Corona und der Präsenzunterricht

Wenn es nach mir geht, sollen meine Kinder jeden Tag ganz normal in die Schule gehen. Wie früher eben. Dann muss ich nicht am Homeschooling verzweifeln, es gibt klare Strukturen und ich habe auch mal ein bisschen Zeit für mich. Befragt man meine Kinder, sieht das ganz anders aus. Sie präferieren ganz klar das Wechselmodell und das mit einer äußert simplen, wie schlüssigen Argumentation:

„Was macht es für einen Sinn, die privaten Kontakte auf zwei Haushalte zu begrenzen, wenn im Klassenzimmer 27 ( das eine Kind ) beziehungsweise 32 Mitglieder (das andere Kind) verschiedener Haushalte auf engstem Raum zusammenkommen?“

Tja, wo sie Recht haben, haben sie Recht, ob es mir passt oder nicht.

Auf Anraten von Kinderärzten und Psychologen, aber auch um Kinder nicht weiter abzuhängen, halten die Minister gerade fast krampfhaft am Präsenzunterricht fest. Leider fehlen immer noch kreative und gut durchdachte Lösungen auf breiter Front. Zumindest an Schulen, an denen ein Großteil der Kinder zuhause gute Bedingungen hat, um online zu arbeiten, könnte man das Wechselmodell durchführen. Für die Kinder mit schlechten Bedingungen könnte man zusätzliche Räume anmieten oder ungenutzte Turnhallen umrüsten, um gut ausgestattete Arbeitsplätze einzurichten. Die Betreuung könnten Tutor*innen oder Student*innen übernehmen, die das im Vergleich mit so manchen Eltern bestimmt besser hinbekommen würden und sowieso gerade auf Jobsuche sind, weil sie nicht mehr in der Gastronomie jobben können. Vielleicht könnte man es einzelnen Schüler*innen auch ermöglichen, durchgängig am Präsenzunterricht teilzunehmen, wenn es zuhause schwierig ist. Oder wäre das dann wegen ungleicher Bedingungen für manche Eltern etwa ein Grund, vor Gericht zu ziehen? Ich weiß schon, ganz so einfach ist das alles nicht. An der Schule eines meiner Kinder wurde schon kurz nach Schulbeginn alles für den Unterricht in geteilten Gruppen vorbereitet, die Kinder sollten in einer Woche Montag, Mittwoch und Freitag Unterricht haben, in der anderen Dienstag und Donnerstag, ein Modell, das ich besser finde als den wöchentlichen Wechsel, weil die Schüler*innen nicht so ganz rauskommen und mehr Struktur gegeben ist. Das Versorgen mit Unterrichtsmaterialien für die Woche ohne Präsenzunterricht in den einzelnen Fächern sollte theoretisch recht einfach zu überschauen sein, die Lehrkräfte könnten direkt Arbeitsblätter und Aufgaben für die nächste Woche mit nach Hause geben. Naja, jetzt bleibt erstmal alles, wie es ist.

Wie gesagt, ich bin ja froh darüber. Sollten aber die Corona Maßnahmen weiter verschärft werden und mir meine gelegentlichen Spaziergänge an frischer Luft und mit Abstand, abwechselnd mit verschiedenen Freundinnen, auch noch genommen werden, weil man über Wochen nur noch zwei Menschen aus genau einem anderen Haushalt treffen dürfte, dann würde mir auch das Verständnis für das unterschiedliche Maß fehlen. Nächste Woche wissen wir mehr. Und bis dahin genieße ich noch jeden regulären Schultag.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Bonmot des Dichters Otto Julius Bierbaum (1865–1910)

Ich finde, es erfordert wirklich viel Energie in diesen von einem kleinen, fiesen Virus bestimmten Zeiten, nicht durchzudrehen und positiv zu bleiben. Die ständige Ungewissheit, die Unplanbarkeit, finanzielle Sorgen, Ängste um Angehörige – es zehrt. Und dann auch noch 139% der normalen Niederschlagsmenge im Oktober und der bevorstehende Winter, das macht es alles nicht besser. Ich habe das Glück, mich zu den psychisch stabilen Menschen zählen zu dürfen, mit einem verlässlichen Netz aus Familie und Freunden, ( die ich allerdings ja nur sehr beschränkt sehen darf, wobei wir wieder bei der Sorge wären, der, jemanden anstecken zu können, der Sorge um die, die sich bereits angesteckt haben und der, selbst zu erkranken) und empfinde es dennoch als Herausforderung, mir nicht die Leichtigkeit des Lebens nehmen zu lassen. Aber keine Sorge (da ist dieses aufdringliche Wort schon wieder), wie mein Vater schon immer sagte, Unkraut vergeht nicht und dieser Gruppe fühle ich mich absolut zugehörig. Ich komme da durch, wenn ich diese Zeit auch mit Sicherheit nicht die beste meines Lebens nennen würde. Aber ich sorge(!) mich um die, die kein Netz haben oder trotz allem keine Perspektive mehr für sich sehen. Auf die müssen wir in den nächsten Monaten besonders Acht geben.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, ich bin ja ganz dicke mit dem Galgenhumor und deshalb an dieser Stelle etwas vielleicht Aufheiterndes, was ich schon länger mal posten wollte…

Woran merkt man, dass man unwiderruflich älter wird?

…wenn man sich seine Brille ganz weit auf die Nasenspitze schieben muss, um besser lesen zu können.

…wenn man zum Geburtstag immer öfter Pralinen geschenkt bekommt.

… wenn das Pärchen in der Fernsehshow, welches das Kind als älteres Ehepaar tituliert, etwa fünf Jahre jünger ist als man selbst.

In diesem Sinne, haltet durch!

Alles Liebe,

Ella

Dr.Sommer war gestern

Obwohl wir seit geraumer Zeit Netflix abonniert haben, gehöre ich nicht zu den typischen Serienkonsumenten, aber „Sex education“ muss ich Euch wärmstens empfehlen. Es ist die erste Netflix Serie, die mich in ihren Bann gezogen hat, nachdem sie mir, sowohl von einer Mutter, als auch von einem Spiegelartikel, als umwerfendes Aufklärungsmaterial empfohlen wurde.

Bravo war gestern, heute gibt es den jungfräulichen und ziemlich verklemmten Helden Otis und seine Mutter, die Sextherapeutin Dr. Jean Milburn, einfach hinreißend gespielt von Gillian Anderson (bekannt aus Akte X), die ihr Zuhause mit Dildos und Vaginas in jeder Form dekoriert hat und nichts Ungewöhnliches daran findet, sich beim Frühstück danach zu erkundigen, ob es bei Otis mit dem Onanieren geklappt hat. Ihre Offenheit und die wechselnden Sexualpartner bringen Otis regelmäßig in die Bredouille. Gehör für seine Probleme findet Otis bei seinem besten Freund Eric, der Männer liebt und ein Faible für Make up und schrille Klamotten hat. Überhaupt ist der Cast wunderbar getroffen, die Figuren liebevoll überzeichnet. Es ist die Zeit der Entdeckung der Sexualität, an allen Ecken und Enden schwängern Hormone die Luft. Durch einen Zufall und weil er dadurch Zeit mit seinem Schwarm Maeve verbringen kann, wird Otis zum Sexualtherapeuten seiner Schule. Und dabei werden wenige Themen ausgelassen. Vom Ejakulationsproblem über Stellungsprobleme gleichgeschlechtlicher Liebe, bis hin vom Versenden des Fotos einer Vagina im Schulchat mit erpresserischen Motiven, Otis findet durch sein Zuhören und seine einfühlsame Art meistens eine Lösung für die Probleme seiner Mitschüler*innen. Und das Wichtigste, dabei geht es meistens um Zwischenmenschliches und Gefühle, die Message für die Teenager ist also klar. Otis ist jedenfalls die perfekte Identifikationsfigur für Jugendliche, die nicht im Mittelpunkt stehen, sondern eher schüchtern sind und noch keine Erfahrungen sammeln konnten. Aber auch im vermeintlich perfekten Schulsprecher, der insgeheim gegen Angstzustände kämpft, oder im Sohn des Direktors, der gegen seine Rolle rebelliert, finden sich bestimmt viele Jugendliche wieder.

„Sex education“ erspart das Aufklärungsgespräch, das man in dieser Form sowieso nie geführt hätte und für das es altersgemäß ( ab +- 14 Jahren) auch schon zu spät ist. Über Petting, Fellatio und Coitus Interruptus hatte ich damals auch nur in der Bravo gelesen und nicht von meinen Eltern gehört, es ist also wohl zu verzeihen, wenn wir das „Reden“ anderen überlassen. Für uns Erwachsene macht es jedenfalls einfach Laune, sich nochmal in die Zeit zurückzuversetzen, als es nur „um das Eine“ ging. Wie das Ganze weitergeht, weiß ich noch nicht, ich bin erst bei Staffel 1, aber ich freue mich definitiv schon auf die nächste Folge.

Trübe Aussichten

Gerade war ich, wie üblicherweise am Samstagvormittag, auf dem Wochenmarkt. Und ich werde es bestimmt so schnell nicht wieder tun, denn es war schlicht und ergreifend demütigend und grauenhaft. Binnen Sekunden verwandelte ich mich in ein altes, buckliges Mütterchen aus den Märchen der Gebrüder Grimm und auch der Verkäuferin schien diese Verwandlung nicht entgangen zu sein, denn sie behandelte mich auf eine derart bemühte und zuvorkommende Art und Weise, wie sie mir gemäß meines tatsächlichen Alters auf keinen Fall zugestanden hätte. Sie legte mir die Waren in meine Tasche, nahm mir vorsichtig aus den Händen, was ich ihr reichte, es war ein fast liebevolles Geben und Nehmen. Grund für ihre Besorgnis und meine Mühen war mein schlagartiges Erblinden, das mich vollkommen überforderte und überhaupt nicht mehr aufhörte. Bei 6° Celsius Umgebungstemperatur führte das Tragen meiner Maske nämlich zu einem so starken, kontinuierlichen Beschlagen meiner Brille, dass ich schlichtweg nichts mehr sehen konnte. In verzweifelten Hoch- und Runterschieben meiner Brille und dem Annähern meines Kopfes zur Ware herab (daher das Bucklige), versuchte ich wieder Herrin der Lage zu werden, versuchte panisch, zu erkennen, was ich erwerben wollte und die richtige Menge zu beurteilen. Ich muss vielleicht nicht weiter berichten. Wie eine geprügelte Hündin machte ich mich mit meinem Einkauf von dannen.

Jetzt beim Schreiben erscheint es klar, die einfachste Lösung wäre vermutlich gewesen, die Maske unter die Nase zu schieben, wie es so viele tun. Aber als auf meine Mitmenschen bedachte Bürgerin war mir dieser Gedanke gar nicht gekommen. Und eine nachhaltige Lösung für die zahlreichen Situationen, die in den nächsten Monaten auf uns Brillenträger*innen zukommen werden, ist das natürlich auch nicht. Wir sind es ja von jeher gewohnt, mit zahlreichen Unannehmlichkeiten zu leben, wie eben in der kalten Jahreszeit dem Beschlagen der Brille, wenn wir geheizte Innenräume betreten. Die Maske potenziert diesen Effekt leider um ein Vielfaches durch die permanent nachströmende Atemluft.

Es wäre also ein geeigneter Zeitpunkt, sich endlich die lang ersehnte Laseroperation zu gönnen, könnte man sie sich leisten und würde sie in fortgeschrittenem Alter noch Sinn machen. Und wohl denen, die auf Kontaktlinsen umsteigen können. Alle anderen sind in den nächsten Monaten auf das Wohlwollen und Verständnis ihrer Mitmenschen angewiesen, die ihnen dann saisonbedingt bitte auch den Einkauf auf dem Wochenmarkt abnehmen sollten. Sollten Sie Sehende jemandem begegnen, der so plötzlich erblindet irgendwo in der Gegend herumsteht, scheuen Sie sich bitte nicht, ihm den Weg zu weisen, er wird es Ihnen danken.

Haltet durch, meine Brillenschlangenschwestern und -brüder. Ihr seid nicht allein.

Buchtipp: „Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Dieser Roman entfacht solch eine Sehnsucht nach den Bergen, dass ich mich am liebsten sofort auf den Weg gemacht hätte, Teil dieser besonderen Welt zu werden, sie so in mir aufzunehmen, wie sie der Autor heraufbeschwört. Denn dieses Ursprüngliche, Raue und Fordernde der Natur und der Berge hat wenig mit dem gemein, was der Wochenendausflügler erlebt, wenn er sich mit zahlreichen anderen Touristen von Alm zu Alm begibt. Kein Wunder, der Autor verbringt selbst die Sommer auf seiner Hütte auf 2000 Metern im Aostetal, er weiß also nur zu gut, wovon er schreibt.

„Acht Berge“ erzählt von der Freundschaft zwischen Bruno, der in sehr einfachen und schwierigen Verhältnissen in dem Bergdorf Grana lebt und dem Großstädter Pietro, der dort jedes Jahr seine Sommerferien verbringt. Pietros schweigsamer und oft aufbrausender Vater, der in Mailand nie wirklich angekommen ist, entstammt ebenfalls einem Bergdorf und nimmt den Sohn auf zahlreiche Routen in die Berge mit, bis diese Gemeinschaft eines Tages ein jähes Ende findet. Mit seinem Freund Bruno erkundet Pietro die zahlreichen verlassenen Höfe und Ställe des Dorfes, die stille Zeugen eines Lebens voller Entbehrungen sind, während sie Kühe hüten. Sie erklettern gemeinsam Felsen und Berge und lernen jeden Flecken dieses Stückchens Erde kennen. Während Pietro an den alten Traditionen festhalten will und von seiner eigenen Alm träumt, zieht es Pietro in die Welt hinaus. Und dennoch bleiben sich die Beiden, als sie erwachsen sind, verbunden und Pietro kehrt immer wieder in das Bergdorf zurück.

Der Zauber des Buches liegt an der Beschreibung der Landschaft, der Verbundenheit mit der Natur, dem Menschen als winzigen Teil derer, der sich ihr unterordnet, mit ihren Gaben und Herausforderungen lebt und manchmal auch daran scheitert. „Acht Berge“ erzählt aber auch von der Komplexität von Beziehungen, einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, dem Gefangensein in seinen Wurzeln, der Suche nach dem eigenen Weg und der Tragik des Lebens.

„Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Penguin Verlag ISBN 978-3-328-10344-8

Meine Freunde vom Autohaus

Ich begab mich im Juni auf die Suche nach einem neuen Auto, mal wieder, nach drei Jahren Leasing. Eine für mich sehr unliebsame Aufgabe, der ich nur mit Widerwillen nachkomme. Ein Auto muss für mich nur wenige Voraussetzungen erfüllen. Die Wichtigste: es muss mich zuverlässig von A nach B bringen. Optik und Marke – egal.

Um in diesen unsicheren Zeiten die Kosten gering zu halten, wollte ich mich diesmal nach einem Kleinwagen umsehen. Der Skoda Citigo schien geeignet. Ich fand tatsächlich ein Autohaus, das über ein Exemplar zur Probefahrt verfügte, sowie über einen Verkäufer, der sich nicht ausschließlich wegen Kurzarbeit zu Hause aufhielt. ( Ich wurde während meiner Suche in den kommenden Wochen noch des Öfteren versetzt, weil die Nachfrage nach Fahrzeugen offensichtlich weitaus größer war, als die physische Präsenz von Personal.)

Als ich zu einem namhaften Autohaus der Region fuhr, begrüßte mich der Verkäufer mit den Worten, ich könne gleich wieder fahren, sie nähmen sowieso keine Bestellungen mehr an, da sie eine solch lange Warteliste hätten, dass die Auslieferung bereits ein Jahr dauere. Wie war das noch mit Kaufprämien? Das einzige vorhandene Fahrzeug böten sie für einen völlig überteuerten Preis an, damit es auch ja niemand kaufe. Ist ja klar. Ich fragte mich schon, warum mich die freundliche Dame am Telefon nicht gleich über diesen Sachverhalt informiert hatte und beharrte darauf, mich wenigstens mal kurz hineinzusetzen, wenn ich schon extra gekommen war. Dass es das Fahrzeug nur noch elektronisch geben würde, wenn überhaupt jemals wieder, hatte mir die Homepage des Anbieters verschwiegen.

Ähnliche Erfahrungen bei anderen Marken. Die Schnäppchenpreise aus dem Internet galten stets nur für Neuwagenbestellungen, von denen aber niemand sagen konnte, wie lange die Lieferung dauern würde, da ja die Bänder stillstanden. Ah ja. Die Wagen allerdings, die bereits beim Händler auf dem Hof standen, kosteten gut und gerne das Doppelte wie ihre Zukunftsversionen aus dem Internet. Macht ja auch Sinn, wenn man etwas loswerden will. Kennt man vom Schlussverkauf, alles möglichst teuer anbieten, das steigert die Begehrlichkeit. Sehr gefreut habe ich mich dann über diese Mail eines überaus freundlichen Autoverkäufers:

Hallo Frau ***,

anbei das Leasingangebot über welches wir gerade gesprochen haben. Wie Sie ersehen können ist im Vergleich zum Flatrate Model das Leasing sehr hoch. Ich gehe davon aus, dass Ihnen das Angebot nicht zusagen wird.

Das bedauere ich natürlich sehr. Eine andere Alternative habe ich leider nicht. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und verbleibe.

Mit freundlichen Grüßen,

*****

Da fühlt man sich doch wirklich gut angenommen als Kunde. Das Gebrauchtfahrzeug, für das ich mich schließlich entschied, bekam ich übrigens ungewaschen, ohne Antenne und mit etlichen Kratzern übergeben.

Man kann vielleicht verstehen, warum ich bei finanziellen Hilfegesuchen der Automobilindustrie an die Bundesregierung jedes Mal zusammenzucke. Denn ich bin durchaus kein Einzelfall, mehrere, überaus sympathische Menschen, die ich kenne und die in den vergangenen Monaten ein Auto erwerben wollten, wurden behandelt wie Hautausschlag oder etwas anderes, das man auf keinen Fall haben möchte. Mir ist klar, dass der Verkäufer nicht mit dem Hersteller gleichzustellen ist, aber er steht eben doch am Ende der Lieferkette und repräsentiert die Marke. Für eine Umverteilung des Einkommens vom Autoverkäufer zum Werksarbeiter wäre ich jedenfalls eher zu haben, als für irgendwelche Subventionen. Herzen erobert man anders.

Spätsommerfreuden

Langsam bin ich angekommen und erfreue mich der wärmenden Sonnenstrahlen dieses wunderschönen Spätsommers, der ja schon fast Herbst ist. Und dann kam am Wochenende die Lust auf einen noch warmen Pflaumenkuchen mit Sahne. Tja, den muss man dann ja doch selber backen. Treuer Begleiter das Kochbuch von meiner Mutter aus dem Jahre 1954. So sieht es auch aus.

Noch nicht soweit.

Auf einmal bist Du nicht mehr da. Lässt mich im Dunklen sitzen. Dabei war ich kein einziges Mal im Sommernachtskino und viel zu selten im Biergarten.

Morgens ist es so frisch und unfreundlich, dass ich den Tag nicht mehr mit einem Kaffee auf dem Balkon begrüßen kann. Dabei bin ich noch nicht soweit, möchte ich in den Himmel schreien.

Der Mann sagt, es liegt vielleicht daran, dass wir nicht am Meer waren, in diesem besonderen Jahr. Mag sein.

Dabei kann ich Deine Hitze nicht leiden, Deine Helligkeit dafür umso mehr. Die brauche ich fast wie die Luft zum Atmen.

Sommer, ich bin echt sauer, dass Du Dich einfach so vom Acker gemacht hast, ohne mir vorher Bescheid zu sagen.

(Ella)

Buchtipp: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

Was wissen wir von Indianern? Den meisten fallen vermutlich als erstes Karl Mays Geschichten vom tapferen Winnetou und seinen Apachen ein, oder das Gemetzel von Wounded Knee. Vielleicht auch die Weisheit der Cree-Indianern:

 

Erst, wenn der letzte Baum gerodet,

der letzte Fluss vergiftet,

der letzte Fisch gefangen ist,

werdet ihr feststellen,

dass man Geld nicht essen kann.“

 

Leider aktuell wie nie. Aber wie Indianer heute leben, damit kommen wir kaum in Berührung. Diese Lücke schließt der Autor Sherman Alexie, der selbst als Spokane Indianer in einem Reservat aufwuchs, mit diesem autobiographischen Roman, den er bereits 2009 veröffentlichte und über den wir als Hörbuch bei der Onleihe, der digitalen Ausleihe unserer Bücherei gestolpert sind.

Die Lebensrealität seiner Hauptfigur Arnold Spirit Junior und dessen Stamm ist düster. Ein Großteil der Erwachsenen ist alkoholabhängig und hat keine Arbeit, die Menschen sind arm und haben eine schlechte Bildung. Dementsprechend groß sind Gewaltbereitschaft und Sterblichkeit und der 14-jährige Junior, wie ihn die Spokane nennen, war in seinem jungen Leben bereits auf zweiundvierzig Beerdigungen. Von seinem Lehrer ermutigt, entschließt sich der aufgeweckte Jugendliche, den Teufelskreis zu durchbrechen und auf die High-School in Rearden, die außerhalb des Reservats liegt und in die sonst nur Weiße gehen, zu wechseln. Nicht nur in der neuen Schule ist er ein Außenseiter, für seinen besten Freund Rowdy und viele andere Indianer wird er durch das Verlassen der Reservats zum Verräter. Schon der Schulweg wird zum Abenteuer, denn wenn sein Vater ihn nicht bringen kann, weil das Geld mal wieder nicht für Benzin reicht oder ihn jemand anders mitnehmen kann, muss er die etwa dreißig Kilometer laufen. In der Schule versucht er zu verheimlichen, aus welchen Verhältnissen er stammt, er kämpft gegen Vorurteile und rassistische Äußerungen und lebt in einem Spagat zwischen den Welten. Als er wie durch ein Wunder ins Basketballteam der Schule aufgenommen wird, sich den Respekt eines der coolsten Jungen der High-School erwirbt und die Zuneigung eines der hübschesten Mädchen der Schule, wendet sich langsam das Blatt und Arnold, wie ihn die Weißen nennen, stellt irgendwann fest, dass die Welt nicht in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist und auch nicht in Indianer und Weiße, sondern, dass es überhaupt nur zwei Stämme gibt: Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher. Der Ich-Erzähler erzählt sein bewegtes Leben mit tiefschwarzem Humor und so muss man bei aller Traurigkeit immer wieder laut auflachen, wenn er entwaffnend ehrlich von seinen persönlichen Unzulänglichkeiten berichtet oder von der Schwärmerei für seine Mitschülerin, die er selbst dann total sexy findet, als er sie beim Kotzen auf der Schultoilette findet. „Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers“ ist ein Roman, der noch lange nachhallt, nachdem der letzte Satz verklungen ist.

 

Empfohlen ab 12 Jahren

Dtv Taschenbücher   ISBN-13: 9783423247429

 

Toll auch als Hörbuch, gelesen von Konstantin Graudus !

 

Mein Pubertier und ich

Nie hätte ich gedacht, dass die Pubertät so schwer auszuhalten sein würde. Ich hatte sie mir anders anstrengend vorgestellt.

Es gibt gute Tage, an denen dem Kind der Schalk nur so im Nacken sitzt. Ich staune darüber, wie es unaufhaltsam wächst und seine Kräfte misst und kaum weiß, wohin mit seiner Energie. Und es gibt (für mich) schlechte Tage, an denen ich akzeptieren muss, dass ausgerechnet ich die letzte Person bin, die diesem Kind nahe kommen kann und darf, weil allein mein Dasein nervt. Mein ewiges Kümmern, Aufgaben verteilen und mir Gedanken machen. Vor allem um den Medienkonsum. Es ist schwer auszuhalten, auf den einen Moment zu warten, in dem sich sein Fenster öffnet und es von sich erzählt und ich weiß, dass es nichts, aber auch rein gar nichts bringt, vorher etwas in Erfahrung bringen zu wollen. Und wehe ich verpasse ihn.

Das ist gerade meine größte Herausforderung. Mich zurücknehmen und darauf vertrauen, dass die Dinge ihren (guten) Lauf nehmen, auch wenn ich mit einigem nicht so ganz einverstanden bin. Aber man wächst ja mit seinen Aufgaben. Zumindest hoffe ich das.

Der Mann aus dem Mainstream

Auch, wenn es einige von Euch vielleicht schon ( in Auszügen) gesehen oder davon gelesen haben, es lohnt sich, dem Kabarettisten Florian Schroeder zuzuhören, wie er auf mutige, intelligente und sachliche Weise die Auseinandersetzung mit den Teilnehmer*innen einer Anti-Corona-Demo in Stuttgart sucht. Respekt!

Jugendlohn statt Taschengeld – ein Schweizer Modell

Als ich mich am Wochenende mit Freunden traf, die in der Schweiz leben, erzählten sie mir vom Jugendlohn, der dort ganz üblich zu sein scheint. Sobald die Kinder zwölf Jahre alt werden, wird dieses Modell in vielen Familien eingeführt. Dabei versuchen die Eltern gemeinsam mit dem Kind möglichst realistisch abzuschätzen, welchen Betrag es durchschnittlich im Monat benötigt, um Kleidung, Kosten für den öffentlichen Verkehr, Kosmetik und Hobby finanzieren zu können und sich auch selbständig darum kümmern zu können (und müssen). Ein Vertrag hilft dabei, ganz klar zu definieren, welche Kosten das Kind trägt und welche die Eltern. Wohnen, Essen, Versicherungen oder Familienferien sind beispielsweise davon ausgeschlossen. Wichtig ist natürlich, dass die Kosten den Verhältnissen der Familie angepasst sind und dass die Eltern auch konsequent bleiben, wenn sich das Kind einmal verkalkuliert und ihm nicht dann doch Geld zustecken. So fördert der Jugendlohn Selbstverantwortung und Selbständigkeit und hilft, ständige Konflikte ums Geld zu vermeiden. Und er ist ein gute Möglichkeit für die Jugendlichen, den Umgang mit Geld zu üben und bei Volljährigkeit nicht gleich in die Schuldenfalle zu tappen, weil die Kosten für das WG Zimmer, Handy, Internet und Lifestyle höher sind, als gedacht. Mir gefällt dieses Konzept sehr gut, denn beim Taschengeld haben wir oft das Problem, das nicht wirklich klar ist, für was es genau gedacht ist und für was dann doch die Eltern zuständig sind. Meine E-Mail Adresse habe ich gerne angegeben, um die Arbeitsblätter zur Berechnung des Lohns und den Arbeitsvertrag herunterladen zu können, denn Jugendlohn ist ein Verein, der weiterhin an der Verbesserung und Weiterentwicklung des Modells forscht und deshalb gerne per E-Mail nach Erfahrungen fragen möchte. Aber das will ein Händler ja auch, wenn ich etwas bei ihm im Internet kaufe. Die Schweizer sind ja bekannt für ihr glückliches Händchen mit Geld. Vielleicht nimmt es genau hier seinen Anfang.

 

 

Das Lieferkettengesetz – ein mehr als wichtiger Schritt gegen die Gleichgültigkeit

Lieferkettengesetz-Motiv_Allgemein_quer_sRGBDer Glaube an das Gute in dieser Welt und in der Politik im Speziellen wird einem ja häufig schwer gemacht. Dass sich Hubertus Heil, SPD, Minister für Arbeit und Soziales, und Entwicklungsminister Gerd Müller, CSU, dafür einsetzen, ein Lieferkettengesetz für die Wirtschaft durchzusetzen, ist da ein echter Lichtblick. Dies wäre ein so wichtiges Zeichen, dass es uns nicht egal ist, dass wir auf Kosten anderer leben, sondern Verantwortung dafür übernehmen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in aller Welt, die für uns und unseren Wohlstand schuften, zu verbessern und internationalen Standards anzupassen.

In dem Gesetz geht es darum, dass Unternehmen Risiken analysieren und wirksame Maßnahmen ergreifen müssen, damit es bei der gesamten Produktion nicht zu Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung kommt. Es kann dann beispielsweise nicht mehr billigend in Kauf genommen werden, dass immer noch Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten oder durch die Textilindustrie Flüsse und Seen vergiftet werden. Dass Menschen aufgrund des Anbaus von Rohstoffen, die wir benötigen, sich keine Nahrung mehr leisten können oder der Wassermangel zunimmt. Außerdem soll es Betroffenen von Menschenrechtsverletzungen die Möglichkeit geben, vor deutschen Gerichten Schadensersatzzahlungen bei Verstößen einzuklagen, wie es beispielsweise nicht möglich war, als die Textilfabrik Ali Enterprises 2012 in Pakistan abbrannte und 258 Arbeiterinnen ums Leben kamen.

Viele Beispiele und Zusammenhänge sind auf dieser Seite anschaulich aufbereitet: Fallbeispiele

Was wir nie hätten zulassen dürfen und es aber über Jahrzehnte getan haben, können wir jetzt vielleicht ein Stück weit korrigieren. Natürlich werden Produkte dadurch teurer werden und vielleicht geht es dann endlich in Richtung weniger kaufen , dafür aber hochwertiger. Und vielleicht fliegt dann ein T-Shirt für 4,99€ nicht mehr um die halbe Welt, wie ihr neben vielen anderen Infos mehr in dieser beeindruckenden Wissenssendung von Quarks sehen könnt.

Quarks: Der Kleiderwahnsinn und wie wir ihm entkommen können

Ich hoffe wirklich sehr, dass das Lieferkettengesetz verabschiedet wird, ohne vorher noch weichgespült zu werden. Wer dergleichen Meinung ist und die Petition für das Gesetz unterschreiben möchte, findet den Link hier: Petition zum Lieferkettengesetz

Covid-19 und die Sache mit der Toleranz

Im Gegensatz zu vielen Menschen, die Corona nicht mehr als ernstzunehmende Gefahr ansehen und ihr Leben wieder ziemlich frei genießen, beschäftigt mich dieses Virus jeden Tag aufs Neue. Jedes Mal dann nämlich, wenn ich wieder in mich hineinhöre, um zu überprüfen, dass da auch wirklich nichts kratzt oder läuft und ich gesund bin. Ich muss nämlich jeden Arbeitstag wieder die Entscheidung treffen, ob ich es verantworten kann, anderen Menschen sehr nahe zu kommen. Ich bin hauptberuflich selbständige Visagistin und mit dem Schutz ist es da so eine Sache. Zumindest die Person, die ich schminke, trägt keinen Mundschutz. Natürlich versuche ich alles zu tun, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Ich sitze bevorzugt am geöffneten Fenster, desinfiziere und wasche mir die Hände ständig, reinige alle Arbeitsmaterialen penibel. Was das hilft, wenn man sich den ganzen Tag wiederholt so nahe ist, sei dahingestellt. Wenn ich arbeite, bin ich immer wieder mit unterschiedlichen Teams zusammen, das heißt, der Personenkreis, mit dem ich beruflich zusammentreffe, ist relativ groß.

Warum ich das alles erzähle? All das sind die Gründe, warum ich im Privatleben immer noch größere Menschenmengen und Innenräume vermeide, weil ich das Risiko einer Infektion, aber auch nur den möglichen Kontakt zu einer infizierten Person, so gering wie möglich halten möchte. Denn Quarantäne bedeutet für mich auch, dass ich kein Geld mehr verdienen kann. Ich kann auf kein Homeoffice ausweichen. Eine Bekannte gab mir den scheinbar wohl gemeinten Tipp, ich müsse mich ja bei einem Verdacht nicht testen lassen. Im Ernst? Das ist für mich absolut unverantwortlich, wissentlich das Risiko einzugehen, das Virus in ein Studio, eine Firma oder gar ein Krankenhaus einzuschleppen, nur um weiter arbeiten gehen zu können. Mit dem Risiko, dass jemand wegen meinem Fehlverhalten sterben könnte.

Es gibt ja viel Wissen und Unwissen, Theorien und Verschwörungstheorien rund um Corona und auch ich habe keine Ahnung, was es wirklich mit diesem Virus auf sich hat. Es scheint aber, nach allem, was man von bislang aufgetretenen Ausbrüchen weiß, etwas an der Verbreitung durch Aerosole dran zu sein. Verbreitet wurde Corona beim Feiern in Innenräumen, bei Gottesdiensten und Chorgesang. Deshalb treffe ich mich mit Freunden und Familie noch immer am liebsten im Freien, im Augenblick geht das ja wunderbar, wie ich es im Herbst und Winter handhaben werde, muss ich dann neu entscheiden, wenn es soweit ist.

Jeder darf selbst entscheiden, wie er mit den Verhaltensmaßnahmen umgehen möchte und ich habe wirklich Verständnis dafür, wenn Arbeitnehmer, die mit den immer gleichen Kollegen auf Abstand in einem Büro sitzen oder teilweise sogar noch immer im Homeoffice arbeiten, diese großzügig auslegen und die Zeit, in der es wenig bekannte Neuinfektionen gibt, dazu nutzen, sich mit Freuden zu treffen und auch drinnen zu feiern und das Leben zu genießen. Ich würde mir aber auch wünschen, dass ich mich nicht jedes Mal erklären muss und mir Unverständnis begegnet, dass ich mich nicht locker mache. Das kann ich leider nicht, denn bei allen Reihentests, die gemacht werden, sei es bei Sportlern, in Altenheimen oder Kindergärten, gibt es leider immer wieder Infizierte, die keinerlei Symptome hatten. Und solange das so ist, kann ich nicht so tun, als würde mich das alles nichts angehen. Und dafür wünsche ich mir einfach mehr Toleranz und Offenheit.

Buchtipp: „Herkunft“ von Saša Stanišić

Ich bin gespannt, wie sich die Literatur durch Corona verändern wird. Ob es stets einen Bruch in „vor“ und „nach“ geben wird, insbesondere bei Biographien. Die neue Stunde Null sozusagen. In diesem Bewusstsein genieße ich die coronafreie Lesezeit mit den Neuerscheinungen des vergangenen Jahres.

Herkunft_von Sasa Stanisic„Herkunft“ von Saša Stanišić ist eines dieser Bücher, ausgezeichnet mit dem deutschen Buchpreis und das wirklich mehr als verdient. Stanišić ist ein Sprachkünstler, der zauberhaft mit einer Sprache jongliert, die ihm erst im Alter von zwölf Jahren zu eigen wurde, als er mit seinen Eltern vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland floh. Und der es irgendwann wagte, in dieser Sprache zu schreiben, weil ihn sein Deutschlehrer dazu ermutigte. „Herkunft“ ist eine fiktionale Biographie, in der er sich auf die Reise in eine Zeit begibt, die seiner geliebten Großmutter, die zunehmend an Demenz erkrankt, allmählich entgleitet. Spielerisch springt der Autor durch die Zeiten, erzählt von seiner Jugend in Heidelberg, als er es kaum wagte, jemanden mit nach Hause zu nehmen, weil die Familie in so bescheidenen Verhältnissen lebte, er erzählt von einem Jugoslawien, in dem alle ziemlich friedlich zusammenlebten, bis das der aufpeitschende Nationalismus unmöglich machte, er erzählt von seinem Vater, der ihn als Kind vor dem Angriff einer Poskok, einer Hornotter, rettete, von der Heimat seiner Großeltern, der Landschaft und den Menschen. Manches ist wahr, manches ist erfunden und ein wenig phantastisch im besten Sinne. So erwartet den Leser ein ganz besonderes Ende der Geschichte oder auch zwei?

„Herkunft“ ist ein sehr besonderes Buch, voller Humor, Liebe und Freude am Leben und der Sprache. Wie es Thomas Hummitzsch vom Rolling Stone formulierte: „Sasa Stanisic ist ein Poet und Revolutionär, der seine eigentliche Heimat in der Sprache gefunden hat.“ Treffender lässt sich das nicht sagen.

Wer mehr darüber erfahren möchte: Buchbesprechung SWR2

„Herkunft“ von Saša Stanišić

ISBN: 978-3-630-87473-9   Verlag: Luchterhand