Das Volksbegehren und wie es weitergeht

BlütenWie ihr sicher alle mitbekommen habt, war das Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt in Bayern ein voller Erfolg. Mit 18,4 Prozent der Stimmen wurde die erforderte Quote von 10% weit übertroffen. Ermutigt durch den hohen Zuspruch in der Bevölkerung soll die Initiative jetzt vielleicht auch deutschlandweit durchgeführt werden. Ein klares Statement der Bürgerinnen und Bürger. Wer sich aktiv für mehr Pflanzen- und Artenvielfalt auf Äckern einsetzen möchte, kann das über das Portal Bluehwiese-kaufen tun. Stefan Greif, ein junger Landwirt aus dem oberfränkischen Pinzberg, hatte die Idee, Landwirte und Verbraucher zusammen zu bringen und hat ein Portal entwickelt, auf dem man durch einen Spendenbeitrag Pate einer Blühwiese werden kann und damit dem Landwirt einen finanziellen Ausgleich für die Nichtbewirtschaftung der Fläche leistet. Stefan Greif möchte damit kein Geld verdienen, sondern die Idee des Artenschutzes unterstützen. Eine gute Sache, finde ich. Sollte sich das Portal in Bayern bewähren, möchte auch er sein Projekt deutschlandweit anbieten.

Buchtipp: Alle, außer mir

Alle, außer mirWelche Assoziationen habt ihr zu „Italien“?

Bei mir sind das neben der aktuellen Politik noch immer Berlusconi, die Mafia und das gute alte Dolce Vita – Sonne, Strand, Vespa und Meer satt. Von einer ganz anderen, eher unbekannten Seite der italienischen Geschichte erzählt Francesca Melandri in ihrem Roman „ Alle, außer mir“. Eines Tages klingelt der junge Äthiopier Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti an der Tür der Lehrerin Ilaria und behauptet, ihr Neffe zu sein. Da ihr Vater, Attilio Profeti, der inzwischen an Demenz leidet, bereits einen unehelichen Sohn hat und lange Zeit ein Doppelleben geführt hat, beginnt Ilaria zusammen mit ihrem Halbbruder in der Vergangenheit ihres Vaters zu recherchieren. Dieser war tatsächlich ab 1935 als Schwarzhemd während der Eroberung  durch die faschistischen Truppen Mussolinis und in den Jahren danach in Äthiopien und während Shimeta von seiner Fluchtgeschichte von Äthiopien nach Italien unter unmenschlichen Umständen, von Willkür und Ablehnung italienischer Behörden berichtet, wird immer wahrscheinlicher, dass dessen Behauptung über seine Herkunft wahr ist. Wir erfahren unterdes vom Wahnsinn der Kolonialisierung, vom Abschlachten, vom Sieg der Italiener durch den völkerrechtswidrigen Einsatz von Senfgas, von Massenvergewaltigungen und Misshandlungen und all das mit der Rechtfertigung von Rassengesetzen, den minderwertigen Völkern die italienische Kultur zu schenken und das Sklaventum zu beenden. Denn in Äthiopien betrachteten die Amharen die Oromo als minderwertig und unterdrückten diese. „Sangue giusto“ heißt der italienische Titel des Buches und darum geht es in diesem Roman, das „richtige“ Blut. Liest man im Jahr 2019 von diesen Gräueltaten, fragt man sich, wie man überhaupt jemals auf die Idee kommen konnte, einfach so in ein Land einzumarschieren und es zu erobern. Es erscheint so absurd. Aber auch diese Entwicklung hat natürlich ihren Ursprung weit vorher. Italien war bei der Eroberung von Kolonien spät dran und auch die Italiener wollten sich ihren Platz an der Sonne sichern. Attilio Profeti jedenfalls, dem als stattlichen, gut aussehenden Mann oft die Gunst der mächtigen Faschisten zu Teil wurde, gelingt es, auch in den Jahrzehnten danach seine Chancen zu nutzen und sich ungeschoren durch sein Leben zu lavieren, was eng mit der weiteren Entwicklung der italienischen Politik verbunden ist. Was mich wirklich erschreckt hat, ist, wie wenig ich von der Kolonialisierung durch die europäischen Staaten, Deutschland eingenommen, wusste und wie wenig sie allgemein thematisiert wird und somit auch die europäische Verantwortung für die Geschichte gerade vieler afrikanischen Länder klein gehalten wird. In „Alle, außer mir“, treffen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Es wird mal wieder klar, dass alles miteinander verwoben ist und wir nicht nur Bruchstücke betrachten können, um uns ein gesamtes Bild vor Augen zu rufen. Ein wirklich beeindruckender Roman.

Wer mehr erfahren möchte, findet hier ein Interview mit Franceca Melandri.

Und ebenfalls bei Deutschlandfunk mehr Hintergründe zur Eroberung Äthiopiens.

Francesca Melandri, „Alle, außer mir“

ISBN 9783803132963 Verlag Wagenbach

 

Von Barbies und Kens

Barbie

Das ist meine erste Barbie. Ich kann mich zwar nicht mehr an ihren Namen erinnern, aber ich weiß, dass sie mein Frauenbild nachhaltig geprägt hat. Zumindest hatten alle Frauen, die ich als Kind und Jugendliche gezeichnet habe, Beine, die 2/3 ihrer Körperlänge ausmachten. Meine Eltern versuchten zwar, Barbies Einzug in unseren Haushalt zu verhindern, aber sie waren machtlos. Ich wollte sie und nur sie. Zumindest schafften sie es, mit ihrer Wahl ein Statement für „Diversity“ und gegen blondes Haar und blaue Augen zu setzen. Als ich dann heranwuchs, hörten meine Beine viel zu früh auf, emporzustreben, mein Busen kam über einen A-Cup nicht hinaus, die Taille blieb androgyn und noch so einiges andere entsprach gar nicht meinen Erwartungen. Verglichen mit Barbie war ich ein echtes Mängelexemplar, sofort zu retournieren. Es fiel mir schwer, meine Vorzüge zu sehen, was ich nicht allein ihr in die Schuhe schieben will. Das Glück, zu einem selbstbewussten Menschen heranzuwachsen und sich so zu mögen, wie man ist, ist nicht vielen gegeben.

Als ich Mutter zweier Söhne wurde, war ich froh, dass zumindest ihnen dieses Schönheitsideal nicht würde gefährlich werden können, selbst, wenn ich ihre Zimmer mit Barbiepuppen hätte tapezieren wollen (mal die Spätfolgen bei der Wahl der zukünftigen Schwiegertöchter in spe außen vor gelassen). Um so geschockter war ich, als ich letzthin im Bad mitbekam, wie sich meine Jungs gegenseitig mit ihren „Speckpacks“ * neckten. Meine ganz normalen, noch ziemlich jungen Kinder machen sich Gedanken über ihr Aussehen! Von wegen Barbie. Sie haben längst ihre eigenen Kens gefunden, Youtuber, die mit nacktem Oberkörper samt Sixpack Fitnessübungen vorturnen. Sie haben sich von uns ganz unbemerkt ins Kinderzimmer geschlichen und wir können dagegen so wenig tun, wie meine Eltern seinerzeit. Und Barbie ist ein ****dreck gegen das heutige Angebot von durch Make up, Filter und Photoshop optimierter scheinbar perfekter Vorbilder. Ich werde das ein oder andere Stoßgebet zum Himmel schicken und hoffen, meine Kinder werden sich dem Einfluss so manchen Influencers, deren Namen nicht umsonst dem der Influenza ähnelt, entziehen können( das war jetzt höchst unsachlich). Und natürlich auch sonst alles tun, um sie stark zu machen. Ansonsten wohl abwarten und Tee trinken.

Ein wenig nostalgisch werde ich trotzdem, wenn ich meine Barbie so dasitzen sehe. Wir haben viele schöne Stunden zusammen verbracht.

 

* Beim „Speckpack“ handelt es sich in diesem Falle um einen ganz normalen Bauch, bei dem sich kein Sixpack abzeichnet.

Buchtipp: „Niemandsland“

niemandsland„Niemandsland“ von Caroline Brothers beginnt sperrig. Der dreizehnjährige Aryan und sein achtjähriger Bruder Kabir versuchen gemeinsam mit anderen Flüchtlingen über den Evros nach Griechenland zu gelangen. Hinter ihnen liegt schon eine endlos lange Reise von Afghanistan über den Iran in die Türkei, allein auf sich gestellt, da die Eltern und ein älterer Bruder getötet wurden. Caroline Brothers, die sich als investigative Journalistin und anderem für die New York Times, viele Jahre mit Migration und Flüchtlingsströmen beschäftigt hat, schildert absolut realistisch und detailliert die Flucht zweier Kinder und was sie beschreibt, raubt einem den Atem. Alle Informationen und Bilder, die ich in den letzten Jahren zum Thema Flüchtlinge gesammelt habe, setzen sich wie ein Puzzle zusammen und finden sich auf grausame und menschenunwürdige Weise bestätigt. Ausbeutung und Versklavung auf Obstplantagen, Treffpunkte von Landsmännern in Stadtparks, Lager aus Pappkartons im Winter, durchlaufene Schuhe, die Skrupellosigkeit von Schleppern, Mißhandlung und Polizeigewalt. Und mittendrin zwei Kinder, die sich gegenseitig Kraft geben und am Leben halten und diesen Wahnsinn zusammen durchmachen. Aryan, der nach besten Kräften versucht, für sich und den kleinen Bruder die richtigen Entscheidungen zu treffen und Kabir, der mit seinem unbedarften, fröhlichen Wesen Herzen öffnet. In dessen Gesicht die Männer auf der Flucht ihre Kinder oder Brüder wiederfinden, die sie zurücklassen mussten. Die Geschichte vom „Niemandsland“ ruft ein fast schmerzendes Bewusstsein für das Unrecht hervor, das Menschen auf der Flucht widerfährt, dass sich nicht mehr so einfach wegschalten lässt. Es sind eben nicht mehr nur „die Flüchtlinge“, es sind jetzt Aryan, Kabir, Hamid, Jonah oder Khaled, die diese unerträglichen Zustände aushalten müssen. Eigentlich hatte ich das Buch als Jugendbuch gekauft, wir haben es dann aber zusammen gelesen und das war auch gut so. Caroline Brothers hat eine Geschichte aus vielen Fluchtgeschichten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aufgezeichnet. Wer sie liest, wird nicht mehr mit Parolen gegen Flüchtlinge hetzen können, sondern ihnen mit Verständnis begegnen. „Niemandsland“ ist auch ein Buch für Erwachsene gegen die Gleichgültigkeit auf dieser Welt.

„Niemandsland“ von Caroline Brothers

Bloomsbury Verlag  ISBN 978-3-8270-1057-5

Volksbegehren Artenvielfalt (Bayern)

volksbegehren-artenvielfalt.pngSo, auch unsere Stimme ist jetzt gefragt, damit 1 Million zusammen kommen. Eine große Initiative setzt sich dafür ein, dass Bayerische Naturschutzgesetz zu verändern. Es geht um den Erhalt der Artenvielfalt, beispielsweise durch einen Biotopverbund, mehr Blühwiesen und weniger Pestizide, aber auch um Naturschutz als Teil der schulischen Bildung. Wer Genaueres lesen möchte, findet Infos hier:

Volksbegehren Artenvielfalt

Macht mit!

Die Anderen

die_anderen_sternKennt ihr sie auch, die Anderen, diese Lichtwesen, bei denen es zu Hause immer lustig und harmonisch zugeht, die immer gut gelaunt und verständnisvoll sind und noch dazu total gut kochen können? Das Interessante daran ist, dass das, was mir meine Kinder von den Familien ihrer Freunde berichten, wiederum die Freunde meiner Kinder ihren Eltern über uns erzählen. Wie kann das sein? Ich, die ich die am wenigsten Nette aller Mütter bin, die Strengste und Unnachgiebigste, schaffe anderen Kinder eine heimelige Atmosphäre am Herd? Unvorstellbar. Oder wie meine Freundin es bei ihrem letzten Besuch formulierte: Ihr seid eine richtige Bilderbuchfamilie. Ha, wir sind sicherlich viel, aber bestimmt keine Bilderbuchfamilie. Naja, vielleicht doch, beim Bilderbuch bleibt ja vieles unausgesprochen, es geht eben vor allem um schöne Bilder. In Bilderbüchern finden sich jedenfalls keine Essays darüber, wie sich Eltern beispielsweise in „Alt-ehe-distanz“ üben ( ein herrliches Zitat jener Freundin) oder wie die Kinder cholerische Anfälle bekommen, weil sie im Unterzucker sind oder ob die Mutter rummotzt, weil mal wieder jeder seine Sachen hat liegen lassen oder sie einfach völlig am Limit ist. Diese unschönen Situationen des Alltags finden allerdings eher nicht statt, wenn Freunde zu Besuch sind. Man nimmt sich Zeit, räumt vorher auf, backt vielleicht einen Kuchen und sitzt dann einfach ganz entspannt zusammen, weil ja alles erledigt ist und man einfach nur mal schnacken kann. Die Kinder spielen ausgiebig und zufrieden und müssen keine Hausaufgaben machen. Man kann sich von seiner besten Seite zeigen und auch der vielleicht sonst eher stille Gatte plaudert ganz angeregt und man erfährt Dinge, von denen man bis lang nicht das Geringste ahnte. (Ach, das ist übrigens ein Tipp für langjährige Ehen, wie ich letztens gelesen habe. Sich öfter mal mit anderen Paaren zum Ausgehen verabreden. Soll sehr befruchtend sein, wie auch immer das gemeint war.) Also, zurück zur Sache. Wenn eure Kinder das nächste Mal von den Anderen schwärmen, klopft euch auf die Schulter und freut Euch im Stillen, denn ihr wisst Bescheid. Denn auch ihr seid die Anderen. Herzlichen Glückwunsch!

 

Buchtipp: „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

In den letzten Monaten sind mir so viele gute Bücher untergekommen, dass ich langsam einen Bücherblog bestücken könnte. Naja, dazu würde es vermutlich nicht ausreichen, aber das ein oder andere Werk möchte ich gerne mit Euch teilen.

Anfangen möchte ich mit „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen. Dieser Roman erzählt die Geschichte des kleinen friesischen Dorfes Brinkebüll und seiner Bewohner, beginnend in den 60er Jahren.

mittagsstunde

Da gibt es beispielsweise Dora Koppmann, die den Dorfladen führt und sich gerne „über die Gören mit den klebrigen Gesichtern und den Grabbelfingern“ ärgert. Oder den Dorflehrer Steensen, der auch mal einen „Dööskopp“ und ein „nichtsnutziges Stück Kind“ im Unterricht züchtigt und von dem sich keiner vorstellen kann, dass er jemals etwas anderes als Lehrer gewesen sein könnte. Oder auch Marret Ünnergang, von der niemand weiß, warum die so „verdreiht“ ist und die lieber über Trampelpfade streunt und Schneckenhäuser und andere Fundstücke sucht, als der Mutter in der Dorfwirtschaft zu helfen.

Der Roman erzählt vom Dorftrinker, dem Pastoren, den Bauern, der Bäckersfamilie und allen anderen „Dörpsmenschen“ und von Ingwer Feddersen, der in eben dieses Dorf hineingeboren wird, es aber als einer der wenigen auch wieder verlässt, weil er zunächst die höhere Schule besucht, um nach dem Abitur in Kiel Archäologie zu studieren und dort zu bleiben. Er lebt dort in einer freigeistigen Wohngemeinschaft, mit Ranghild, rebellischer Tochter aus gutem Haus, mit der er auch manchmal das Bett teilt, und Claudius, großspurigem Spross einer Juristenfamilie.

Ingwer, der sich aufgrund seiner Herkunft den Akademikern aus gutem Haus nie ganz zugehörig gefühlt hat, merkt mit knapp 50, dass er sich nach Verbindlichkeit und Zugehörigkeit sehnt und diese in seinem jetzigen Leben nicht findet. Er möchte herausfinden, wo er hingehört und beschließt ein Sabbatical zu nehmen und nach Brinkebüll zurückzukehren, um Ella und Sören Feddersen zu pflegen, die ihn großgezogen haben. Sören, der, inzwischen 92 Jahre alt, noch immer, je nach Tagesform mit oder ohne Rollator, hinter dem Tresen der in die Jahre gekommenen Dorfschenke steht, hat es Ingwer immer übel genommen, dass er das Dorf verlassen hat, anstatt seine Nachfolge anzutreten. „Ha! Op de hoge School!“, zu den „Studierern“, waren seine Kommentare zum Lebensweg des Jungen. Die Szenen, in denen Ingwer Feddersen nun seine Zieheltern einfühlsam pflegt, haben mich sehr berührt.

Dörte Hansen beschreibt liebevoll und plastisch die knorrigen Charaktere Brinkebülls, bestückt mit plattdeutschen Ausdrücken, die die Personen noch lebendiger machen. Sie erzählt von den ungeschriebenen Gesetzen, die das Dorfleben regeln, vom Wegschauen, Vertuschen und Zusammenhalten. Die Autorin verdeutlicht aber auch beeindruckend den Wandel des dörflichen Lebens durch Flurbereinigungsmaßnahmen, den Ausbau von Straßen und die Optimierung landwirtschaftlicher Betriebe. Vom ursprünglichen Dorfleben ist nicht mehr viel übrig, als die ersten Großstädter beginnen, draußen auf dem Land ihr Glück zu suchen.

Ein intensiver und trotzdem leichtfüßiger Roman!

 

Dörte Hansen, „Mittagsstunde“

Penguin Verlag  ISBN: 978-3-328-60003-9