Adventskalender- mal ganz anders

Dies Jahr habe ich erstmals keine Kalender für meine Kinder befüllt, sondern selber einen bekommen und zwar einen ganz Besonderen. 24 Frauen haben etwas für 24 Frauen gestaltet, gebastelt oder gebacken – jede ein „Türchen“ und Hauptsache selbst gemacht. Anfangs war ich etwas zögerlich, als eine Freundin versuchte, mich für die Idee zu begeistern. Immerhin müssen 24 Geschenke erstmal angefertigt werden. Aber dann habe ich zugesagt und jetzt bin ich voller Vorfreude, was sich in den liebevoll gestalteten Tütchen und Päckchen so versteckt. Auspacken darf jeder von uns zuhause mal, dieser Adventskalender ist unser erster Familienkalender, der für alle eine Überraschung ist und vermutlich so weihnachtlich wie selten zuvor. Danke, liebe unbekannte Initiatorin für Deine Idee und Orga. Danke, liebe Freundin, fürs Überreden. Unbedingt zur Nachahmung empfohlen!

Männer sind anders, Frauen auch

Das ist nun wirklich nichts Neues. Mein Mann und meine beiden Söhne dienen mir bekanntlich seit langer Zeit als vielversprechende Studienobjekte und dennoch bin ich nicht gefeit vor neuen Erkenntnissen. So geschehen im Lauf der vergangenen beiden Wochen, als mich die Reaktionen auf den nahenden Winter in ihrer Eindeutigkeit wirklich überraschten. Während ALLE Frauen, mit denen ich mich unterhielt, unisono Kälte und Dunkelheit beklagten (und in dieser Hinsicht bin ich eindeutig Frau!), bekamen wirklich ALLE Männer leuchtende Augen und ein seliges Lächeln um die Lippen:

„Wenn es draußen so richtig kalt und stürmisch ist, gehe ich am liebsten raus. Das ist großartig, da spüre ich mich so ganz.“ So oder so ähnlich, wohliges Schnurren. Oder:

„Endlich kein Biergartenwetter mehr, einfach mal Ruhe!“

Welch Last von Ihnen zu fallen scheint, nicht mehr von ihren Socializer-Frauen durch die Gegend gezerrt zu werden. Feuer machen, Bärenfell an und jagen.

Also ich würde mich am liebsten, sobald es dunkel und kalt wird, mit einem Doppelpaar Socken und Wärmflasche in den Winterschlaf begeben. Schade, dass die Evolution das nicht für uns Frauen vorgesehen hat. Ich bin mir sicher, dass unsere Männer uns nur selten vermissen würden (Jungpaare ausgenommen). So eine kleine Erholungspause kann schließlich nicht schaden.

Endless summer

Von einem Tag auf den anderen ist er doch vorbei, ganz still und leise. Schon lange hat sich ein Sommer für mich nicht mehr so endlos angefühlt wie dieser. Er war, genau genommen, der Beste seit langem. Die Schönwetterperiode hielt mehrere Monate am Stück an, zum Leidwesen der Landwirtschaft nur von wenigen Schauern unterbrochen, die kaum der Rede wert waren. Und obwohl mir die Klimaentwicklung große Sorgen bereitet und andernorts zu verheerenden Waldbränden führte, verhalf sie mir hier zu ungezählten lauen Sommerabenden, Tagen mit bestem Freibadwetter und Nächten, die meist kühl genug blieben, um gut schlafen zu können. Also beste Bedingungen für ein leichtes Lotterleben oder musikalisch ausgedrückt: „Summertime, and the livin` is easy“, Gershwins berühmter Song aus Porgy and Bess, der mir automatisch auf die Lippen kommt, wenn sich das Leben eben gerade so anfühlt.

Dass dieser Sommer so besonders wurde, lag aber auch daran, dass meine pubertierenden Sprösslinge mehrfach täglich meine Abwesenheit einforderten, am besten 24h/Tag, um besser chillen und zocken zu können und mich damit hochoffiziell in die Freiheit entließen. Meine persönliche Wegrationalisierung, wie ich sie gerne nenne, ist tatsächlich das einzige wirksame Mittel, ihr antriebsloses Amoebentum zu Hause auch nur im Ansatz ertragen zu können. Das schlechte Gewissen, mich nicht um die lieben Kleinen zu kümmern, gehört endlich der Vergangenheit an, gesunder Egoismus und Selbstfürsorge sind meine neue Maxime. Also stürzte ich mich ins pralle Leben, Openairkino, Radtour zum See, Absacker draußen hier, Aperitivo da, Sekt auf dem Balkon, Konzerte und Picknick im Freien, und alles wieder von vorne, herrlich. Mein großes Glück war, dabei wunderbare Gesellschaft zu haben, denn auch anderer Leute Kinder werden älter. Ich halte dies Jahr jedenfalls mit Abstand den Rekord an Freibadbesuchen in unserer Familie!

Ein anderer Umstand, der diesen amüsierträchtigen Sommer ermöglichte, war der Mangel an beruflichen Aufträgen. Alle meine Kund*innen schienen dies Jahr- vermutlich aus pandemiebedingtem Nachholbedarf – besonders ausgiebig in den Urlaub fahren zu wollen, so dass ich mich bereits Wochen vor unserem eigentlichen Sommerurlaub mit wenigen Unterbrechungen in Zwangspause befand. Total tote Hose. Dies trübte meine Stimmung ein wenig, da ich rasch bemerkte, dass ausschweifendes Amüsement nicht umsonst zu haben ist und ich wesentlich öfter den Geldautomaten aufsuchte, als Geldeingänge meinem Geschäftskonto gutgeschrieben wurden. Ich schob die Bedenken schnell zur Seite, denn wer wusste schon, wie viele solcher Sommer ich noch würde erleben dürfen?

Jedenfalls fühlte es sich seltsam irreal an, als wir dann Ende August tatsächlich in den Urlaub fuhren. Es erschien mir sonderbar, mich von der Erholung erholen zu sollen, zumal ich mich eigentlich der Gattung der Arbeitsbienen zugehörig fühle. Wie gut, dass so ein Urlaub dann doch die ein oder andere Überraschung bereithält und nicht nur den Müßiggang. Aus Venedig vertrieb uns rapido eine Mückenplage, die keine Überraschung hätte sein müssen, hätten wir vorher das Internet dazu befragt. Besonders Tigermücken fühlen sich in der Lagunenstadt äußerst wohl, wir uns deshalb eher nicht. Wasser auf den Mühlen des Kindes, das sowieso am liebsten nicht mit uns in den Urlaub gefahren wäre, Stimmung im Keller. Den besten Cappuccino haben wir übrigens in Österreich getrunken und nicht in Italien, aber vielleicht lag auch das an den Mücken und der verhagelten Laune. Wir suchten Zuflucht in den slowenischen Bergen und bekamen es mit einem übereifrigen Platzwart zu tun, der schon morgens um halb neun Fußmatten mit lautem Getöse abkärcherte und dabei laut slowenische Volksmusik hörte. Die klingt übrigens nicht anders als deutsche, die Völkerverständigung auf diesem Gebiet scheint also zu funktionieren. Schade, dass wir sie nicht mögen. Dass die wunderschöne Soca nur etwa 13 Grad hat, war ebenfalls eine Überraschung, von der wir uns aber nicht davon abhalten ließen, „Schwimmen“ zu gehen, falls mal dreisekündiges Eintauchen ins Wasser so nennen darf. Das Meerwasser an der kroatischen Adriaküste ließ uns dann wieder auftauen und der Urlaub fand sein Happy End auf einem kleinen, bescheidenen Segelboot, das uns durch die Gegend schipperte. Sonne satt bis zum Schluß.

Jetzt ist er vorbei, der vermeintlich endlose Sommer. Ich trinke meinen Morgenkaffee mitunter wieder im Dunkeln, die Tage sind bereits deutlich kürzer und es regnet gerade – und das ist gut so.

Und ich habe Sonne satt und viele schöne Erlebnisse getankt, um davon in der dunklen Jahreszeit zu zehren, die jedes Jahr länger zu werden scheint und eine immer größere Herausforderung für uns nicht mehr ganz junge Menschen darstellt. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar, diesem endlosen Sommer.

Vom Wunder des Lebens oder sind (Hobby)gärtner*innen die glücklicheren Menschen?

Gestern Nachmittag saß ich auf dem Balkon, um das Kilo Kirschen zu entsteinen, welches unser guter Landwirt Heribert aus Uffenheim der Solawi(https://meedchenwargestern.com/2022/04/08/1-jahr-solawi-ein-resumee/ als Obstanteil zugedacht hatte. So wie ich früher unsere Kinder Kirschen oder Blaubeeren nur unbekleidet essen ließ, wählte ich einen schwarzen Bikini, um mich vor kaum mehr zu entfernenden Spritzern zu schützen und die Nachbarschaft mit meiner Blöße nicht gänzlich zu erschrecken. Das Fruchtfleisch der Kirschen war im Umfang kaum merklich größer als der darin befindliche Kern, so dass ich Zweifel hatte, ob unsere altertümliche, äußerst schlichte Apparatur ihn würde lösen können. Doch es gelang, wenn auch etwa jede dritte Kirsche aufgrund ihrer schlanken Maße mitsamt dem Kern ins darunter liegende Auffangbecken entschwand. Ich rettete jene aus diesem, pulte nochmals händisch die gelösten, doch noch anhaftenden Kerne meiner bearbeiteten Kirschen ab und entfernte nebenbei den ein oder anderen Wurm, den ich als Vegetarierin nicht mitzuessen gedachte. Während ich mich in diese Aufgaben vertiefte, begann ich darüber zu sinnieren, welch geringe Wertschätzung so ein Glas gekaufter Sauerkirschen erfuhr und wie leicht sich eventuelle Reste entsorgen ließen, wenn man weder den Prozess des Wachstums von der Blüte bis hin zur Reife der Frucht verfolgt noch sich den Mühen der Verarbeitung hingegeben hatte. Und wie sehr man sich im Umkehrschluss – in meinem Fall einem Kuchen -verbunden fühlen konnte, wenn man dem Wunder seiner Entstehung beiwohnen durfte.

Anfang Mai entdeckte ich ein Päckchen Samen für eine Blumenmischung auf dem Fenstersims unseres Balkons, seit Jahren den Gezeiten ausgeliefert, doch immerhin vor Regen geschützt, und beschloss, den Versuch zu wagen, sie in einem Blumenkasten in die Erde zu stecken und anzugießen, anstatt wie sonst ein paar Balkonblumen kaufen zu gehen. Was für ein Wunder, als bald darauf wider Erwarten die ersten grünen Triebe aus der Erde lugten. Nun, sechs Wochen später, ist das Grün üppig gediehen, es zeigt das Bedürfnis, sich an etwas emporzuranken, worauf ich partout nicht vorbereitet war. Es ist ein wenig wie bei dem kleinen süßen Mischlingswelpen, der sich eines Tages während seines Heranwachsens als vollkommene Mogelpackung entpuppt – zu lange Beine, zu kurzer Rumpf, zu platte Schnauze und auch noch andersfarbig als seine Erzeuger. Naja, Blüten sind noch nicht im Geringsten zu erahnen, aber interessant sieht mein kleiner Dschungel aus. Sie werden sich wohl erst zeigen, wenn der Sommer fast vorbei ist. Das Wunder des Lebens verlangt eben Geduld und Offenheit, sich auf das einzulassen, was da kommt, denn so ganz planbar ist es nicht. Unsere Kirschen sind schließlich auch nur so klein, weil es in der entscheidenden Phase zu wenig geregnet hat, sagt Heribert. Und der muss es wissen.

Was für ein reicher Mensch muss demnach ein Gärtner sein, dem das Wunder des Lebens wieder und wieder begegnet? Er lebt im Rhythmus mit der Natur, sät, wenn gesät werden muss, setzt um, wenn umgesetzt werden muss und erntet, wenn die Zeit und natürlich das Obst reif sind. Er flucht eventuell, wenn alles verarbeitet werden muss, oder die Schnecken einen Großteil der Ernte vernichtet haben und doch widerfährt ihm ein Glück, von dem er vielleicht gar nichts ahnt, so alltäglich ist es geworden. Denn diese Arbeit gibt dem Leben nicht nur Struktur, sondern sogar Sinn! Er wird gebraucht und jeden Tag wartet eine neue Aufgabe. Wie erfüllend. Oder etwa nicht? Es wäre ein Trugschluss, wenn wir nun all begännen, einen Garten zu beackern, um unser Glück zu finden. Die einen bekämen Rücken, die anderen Verzweiflung, weil einfach nichts wüchse. Zu letzteren gehörte wohl ich. Nein, das ist es wohl noch nicht ganz.

Schon während ich versuchte, meine Balkonpflanzen mit ein paar Strichen für Euch festzuhalten, entwuchsen sie mir Stück für Stück. Die Triebe schoben sich fast unmerklich weiter, die Blätter drehten sich und die Sonne beleuchtete auf einmal alles in einem ganz neuen Winkel. Vielleicht liegt darin der Weg zum Glück, ab und zu mal nichts anderes zu tun, als dazusitzen, sich auf etwas einzulassen und wahrzunehmen.

Kirschen im Supermarkt finde ich seit gestern auf jeden Fall etwas fake – die haben überhaupt keine Würmer.

Kleine Freuden

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gibt es eine Rubrik, die „Was mein Leben reicher macht“ heißt. Leser*innen teilen Episoden und Momente ihres Lebens, die ihnen besonders viel Freude bereitet haben oder noch immer bereiten. Wie ich eben entdeckt habe, gibt es diese sogar in einem Geschenkband zusammengefasst:

https://shop.zeit.de/geschenkefinder/fuer-jeden-anlass/4044/was-mein-leben-reicher-macht-band-2

Ich lese diese Beiträge sehr gerne, da sie mir oftmals ein wohliges Schmunzeln entlocken und vielleicht auch dazu geführt haben, selbst mehr darüber nachzudenken, was ich denn zu erzählen hätte. Natürlich kann man das auch ganz im Stillen, zum Beispiel indem man ein Dankbarkeitstagebuch führt, um sich Positives bewusst zu machen und ganz still und heimlich zu bewahren. Aber ich bin ja eher etwas mitteilsam geraten, so dass ich gerne ein paar kleine Freuden mit euch teilen würde.

Die Schwimmbrille:

Seit ungefähr fünfunddreißig Jahren bin ich kurzsichtig. Während dieser Zeit war ich einige Jahre im Schwimmverein aktiv und zog auch später im Freibad regelmäßig meine Bahnen – zugegebenermaßen mit der ein oder anderen Kollision aufgrund meiner Fehlsichtigkeit. Vor wenigen Wochen setzte ich die Idee in die Tat um, mir eine Schwimmbrille mit Dioptrien zu kaufen. Der erste Besuch im Schwimmbad war einfach grandios. Ein Hochgefühl! Wie einfach es doch manchmal sein kann, etwas zu verändern und wie lange es dazu braucht. Seither erfreue ich mich jedes Mal, wenn ich ins Wasser tauche, daran, dass ich sowohl auf den Grund sehen, als auch allen anderen Schwimmer*innen galant, mühelos und vor allem rechtzeitig ausweichen kann.

Die Allee:

Es war ein ganz besonderer Tag in diesem Frühjahr, als eine Gartenbaufirma ohne Vorankündigung etwa fünfzehn Bäume in unserer Nachbarschaft entlang der Straße pflanzte. In wenigen Jahren wird eine prächtige Allee entstanden sein, die für moderatere Temperaturen im Sommer sorgen und den Spaziergängern Schatten spenden wird. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie wir zu diesem Glück gekommen sind, wer das geplant hat und wie lange die Aktion vorbereitet wurde. Nur ein paar Hinweisschilder deuten auf eine Beteiligung der Umweltbank hin, vielen Dank dafür. Wann immer ich an den jungen Bäumen entlang laufe, bin ich einfach nur glücklich.

Sausewind:

Jedesmal, wenn ich während des Berufsverkehrs oder am Einkaufssamstag mit wehenden Haaren an den stehenden Autokolonnen am Innenstadtring vorbeidüse, genieße ich das Gefühl grenzenloser Freiheit. Zugegebenermaßen erfreue ich mich auch ein wenig daran, dass die Menschen in ihren Fahrzeugen in diesem Moment nicht dieselbe Freude empfinden, weil sie sich über ihre Vordermänner oder -frauen ärgern müssen und nur im Schneckentempo vorankommen, während ich schon drei Ampeln weiter bin. Das ist nicht sehr nett von mir, das weiß ich. Deshalb empfinde ich auch ein wenig Mitleid, dass sie nicht Fahrrad und U-Bahn fahren können und auf ihre Autos angewiesen sind. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich gesund bin und mir diese Momente vergönnt sind. Und ich würde sie sehr, sehr gerne mit ganz vielen Autofahrer*innen teilen. Ehrlich.

Habt ihr auch „kleine Freuden“, die ihr gerne mit mir teilen möchtet? Dann schreibt mir gerne und ich veröffentliche sie.

Den Kopf freibekommen

Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht, aber ich bilde mir ein, ich würde die Auswirkungen des regen Smartphonegebrauchs bei mir bereits merken. Das ständige Aufploppen neuer Nachrichten und sekündlich wechselnder Inhalte führt zu einer immer kürzer währenden Aufmerksamkeitsspanne. Zum Beispiel beim Zeitung lesen. Zugegebenermaßen bietet die Lokalzeitung seit Corona auch nicht mehr die spannendsten Inhalte, aber es fällt mir inzwischen schwer, so einen ganzen faden Artikel zu lesen, ohne gedanklich abzuschweifen oder die Zeilen nur zu überfliegen. Dass unser digitales Leben gravierende Folgen vor allem auf die Generationen haben wird, die bereits damit aufwachsen, davon bin ich ja sowieso überzeugt. Aber auch bei uns?

Jedenfalls machte der Autor des Buches „Konzentration-warum sie so wertvoll ist und wie wir sie bewahren“ Volker Kitz ähnliche Erfahrungen, wie er bei einem Interview in Campus und Karriere Im DLF erzählte.

https://www.ardaudiothek.de/episode/campus-und-karriere/autor-kitz-ueber-konzentration-konzentration-wie-foerdern-interview-mit-buchautor-volker-kitz-teil-1/deutschlandfunk/96255094/.

Als er eines Tages einen Teil seines Einkaufs an der Supermarktkasse vergaß, erfuhr er auf Nachfrage, dass es dort ein ganzes Lager voller vergessener Dinge gab, weil die Menschen scheinbar immer mehr vergaßen, weil sie immer weniger bei der Sache waren.

Ich merke auf jeden Fall, dass die Konditionierung auf eingehende Nachrichten und Neuigkeiten bei mir zu einer gewissen Unruhe führt, gleichzeitig zu einem Drang, produktiv sein zu müssen, während ich weder richtig abschalten, noch mich gut auf eine Sache fokussieren kann. Zum Glück habe ich kürzlich ein Gegenmittel gefunden, das mir dabei hilft, dem entgegenzuwirken und meinen Feierabend doch entspannt genießen zu können. Als meinem Zwölfjährigem mal wieder langweilig war, erinnerte ich mich daran, dass ich dem Größeren in diesem Alter ein anspruchsvolles Punkt-zu-Punkt Malbuch für Erwachsene gekauft hatte. Da dieses Beschäftigungsangebot wenig Anklang fand, nahm ich mir kurzentschlossen eine Seite daraus vor. Und erfuhr eine Offenbarung. Dadurch, dass ich mich auf eine relativ simple Aufgabe konzentrieren musste, konnte mein Geist völlig entspannt schweben und hatte ganz wundervolle Ideen und Gedanken. Die perfekte Beschäftigung für mich, um den Kopf freizubekommen und Ruhe zu finden. Endlich verstehe ich, warum Menschen Mandalas ausmalen, Stricken oder Häkeln. Hat ja auch lange genug gedauert. Was ist euer Punkt-zu-Punkt Rätsel?

Kommentar: Die Aufregung um die olympischen Spiele

Mit Verwunderung verfolge ich in den letzten Tagen die Empörung über das Unrechtsregime in China. Und denke mir: hätten all die Demokratien, die sich jetzt echauffieren, direkt nach der Wahl Chinas als Austragungsland, diese olympischen Spiele geschlossen boykottiert, wäre das ein wirksames Mittel gewesen. Die Kritik jetzt, wo das Kind schon lange in den Brunnen gefallen ist, mutet seltsam zahnlos und scheinheilig an. Es gehört zum guten Ton, Kritik zu üben. Dass diese wirkungslos verpufft, scheint nebensächlich zu sein.

Omikron und das Testen

Omikron schlägt gerade überall zu, Freunde und Bekannte von uns sind betroffen, manchmal sogar die ganze Familie. Das Problem bei der Diagnostik ist gerade die Unzuverlässigkeit der Tests, nicht nur die der Schnelltests, sondern auch die der PCR Tests. Wer auch immer aufgrund einer Infektion bereits den Wahnsinn der täglichen Testung mitgemacht hat, erzählt davon, dass Tests an ein und demselben Tag morgens anschlagen können, abends aber nicht (oder umgekehrt), und weiß zu berichten, dass der Schnelltest positiv, der PCR Test aber am gleichen Tag negativ sein kann und umgekehrt. Die Virenlast scheint vor allem gegen Ende der Infektion so hoch zu sein, dass das Freitesten, wenn man eigentlich keine Symptome mehr hat, zum Pokerspiel werden kann. Ich selbst musste kürzlich von einem Job nach Hause gehen, weil der Schnelltest am Morgen vor Ort angeschlagen hatte. Der PCR und alle Schnelltests im Nachgang waren negativ und ich hatte auch keinerlei Krankheitssymptome. Der Job war futsch, die Kohle auch, so ist das mit den Selbständigen. Die Lage gleicht gerade jedenfalls eher einem Glücksspiel als solider Wissenschaft. Ich würde dafür plädieren, dass es selbstverständlich sein sollte, zuhause zu bleiben, wenn man Krankheitssymptome hat und auch dann testet, wenn es nur leichte Symptome sind. Das ins Blaue hineintesten, vor allem von Geboosterten, die ja scheinbar eine extrem schwer nachzuweisende Viruslast zu Beginn einer Infektion haben, führt jedenfalls gerade zu mehr Verunsicherung als zu wirklichem Nutzen. Vielleicht müsste man ja nicht nur bei der Impfung, sondern auch bei den Tests nachjustieren. So ist das jedenfalls keine runde Sache.

Buchtipp!

Eine Freundin fragte mich vor Kurzem, ob ich nicht mal wieder ein Buch vorstellen könne. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Wochen keine Bücher gelesen hätte, aber damit ich sie vorstelle, müssen sie schon einige Kriterien erfüllen. Sie sollten nicht zu speziell sein, d.h. mich nicht nur aus ganz persönlichen Beweggründen wie beispielsweise meiner eigenen Familiengeschichte interessieren. Und ich muss auch keine Bücher vorstellen, die sowieso schon in aller Munde sind, weil sie entsprechend Publicity haben, wie beispielsweise „Unter Menschen“ von Juli Zeh. Auch wenn es das erste Buch war, das ich von ihr gelesen habe, das ich mochte. Frau flieht vor ihrem Leben und dem corona- und klimaüberkorrekten Lebensgefährten aus Berlin nach Brandenburg, wo sie einen überzeugten Nazi zum Nachbarn bekommt. Bald beschäftigt sie die Frage, ob ein Nazi wirklich immer automatisch ein Arschloch ist oder ob es neben dem Schwarz und Weiß auch noch Grautöne gibt. Weil Menschen nicht immer in ihre Schubladen passen. Sehr unterhaltsam, aber ich wollte das Buch ja gar nicht empfehlen;-)

Das wichtigste Kriterium für eine Buchvorstellung- es muss mich irgendwie begeistern und nicht nur ganz nett sein. Und das trifft auf die Bücher „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road” von Daniel Speck zu. Ich habe mich allerdings dagegen gewehrt, sie zu mögen. Denn eigentlich ist von allem zu viel, die Verflechtungen, die Erzählstränge, die Charaktere sind zu groß, die Liebe zu tief, die Augen zu dunkel. Aber dieser Mann kann einfach schreiben, man bemerkt sofort seine Tätigkeit als Drehbuchautor, so filmisch sind manche Szenen. Man sieht die Straßen, Menschen und Landschaften vor sich. Jedes Kapitel endet mit einer Art Cliffhanger, so dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Das Fesselndste aber ist der geschichtliche Hintergrund seiner Romane. Unter französischer Besatzung waren viele Sizilianer nach Tunesien eingewandert, um ein neues Leben zu beginnen. So entstand das Viertel „Piccola Sicilia“ in Tunis, in dem zu Beginn der 1940er Jahre Juden, Muslime und Christen in guter Nachbarschaft miteinander lebten. 1942 gelangt auch der junge Fotograf Moritz Reincke dorthin, um heroische Bilder von Rommels Afrikafeldzug für die Wochenschau zu liefern. Dass an diesem Feldzug überhaupt nichts heroisch ist und die Truppen längst auf dem Rückzug sind, blendet er ebenso aus wie seinen Anteil an den Taten der Nationalsozialisten. Das ändert sich, als er eine unvorhergesehene Entscheidung trifft und bald darauf die Alliierten einmarschieren. Moritz taucht unter und nimmt eine neue Identität an.

„Jaffa Road“ ist die Fortsetzung des Lebens des Moritz Reincke und deshalb kann ich kaum etwas darüber erzählen, ohne zu verraten, wie der erste Teil geendet hat. Nur so viel: wer sich für die Staatsgründung Israels, die Vertreibung der Palästinenser und das schwierige Verhältnis von Juden und Arabern vor seinem historischen Kontext interessiert, den wird auch dieser Band fesseln. Wie anfangs angedeutet, geht es natürlich neben dem Verlust von Heimat, Vertreibung und Identität, hinreichend um Liebe, Familie und Freundschaft. Die Geschichte ist mir vor allem in der Gegenwartsebene etwas zu konstruiert, aber all die Bruchstücke und Mikropartikel der Erzählung, die Verletzungen und das Leid der Vertriebenen, von Juden wie Palästinensern, sind mit Sicherheit so oder so ähnlich tausendfach geschehen und geschehen noch immer. Ich bin jetzt bei Seite 499 und weiß noch nicht, wie sie ausgeht, die Geschichte vom Leben des Moritz Reincke. Aber ich freue mich schon auf meine Tasse Tee am Ofen, wo ich wieder tief in die Jaffa Road abtauchen werde und weiß jetzt schon, dass ich es sehr bedauern werde, wenn ich auf der letzten Seite angekommen bin.

„Piccola Sicilia“ von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70162-9

„Jaffa Road” von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70384-5

Paralleluniversum

Als mein Mann uns im Oktober begeistert die TopTen der Jugendwörter des Jahres präsentierte, machten sich unsere Jungs über die Auswahl erstmal lustig. Dabei hatte ich zumindest das Wort des Jahres „cringe“ gefühlt viele hundert Mal gehört, wenn ich gerade einschlafen wollte und mein fast erwachsenes Kind, emotional völlig entfesselt, aus dem Nebenzimmer beim Zocken vor sich hin gebrüllt hatte: „Ich bin so cringe!“ oder auch „Du bist so cringe!“, wie auch „Er/Sie/Es ist so cringe!“ Meint in diesem Zusammenhang in etwa, dass es ihm total peinlich ist, wie schlecht (je nachdem) er selbst oder jemand anderes gerade spielt.

Wenn sich die Youngster miteinander unterhalten, versteht ein Erwachsener sowieso nur wenig, weil sie sich auch in der echten Welt vor allem über die virtuelle verständigen, mit allen dazugehörigen Fachtermini, gespickt mit lässigen, englischen Ausdrücken. Das mit dem „random“ und seiner Anwendung habe ich bis heute nicht kapiert, es ist irgendwas mit Zufall. Also, so ähnlich wie: Ich stehe random an der Bushaltestelle, als mein Brudi vorbeikommt. Oder stehe ich doch eher an der Bushaltestelle und der Brudi kommt random vorbei? Ich bin so schlecht damit, aber auch mindestens dreissig Jahre zu alt, um es überhaupt zu versuchen. Also, ich lasse es jetzt wieder.

Sie leben eben in ihrem eigenen Kosmos und ich bin froh, dass ich zumindest ab und an mal einen kleinen Blick auf ihn werfen darf. Wusstet ihr beispielsweise, dass sich Jungs im Jahr 2021 tatsächlich eine Dauerwelle verpassen lassen, um diesen angesagten Look mit abrasierten Seiten und lässig verwuscheltem, lockigen Haar tragen zu können? Ich dachte, all die wunderschönen Locken seien echt und nur ich hätte keine. Und dass die Dauerwelle mit den 80ern untergegangen wäre. Von wegen. Beruflich eigentlich am Puls der Haartrends, schlug ich meinem Sohn letztens, nicht ganz ernsthaft vor, jetzt auf Mittelscheitel zu wechseln, weil das ja wieder ziemlich angesagt sei. „Ach Mama, das haben die bei uns an der Schule schon eeeewig!“( Er zog das e so weit in die Länge, dass auf jeden Fall ankommen musste, wie sehr ich draußen war. ) „Ach ja?“, erwiderte ich „Wie lange denn?“ „Bestimmt so ein Jahr.“ Tja, so ist das mit den Trends, bis sie bei den letzten ankommen und nicht mehr als sonderbar empfunden werden, vergehen schon gerne mal drei Jahre, so war es mit der Culotte, mit den ugly sneakers oder den oversize Pullovern. Da bin ich mit meinem Jahr gar nicht so schlecht, finde ich.

Schön, Jungs, dass ihr mich gelegentlich an eurem Paralleluniversum teilhaben lasst. Und macht gar nichts, dass ich nicht alles verstehe.

Säbelzahneichhörnchen und ihre Verwandten

Fast zwanzig Jahre ist es her, dass mich Scrat, das Säbelzahneichhörnchen, in dem Film „Ice Age“ mit seiner, sagen wir mal, überambitionierten Jagd nach der Nuss amüsierte. Aber erst dieses Jahr entdeckte ich die erstaunlichen Parallelen zu unseren hiesigen Eichhörnchen. Dreimal schon passierte es, dass Exemplare dieser Gattung auf ihrer leidenschaftlichen Suche nach Nüssen um Haaresbreite über meine Füße gestolpert wären, um mich anschließend, in Schockstarre befindlich und mit aufgerissenen Augen, verwundert zu betrachten, während sie zu überlegen schienen, wie ich aus dem nichts hatte auftauchen können. Dass ich mich in Wahrheit seit geraumer Zeit an diesem Ort befunden hatte, war ihnen komplett entgangen. Ein lustiges Völkchen.