Staat das Verhalten seiner Bürger nach Punkten bewertet und diese bei „Fehlverhalten“ abstraft, regierungskonformes Verhalten aber belohnt, flächendeckend eingeführt werden. Konsequenzen von Fehlverhalten können beispielsweise sein, dass Kindern Studienplätze verwehrt bleiben, Arbeitnehmer von Beförderungen ausgenommen werden oder Bürgern die Ausreise verweigert wird. Die Regierung hat dabei Zugriff auf die Daten des weltweit größten E-Commerce Händlers Alibaba und der App Alipay, mit der etwa 500 Millionen Kunden mobil bezahlen. Außerdem werden Äußerungen in Chats und sozialen Medien ausgewertet. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet Informationen hier:

FAZ: Das Sozialkreditsystem     FAZ: Die totale Überwachung

Die totale Kontrolle ist durch Big Data zum Kinderspiel geworden. Und Verfechter des Datenschutzes gelten leider auch bei uns oft als nervige Spielverderber. Dass bei uns die neue Datenschutzgrundverordnung inzwischen vor allem im echten Leben bei Behörden, beim Arztbesuch oder in der Schule spürbar wird und nicht im Netz, ist teilweise absurd. Beim Umgang mit Daten im Internet hat sich bei den meisten Privatpersonen jedenfalls wenig verändert. Ich begreife es noch immer nicht, warum die halbe Welt „Whats app“ verwendet, anstelle einen der alternativen Messanger wie Signal, Threema oder Telegram, die genauso viel können, aber keine Daten abgreifen. Es bedürfte eines Klicks und der Einigung im Freundeskreis und der Familie – fertig. Das einzige Argument dagegen, ist dass alle „Whats app“ verwenden. Tja und daran wird sich nichts ändern, solange alle mitmachen.

Der WürfelEin interessantes Buch zum Thema KI hat Bijan Moini geschrieben. „Der Würfel“ spielt in der nahen Zukunft und erzählt davon, wie sie immer mehr Einfluß auf unser Leben gewinnt. Das System des Würfels basiert auf der Berechenbarkeit der Menschen, die Zahlungswährung für ihr sorgenfreies Leben mit einem Grundeinkommen sind ihre Daten. Da die Menschen von dem System profitieren, gibt es nur wenige, die sich dagegen stellen. Einer davon ist Taro. Seine Haltung wird auf eine harte Probe gestellt, als er sich verliebt.

Ich habe es noch nicht gelesen, es hört sich aber sehr spannend an und macht greifbar, was geschehen kann. Wer mehr dazu erfahren möchte, hört sich den Podcast auf Bayern 2 an. In einem Interview in EinszuEins erzählt der Autor von seinem Roman.

Bayern 2 EinszuEins der Talk mit Bijan Moini

Es gibt noch vieles zu sagen und zu schreiben zur Künstlichen Intelligenz, ihre Existenz in vielen Lebensbereichen schreitet in riesigen Schritten voran und wir werden erleben, was sie an Nutzen und Schrecken bringen wird. Ich hoffe, dass bei allem technischen Fortschritt die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleibt. Wir sind die letzte Generation, die noch Beides kennengelernt hat, ein Leben mit und ohne Digitalisierung. Das macht uns manchmal vielleicht etwas gestrig und mag Fluch und Segen zugleich sein. Es ist aber auf jeden Fall auch eine Möglichkeit zur Gestaltung, die wir den Digital Natives voraus haben.

Vom Alten Land und Hamburg-Ottensen – Buchtipp

Altes Land

Nachdem ich so begeistert von „Mittagsstunde“ war, musste ich mein Versäumnis unbedingt nachholen und Dörte Hansens ersten Roman lesen. Es hat sich gelohnt. „Altes Land“ hat mich nicht weniger gefesselt als „Mittagsstunde“ – im Gegenteil, längst verräumte Erinnerungen an ein Stück Familiengeschichte sind wieder zu Tage getreten.

Hildegard von Kamcke, Flüchtling aus Ostpreußen, strandet im Krieg mit ihrer kleinen Tochter Vera am Altländer Hof von Ida Eickhoff. „Woveel kommt denn noch vin jau Polacken?“, ist einer der ersten Sätze, den die kleine Vera lernt. Das ganze Haus ist voller Flüchtlinge. „Von mi gift dat nix!“, ist der Beginn des Kampfes zwischen der Hofherrin und der stolzen Ostpreußin Hildegard, die sich so gar nicht in ihre Opferrolle fügen will.

Ich erinnerte mich wieder daran, dass auch meine Familie auf der Flucht aus Schlesien bei Bauern unterkam. Meine Tante, auf der Flucht geboren, hat ihr Überleben dem Umstand zu verdanken, dass eine Bäuerin ihr ab und an die Brust gab, wenn deren eigenes Kind satt war. Der Großmutter war wie so vielen anderen Frauen durch die Strapazen der Flucht längst die Milch versiegt. Es muss entsetzlich gewesen sein, auf das Wohlwollen einer Frau angewiesen zu sein, die nicht weniger verächtlich über die ungebetenen, verlausten Gäste sprach und doch genug Mitleid hatte, dieses Kind nicht verhungern zu lassen. Viele andere Kinder und Erwachsene überlebten die Flucht nicht, sie erfroren, ertranken oder verhungerten und die Babys wurden von ihren Müttern in ihren Kinderwägen einfach am Straßenrand stehen gelassen.

So erfährt man im Laufe des Romans auch, warum Hildegard von Kampke und ihre Töchter zu denen wurden, die sie sind und was Flucht wirklich bedeutet. Und warum es so wichtig ist, wieder „jemand“ zu werden, wenn man alles verloren hat. Hildegard von Kamcke schafft das, zunächst, weil sie sich Ida Eickhoffs heimgekehrten, vom Krieg traumatisierten Sohn Karl angelt und schließlich das Alte Land hinter sich lässt und mit einem Architekten und ihrer gemeinsamen Tochter Marlene ein neues Leben in Hamburg Blankenese beginnt. Die vierzehnjährige Tochter Vera bleibt mit dem psychisch kranken Karl auf dem Hof und kämpft sich allein durch ihr Leben.

Dass der Roman auch seine sehr amüsanten Seiten hat, liegt vor allem am Vorführen der Hamburger Society. So geht es auch im „Alten Land“ um die Städter, die sich völlig verklärt auf dem Land im vermeintlichen Idyll ausbreiten und denken, es mit Biodünger und dem Anbau alter Sorten besser zu machen als die Alteingesessenen, die dafür überhaupt kein Verständnis haben. Und auch die Hamburger Vollwert-Muttis, die ihre Kinder zur musikalischen Früherziehung schleppen und hinter jedem ihrer Kinder ein Genie wähnen, wenn man es nur ausreichend fördert, bieten gutes Material zur Satire. Das Bindeglied zu Hamburgs Biofraktion ist Anne, die Tochter von Veras Halbschwester Marlene, die irgendwie nicht so richtig rein zu passen scheint in dieses Hamburg-Ottensen. Sie flüchtet, nachdem sich ihr Freund und Vater des gemeinsamen Kindes Leon eine neue Frau zugelegt hat, Hals über Kopf zu Vera auf den inzwischen völlig verwahrlosten Hof. Ein glückliche Fügung, wie sich bald herausstellt…

Dörte Hansens Romane leben von ihrer Sprache, dem detaillierten Zeichnen der Figuren, der Gegensätze, vom Schrulligen, Skurrilen und dennoch Liebenswertem. “Altes Land” hat mich aber auch sehr zum Nachdenken gebracht über das, was viele unserer Eltern und Großeltern erlebt haben und was diese Erfahrungen für Auswirkungen auf ihre Leben hatten und teilweise immer noch haben.

Buchtipp: Alle, außer mir

Alle, außer mirWelche Assoziationen habt ihr zu „Italien“?

Bei mir sind das neben der aktuellen Politik noch immer Berlusconi, die Mafia und das gute alte Dolce Vita – Sonne, Strand, Vespa und Meer satt. Von einer ganz anderen, eher unbekannten Seite der italienischen Geschichte erzählt Francesca Melandri in ihrem Roman „ Alle, außer mir“. Eines Tages klingelt der junge Äthiopier Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti an der Tür der Lehrerin Ilaria und behauptet, ihr Neffe zu sein. Da ihr Vater, Attilio Profeti, der inzwischen an Demenz leidet, bereits einen unehelichen Sohn hat und lange Zeit ein Doppelleben geführt hat, beginnt Ilaria zusammen mit ihrem Halbbruder in der Vergangenheit ihres Vaters zu recherchieren. Dieser war tatsächlich ab 1935 als Schwarzhemd während der Eroberung  durch die faschistischen Truppen Mussolinis und in den Jahren danach in Äthiopien und während Shimeta von seiner Fluchtgeschichte von Äthiopien nach Italien unter unmenschlichen Umständen, von Willkür und Ablehnung italienischer Behörden berichtet, wird immer wahrscheinlicher, dass dessen Behauptung über seine Herkunft wahr ist. Wir erfahren unterdes vom Wahnsinn der Kolonialisierung, vom Abschlachten, vom Sieg der Italiener durch den völkerrechtswidrigen Einsatz von Senfgas, von Massenvergewaltigungen und Misshandlungen und all das mit der Rechtfertigung von Rassengesetzen, den minderwertigen Völkern die italienische Kultur zu schenken und das Sklaventum zu beenden. Denn in Äthiopien betrachteten die Amharen die Oromo als minderwertig und unterdrückten diese. „Sangue giusto“ heißt der italienische Titel des Buches und darum geht es in diesem Roman, das “richtige” Blut. Liest man im Jahr 2019 von diesen Gräueltaten, fragt man sich, wie man überhaupt jemals auf die Idee kommen konnte, einfach so in ein Land einzumarschieren und es zu erobern. Es erscheint so absurd. Aber auch diese Entwicklung hat natürlich ihren Ursprung weit vorher. Italien war bei der Eroberung von Kolonien spät dran und auch die Italiener wollten sich ihren Platz an der Sonne sichern. Attilio Profeti jedenfalls, dem als stattlichen, gut aussehenden Mann oft die Gunst der mächtigen Faschisten zu Teil wurde, gelingt es, auch in den Jahrzehnten danach seine Chancen zu nutzen und sich ungeschoren durch sein Leben zu lavieren, was eng mit der weiteren Entwicklung der italienischen Politik verbunden ist. Was mich wirklich erschreckt hat, ist, wie wenig ich von der Kolonialisierung durch die europäischen Staaten, Deutschland eingenommen, wusste und wie wenig sie allgemein thematisiert wird und somit auch die europäische Verantwortung für die Geschichte gerade vieler afrikanischen Länder klein gehalten wird. In „Alle, außer mir“, treffen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Es wird mal wieder klar, dass alles miteinander verwoben ist und wir nicht nur Bruchstücke betrachten können, um uns ein gesamtes Bild vor Augen zu rufen. Ein wirklich beeindruckender Roman.

Wer mehr erfahren möchte, findet hier ein Interview mit Franceca Melandri.

Und ebenfalls bei Deutschlandfunk mehr Hintergründe zur Eroberung Äthiopiens.

Francesca Melandri, “Alle, außer mir”

ISBN 9783803132963 Verlag Wagenbach

 

Buchtipp: “Niemandsland”

niemandsland„Niemandsland“ von Caroline Brothers beginnt sperrig. Der dreizehnjährige Aryan und sein achtjähriger Bruder Kabir versuchen gemeinsam mit anderen Flüchtlingen über den Evros nach Griechenland zu gelangen. Hinter ihnen liegt schon eine endlos lange Reise von Afghanistan über den Iran in die Türkei, allein auf sich gestellt, da die Eltern und ein älterer Bruder getötet wurden. Caroline Brothers, die sich als investigative Journalistin und anderem für die New York Times, viele Jahre mit Migration und Flüchtlingsströmen beschäftigt hat, schildert absolut realistisch und detailliert die Flucht zweier Kinder und was sie beschreibt, raubt einem den Atem. Alle Informationen und Bilder, die ich in den letzten Jahren zum Thema Flüchtlinge gesammelt habe, setzen sich wie ein Puzzle zusammen und finden sich auf grausame und menschenunwürdige Weise bestätigt. Ausbeutung und Versklavung auf Obstplantagen, Treffpunkte von Landsmännern in Stadtparks, Lager aus Pappkartons im Winter, durchlaufene Schuhe, die Skrupellosigkeit von Schleppern, Mißhandlung und Polizeigewalt. Und mittendrin zwei Kinder, die sich gegenseitig Kraft geben und am Leben halten und diesen Wahnsinn zusammen durchmachen. Aryan, der nach besten Kräften versucht, für sich und den kleinen Bruder die richtigen Entscheidungen zu treffen und Kabir, der mit seinem unbedarften, fröhlichen Wesen Herzen öffnet. In dessen Gesicht die Männer auf der Flucht ihre Kinder oder Brüder wiederfinden, die sie zurücklassen mussten. Die Geschichte vom „Niemandsland“ ruft ein fast schmerzendes Bewusstsein für das Unrecht hervor, das Menschen auf der Flucht widerfährt, dass sich nicht mehr so einfach wegschalten lässt. Es sind eben nicht mehr nur „die Flüchtlinge“, es sind jetzt Aryan, Kabir, Hamid, Jonah oder Khaled, die diese unerträglichen Zustände aushalten müssen. Eigentlich hatte ich das Buch als Jugendbuch gekauft, wir haben es dann aber zusammen gelesen und das war auch gut so. Caroline Brothers hat eine Geschichte aus vielen Fluchtgeschichten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aufgezeichnet. Wer sie liest, wird nicht mehr mit Parolen gegen Flüchtlinge hetzen können, sondern ihnen mit Verständnis begegnen. „Niemandsland“ ist auch ein Buch für Erwachsene gegen die Gleichgültigkeit auf dieser Welt.

„Niemandsland“ von Caroline Brothers

Bloomsbury Verlag  ISBN 978-3-8270-1057-5

Buchtipp: “Mittagsstunde” von Dörte Hansen

In den letzten Monaten sind mir so viele gute Bücher untergekommen, dass ich langsam einen Bücherblog bestücken könnte. Naja, dazu würde es vermutlich nicht ausreichen, aber das ein oder andere Werk möchte ich gerne mit Euch teilen.

Anfangen möchte ich mit „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen. Dieser Roman erzählt die Geschichte des kleinen friesischen Dorfes Brinkebüll und seiner Bewohner, beginnend in den 60er Jahren.

mittagsstunde

Da gibt es beispielsweise Dora Koppmann, die den Dorfladen führt und sich gerne „über die Gören mit den klebrigen Gesichtern und den Grabbelfingern“ ärgert. Oder den Dorflehrer Steensen, der auch mal einen „Dööskopp“ und ein „nichtsnutziges Stück Kind“ im Unterricht züchtigt und von dem sich keiner vorstellen kann, dass er jemals etwas anderes als Lehrer gewesen sein könnte. Oder auch Marret Ünnergang, von der niemand weiß, warum die so „verdreiht“ ist und die lieber über Trampelpfade streunt und Schneckenhäuser und andere Fundstücke sucht, als der Mutter in der Dorfwirtschaft zu helfen.

Der Roman erzählt vom Dorftrinker, dem Pastoren, den Bauern, der Bäckersfamilie und allen anderen „Dörpsmenschen“ und von Ingwer Feddersen, der in eben dieses Dorf hineingeboren wird, es aber als einer der wenigen auch wieder verlässt, weil er zunächst die höhere Schule besucht, um nach dem Abitur in Kiel Archäologie zu studieren und dort zu bleiben. Er lebt dort in einer freigeistigen Wohngemeinschaft, mit Ranghild, rebellischer Tochter aus gutem Haus, mit der er auch manchmal das Bett teilt, und Claudius, großspurigem Spross einer Juristenfamilie.

Ingwer, der sich aufgrund seiner Herkunft den Akademikern aus gutem Haus nie ganz zugehörig gefühlt hat, merkt mit knapp 50, dass er sich nach Verbindlichkeit und Zugehörigkeit sehnt und diese in seinem jetzigen Leben nicht findet. Er möchte herausfinden, wo er hingehört und beschließt ein Sabbatical zu nehmen und nach Brinkebüll zurückzukehren, um Ella und Sören Feddersen zu pflegen, die ihn großgezogen haben. Sören, der, inzwischen 92 Jahre alt, noch immer, je nach Tagesform mit oder ohne Rollator, hinter dem Tresen der in die Jahre gekommenen Dorfschenke steht, hat es Ingwer immer übel genommen, dass er das Dorf verlassen hat, anstatt seine Nachfolge anzutreten. „Ha! Op de hoge School!“, zu den „Studierern“, waren seine Kommentare zum Lebensweg des Jungen. Die Szenen, in denen Ingwer Feddersen nun seine Zieheltern einfühlsam pflegt, haben mich sehr berührt.

Dörte Hansen beschreibt liebevoll und plastisch die knorrigen Charaktere Brinkebülls, bestückt mit plattdeutschen Ausdrücken, die die Personen noch lebendiger machen. Sie erzählt von den ungeschriebenen Gesetzen, die das Dorfleben regeln, vom Wegschauen, Vertuschen und Zusammenhalten. Die Autorin verdeutlicht aber auch beeindruckend den Wandel des dörflichen Lebens durch Flurbereinigungsmaßnahmen, den Ausbau von Straßen und die Optimierung landwirtschaftlicher Betriebe. Vom ursprünglichen Dorfleben ist nicht mehr viel übrig, als die ersten Großstädter beginnen, draußen auf dem Land ihr Glück zu suchen.

Ein intensiver und trotzdem leichtfüßiger Roman!

 

Dörte Hansen, “Mittagsstunde”

Penguin Verlag  ISBN: 978-3-328-60003-9

Buchtipp für lange Winternächte

Suleika_öffnet_die_AugenSuleika_rück

Endlich ist es draußen kalt genug, um Euch diesen Roman zu empfehlen. Denn ich finde, man sollte ihn am Besten lesen, wenn es draußen pfeift und schneit und so richtig ungemütlich ist. Denn der Roman „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina beginnt in einem eisigen Januar in der Taiga. Die junge Tatarin Suleika lebt dort in einfachsten Verhältnissen mit ihrem weit älteren Mann und dessen herrischer Mutter. Beide behandeln sie menschenunwürdig und erniedrigen sie, wo immer es geht. Suleika arbeitet Tag und Nacht und nachdem ihr vier Kinder im Säuglingsalter gestorben sind, erwartet sie mit ihren dreißig Jahren nichts mehr vom Leben. Als Suleikas Mann im Zuge der Entkulakisierung unter Stalin in den 1930er Jahren erschossen und sie nach Sibirien zwangsumgesiedelt wird, nimmt ihr Leben eine völlig unerwartete Wende. Auf der beschwerlichen, langen Reise quer durchs Land, begegnet sie erstmals ganz anderen Menschen, als sie sie jemals zuvor getroffen hat, wie zwangsenteignete Intellektuelle aus Moskau. Sie muss erleben, wie zahlreiche Mitreisende sterben. Die Enge während des Transports, die Willkür der Befehlshaber und die Zufälle, die letztlich über Leben und Tod entscheiden, erzählt Gusel Jachina einfach packend. Als Suleika merkt, dass sie erneut schwanger ist, fasst sie neuen Mut, überleben zu wollen. Die Situation der Deportierten nach ihrer Ankunft  in der zu besiedelnden, noch unerschlossenen und völlig unwirtlichen Gegend, in der nicht einmal das nötigste Werkzeug zur Verfügung steht, um sich ein Dach über den Kopf zu bauen, scheint nicht weniger hoffnungslos. Jede falsche Entscheidung des Lagerkommandanten bedeutet für alle den sichereren Tod, da sich die Zwangsumgesiedelten mehr oder weniger selbst überlassen sind. Der Roman basiert auf historischen Tatsachen. So wurden etwa zwei Millionen Menschen in dieser Zeit deportiert, an die 600000 Menschen überlebten die Zwangsumsiedlung nicht, sei es, dass sie an Krankheiten oder Hunger starben oder getötet wurden. “Suleika öffnet die Augen” erzählt in verschiedensten Ebenen von den politischen Geschehnissen bis hin zu einer Liebesgeschichte. Ein sehr spannender, vielfach ausgezeichneter Gesellschaftsroman für raue Wintertage!

 

“Suleika öffnet die Augen” von Gusel Jachina

ISBN: 978-3-351-03670-6     Aufbau Verlag

Buchtipps für junge Wissenschaftler

Lucy und Stephen Hawking

Wie bereits erwähnt, ist es bei meinem Großen nicht immer ganz leicht, die Lektüre zu finden, die vor seinen Augen Gnade findet. Zum Glück bin ich irgendwann auf die Kinderbücher “Die unglaubliche Reise ins Universum” und “Der geheime Schlüssel zum Universum” gestoßen, die Stephen Hawking zusammen mit seiner Tochter Lucy geschrieben hat. Genial verbinden sie Abenteuergeschichten mit Sachwissen auf dem aktuellen Stand der Planetenforschung. So finden sich in den Kapiteln immer wieder Fotografien und Bilder aus dem Weltall, sowie Fakten und Wissenswertes rund um die Raumfahrt. Wären die Geschichten nicht gut geschrieben, würde das allein mein Kind sicher nicht begeistern können. Aber hier stimmt das Gesamtpaket. Für alle, die auf unterhaltsame Weise mehr über unser Universum erfahren möchten.

Altersempfehlung: Ab 10 Jahre

Der geheime Schlüssel zum Universum (Band 1)

ISBN: 978-3-570-21953-9  cbt Verlag

Die unglaubliche Reise ins Universum (Band 2)

ISBN: 978-3-570-22254-6  cbt Verlag

Die Vorstadtkrokodile

VorstadtkrokodileObwohl die “Vorstadtkrokodile” bereits Ende der 70er geschrieben wurden und das Buch schon in meiner Kindheit erfolgreich war, habe ich es jetzt erst kennengelernt, als ich es meinen Jungs vorgelesen habe. Und nach den ersten Seiten dachte ich ehrlich gesagt nicht, dass es ihnen gefallen würde. So wie uns viele der Vorabendserien unserer Kindheit inzwischen fast wie in slow motion erscheinen, beginnt auch dieser Roman äußerst entschleunigt und hat erst mal mit dem Leben der meisten Kinder heute wenig gemein. Die Krokodiler, wie sich die Kinderbande selbst nennt, leben in einer Siedlung im Ruhrpott in eher einfachen Verhältnissen. Die Eltern der Kinder arbeiten Schicht oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht und müssen zusehen, dass das Geld bis zum Ende des Monats reicht. Statt also in den Verein oder zum Musikunterricht zu gehen, verbringen die Kinder ihre Nachmittage im nahe gelegenen Wäldchen und in der alten Ziegelfabrik. In der Nachbarschaft wohnt auch Kurt, der im Rollstuhl sitzt. Als es zu einer Einbruchsserie in der Siedlung kommt, macht er eine wichtige Beobachtung. Obwohl sich die Krokodiler anfangs dagegen sträuben, Kurt in ihre Bande aufzunehmen, gehen sie schließlich gemeinsam auf Einbrecherjagd. Max von Gruen hat dieses Buch für seinen körperbehinderten Sohn geschrieben, der ebenso wie die Romanfigur Kurt zwar körperlich benachteiligt ist, dafür aber sehr clever und aufgeweckt. Er wollte mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, dass auch ein behindertes Kind dazugehören kann, wenn die Gesellschaft offen ist und bereit, neue Wege zu gehen. So entstand dieser Roman als wichtiges Werk zum Thema Inklusion, lange bevor dieser Begriff in aller Munde war. Ich musste das Buch dann tatsächlich in einem Rutsch auf einer langen Fahrt vorlesen und sowohl mein 3.- als auch  mein 8.- Klässler waren total begeistert. Und ich bin froh, dass ich diesen Klassiker endlich kennengelernt habe.

“Vorstadtkrokodile” von Max von Gruen

cbj-Verlag, ISBN 978-3-570-21665-1

mehr unter: Die Vorstadtkrokodile

Buchtipp: „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Das Lächeln meines unsichtbaren VatersIch gebe es zu, ich hatte am Anfang nicht viel Lust auf diese Vater-Sohn-Geschichte, hatte ich doch erst vor einigen Monaten ein Buch mit einem ähnlichen Plot gelesen. Aber dann hat sie mich wirklich begeistert und tief berührt und ich möchte sie euch schwer ans Herz legen. Dmitrij Kapitelman, kurz Dima, ist der Sohn eines Juden. In Kiew geboren, kommt er mit etwa acht Jahren in ein Flüchtlingsheim nach Ostdeutschland, nachdem seine Eltern eigentlich nach Israel auswandern wollten und sich dann kurzerhand doch umentschieden. So landet er in Grünau-Ost, einem Stadtteil in Leipzig, der fest in der Hand der Nazis ist. Dimas Kindheit gleicht einem Spießrutenlauf und sein einst so lebenslustiger Vater zieht sich immer weiter in sich zurück, bis er fast unsichtbar wird. Dmitrij, der inzwischen in Berlin lebt und zu einem weltoffenen jungen Mann herangewachsen ist, beschließt mit Mitte 20, mit seinem Vater nach Israel zu reisen, in der Hoffnung, dass sich der Vater ihm dort wieder zeigen würde. Es geht ihm aber nicht nur um seinen Vater, er sucht auch Antworten für seine Lebensthemen. Bin ich Jude, nur weil mein Vater Jude ist? Obwohl wir beide nicht gläubig sind? Ist es seinem Vater, der die Menschen liebt und Dimas muslimischen Freund Kalil ins Herz geschlossen hat, wirklich ernst, wenn er über die Araber schimpft? In Israel und bei seinem Besuch in den Palästinensischen Autonomiegebieten sieht sich Dima mit einer großen Ambivalenz an Gefühlen konfrontiert, einer großen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, sich nicht für seine Herkunft rechtfertigen zu müssen, aber auch mit Ängsten und Vorurteilen, denen er sich stellt. Und ich finde, ihm gelingt, was im Nahostkonflikt nur wenigen möglich scheint, er differenziert. Dinge, die unvereinbar scheinen, dürfen sein. Widersprüche, Grautöne, Unverständnis, Verständnis, Verwirrung und Klarheit. Er stellt sich seinen Ängsten und Sehnsüchten gnadenlos und teilt diesen Prozess mit seinen Lesern. Dabei versteht auch jemand wie ich, der keinen sogenannten Migrationshintergrund hat, wie wichtig das Thema Identität ist. Ein Buch zum Mauern einreißen. Die letzten Seiten haben mich dann noch mal sehr nachdenklich gemacht. Dima kehrt nach Deutschland zurück, wo sich inzwischen die Stimmung weiter gegen Flüchtlinge wendet und die Rechtspopulisten immer mehr Zulauf finden.

 

„Weißt du, vor wem ich Angst habe?“

„Vor wem?“

„Vor den deutschen Nazis. Gar nicht mal so sehr vor den Schlägern. Was ist, wenn sie viel mehr stille Unterstützer haben, als bisher gedacht? In der Bevölkerung, bei den Behörden. Der ganze Hass, er war nie weg. Als ob Grünau niemals aufhört. Papa, vielleicht ändert sich wirklich nichts in diesem Land.“ (Zitat)

 

Ich fürchte, da liegt viel Wahres drin, wenn man die Stimmungsmache dieser Tage verfolgt. Überall Parolen statt konstruktiver Lösungsvorschläge. Umso wichtiger, klare Kante zu zeigen gegen Rechts. Ein beeindruckendes Buch für alle, die sich für die Zwischentöne von Migration, Religion und Nahostkonflikt interessieren.

Dmitrij Kapitelman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Verlag: Hanser Berlin   ISBN 978-3-446-25318-6

 

Buchtipp: Am Ende bleiben die Zedern

Heute finden nach fast zehn Jahren Parlamentswahlen im Libanon statt. Ein neues Wahlgesetz ermöglicht erstmals auch unabhängigen Kandidaten, die sich nicht über ihre Religionszugehörigkeit definieren, mehr Chancen. 66 von 1000 Kandidaten treten als unabhängig an. Das ist eine neue Bewegung gegen das Establishment. Im Libanon leben 18 anerkannte religiöse Gruppen, die Macht wurde bisher nach strengen Regeln zwischen verschiedenen Vertretern aufgeteilt. Dabei werden beispielsweise die Schiiten vom Iran unterstützt, die Sunniten von Saudi Arabien, es gibt Einflussnahmen von Syrien und Israel. Warum ich mich dafür interessiere? Weil ich gerade erst den Roman “Am Ende bleiben die Zedern” von Pierre Jarawan gelesen habe. Eine berührende Familiengeschichte, in der man viel von diesem gespaltenen Land erfährt, von seiner Schönheit, seinen Konflikten und Kriegen. In der man einen Eindruck davon bekommt, wie schwierig es sein kann, Geschichte festzuschreiben, in einem Land in dem es so viele unterschiedliche Glaubensrichtungen, Parteien und Sichtweisen gibt. Es bleiben mehr Fragezeichen als Antworten zurück. Was ich aber verstanden habe, ist, dass eine Lösung der politischen Führung von der Religion ein ganz wichtiger Schritt in eine gute Richtung sein könnte.

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Pierre Jarawan   “Am Ende bleiben die Zedern”

Berlin Verlag         ISBN: 978-3-8270-1302-6