Als ich als Kind in den 80ern „Momo“ von Michael Ende in einem Ruinentheater sah, begeisterte mich dieses ungewöhnliche kleine Mädchen mit ihrem Mut und ihren wilden Locken. Viele von Euch haben wahrscheinlich auch den Film mit Radost Bokel gesehen, die die Welt mit ihren großen Augen verzauberte. Als ich jetzt dieses Buch meinen Kindern vorlas, empfand ich die Geschichte als wesentlich beklemmender, fühlte es sich manchmal so an, als sei Michael Ende`s Fiktion Realität geworden und die grauen Männer, die die Zeit rauben, befänden sich mitten unter uns. Unbemerkt haben sie dafür gesorgt, dass wir an unserem Arbeitsplatz immer produktiver sein müssen, dass wir uns weniger Zeit für Freunde und Familie nehmen und sogar die Freizeit in Stress ausartet. Unsere Kinderbetreuung hat zwar qualitativ wenig mit den Kinder-Depots zu tun, in denen Momo`s Freunde untergebracht werden, weil ihre Eltern keine Zeit mehr für sie haben, aber Parallelen zu den Anforderungen der modernen Arbeitswelt gibt es doch zu Genüge. Nicht, dass alle Eltern früher den ganzen Tag Zeit für ihre Kinder gehabt hätten, aber sie hatten mit Sicherheit wesentlich mehr Freiheiten, auch mal unbeaufsichtigt mit ihren Freunden draußen zu spielen, anstatt durchorganisiert zu werden. Michael Ende`s Geschichte hat ein Happy End. Momo gelingt es, die grauen Männer zu überwältigen und die eingefrorenen Zeitblumen zu befreien. Wie wir unser Leben gestalten wollen, müssen wir immer wieder neu überdenken.