Randnotiz

Mit Bedauern las ich, dass der gute, alte Papier-Führerschein, treffend bezeichnet als „der Lappen“, jetzt doch in ein fälschungssichereres Exemplar im Scheckkartenformat umgetauscht werden soll. Wie schade.

Seit ich ihn vor fast dreißig Jahren erworben habe, freue ich mich auf den Moment, in dem ich als hutzelige, alte Dame bei einer Verkehrskontrolle, die womöglich aufgrund nicht mehr allzu vertrauenswürdig erscheinenden Fahrens stattfände, meinen zerschlissenen Lappen mit dem Jungmädchengesicht hervorzaubern und den kontrollierenden Beamten oder die Beamtin mit meinen dritten Zähnen anstrahlen würde, während sie verzweifelt nach Ähnlichkeiten zu der Person auf dem Foto suchten. Und ich mich diebisch freute.

Diese Möglichkeit wird mir nun ein für alle mal genommen. Wie schade.

Zweierlei Maß

König Fußball darf alles. Die UEFA darf alles. Und die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Kein Wunder, dass sich bayerische Kulturschaffende darüber in einem offenen Brief an Ministerpräsident Söder empörten. Während bei den Spielen der EM in der Münchner Arena 14500 Fußballbegeisterte zugelassen sind und waren, dürfen Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel nur 1500 Besuchern Einlass gewähren. Dabei geht es dort meist weitaus gesitteter zu als im Stadion, wo sich die Menschen die Seele aus dem Leib brüllen und die Emotionen nur so kochen. Ich gebe zu, dass auch ich den ein oder anderen Fußballabend mit meinen Männern genossen habe – legendär das Spiel Frankreich gegen die Schweiz.

Aber vielleicht wäre es sinnvoller, endlich Möglichkeiten zu schaffen, wie junge Menschen mal wieder ausgelassen und coronakonform feiern können, ohne dass sie über kurz oder lang von der Polizei vertrieben werden, weil sie sich mangels Alternativen auf öffentlichen Plätzen tummeln müssen. Ab ins Stadion oder wie? Ein teurer Spaß. Es gibt zahlreiche Konzepte von Clubbetreibern, sei es mit Teststrategien im Vorfeld, der Abtrennung bestimmter Areale in einzelne Bereiche oder das Feiern an der frischen Luft. Hauptsache es tut sich wieder was. Es gäbe im Schlichten und Ordnen erfahrenes und bestqualifiziertes Personal namens Türsteher ( soweit es nicht inzwischen umgeschult hat), die den Polizeibeamt*innen ihre unliebsame Aufgabe abnehmen könnte und das vermutlich mit weniger Eskalationen, denn Türsteher genießen bei Feierwütigen meist weitaus mehr Sympathien als die Polizei.

Der Virologe Lars Dölken der Universität Würzburg sagte letztens im Interview der Nürnberger Nachrichten: „Wenn ich ein Stadion mit 50000 Personen habe, können natürlich eine Handvoll Infizierte darunter sein, die möglicherweise in ihrem direkten Umfeld ein paar andere anstecken können. Aber das sind keine Superspreader-Events, wie wir sie etwa in Kirchen oder in fleischverarbeitenden Industriebetrieben hatten. Wenn ich Sachen in Innenräumen mache, ist dieser Raum innerhalb von ein bis zwei Stunden eine Virusuppe, und das kann draußen eben nicht passieren.“

Das mag eine Einzelmeinung sein. Vielleicht aber auch nicht. Wieso machen wir dann so einen Zirkus um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die so viel nachholen wollen nach Monaten der Entbehrung? In denen sie auf so viele wichtige Erfahrungen verzichten mussten, die das Heranwachsen normalerweise so wertvoll machen. Versteht mich nicht falsch, ich bin noch immer für einen bedachten Umgang mit der Lage, aber bitte endlich mal mit gleichem Maß für alle.

Wie war das mit der Entschleunigung?

Als unsere Minister*innen und die ermattete Kanzlerin Anfang Mai tagten und jegliche Beschlüsse zu Lockerungen der Corona Maßnahmen vertagten, machte ich mir wirklich Sorgen, dass es in Deutschland bald zu einer Revolte kommen würde – nicht nur von Querdenkern, sondern auch von vielen anderen, die inzwischen ein ernsthaftes Problem mit den Entschlüssen der Politik hatten. Doch dann ging alles schnell. Kaum eine Woche später begannen einige Ministerpräsidenten, sich gegenseitig im Lockern zu überbieten und auf wundersame Weise purzelten die Inzidenzwerte, als gäbe es da einen Kausalzusammenhang. Bayreuth und gar Tirschenreuth inzwischen bei 0,0 und auch das geplagte Nürnberg endlich unter 40. Dazu eine freudige Überraschung nach der anderen. Was? Keine Testpflicht mehr beim Einkaufen? Einfach in einen Laden reingehen ohne Click and Meet? Ins Cafè und in den Biergarten mit bis zu zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten? Der Wahnsinn. Bis ich mir dieser wiedergewonnen Möglichkeiten bewusst geworden war, dauerte es ein Weilchen. Aber dann kam es endlich bei mir an. Ich würde mich wieder verabreden, Kino, Freibad, Cafe und startete eine Dating Offensive. Die Ernüchterung stellte sich binnen weniger Stunden ein. Auf einmal hatte niemand mehr Zeit, eben diese mit mir zu verbringen. Du, sorry, meine Wochenenden sind bis zu den Sommerferien verplant. Ich treffe mich gleich mit einer Freundin. Oh, du, schade, wir bekommen Besuch. Klar, muss man ja alles nachholen, all die aufgeschobenen Treffen, Aktivitäten und Hobbies. Und zu viel Zeit sollte man sich dabei ja auch nicht lassen, schließlich wissen wir nicht, wie umtriebig sich die Deltavariante bei uns zeigen wird. Also schnell leben, als gäbe es kein Morgen. Was waren das für Zeiten, als unsere Kontaktfamilie quasi exklusiv für uns verfügbar war. Klar, sie hatte ja ebenfalls kaum ein Alternativprogramm zu uns. Kurz angerufen, zusammen ein Käffchen mit Abstand im Freien, eine kleine Wanderung oder ein gemeinsames Abendessen. Hach, wie unkompliziert. Jetzt konkurrieren wir wieder mit einer Schar von Freund*innen aus Nah und Fern, Nachbar*innen und der lieben Verwandtschaft. Irgendwie doof. Aber dann hat mich die Welle doch noch mitgerissen und überrascht durfte ich gestern feststellen, dass ich an fünf aufeinander folgenden Abenden verabredet war. Also es ist einfach so passiert. Zwei davon habe ich bereits bewältigt und ich sage Euch, ich fühle mich völlig fertig. Ist man ja nicht mehr gewöhnt, so ein ausschweifendes Leben. Das mit dem Entschleunigen ist auf jeden Fall wieder Schnee von gestern. Aber ist ja auch endlich Sommer.

Angela und ich

Manchmal spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit unserer Bundeskanzlerin. Nicht unbedingt, wenn sie gerade stoisch schweigt und abwartet, und auch nicht, wenn sie in einer Runde gewichtiger Staatsmänner das Sagen hat. Nein, es sind eher die stillen Momente, in denen wir uns nah sind, zum Beispiel beim Blick in den Badezimmerspiegel. Wenn ich mal wieder überrascht bemerke, dass mein Nackenhaar absteht, genauso wie ihres. Angie und ich teilen uns einen Wirbel, sie scheinen zumindest eine immens große genetische Übereinstimmung zu haben. Ihr Lebensraum sind unsere Nacken. Noch nie aufgefallen? Im Ernst? Wenn Angela abgekämpft aus der Sitzung kommt und trotz offensichtlich hingebungsvoller Mühe ihrer Coiffeure, reichlich Toupage und Haarspray das Nackenhaar unvorteilhaft absteht? Wer hört denn da noch zu, was sie in der Pressekonferenz zu sagen hat? Der Wirbel hat Zeit und wartet auf seine Stunde: er schmiegt sich hingebungsvoll an den aufliegenden Kragen des Jacketts seiner Herrin, das unbedachte Wenden des Kopfes bringt ihn in die Poleposition. Der hilfesuchende Blick in den Himmel spielt ihm vollends in die Karten. Bähmm. Frisur im Arsch. Und dann ich, die ich mir solche Mühe gebe, im Kreise der Jungen und Schönen nicht allzu unvorteilhaft aufzufallen. Schneide mir das Haar kurz, dass nun in der Stirnpartie Zornes- und Querfalten verdeckt, um sogleich wunderbar verjüngt zu erscheinen und dann- Merkelnacken. Also, ganz ehrlich, ihre geistigen Fähigkeiten hätte ich lieber.

Lockdownnebenwirkung

Ich bin gerade ziemlich müde von all den coronabedingten Einschränkungen des Lebens. Die Sieben-Tage-Inzidenz heute in Nürnberg über 200, der Präsenzunterricht meiner Kinder in weiter Ferne und draußen graues verregnetes Wetter. Und was macht das mit mir in letzter Zeit? Ich träume vom Meer. Immer wieder. Zum Glück ist mein Unterbewusstsein nicht ganz so vernunftorientiert wie der Rest von mir, sonst wüsste es, dass die Sache gerade kompliziert ist. Ich hoffe, ihr habt auch schöne Träume oder andere kleine Fluchten aus dem GrauinGrau. Durchhalten…

Frohe Ostern (im Ernst?)

Die Umstände sind deprimierend, dennoch freue ich mich auf Ostern. Nicht, dass wir auf Malle am Strand lägen. Nein, nicht mal ein paar bescheidene Tage auf einem Campingplatz in der Fränkischen sind uns vergönnt. Aber am Sonntag feiern wir das Ende unserer Fastenzeit. Ich werde genussvoll in ein Stück Käse beißen und dem Anlass entsprechend ein ganzes Frühstücksei vertilgen. Bis vor zwei Wochen war alles fein mit meinem temporären Veganertum. Ich backte mir freudig einen Kuchen, wenn ich Appetit darauf verspürte und verzichtete frohen Mutes auf den Käse auf der Pizza. Bis ich dem nichtveganen Teil der Familie eines Tages erst ein Rührei und dann Käsespätzle zubereitete. Da war sie mit einem Mal geweckt, die Gier, und lässt sich seitdem nur noch unter Aufbietung all meiner Kräfte im Schacht halten. Ich musste mir eingestehen, dass der Weg zur Heiligen noch sehr weit und steinig ist.

Naja, zumindest geht der Plan mit dem coronaunabhängigen Highlight auf. Zum Glück, denn alles andere sieht gerade wirklich trostlos aus. Der Frust steigt allerorten und es fällt wirklich schwer, noch Verständnis dafür zu haben, dass die Regierung ein Jahr nach Beginn der Pandemie noch immer dieselben teils hilflosen, teils willkürlichen Maßnahmen ergreift wie zu Zeiten ihres Ausbruchs. Und das trotz zahlreicher Versprechen, dass Öffnungen wieder möglich würden, wenn erst mehr geimpft, getestet und die AHA Regeln umgesetzt würden.

Als wir vor einigen Wochen das Schreiben von der Schule mit der Einverständniserklärung für die Testung bekamen und klar war, dass diese freiwillig ist, musste ich erstmal lachen. Testen macht zweifellos nur dann Sinn, wenn es alle tun und nicht etwa 10% einer Klasse. Darauf könnte „man“ aber auch kommen, bevor man sowas einführt. Klassenleiter*innen können sicherlich ein Lied davon singen, wie zuverlässig sie Schreiben an Eltern zurückbekommen, vor allem an Schulen, an denen die meisten nicht einmal zum Elternabend erscheinen. Schwamm drüber, wurde ja jetzt nachgebessert. Astrazeneca, der nächste Running gag. Wer des Galgenhumors mächtig ist, hat gerade so einiges zu lachen. Alle anderen schon lange nichts mehr.

Eine meiner Freundinnen fragte mich neulich, warum ich dann alles so hinnähme, wenn ich mit vielem nicht einverstanden sei. Meine schlichte Antwort lautete:“ Weil ich immer noch daran glaube, dass unsere Regierung versucht, es richtig zu machen.“ Auch, wenn sie dabei viele Fehler macht. Das ist vermutlich der größte Unterschied zwischen Verschwörungstheoretikern und Kritikern. Die einen vermuten etwas Großes, Böses hinter den Maßnahmen, die anderen kritisieren (berechtigterweise) eine gewisse Unfähigkeit des Führungspersonals. Zum Glück darf man das inzwischen offener äußern, ohne direkt in eine Schublade gesteckt zu werden. Ich befürchte jedenfalls, dass wir langsam Wege einschlagen müssen, bestmöglich mit dem Virus und seinen zahlreichen noch auf uns zukommenden Mutanten zu leben. Und wenn irgendetwas dran sein sollte, dass Abstand halten, Maske tragen, Hände desinfizieren, Impfen und Testen helfen, dann sollte man auch Dinge wieder ermöglichen, bei denen diese Hygienemaßnahmen umgesetzt werden können.

Damit es auch wieder andere Highlights im Leben gibt als ein Frühstücksei… 

In diesem Sinne, lasst Euch nicht unterkriegen!

Eure Ella

Und dann auch noch Fastenzeit!

Als mich mein jüngerer Sohn Anfang Februar ganz beiläufig fragte, wann dieses Jahr Fasching sei, war ich beinahe euphorisch ob meiner Unwissenheit. Es hatte ja keinerlei Relevanz für mich, wir sind keine Karnevalisten und die Ferien waren gestrichen worden, also keine Urlaubsplanung (haha!) und sowieso überall nur Corona. Dennoch war mir klar, dass seine Nachfrage gerade darauf abzielte, auf diese wohlverdienten, von den Hochverrätern Söder, Piazolo und Co. kaltschnäuzig abgeschafften Ferien und das Wissen um ihren Zeitspanne. Und diese würde finster werden. Ich sparte es mir, im Kalender nachzusehen. Kaum eine Woche später erreichte mich dann ein Foto von meiner lieben Freundin Couca aus Köln mit ihren Mädels, prachtvoll verkleidet und mit einem Kölle alaaf von zuhause. Weiberfastnacht – es war also soweit. Ich konnte es nicht mehr leugnen, müsste aber ja auch nichts sagen, wenn ich nicht erneut gefragt würde. Beschloss ich. Es half nichts. Nachrichten, Tageszeitung, obwohl Fasching ja quasi kaum stattfand, drang die Berichterstattung zu ihm hindurch. Um die mageren Zeitungsblätter zu füllen, riefen die Nürnberger Nachrichten gar zum Einsenden von Bildern alter Straßenumzüge auf. Hätten sie es doch gelassen. Das Kind wies uns im Lauf der gestrichenen Ferienwoche mehrmals täglich und nachdrücklich darauf hin, wie unfair es sei, dass er jetzt Homeschooling hätte, wo doch eigentlich Ferien wären. Wie wahr, det Janze sollte ja ursprünglich auch dazu dienen, im Präsenzunterricht Versäumtes nachzuholen (im Karneval käme jetzt der Tusch für den Gag). Zum Glück stieß diese Maßnahme ja auch bei vielen Lehrer*innen auf wenig Gegenliebe und so fiel das Arbeitspensum doch human aus.

Und kaum war also von jetzt auf gleich Faschingsdienstag, wies mich ein Radiobeitrag auf die bevorstehende Fastenzeit hin. So ein Tempo ist man ja gar nicht mehr gewohnt. Verzicht im Verzicht quasi, ganz ohne Party und Völlerei zuvor. Hm, wie selbstkasteiend, dachte ich, aber irgendwie tat das ja auch immer ganz gut mit dem freiwilligen Verzicht. Innerhalb weniger Minuten hatten sich alle Familienmitglieder fürs Fasten ausgesprochen. Mein Veggie Sohn und ich probieren es dieses Jahr mal vegan. Noch vor drei Jahren habe ich gesagt, dass mir alles zu kompliziert und teuer ist, um so für die Familie zu kochen, aber ganz ehrlich, es gibt inzwischen für fast ALLES bezahlbaren Ersatz. Ich begann also sofort zu recherchieren, wie sich Ei ersetzen ließe und buk umgehend meine ersten veganen Muffins mit Apfelmus anstatt mit Ei. Wer`s mag kann auch Banane nehmen, in Wasser angesetzte, schlabberige Chia- oder Leinsamen, Johannisbrotmehl, Seidentofu und vieles mehr. Sprich – ich erweitere gerade meinen Horizont und das ist in diesen Zeiten etwas ganz Unerwartetes und Wertvolles für mich. Statt Einschränkung, Einschränkung, Einschränkung, Horizont, Horizont, Horizont. Endlich kann ich mal wieder über etwas anderes fachsimpeln als Corona. Auf das mitleidvolle „Und, wie läuft`s bei Euch so?“, erzähle ich jetzt, wie locker und luftig meine Muffins ganz ohne Ei werden anstatt von den Schrecken des Homeschoolings. Und auf das „Ich halte das langsam nicht mehr aus.“, entgegne ich glücklich „Du, seitdem ich vegan leben, habe ich viel mehr Energie. Das würde Dir auch guttun.“ Und auf „Noch ein Zoommeeting und ich kotze auf den Bildschirm.“, erwidere ich „Du solltest wirklich Deine Ernährung umstellen, ich kann dir ein paar Tipps geben.“ Wenn das keinen Schneeballeffekt verursacht… Naja, wir sind in Woche 1, vielleicht kühlt sich meine Begeisterung noch ab. Gestern habe ich im Supermarkt ein Nogger Choc in der Kühltruhe gesehen und mit Schrecken begriffen, dass auch das Tabu ist, obwohl jetzt die Sonne scheint und der Frühling naht. Dafür weiß ich jetzt schon ganz genau, wann Ostern ist, nämlich am 04.04.21. Der Tag der Lockerungen, unsere ganz persönliche Rückkehr zur Normalität, ganz unabhängig von sämtlichen Regierungsbeschlüssen. Und das auch noch mit fixem Datum! Unglaublich. Darauf freue ich mich. So richtig.

Buchtipp für eine bessere Welt 2021

Bevor sich Corona wieder in den Vordergrund drängte, gab es viele Menschen, die für die Black Lives Matter Bewegung auf die Straße gingen. Vermutlich erhoben noch nie so viele People of Colour auch in Deutschland ihre Stimmen, um von Diskriminierung und Alltagsrassismus zu berichten. Auch von dem, der uns „Weißen“ gar nicht bewusst ist. Alice Hasters hat darüber ein unbequemes Buch geschrieben. „Was weiße Menschen über Rassismus nicht hören wollen“ ruft bei Menschen, die nicht der Grupppe der BIPOC ( Black, Indigenous and People/Person of Colour) angehören, leicht die Reaktion hervor, das sei doch alles gar nicht so schlimm. Aber bitte, jetzt mal ganz ehrlich, dass können wir Weißhäute nun wirklich nicht beurteilen.

Dass es für BIPOC ätzend sein muss, wenn sie auf die Fragen, woher sie kommen, nicht einfach antworten können: „Aus Nürnberg!“, sondern jedes Mal die Wurzeln ihrer Familie erklären sollen, ist mir als Bewohnerin einer bunten Großstadt schon lange klar geworden. Viele Menschen haben dafür leider noch gar kein Bewusstsein, was sicherlich auch ein Grund dafür ist, dass es selbst für die Kinder und Kindeskinder von Migrant*innen noch immer so schwer ist, sich als gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft zu fühlen. Wer andauernd auf sein Anders aussehen reduziert wird, wird sich nie zugehörig fühlen können. Und umso notwendiger die Lektüre dieses Buches.

Umfassend bearbeitet Alice Hasters Themen wie Alltag, Schule, Familie und Beziehungen. Sie weist darauf hin, wie unwürdig es ist, wenn einem Fremde ins Haar fassen und fragen, ob man es auch waschen kann. Sie macht darauf aufmerksam, dass auch Stereotype rassistisch sind, denn es haben eben genauso wenig alle Schwarzen „Rhythmus im Blut“ wie Weiße, weder können alle Schwarzen gut singen, noch sind sie Weltklassesprinter. Sie sind wie alle Menschen Individuen. Sie berichtet von dem Stereotype threat, der Angst davor, aufgrund eines negativen Stereotyps beurteilt zu werden und diese Vorurteile womöglich zu bestätigen, der dazu führt, das eigene Verhalten ständig zu hinterfragen.

Interessant fand ich auch Hasters Auseinandersetzung mit den Lehrplänen, bei denen der Kolonialismus, wie ich ja auch schon festgestellt habe (Buchtipp: Alle, außer mir), nur kurz gestreift wird, obwohl er für das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen so weitreichende Folgen hatte. Sie klärt darüber auf, dass bereits Kant ein Rassist war, nur dass dieser Teil seiner Schriften eher unbekannt ist. Sie erzählt von ihrem Austausch in den USA, wo sie als hellhäutige Schwarze privilegierter zu sein schien, als ihre dunkelhäutigeren Mitschüler*innen. Hasters nimmt zu verschiedensten Situationen gründlich und schonungslos Stellung. Und ja, vieles will man tatsächlich nicht hören. Aber es tut Not, um sich nicht aus Unwissenheit rassistisch zu verhalten, denn vieles davon ist uns Weißen nicht bewusst.

hanserblau ISBN 978-3-446-26426-0

Traurige Berühmtheit

Die meisten Menschen kennen Nürnberg ja aufgrund seines Christkindlesmarkt (war einmal), der Bratwürstchen (Drei im Weckla) oder seiner Vergangenheit als Nazihochburg (zum Glück schon lange her). Oder aber von der Verkündung der Arbeitslosenzahlen durch die Bundesagentur für Arbeit in den Nachrichten. Vergesst das alles. Wir sind jetzt Corona Hotspot. Was die Nürnberger anders machen als beispielsweise die Bayreuther mit ihren erfreulich niedrigen Fallzahlen, ist mir allerdings ein Rätsel. Ich weiß jedenfalls nichts von heimlichen Raves in alten Bunkern oder finsteren Wäldern, aber ich bin da ja auch altersmäßig irgendwie raus.

Meine Strategie zu steigenden Fallzahlen: ich versuche das Thema, wo es mir möglich ist, auszublenden. Und stelle fest – es tut mir gut. Das erste Mal in meinem Leben kann ich Menschen verstehen, die ganz bewusst keine Nachrichten sehen. Nach monatelanger Informationsüberflutung glaube ich zu wissen, was es im Umgang mit Covid 19 zu beachten gibt. Dafür brauche ich kein tägliches Update, keine aktualisierten Todesfälle, Infektionszahlen und Inzidenzwerte. Wirklich wichtige Neuigkeiten erfahre ich sowieso, ich lebe schließlich nicht auf dem Mond. Es hilft mir jedenfalls, nicht zu viel über das Ganze nachdenken, das schlägt mir nämlich schon ein wenig auf den Magen, von der gebeutelten Psyche mal ganz abgesehen.

Beispielsweise, dass die geltenden Corona Maßnahmen zugunsten des Konsums getroffen wurden, ist zwar unter wirtschaftlichen Aspekten durchaus verständlich (irgendeiner muss ja das Geld ranschaffen) und es freut mich vor allem für die kleinen Einzelhändler, aber auch ein Zeichen unserer (krankenden) Zeit. Konsum vor Kultur. Klar, es gibt Menschen, die Shoppen glücklich macht. Dieses Gefühl ist leider meist nicht sonderlich nachhaltig, sondern beschert nur ein kurzes High. Und man darf in Nürnberg ja auch nur noch mit triftigem Grund & zielgerichtet Weihnachtseinkäufe tätigen. Also nichts da, Bummeln und Glühwein. Das wäre ja auch schon wieder viel zu kommunikativ. Und davon können die Menschen ja nicht genug bekommen und schlagen dann gleich wieder über die Stränge (Knecht Markus, wo ist die Rute?). Ich kenne so einige Museen, die sich freuen würden, wenn über einen Tag verteilt so viele Besucher kämen, wie mir in 10 Minuten im Shoppingcenter über den Weg laufen. Das verstehe ich zum Beispiel nicht. Zum Glück sind sie ja wenigstens mit den Bibliotheken in Bayern wieder zurückgerudert. Das hat ja auch keiner verstanden, warum die wieder schließen sollten.

Und wo sind eigentlich die Auswertungen über Ansteckungswege? Muss man den Kindern und Jugendlichen wirklich die Möglichkeit nehmen, mit ihren Vereinen draußen Sport zu machen – unter Einhaltung von Abstandsregeln und mit Hygienekonzept? Das ist wirklich nicht gut, wenn ein testosterongesteuertes Pubertier kein Ventil für seine unbändige Energie hat. Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich versuchen, von wenigstens 1000 der inzwischen über 1 Millionen Genesenen herauszufinden, wo sie sich angesteckt haben könnten, um zur Abwechslung auch mal Situationen ausschließen oder vernachlässigen zu können. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, sich in einem Restaurant mit neuer superteurer Luftfilteranlage und Hygienekonzept anzustecken? Könnte es für seine Bemühungen vielleicht eine Ausnahmegenehmigung bekommen? Ja, das Problem mit den Ausnahmen, dann wird alles so furchtbar kompliziert. Aber bei unserem Steuersystem stört das ja auch niemanden wirklich, zumindest wurde es nie nach Merzscher Bierdeckelart abgeändert (Ob er den Vorschlag nochmal als neuer CDU-Chef einbringen wird?). Vielleicht könnte man dann ein paar Maßnahmen besser nachvollziehen und frohen Herzens mittragen.

Das frohe Herz ist bei den meisten hier sowieso dahin, alle paar Tage eine neue Quarantänemaßnahme bei irgendeinem Schulkind- allein daran merkt man die höheren Fallzahlen, auch ohne jeglichen Faktencheck. Dass der Wohnsitz von uns Markus jetzt ein Corona Hotspot ist, könnte einen ja fast mit Schadenfreude erfüllen, wäre die Lage nicht so ernst. Aber es bleibt natürlich zu befürchten, dass der Klassenprimus sein Ungenügend wieder ausmerzen(!) möchte und sich in nächster Zeit noch mal ordentlich ins Zeug legt. Vielleicht sollte er es statt mit der Rute mal mit ein paar schlüssigeren Maßnahmen versuchen, dann klappt es vielleicht auch mit den lieben Mitbürgern und Mitbürgerinnen etwas harmonischer. Ist ja Weihnachtszeit, gell.

Die Diskussion über den Präsenzunterricht

Meine aktuellen Gedanken zu diesem Thema: 

Mich nervt eigentlich allein dieses Wort „Präsenzunterricht“ schon sehr. Es gibt bei uns in Deutschland ja eine Schulpflicht, und diese auch aus gutem Grund und nicht aus Willkür. Es geht eben gerade nicht darum, nur bestimmten Stoff, bestimmtes Wissen, wie man es auch im Privatunterricht, der etwa in anderen Staaten erlaubt ist, zu vermitteln. Es geht darum, Kinder in ein soziales Gefüge zu bringen, zu lernen miteinander auszukommen. Dinge mehrdimensional beizubringen, Sinne zu entwickeln und zu schärfen, andere und anderes zu sehen, zu erleben sich damit auseinanderzusetzen und in Einklang zubringen in einer mehrdimensionalen Welt. Das ist es, was wir im Leben lernen müssen, das ist es, was unsere Kinder, als die zukünftigen Gestalter der Welt in der Realität erfahren müssen. Gerade in dieser Zeit, in der sie sich über PC und Handy mit Facebook und What’s App nicht mehr mit direkten Reaktionen und sichtbaren Emotionen auseinandersetzen müssen und diese auch nicht mehr zum Ausdruck bringen können, fällt dies nun auch noch in der Schule immer mehr weg. Die Präsenz IST der Unterricht, es geht bei der Schule eben nicht nur um die Wissensvermittlung! 

Es gibt mittlerweile so viele Studien, die zeigen, dass von Kindern und Schulen keine größere Gefahren in der Virenverbreitung ausgehen. Warum nennt man jetzt bei Schulen immer die Zahl der in Quarantäne befindlichen Schüler, sie gibt ja überhaupt keine Auskunft über die tatsächlich positiven Covid-Fälle (weil ja zudem überall komplett unterschiedlich in Quarantäne geschickt wird)? Im Gegenteil, die Schüler dürfen sich ja oft noch nicht einmal testen lassen – letztendlich will man die Ansteckungsgefahr hier scheinbar gar nicht mit Daten belegen.

Ich denke, viele Schulen haben gute Konzepte entwickelt, die den Unterricht in einer Klassengemeinschaft möglich machen. Natürlich wird es immer Covid19-Fälle geben, wir werden weder die Schulen, noch die Gesellschaft krankheitsfrei halten können. Auch Krankheiten gehören zum Leben und einer Gesellschaft dazu und damit muss man umgehen. Natürlich soll man sich und andere möglichst schützen und versuchen zu heilen. Aber es gibt dafür keine Sicherheit und die gab es noch nie. Unseren Kindern zu vermitteln, sie seien ein Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft, das ist tatsächlich eine Gefahr, die uns nicht nur begleiten wird bis ein Impfstoff da ist, sondern noch weit in die Zukunft.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Bonmot des Dichters Otto Julius Bierbaum (1865–1910)

Ich finde, es erfordert wirklich viel Energie in diesen von einem kleinen, fiesen Virus bestimmten Zeiten, nicht durchzudrehen und positiv zu bleiben. Die ständige Ungewissheit, die Unplanbarkeit, finanzielle Sorgen, Ängste um Angehörige – es zehrt. Und dann auch noch 139% der normalen Niederschlagsmenge im Oktober und der bevorstehende Winter, das macht es alles nicht besser. Ich habe das Glück, mich zu den psychisch stabilen Menschen zählen zu dürfen, mit einem verlässlichen Netz aus Familie und Freunden, ( die ich allerdings ja nur sehr beschränkt sehen darf, wobei wir wieder bei der Sorge wären, der, jemanden anstecken zu können, der Sorge um die, die sich bereits angesteckt haben und der, selbst zu erkranken) und empfinde es dennoch als Herausforderung, mir nicht die Leichtigkeit des Lebens nehmen zu lassen. Aber keine Sorge (da ist dieses aufdringliche Wort schon wieder), wie mein Vater schon immer sagte, Unkraut vergeht nicht und dieser Gruppe fühle ich mich absolut zugehörig. Ich komme da durch, wenn ich diese Zeit auch mit Sicherheit nicht die beste meines Lebens nennen würde. Aber ich sorge(!) mich um die, die kein Netz haben oder trotz allem keine Perspektive mehr für sich sehen. Auf die müssen wir in den nächsten Monaten besonders Acht geben.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, ich bin ja ganz dicke mit dem Galgenhumor und deshalb an dieser Stelle etwas vielleicht Aufheiterndes, was ich schon länger mal posten wollte…

Woran merkt man, dass man unwiderruflich älter wird?

…wenn man sich seine Brille ganz weit auf die Nasenspitze schieben muss, um besser lesen zu können.

…wenn man zum Geburtstag immer öfter Pralinen geschenkt bekommt.

… wenn das Pärchen in der Fernsehshow, welches das Kind als älteres Ehepaar tituliert, etwa fünf Jahre jünger ist als man selbst.

In diesem Sinne, haltet durch!

Alles Liebe,

Ella

Trübe Aussichten

Gerade war ich, wie üblicherweise am Samstagvormittag, auf dem Wochenmarkt. Und ich werde es bestimmt so schnell nicht wieder tun, denn es war schlicht und ergreifend demütigend und grauenhaft. Binnen Sekunden verwandelte ich mich in ein altes, buckliges Mütterchen aus den Märchen der Gebrüder Grimm und auch der Verkäuferin schien diese Verwandlung nicht entgangen zu sein, denn sie behandelte mich auf eine derart bemühte und zuvorkommende Art und Weise, wie sie mir gemäß meines tatsächlichen Alters auf keinen Fall zugestanden hätte. Sie legte mir die Waren in meine Tasche, nahm mir vorsichtig aus den Händen, was ich ihr reichte, es war ein fast liebevolles Geben und Nehmen. Grund für ihre Besorgnis und meine Mühen war mein schlagartiges Erblinden, das mich vollkommen überforderte und überhaupt nicht mehr aufhörte. Bei 6° Celsius Umgebungstemperatur führte das Tragen meiner Maske nämlich zu einem so starken, kontinuierlichen Beschlagen meiner Brille, dass ich schlichtweg nichts mehr sehen konnte. In verzweifelten Hoch- und Runterschieben meiner Brille und dem Annähern meines Kopfes zur Ware herab (daher das Bucklige), versuchte ich wieder Herrin der Lage zu werden, versuchte panisch, zu erkennen, was ich erwerben wollte und die richtige Menge zu beurteilen. Ich muss vielleicht nicht weiter berichten. Wie eine geprügelte Hündin machte ich mich mit meinem Einkauf von dannen.

Jetzt beim Schreiben erscheint es klar, die einfachste Lösung wäre vermutlich gewesen, die Maske unter die Nase zu schieben, wie es so viele tun. Aber als auf meine Mitmenschen bedachte Bürgerin war mir dieser Gedanke gar nicht gekommen. Und eine nachhaltige Lösung für die zahlreichen Situationen, die in den nächsten Monaten auf uns Brillenträger*innen zukommen werden, ist das natürlich auch nicht. Wir sind es ja von jeher gewohnt, mit zahlreichen Unannehmlichkeiten zu leben, wie eben in der kalten Jahreszeit dem Beschlagen der Brille, wenn wir geheizte Innenräume betreten. Die Maske potenziert diesen Effekt leider um ein Vielfaches durch die permanent nachströmende Atemluft.

Es wäre also ein geeigneter Zeitpunkt, sich endlich die lang ersehnte Laseroperation zu gönnen, könnte man sie sich leisten und würde sie in fortgeschrittenem Alter noch Sinn machen. Und wohl denen, die auf Kontaktlinsen umsteigen können. Alle anderen sind in den nächsten Monaten auf das Wohlwollen und Verständnis ihrer Mitmenschen angewiesen, die ihnen dann saisonbedingt bitte auch den Einkauf auf dem Wochenmarkt abnehmen sollten. Sollten Sie Sehende jemandem begegnen, der so plötzlich erblindet irgendwo in der Gegend herumsteht, scheuen Sie sich bitte nicht, ihm den Weg zu weisen, er wird es Ihnen danken.

Haltet durch, meine Brillenschlangenschwestern und -brüder. Ihr seid nicht allein.

Meine Freunde vom Autohaus

Ich begab mich im Juni auf die Suche nach einem neuen Auto, mal wieder, nach drei Jahren Leasing. Eine für mich sehr unliebsame Aufgabe, der ich nur mit Widerwillen nachkomme. Ein Auto muss für mich nur wenige Voraussetzungen erfüllen. Die Wichtigste: es muss mich zuverlässig von A nach B bringen. Optik und Marke – egal.

Um in diesen unsicheren Zeiten die Kosten gering zu halten, wollte ich mich diesmal nach einem Kleinwagen umsehen. Der Skoda Citigo schien geeignet. Ich fand tatsächlich ein Autohaus, das über ein Exemplar zur Probefahrt verfügte, sowie über einen Verkäufer, der sich nicht ausschließlich wegen Kurzarbeit zu Hause aufhielt. ( Ich wurde während meiner Suche in den kommenden Wochen noch des Öfteren versetzt, weil die Nachfrage nach Fahrzeugen offensichtlich weitaus größer war, als die physische Präsenz von Personal.)

Als ich zu einem namhaften Autohaus der Region fuhr, begrüßte mich der Verkäufer mit den Worten, ich könne gleich wieder fahren, sie nähmen sowieso keine Bestellungen mehr an, da sie eine solch lange Warteliste hätten, dass die Auslieferung bereits ein Jahr dauere. Wie war das noch mit Kaufprämien? Das einzige vorhandene Fahrzeug böten sie für einen völlig überteuerten Preis an, damit es auch ja niemand kaufe. Ist ja klar. Ich fragte mich schon, warum mich die freundliche Dame am Telefon nicht gleich über diesen Sachverhalt informiert hatte und beharrte darauf, mich wenigstens mal kurz hineinzusetzen, wenn ich schon extra gekommen war. Dass es das Fahrzeug nur noch elektronisch geben würde, wenn überhaupt jemals wieder, hatte mir die Homepage des Anbieters verschwiegen.

Ähnliche Erfahrungen bei anderen Marken. Die Schnäppchenpreise aus dem Internet galten stets nur für Neuwagenbestellungen, von denen aber niemand sagen konnte, wie lange die Lieferung dauern würde, da ja die Bänder stillstanden. Ah ja. Die Wagen allerdings, die bereits beim Händler auf dem Hof standen, kosteten gut und gerne das Doppelte wie ihre Zukunftsversionen aus dem Internet. Macht ja auch Sinn, wenn man etwas loswerden will. Kennt man vom Schlussverkauf, alles möglichst teuer anbieten, das steigert die Begehrlichkeit. Sehr gefreut habe ich mich dann über diese Mail eines überaus freundlichen Autoverkäufers:

Hallo Frau ***,

anbei das Leasingangebot über welches wir gerade gesprochen haben. Wie Sie ersehen können ist im Vergleich zum Flatrate Model das Leasing sehr hoch. Ich gehe davon aus, dass Ihnen das Angebot nicht zusagen wird.

Das bedauere ich natürlich sehr. Eine andere Alternative habe ich leider nicht. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und verbleibe.

Mit freundlichen Grüßen,

*****

Da fühlt man sich doch wirklich gut angenommen als Kunde. Das Gebrauchtfahrzeug, für das ich mich schließlich entschied, bekam ich übrigens ungewaschen, ohne Antenne und mit etlichen Kratzern übergeben.

Man kann vielleicht verstehen, warum ich bei finanziellen Hilfegesuchen der Automobilindustrie an die Bundesregierung jedes Mal zusammenzucke. Denn ich bin durchaus kein Einzelfall, mehrere, überaus sympathische Menschen, die ich kenne und die in den vergangenen Monaten ein Auto erwerben wollten, wurden behandelt wie Hautausschlag oder etwas anderes, das man auf keinen Fall haben möchte. Mir ist klar, dass der Verkäufer nicht mit dem Hersteller gleichzustellen ist, aber er steht eben doch am Ende der Lieferkette und repräsentiert die Marke. Für eine Umverteilung des Einkommens vom Autoverkäufer zum Werksarbeiter wäre ich jedenfalls eher zu haben, als für irgendwelche Subventionen. Herzen erobert man anders.

Noch nicht soweit.

Auf einmal bist Du nicht mehr da. Lässt mich im Dunklen sitzen. Dabei war ich kein einziges Mal im Sommernachtskino und viel zu selten im Biergarten.

Morgens ist es so frisch und unfreundlich, dass ich den Tag nicht mehr mit einem Kaffee auf dem Balkon begrüßen kann. Dabei bin ich noch nicht soweit, möchte ich in den Himmel schreien.

Der Mann sagt, es liegt vielleicht daran, dass wir nicht am Meer waren, in diesem besonderen Jahr. Mag sein.

Dabei kann ich Deine Hitze nicht leiden, Deine Helligkeit dafür umso mehr. Die brauche ich fast wie die Luft zum Atmen.

Sommer, ich bin echt sauer, dass Du Dich einfach so vom Acker gemacht hast, ohne mir vorher Bescheid zu sagen.

(Ella)

Covid-19 und die Sache mit der Toleranz

Im Gegensatz zu vielen Menschen, die Corona nicht mehr als ernstzunehmende Gefahr ansehen und ihr Leben wieder ziemlich frei genießen, beschäftigt mich dieses Virus jeden Tag aufs Neue. Jedes Mal dann nämlich, wenn ich wieder in mich hineinhöre, um zu überprüfen, dass da auch wirklich nichts kratzt oder läuft und ich gesund bin. Ich muss nämlich jeden Arbeitstag wieder die Entscheidung treffen, ob ich es verantworten kann, anderen Menschen sehr nahe zu kommen. Ich bin hauptberuflich selbständige Visagistin und mit dem Schutz ist es da so eine Sache. Zumindest die Person, die ich schminke, trägt keinen Mundschutz. Natürlich versuche ich alles zu tun, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Ich sitze bevorzugt am geöffneten Fenster, desinfiziere und wasche mir die Hände ständig, reinige alle Arbeitsmaterialen penibel. Was das hilft, wenn man sich den ganzen Tag wiederholt so nahe ist, sei dahingestellt. Wenn ich arbeite, bin ich immer wieder mit unterschiedlichen Teams zusammen, das heißt, der Personenkreis, mit dem ich beruflich zusammentreffe, ist relativ groß.

Warum ich das alles erzähle? All das sind die Gründe, warum ich im Privatleben immer noch größere Menschenmengen und Innenräume vermeide, weil ich das Risiko einer Infektion, aber auch nur den möglichen Kontakt zu einer infizierten Person, so gering wie möglich halten möchte. Denn Quarantäne bedeutet für mich auch, dass ich kein Geld mehr verdienen kann. Ich kann auf kein Homeoffice ausweichen. Eine Bekannte gab mir den scheinbar wohl gemeinten Tipp, ich müsse mich ja bei einem Verdacht nicht testen lassen. Im Ernst? Das ist für mich absolut unverantwortlich, wissentlich das Risiko einzugehen, das Virus in ein Studio, eine Firma oder gar ein Krankenhaus einzuschleppen, nur um weiter arbeiten gehen zu können. Mit dem Risiko, dass jemand wegen meinem Fehlverhalten sterben könnte.

Es gibt ja viel Wissen und Unwissen, Theorien und Verschwörungstheorien rund um Corona und auch ich habe keine Ahnung, was es wirklich mit diesem Virus auf sich hat. Es scheint aber, nach allem, was man von bislang aufgetretenen Ausbrüchen weiß, etwas an der Verbreitung durch Aerosole dran zu sein. Verbreitet wurde Corona beim Feiern in Innenräumen, bei Gottesdiensten und Chorgesang. Deshalb treffe ich mich mit Freunden und Familie noch immer am liebsten im Freien, im Augenblick geht das ja wunderbar, wie ich es im Herbst und Winter handhaben werde, muss ich dann neu entscheiden, wenn es soweit ist.

Jeder darf selbst entscheiden, wie er mit den Verhaltensmaßnahmen umgehen möchte und ich habe wirklich Verständnis dafür, wenn Arbeitnehmer, die mit den immer gleichen Kollegen auf Abstand in einem Büro sitzen oder teilweise sogar noch immer im Homeoffice arbeiten, diese großzügig auslegen und die Zeit, in der es wenig bekannte Neuinfektionen gibt, dazu nutzen, sich mit Freuden zu treffen und auch drinnen zu feiern und das Leben zu genießen. Ich würde mir aber auch wünschen, dass ich mich nicht jedes Mal erklären muss und mir Unverständnis begegnet, dass ich mich nicht locker mache. Das kann ich leider nicht, denn bei allen Reihentests, die gemacht werden, sei es bei Sportlern, in Altenheimen oder Kindergärten, gibt es leider immer wieder Infizierte, die keinerlei Symptome hatten. Und solange das so ist, kann ich nicht so tun, als würde mich das alles nichts angehen. Und dafür wünsche ich mir einfach mehr Toleranz und Offenheit.