Buchtipp!

Eine Freundin fragte mich vor Kurzem, ob ich nicht mal wieder ein Buch vorstellen könne. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Wochen keine Bücher gelesen hätte, aber damit ich sie vorstelle, müssen sie schon einige Kriterien erfüllen. Sie sollten nicht zu speziell sein, d.h. mich nicht nur aus ganz persönlichen Beweggründen wie beispielsweise meiner eigenen Familiengeschichte interessieren. Und ich muss auch keine Bücher vorstellen, die sowieso schon in aller Munde sind, weil sie entsprechend Publicity haben, wie beispielsweise „Unter Menschen“ von Juli Zeh. Auch wenn es das erste Buch war, das ich von ihr gelesen habe, das ich mochte. Frau flieht vor ihrem Leben und dem corona- und klimaüberkorrekten Lebensgefährten aus Berlin nach Brandenburg, wo sie einen überzeugten Nazi zum Nachbarn bekommt. Bald beschäftigt sie die Frage, ob ein Nazi wirklich immer automatisch ein Arschloch ist oder ob es neben dem Schwarz und Weiß auch noch Grautöne gibt. Weil Menschen nicht immer in ihre Schubladen passen. Sehr unterhaltsam, aber ich wollte das Buch ja gar nicht empfehlen;-)

Das wichtigste Kriterium für eine Buchvorstellung- es muss mich irgendwie begeistern und nicht nur ganz nett sein. Und das trifft auf die Bücher „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road” von Daniel Speck zu. Ich habe mich allerdings dagegen gewehrt, sie zu mögen. Denn eigentlich ist von allem zu viel, die Verflechtungen, die Erzählstränge, die Charaktere sind zu groß, die Liebe zu tief, die Augen zu dunkel. Aber dieser Mann kann einfach schreiben, man bemerkt sofort seine Tätigkeit als Drehbuchautor, so filmisch sind manche Szenen. Man sieht die Straßen, Menschen und Landschaften vor sich. Jedes Kapitel endet mit einer Art Cliffhanger, so dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Das Fesselndste aber ist der geschichtliche Hintergrund seiner Romane. Unter französischer Besatzung waren viele Sizilianer nach Tunesien eingewandert, um ein neues Leben zu beginnen. So entstand das Viertel „Piccola Sicilia“ in Tunis, in dem zu Beginn der 1940er Jahre Juden, Muslime und Christen in guter Nachbarschaft miteinander lebten. 1942 gelangt auch der junge Fotograf Moritz Reincke dorthin, um heroische Bilder von Rommels Afrikafeldzug für die Wochenschau zu liefern. Dass an diesem Feldzug überhaupt nichts heroisch ist und die Truppen längst auf dem Rückzug sind, blendet er ebenso aus wie seinen Anteil an den Taten der Nationalsozialisten. Das ändert sich, als er eine unvorhergesehene Entscheidung trifft und bald darauf die Alliierten einmarschieren. Moritz taucht unter und nimmt eine neue Identität an.

„Jaffa Road“ ist die Fortsetzung des Lebens des Moritz Reincke und deshalb kann ich kaum etwas darüber erzählen, ohne zu verraten, wie der erste Teil geendet hat. Nur so viel: wer sich für die Staatsgründung Israels, die Vertreibung der Palästinenser und das schwierige Verhältnis von Juden und Arabern vor seinem historischen Kontext interessiert, den wird auch dieser Band fesseln. Wie anfangs angedeutet, geht es natürlich neben dem Verlust von Heimat, Vertreibung und Identität, hinreichend um Liebe, Familie und Freundschaft. Die Geschichte ist mir vor allem in der Gegenwartsebene etwas zu konstruiert, aber all die Bruchstücke und Mikropartikel der Erzählung, die Verletzungen und das Leid der Vertriebenen, von Juden wie Palästinensern, sind mit Sicherheit so oder so ähnlich tausendfach geschehen und geschehen noch immer. Ich bin jetzt bei Seite 499 und weiß noch nicht, wie sie ausgeht, die Geschichte vom Leben des Moritz Reincke. Aber ich freue mich schon auf meine Tasse Tee am Ofen, wo ich wieder tief in die Jaffa Road abtauchen werde und weiß jetzt schon, dass ich es sehr bedauern werde, wenn ich auf der letzten Seite angekommen bin.

„Piccola Sicilia“ von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70162-9

„Jaffa Road” von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70384-5

Paralleluniversum

Als mein Mann uns im Oktober begeistert die TopTen der Jugendwörter des Jahres präsentierte, machten sich unsere Jungs über die Auswahl erstmal lustig. Dabei hatte ich zumindest das Wort des Jahres „cringe“ gefühlt viele hundert Mal gehört, wenn ich gerade einschlafen wollte und mein fast erwachsenes Kind, emotional völlig entfesselt, aus dem Nebenzimmer beim Zocken vor sich hin gebrüllt hatte: „Ich bin so cringe!“ oder auch „Du bist so cringe!“, wie auch „Er/Sie/Es ist so cringe!“ Meint in diesem Zusammenhang in etwa, dass es ihm total peinlich ist, wie schlecht (je nachdem) er selbst oder jemand anderes gerade spielt.

Wenn sich die Youngster miteinander unterhalten, versteht ein Erwachsener sowieso nur wenig, weil sie sich auch in der echten Welt vor allem über die virtuelle verständigen, mit allen dazugehörigen Fachtermini, gespickt mit lässigen, englischen Ausdrücken. Das mit dem „random“ und seiner Anwendung habe ich bis heute nicht kapiert, es ist irgendwas mit Zufall. Also, so ähnlich wie: Ich stehe random an der Bushaltestelle, als mein Brudi vorbeikommt. Oder stehe ich doch eher an der Bushaltestelle und der Brudi kommt random vorbei? Ich bin so schlecht damit, aber auch mindestens dreissig Jahre zu alt, um es überhaupt zu versuchen. Also, ich lasse es jetzt wieder.

Sie leben eben in ihrem eigenen Kosmos und ich bin froh, dass ich zumindest ab und an mal einen kleinen Blick auf ihn werfen darf. Wusstet ihr beispielsweise, dass sich Jungs im Jahr 2021 tatsächlich eine Dauerwelle verpassen lassen, um diesen angesagten Look mit abrasierten Seiten und lässig verwuscheltem, lockigen Haar tragen zu können? Ich dachte, all die wunderschönen Locken seien echt und nur ich hätte keine. Und dass die Dauerwelle mit den 80ern untergegangen wäre. Von wegen. Beruflich eigentlich am Puls der Haartrends, schlug ich meinem Sohn letztens, nicht ganz ernsthaft vor, jetzt auf Mittelscheitel zu wechseln, weil das ja wieder ziemlich angesagt sei. „Ach Mama, das haben die bei uns an der Schule schon eeeewig!“( Er zog das e so weit in die Länge, dass auf jeden Fall ankommen musste, wie sehr ich draußen war. ) „Ach ja?“, erwiderte ich „Wie lange denn?“ „Bestimmt so ein Jahr.“ Tja, so ist das mit den Trends, bis sie bei den letzten ankommen und nicht mehr als sonderbar empfunden werden, vergehen schon gerne mal drei Jahre, so war es mit der Culotte, mit den ugly sneakers oder den oversize Pullovern. Da bin ich mit meinem Jahr gar nicht so schlecht, finde ich.

Schön, Jungs, dass ihr mich gelegentlich an eurem Paralleluniversum teilhaben lasst. Und macht gar nichts, dass ich nicht alles verstehe.

Sola…wie?

Seit April dieses Jahrs sind wir Ernteteiler einer Solawi, also einer solidarischen Landwirtschaft. Grundprinzip ist, dass der (Bio)landwirt mit einem festen Betrag wirtschaften kann und die Gemeinschaft gemeinsam mit ihm das Risiko eventueller Ernteausfälle trägt, d.h. macht das Wetter gut mit und bleibt die Ernte von Schädlingen verschont, gibt es hohe Erträge. Wenn es allerdings, wie in diesem Jahr, wochenlang übermäßig regnet und die Setzlinge weggeschwemmt werden, fällt die Salaternte zwischenzeitlich auch mal komplett ins Wasser. (Dafür gibt es Mangold im Überfluss, dem die Nässe nicht so viel auszumachen scheint.) Ein Schnäppchen ist diese Form der Versorgung nicht, dafür sind die Ernteteiler*innen viel näher am Acker, bekommen unmittelbar mit, was gerade wächst (und was eben nicht) und was in der Natur passiert. Mit einem liebevoll beschriebenen Brief informierte uns der Landwirt, von dem wir unser Sommergemüse beziehen, die letzten Monate über alles, was es an Problemen und Freuden auf dem Hof gab. Toll!

Manchmal bedeutet die Solawi aber auch ordentlich Stress für mich, beispielsweise, wenn ein Ernteanteil einen überdimensionalen Blumenkohl und einen nicht minder großen Brokkoli beinhaltet, aber nur eine Person zuhause ist, die diese Gemüsesorten in nennenswerter Menge isst. Im Klartext heißt das dann für mich zwei Tage lang Blumenkohl-Brokkoli-Suppe, Blumenkohl überbacken, Blumenkohlsalat, Brokkoli pur und Brokkoli in der Asiapfanne, um dann verzweifelt den Rest einzufrieren. Besonders kompliziert sind die Wochen, in denen ich beruflich viel auf Achse bin und zusehen muss, wann ich diese wertvollen Lebensmittel zubereite. Lieferando wäre einfacher. In so einer Woche wünschte ich mir manchmal eine akute Heuschreckenplage. (Scherz!)

Und dennoch schätze ich es immer mehr, mich kulinarisch durch die Jahreszeiten treiben zu lassen. Denn irgendwann wird wieder ein Lebenszyklus greifbar werden, in dem ich mich nach Monaten des Entbehrens auf ein ganz bestimmtes Gemüse freuen werde, weil es das eben nur im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter gibt, ja sogar der Blumenkohl wird mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Das funktioniert selbstverständlich nur, wenn ich nicht mogle und nichts anderes zukaufe. Und ich fürchte, das werde ich, zu sehr gehören Tomate, Gurke und Paprika zu den Gemüsesorten, die das ganze Jahr auf den Tisch kommen und nur noch schwer zu entbehren sind. Das Bewusstsein, dass manche Gemüsesorten ohne Import nur zu bestimmten Zeiten verfügbar wären, ist manchmal völlig verloren gegangen. Anstatt sich im Winter mit Vitamin C aus Wirsing, Feldsalat oder Grünkohl zu versorgen, behelfen wir uns mit Vitamintabletten oder Zitronen aus Spanien. Und eigentlich müsste man das Obst nach der Ernte zu Kompott verarbeiten, um für den langen Winter vorzusorgen, Beeren trocknen und Vorräte anlegen. Naja, wie bei so vielen Vorhaben, ein bisschen mehr im Einklang mit der Natur zu leben, ist nach oben noch viel Luft.

Für manchen fleißigen Gartenbesitzer ist die naturnahe Ernährung seit jeher Alltag. Ich kann mich noch lebhaft an die Begeisterung meiner Mutter in meiner Kindheit erinnern, wenn sie mal wieder Berge von Obst und Gemüse aus unserem Schrebergarten zu Kompott oder anderswie verarbeiten sollte. Ich möchte also nichts romantisieren, Versorgung aus eigenem Anbau ist harte Arbeit und oft nicht mit dem Alltag zu vereinbaren. Aber für mich schließt sich ein wenig der Kreis, auch ohne eigenen Garten an der Ernte in unmittelbarer Nähe teilhaben zu können. Und einen weiteren Vorteil genieße ich ebenfalls. Heute stehen unzählig viele und vor allem vielfältige Rezepte zur Verfügung, um Lebensmittel auf unterschiedlichste Weise zu verarbeiten und vielleicht so neue Fans zu finden. Bei uns gab es heute beispielsweise aus dem Grünkohl einen Smothie, zusammen mit Apfel, Ingwer, Zitrone und Mandelmus. Sehr lecker, ehrlich.

Mal sehen, wie es mit uns und der Solawi so weitergeht. Und mal sehen, was ich in den nächsten Tagen noch so aus Rote Beete, Möhren, Raddicio, Mangold, Salat und Rettich zaubern werde. Bis zum ewigen Leben kann es bei so viel Gesundem jedenfalls nicht mehr weit sein.

Säbelzahneichhörnchen und ihre Verwandten

Fast zwanzig Jahre ist es her, dass mich Scrat, das Säbelzahneichhörnchen, in dem Film „Ice Age“ mit seiner, sagen wir mal, überambitionierten Jagd nach der Nuss amüsierte. Aber erst dieses Jahr entdeckte ich die erstaunlichen Parallelen zu unseren hiesigen Eichhörnchen. Dreimal schon passierte es, dass Exemplare dieser Gattung auf ihrer leidenschaftlichen Suche nach Nüssen um Haaresbreite über meine Füße gestolpert wären, um mich anschließend, in Schockstarre befindlich und mit aufgerissenen Augen, verwundert zu betrachten, während sie zu überlegen schienen, wie ich aus dem nichts hatte auftauchen können. Dass ich mich in Wahrheit seit geraumer Zeit an diesem Ort befunden hatte, war ihnen komplett entgangen. Ein lustiges Völkchen.

Anfang & Ende

Heute ist in Bayern der erste Schultag nach den Sommerferien. Spannung liegt bei den Kindern in der Luft. Wie die Lehrer*innen wohl sein werden? Neben wem sie sitzen werden? Aber auch Vorfreude, die Freunde wieder zu sehen. Und ich, ich freue mich auch. Auf den ein oder anderen Vormittag, an dem ich wieder ganz allein sein werde. Ein vielversprechender Neubeginn.

Gestern konnte ich das erste Mal meinen Morgenkaffee vor der Arbeit nicht mehr draußen auf dem Balkon trinken. Ich hätte natürlich können, aber ich wäre ich Dunkeln gesessen, anstatt wie in den vergangenen Monaten hingebungsvoll die Morgensonne zu genießen. Schade, dass diese Zeit vorbei ist. Jetzt heißt es wieder geduldig warten auf das nächste Frühjahr.

Anfang und Ende. Immer so nah beieinander.

Endlich mal eine gute Idee

Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages eine Maßnahme der chinesischen Regierung befürworten würde, aber jetzt ist es tatsächlich geschehen. Die Volksrepublik China schränkt die Zeit, in der Kinder und Jugendliche online gamen dürfen auf drei Stunden wöchentlich ein. Und nicht nur das, sie gibt sogar die genauen Zeiten und Tage vor, nämlich Freitagabend zwischen 20 und 21 Uhr, an Samstagen, Sonn- und Feiertagen. So soll der Spielsucht entgegengewirkt werden. Was für eine großartige Idee. Mein Großer und viele anderen freuen sich- endlich weniger Konkurrenz beim Gamen. Ich habe da natürlich ganz andere Beweggründe. Das Tragische daran, Chinas Regierung ist sogar in der Lage, die Einhaltung ganz offiziell zu überprüfen, denn die totale Überwachung ist längst Teil des Systems. In Deutschland würde solch eine Maßnahme vermutlich müde belächelt, denn wer sollte deren Umsetzung – Rechtsstaatlichkeit und Datenschutz sei Dank – überprüfen, geschweige denn Verstöße ahnden?

Und dennoch gäbe eine staatliche Vorgabe Eltern Argumente an die Hand, Einschränkungen bei Kindern und Jugendlichen besser durchsetzen zu können. Wenn mein Teenager ausgehen möchte, kann ich mich auch auf den Jugendschutz beziehen (und ihn dann eventuell etwas großzügiger auslegen). Wenn es ums Zocken geht, heißt es immer nur, die anderen haben uneingeschränktes Wlan (was Dank Homeschoolings leider auch oft zutraf in den letzten Monaten) und dürfen immer. Klar. Nach einer aktuellen Umfrage der Postbank unter 16- bis 18-Jährigen nutzen sie bis zu 70 Stunden(!!!) wöchentlich digitale Medien. Hausaufgaben machen dabei natürlich den kleinsten Anteil aus.

(https://www.zeit.de/digital/internet/2021-08/internetnutzung-deutschland-jugendliche-studie-homeschooling-corona-pandemie)

Ich finde den übermächtigen Sog der digitalen Medien und den Raum, den sie dadurch bei meinen Kindern einnehmen, schrecklich und dennoch ist es schwer, andere Wege zu gehen. Mit welchen Freunden soll das Kind kicken gehen, wenn diese selbst am PC sitzen und zocken? Wie sollen Jugendliche in den Ferien zusammen zelten gehen oder an den See fahren, wenn es so viel bequemer ist, sich am Rechner zu verabreden?

Ich finde es schon lange überfällig, dass im Jugendschutz nicht nur Inhalte von Medien nach Eignung für bestimmte Altersgruppen eingestuft werden, sondern auch angemessene Zeiten vorgegeben werden, die im Hinblick auf Suchtpotential, Bewegungsmangel oder psychische Erkrankungen wie Depressionen als nicht gesundheitsgefährdend gelten.

Es ist mehr als überfällig, Kinder besser zu schützen. Ich möchte kein Kleinkind mehr sehen, das mit einem Smartphone im Buggy ruhiggestellt wird, wenn es anfängt zu quängeln. Oder am besten schon vorher, damit es erst gar nicht auf die Idee kommt, es zu tun. Ich gönne meinen Kindern den Spaß am Spielen, aber den Spieleentwicklern, die mit den Kids verdammt viel Geld verdienen, nicht den Raum, den sie in ihrem Leben einnehmen. Drei Stunden die Woche wären für mich echt himmlisch. Ich selbst habe es leider nicht geschafft, die Zeit so stark zu begrenzen.

Manche Eltern sind der Meinung, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich die Jugendlichen anderen Dingen zuwenden und das Zocken uninteressant wird. Auf manche mag das zutreffen, andere werden ihre Affinität fürs Spielen mit ins Erwachsenenleben nehmen. Es ist vermutlich wie bei allen Drogen. Die einen schaffen es, nur gelegentlich eine Zigarette zu rauchen, die anderen werden Kettenraucher. Und manche haben nie das Bedürfnis, es überhaupt zu probieren. Zumindest gibt es inzwischen diese grässlichen Bilder auf dem Tabak. Hat ganz schön lang gedauert, bis der qualmende Marlboro Mann vorm Sonnenuntergang abgeschafft wurde.

Ich hoffe, es dauert nicht genauso lange, bis unsere Regierung erkennt, dass auch die digitale Welt nicht nur rosig ist und es einer Regulierung in vielerlei Hinsicht bedarf. Mal gucken, was sich die Volksrepublik noch so einfallen lässt. Vielleicht laufe ich ja noch über.

Auf dem Einwohnermeldeamt

Über dieses Thema wollte ich mich schon lange mal auslassen, denn dort einen Termin zu bekommen ist kaum weniger schwer als eine Audienz beim Papst. Umso erfreulicher, dass mir heute so Wunderliches widerfuhr.

Ein älterer Herr mir gegenüber musste sich ausgiebig schnäuzen und schob zu diesem Zwecke seine Maske einfach nach oben. Der Anblick dieses Superhelden bedurfte all meiner Körperbeherrschung, um nicht vor Lachen zusammenzubrechen. Ja, auf dem Einwohnermeldeamt kann man was erleben…das Warten hat sich gelohnt.

Nachhaltig?

Heute Nacht hat es mich heimgesucht, das schlechte Gewissen. Ich war gestern im nahegelegenen Einkaufszentrum shoppen, zwei Röcke für den nächsten Sommer bei einem bekannten schwedischen Modelabel im Sale, danach Badehose und Shorts für die Jungs, Fußball Nr.45 und noch ein paar Kleinigkeiten. Natürlich nichts davon bei einem Fair& Eco Fashion Label. Gibt`s da nicht. Also echte. Denn Gutes tun ja inzwischen die meisten Brands. Alle, die den Trend nicht verpasst haben, verwenden – unübersehbar gelabelt- recycelte Polyester oder am besten Fasern von Meeresplastik, man könnte gar den Eindruck gewinnen, bei dieser riesigen Nachfrage müsste der Meeresteppich inzwischen vollständig abgetragen sein und die Firmen müssten gar zusätzliches Plastik ins Meer kippen, um es anschließend recyceln zu können. Ich möchte an dieser Stelle natürlich niemandem Greenwashing unterstellen. Ist ja gut, dass sich überhaupt was in dieser Richtung tut, wenn auch der Konsument bisweilen ganz dezent getäuscht wird. Aber wir lassen uns ja auch zu gerne täuschen, wenn sich shoppen irgendwie mit „Gutes Tun“ verbinden lässt.

Es ist aber auch nicht immer so leicht mit der Nachhaltigkeit. Bei meiner letzten Bergwanderung lösten sich -zum Glück erst nach dem Gipfel- innerhalb einer Stunde beide Fußsohlen meiner Wanderschuhe komplett ab. (Ihr werdet kaum glauben, wie häufig das vorkommt, wie ich nach meinem Malheur erfahren habe.)

Sie waren annähernd zehn Jahre alt, taten es noch und ich sah keinerlei Notwendigkeit, sie gegen ein neues Modell auszutauschen, zumal ich eher selten Gipfel bezwinge. Insider wissen an dieser Stelle zu berichten, dass einige Hersteller anbieten, Schuhe bei Bedarf wieder neu zu besohlen. Ein toller Ansatz, ich finde das wirklich gut. Aber wann wird der Zeitpunkt dafür gekommen sein? An meinen Schuhen gab es vor der Wanderung keinerlei Anzeichen für eine Ablösung der Sohlen. Es ist folglich also zu vermuten, dass ich meine neuen Wanderschuhe kürzer tragen werde, damit mir das nicht noch mal passiert. Ich werde mich diesen Winter auch nicht mehr in die auf Ebay für zehn Euro erworbenen Skischuhe im Design der 80er mühen. Die Vorstellung, ihre Sohlen könnten ohne mich, aber mit meinen Schiern den Hang runter sausen, schreckt mich seit dem Erlebnis am Berg. Materialermüdung nennt man das. Kennt man auch von Fahrrad- und Schihelmen und sogar von Laufschuhen. Ich nehme das Thema jetzt ernst. Ist aber das Gegenteil von Nachhaltigkeit, wenn ich die optisch noch ansehnlichen Produkte aus Sicherheitsgründen alle paar Jahre ersetze.

Tja, dann ist da noch die Sache mit den Fußbällen, die mich wirklich umtreibt. Die Bälle halten bei uns oft keine vier Wochen, was nicht nur teuer, sondern auch einfach pure Verschwendung von Rohstoffen ist. Irreparabel, für den Müll. Als ich den freundlichen Herrn im Sportgeschäft darauf aufmerksam machte, dass die Sportartikelhersteller sich endlich mal was einfallen lassen sollten, um dem Abhilfe zu schaffen, erklärte er mir, man spiele Fußball weder auf der Straße, noch an der Hauswand, sondern auf Rasen. Das soll er mal Millionen von Kids erzählen, die im In- und Ausland bestenfalls auf staubigen Bolzplätzen. in Hinterhöfen oder sonst wo kicken. Adidas, Puma, Nike und Co., ich rufe Euch auf, lasst Euch endlich mal was einfallen. „IMPOSSIBLE IST NOTHING“ oder wie das heißt, behauptet das Brand mit den drei Streifen..

Hoffnung machte mir letztens mein Kind, als es vom Shopping mit dem T-Shirt eines bewährten Fair Fashion Label nach Hause kam. Ich fragte, Absicht oder Zufall? Es sagte, Beides. Das ist doch ein Top Ansatz. Wenn es Ökofashion dort zu kaufen gibt, wo sich auch konventionelle Labels finden und sie dann auch noch besser aussieht, ist schon einiges gewonnen.

Vom stillen Leid

Heute möchte ich den Gastbeitrag einer jungen Frau mit Euch teilen, in dem sie auf das oft unerkannte, stille Leid von Menschen aufmerksam machen möchte, die an Bulimie leiden. Da die Betroffenen äußerlich meist ganz „normal“ wirken und weder durch starkes Über- noch Untergewicht auffallen, ahnen viele in ihrem Umfeld nichts von ihrer Erkrankung.

Und wenn du dir manchmal wünschst, dass du aus deinem Leben einfach herausschlüpfen kannst…einfach Cut, Vorbei, Ende. Und ein Neuanfang.

Wenn es denn so einfach wäre.

Wie oft habe ich schon gesagt, heute ist Schluss, heute ist der letzte Essanfall. Heute ist der letzte Essanfall, weil ich mich nicht länger kaputt machen will.

Weil meine Zähne aufhören sollen, zu schmerzen, weil ich nicht länger büschelweise Haare ausfallen sehen möchte, weil ich endlich meine Periode regelmäßig bekommen möchte. Und weil es vor allem ganz furchtbar ist, nach jedem Essanfall das Essen wieder durch Erbrechen loszuwerden. Solange zu erbrechen, bis gelbe Galle kommt oder im Idealfall sogar Blut.

Und weil ich nicht mehr ständig diese totale Erschöpfung spüren möchte, die psychische und die körperliche. Die mich kaputt macht, die mich vom Schlafen abhält, weil ich viel zu erschöpft bin, um schlafen zu können.

Über die Bulimie wird in der Öffentlichkeit so gut wie nie geredet, weil die meisten Menschen mit Bulimie nicht durch ein extremes Körperbild aus der Gesellschaft herausstechen. Nicht durch extremes Untergewicht oder Übergewicht. Die Menschen leiden leise und einsam, doch kaum einer hat den Mut, diese Menschen auf ihr Leiden anzusprechen. Auf diese Menschen wird höchstens still und heimlich gezeigt und hinter ihren Rücken getuschelt.

Die an Bulimie erkrankten Menschen gehen meist lautlos und unauffällig durch die Welt, leiden extrem und haben oft niemanden, mit dem sie über die Erkrankung sprechen können, da sich die Betroffenen extrem schämen. Schämen wegen ihres abnormalen Verhaltens, wegen ihrer finanziellen Sorgen, die durch die häufigen Lebensmitteleinkäufe entstehen, wegen der Lebensmittelverschwendung, die sie betreiben, wenn all das Essen in der Toilette landet.

Ich hatte alle drei Formen der Essstörung und seit mittlerweile fast 10 Jahren Bulimie, glücklicherweise auch mit großen Pausen ohne eine Form der Essstörung.

Und während ich diesen Text hier schreibe, stopfe ich mir Eis und Schokolade rein in dem Wissen, dass ich das und all die anderen Massen an Lebensmitteln in 15 Minuten wieder loswerde, um danach wie immer feinsäuberlich alle Spuren aus meiner Wohnung entfernen werde, das Bad putzen, die Wohnung putzen, den Müll runterbringen, aus der tiefen Hoffnung heraus, dass ich morgen wieder einen guten Tag schaffen werde.

Ich hoffe, ich kann eines Tages endgültig aus meiner persönlichen Hölle aussteigen in dem Wunsch, ein freies und erfüllendes Leben zu führen.

Corona hat die letzten 1,5 Jahre das Leben der Gesellschaft bestimmt, es war das vorherrschende Thema. Corona hat für für viele Menschen, die ohnehin schon psychisch belastet waren, noch zusätzliche Belastung in das Leben dieser Menschen gebracht und leider ist auch die Zahl der Menschen, die an einer psychischen Erkrankung oder Essstörung erkrankt sind, extrem gestiegen.

Meine Bitte an euch ist, nicht weg zu schauen. Egal ob ihr Menschen im Freundes- oder Familienkreis habt, die an einer psychischen Erkrankung oder Essstörung leiden oder ob ihr Menschen auf der Straße seht, denen es offensichtlich nicht gut geht, schaut nicht weg, sprecht sie an und fragt nach. Vielleicht kann das dem einen oder anderen zumindest vorübergehend ein Gefühl des gesehen Werdens vermitteln.

Das Ende der Welt – danke für nichts, verehrtes Kultusministerium

Diese Glosse von Nicole Hirsch habe ich heute morgen auf Bayern 2 gehört und ich fand ihren Blick auf das Schulleben der vergangenen Wochen und die Vorschau auf die kommenden durchaus amüsant:

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowelt/ende-der-welt-danke-fuer-nichts-verehrtes-kultusministerium-100.html

(Heute leider noch nicht als Audio, sondern zum Selber Lesen- sorry…)

Viel Spaß beim Schmunzeln, einen guten Start in die Sommerferien den Nachzüglern und einen guten Wiedereinstieg denjenigen, für die es bald wieder losgeht!

Eure Ella

Randnotiz

Mit Bedauern las ich, dass der gute, alte Papier-Führerschein, treffend bezeichnet als „der Lappen“, jetzt doch in ein fälschungssichereres Exemplar im Scheckkartenformat umgetauscht werden soll. Wie schade.

Seit ich ihn vor fast dreißig Jahren erworben habe, freue ich mich auf den Moment, in dem ich als hutzelige, alte Dame bei einer Verkehrskontrolle, die womöglich aufgrund nicht mehr allzu vertrauenswürdig erscheinenden Fahrens stattfände, meinen zerschlissenen Lappen mit dem Jungmädchengesicht hervorzaubern und den kontrollierenden Beamten oder die Beamtin mit meinen dritten Zähnen anstrahlen würde, während sie verzweifelt nach Ähnlichkeiten zu der Person auf dem Foto suchten. Und ich mich diebisch freute.

Diese Möglichkeit wird mir nun ein für alle mal genommen. Wie schade.

Mehr fällt Ihnen nicht ein, Frau Esken?

Nachdem seit Ausbruch der Corona-Pandemie von den verantwortlichen Kultusministerien nichts, was auch nur im Ansatz einem Konzept ähnelte, zum Thema Präsenzunterricht unter pandemischen Bedingungen entwickelt wurde, habe ich schon seit einiger Zeit darauf gewartet, dass – als einfachste aller Lösungen- von der Politik eingefordert würde, dass Schüler*innen einfach geimpft werden sollten. Klar, dieses Allheilmittel ist inzwischen gut eingeführt, die Verteilung funktioniert und kostet vermutlich weitaus weniger als Belüftungsanlagen in allen Räumen, das Einstellen zusätzlicher Lehrkräfte und das Anmieten weiterer Räume.

SPD-Chefin Saskia Esken war es nun, die der Ständigen Impfkommission dringend anriet, endlich eine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche auszusprechen. Tut sie aber (zumindest vorerst) nicht, wie die Stiko heute klarstellte und sich die Einmischung von Seiten der Politik verbat. Bislang empfiehlt sie Impfungen nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen, weil in diesem Fall die Risiko-Nutzen-Abwägung in einem ganz klaren Verhältnis steht. Dies tut es aber bei unvorbelasteten Kindern nicht unbedingt. Ein Kind sollte weder geimpft werden, damit es einfacher mit seinen Eltern in den Urlaub fahren kann, noch, weil dadurch der Schulbetrieb ohne weitere Mühen aufrechterhalten werden kann. Es sollte geimpft werden, wenn die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung so hoch ist, dass sie die Risiken einer Impfung rechtfertigt. Und genau das kann die Stiko so noch nicht eindeutig verkünden, da sie noch nicht genug Daten darüber sammeln konnte, wie gefährlich die neue Delatavariante für unsere Kinder ist.

Also, liebe Frau Esken und Co, bleiben Sie mal bei Ihren Leisten und überraschen uns mit einem gelungenen Konzept. Unabhängig von der persönlichen Entscheidung von Eltern und Schüler*innen. Das würde bestimmt auch Eindruck für die nächste Bundestagswahl machen.

Zweierlei Maß

König Fußball darf alles. Die UEFA darf alles. Und die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Kein Wunder, dass sich bayerische Kulturschaffende darüber in einem offenen Brief an Ministerpräsident Söder empörten. Während bei den Spielen der EM in der Münchner Arena 14500 Fußballbegeisterte zugelassen sind und waren, dürfen Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel nur 1500 Besuchern Einlass gewähren. Dabei geht es dort meist weitaus gesitteter zu als im Stadion, wo sich die Menschen die Seele aus dem Leib brüllen und die Emotionen nur so kochen. Ich gebe zu, dass auch ich den ein oder anderen Fußballabend mit meinen Männern genossen habe – legendär das Spiel Frankreich gegen die Schweiz.

Aber vielleicht wäre es sinnvoller, endlich Möglichkeiten zu schaffen, wie junge Menschen mal wieder ausgelassen und coronakonform feiern können, ohne dass sie über kurz oder lang von der Polizei vertrieben werden, weil sie sich mangels Alternativen auf öffentlichen Plätzen tummeln müssen. Ab ins Stadion oder wie? Ein teurer Spaß. Es gibt zahlreiche Konzepte von Clubbetreibern, sei es mit Teststrategien im Vorfeld, der Abtrennung bestimmter Areale in einzelne Bereiche oder das Feiern an der frischen Luft. Hauptsache es tut sich wieder was. Es gäbe im Schlichten und Ordnen erfahrenes und bestqualifiziertes Personal namens Türsteher ( soweit es nicht inzwischen umgeschult hat), die den Polizeibeamt*innen ihre unliebsame Aufgabe abnehmen könnte und das vermutlich mit weniger Eskalationen, denn Türsteher genießen bei Feierwütigen meist weitaus mehr Sympathien als die Polizei.

Der Virologe Lars Dölken der Universität Würzburg sagte letztens im Interview der Nürnberger Nachrichten: „Wenn ich ein Stadion mit 50000 Personen habe, können natürlich eine Handvoll Infizierte darunter sein, die möglicherweise in ihrem direkten Umfeld ein paar andere anstecken können. Aber das sind keine Superspreader-Events, wie wir sie etwa in Kirchen oder in fleischverarbeitenden Industriebetrieben hatten. Wenn ich Sachen in Innenräumen mache, ist dieser Raum innerhalb von ein bis zwei Stunden eine Virusuppe, und das kann draußen eben nicht passieren.“

Das mag eine Einzelmeinung sein. Vielleicht aber auch nicht. Wieso machen wir dann so einen Zirkus um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die so viel nachholen wollen nach Monaten der Entbehrung? In denen sie auf so viele wichtige Erfahrungen verzichten mussten, die das Heranwachsen normalerweise so wertvoll machen. Versteht mich nicht falsch, ich bin noch immer für einen bedachten Umgang mit der Lage, aber bitte endlich mal mit gleichem Maß für alle.