Fernsehtipp: Verdaddeln wir unser Leben?

Zwischendrin ein kurzer, ganz unweihnachtlicher Programmtipp: Die Panoramaredaktion hat sich dem Thema Smartphone gewidmet, unter anderem berichtet sie von einem Schulprojekt, in dem Schüler(innen) einer 6.Klasse Vor- & Nachteile des Smartphonegebrauchs an Schulen untersucht hat, und von dem Journalisten Johannes Edelhoff, der 60 Tage im Selbstversuch intensiv Handyspiele getestet hat, um mehr über Belohnungssysteme, Pay-to-Win-Prinzipien und anderen Mechanismen zu erfahren. Eine sehr interessante Sendung mit vielen unterschiedlichen Aspekten und Infos.

Hier geht`s zur Sendung:

Panorama „Verdaddeln wir unser Leben“

Buchtipp für lange Winternächte

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Endlich ist es draußen kalt genug, um Euch diesen Roman zu empfehlen. Denn ich finde, man sollte ihn am Besten lesen, wenn es draußen pfeift und schneit und so richtig ungemütlich ist. Denn der Roman „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina beginnt in einem eisigen Januar in der Taiga. Die junge Tatarin Suleika lebt dort in einfachsten Verhältnissen mit ihrem weit älteren Mann und dessen herrischer Mutter. Beide behandeln sie menschenunwürdig und erniedrigen sie, wo immer es geht. Suleika arbeitet Tag und Nacht und nachdem ihr vier Kinder im Säuglingsalter gestorben sind, erwartet sie mit ihren dreißig Jahren nichts mehr vom Leben. Als Suleikas Mann im Zuge der Entkulakisierung unter Stalin in den 1930er Jahren erschossen und sie nach Sibirien zwangsumgesiedelt wird, nimmt ihr Leben eine völlig unerwartete Wende. Auf der beschwerlichen, langen Reise quer durchs Land, begegnet sie erstmals ganz anderen Menschen, als sie sie jemals zuvor getroffen hat, wie zwangsenteignete Intellektuelle aus Moskau. Sie muss erleben, wie zahlreiche Mitreisende sterben. Die Enge während des Transports, die Willkür der Befehlshaber und die Zufälle, die letztlich über Leben und Tod entscheiden, erzählt Gusel Jachina einfach packend. Als Suleika merkt, dass sie erneut schwanger ist, fasst sie neuen Mut, überleben zu wollen. Die Situation der Deportierten nach ihrer Ankunft  in der zu besiedelnden, noch unerschlossenen und völlig unwirtlichen Gegend, in der nicht einmal das nötigste Werkzeug zur Verfügung steht, um sich ein Dach über den Kopf zu bauen, scheint nicht weniger hoffnungslos. Jede falsche Entscheidung des Lagerkommandanten bedeutet für alle den sichereren Tod, da sich die Zwangsumgesiedelten mehr oder weniger selbst überlassen sind. Der Roman basiert auf historischen Tatsachen. So wurden etwa zwei Millionen Menschen in dieser Zeit deportiert, an die 600000 Menschen überlebten die Zwangsumsiedlung nicht, sei es, dass sie an Krankheiten oder Hunger starben oder getötet wurden. „Suleika öffnet die Augen“ erzählt in verschiedensten Ebenen von den politischen Geschehnissen bis hin zu einer Liebesgeschichte. Ein sehr spannender, vielfach ausgezeichneter Gesellschaftsroman für raue Wintertage!

 

„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

ISBN: 978-3-351-03670-6     Aufbau Verlag

Eine Reise wert.

Keine Sorge, ich werde an dieser Stelle nicht anfangen, Reisetipps zum Besten zu geben und trotzdem möchte ich Euch von einer Geschäftsreise nach Dresden erzählen. Denn obwohl inzwischen längst bekannt ist, dass Dresden einen Besuch wert ist, waren wir alle von der lebendigen alternativen und linken Szene der Äußeren Neustadt mehr als angetan, jenseits aller wohl bekannter Kulturdenkmäler und vor allem fern ab vom Pegida Image, das bei dem Gedanken an Dresden immer irgendwie mitschwingt. Das Gründerzeitviertel erinnert an Berlin mit seiner lebendigen Kneipenszene, den Graffitis, Cafes, Ateliers und seinen Fairtradeläden ( Louisenstraße), wunderschön zum Flanieren und Treibenlassen an einem freien Wochenende. Für seinen vorbildlichen öffentlichen Verkehr ist Dresden ja sowieso bekannt und so kommt man mühelos von A nach B. Erstklassigen (Käse)kuchen ( den Besten ever!!!), Kunst und dazu super netten Service gibt es übrigens im Oswaldz. Und eine fantastische Repräsentatin hat Dresden inzwischen auch noch: Das in der Neustadt beheimatete und seit vielen Jahren erfolgreiche Model Nicole Atieno wurde von Harper`s Bazar als „Women oft he Year“ ausgezeichnet.  Dresden ist wunderbar bunt und wir waren uns alle einig, dass wir wieder kommen wollen, mit etwas mehr Zeit und Muße für die schönen Dinge des Lebens.

Dresden Neustadt

Buchtipps für junge Wissenschaftler

Lucy und Stephen Hawking

Wie bereits erwähnt, ist es bei meinem Großen nicht immer ganz leicht, die Lektüre zu finden, die vor seinen Augen Gnade findet. Zum Glück bin ich irgendwann auf die Kinderbücher „Die unglaubliche Reise ins Universum“ und „Der geheime Schlüssel zum Universum“ gestoßen, die Stephen Hawking zusammen mit seiner Tochter Lucy geschrieben hat. Genial verbinden sie Abenteuergeschichten mit Sachwissen auf dem aktuellen Stand der Planetenforschung. So finden sich in den Kapiteln immer wieder Fotografien und Bilder aus dem Weltall, sowie Fakten und Wissenswertes rund um die Raumfahrt. Wären die Geschichten nicht gut geschrieben, würde das allein mein Kind sicher nicht begeistern können. Aber hier stimmt das Gesamtpaket. Für alle, die auf unterhaltsame Weise mehr über unser Universum erfahren möchten.

Altersempfehlung: Ab 10 Jahre

Der geheime Schlüssel zum Universum (Band 1)

ISBN: 978-3-570-21953-9  cbt Verlag

Die unglaubliche Reise ins Universum (Band 2)

ISBN: 978-3-570-22254-6  cbt Verlag

Einfach entlastend.

Entlastend

Vor einiger Zeit besuchte uns eine gute Bekannte und wir empfingen sie in einem relativ ungeordneten Umfeld, was mich an diesem Tag definitiv nervte. Als ich mich für die Zustände entschuldigte, sagte sie diesen Satz, der mich seitdem nachhaltig beschäftigt:

„Ich finde das ganz wunderbar. Das ist so entlastend!“, und erzählte mir wiederum von einem Besuch bei einer Freundin, die sich in einem so perfekt inszenierten Ambiente präsentierte, dass sie sich völlig unzulänglich fühlte.

Aha. Das ist also meine Berufung. Ich entlaste andere Menschen mit meiner Unvollkommenheit. Ich finde mich da durchaus wieder. Beispielsweise bereite ich bei viel zu selten ausgesprochenen Essenseinladungen gerne mal Speisen zu, die ich zum ersten Mal koche, auch auf die Gefahr hin, dass sie nicht schmecken könnten. Ich weiß jetzt, ich muss mich nicht dafür schämen, wenn mal was daneben geht, denn es entlastet alle anderen auf wunderbare Weise, wenn ich schlechter koche als sie. Oder wenn es in der Familie mal wieder nicht rund läuft und ich damit nicht hinter dem Berg halte, mache ich andere damit glücklich. Es entlastet einfach, wenn auch woanders die Kacke am Dampfen ist. Und es stimmt doch tatsächlich. Habe ich einen kaputten Meniskus, kann ich mich damit trösten, wenn jemand anderes zwei kaputte Menisken hat. So schlimm ist es also gar nicht. Wir kennen so was doch alle und vermutlich ist nur so der Erfolg zahlreicher Reality Shows zu erklären. Die Zuschauer ergötzen sich daran, dass andere tieferbegabter, unattraktiver und peinlicher sind und noch weniger auf die Reihe kriegen als sie selbst.

Also verstehen kann ich das schon mit dem Entlasten, aber irgendwie schmeckt es trotzdem nach Versagen. Was vermutlich daran liegt, dass ich selbst das mich manchmal umgebende Chaos also ziemlich belastend empfinde. Aber so ist das mit den Waagschalen. Ansonsten komme ich mit meinen Unzulänglichkeiten meistens ganz gut klar und teile sie auch offenherzig mit meinen Freund(inn)en. Vielleicht verstehe ich jetzt etwas besser, warum sie mich so gern mögen.

Die Sache mit dem Plastik 2

PlastikDas EU-Parlament möchte Einwegplastikprodukte ab 2021 verbieten. Das ist eine notwendige und gute Maßnahme. Und wird dennoch nicht viel an der grundsätzlichen Problematik ändern. Denn die Verwendung von Plastik hat viel mit der Art und Weise zu tun, wie wir heute leben. Wie ihr vielleicht gelesen habt, versuchen wir ja seit einiger Zeit, bewusst mit Plastik umzugehen und es, wo für uns möglich, zu vermeiden. (Die Sache mit dem Plastik) Dabei sind wir schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass man besonders viel Plastik reduzieren kann, wenn man vieles frisch und selbst zubereitet und ganz gezielt einkaufen geht. Den Pizzateig selber machen, anstatt den Fertigen in der Verpackung kaufen, das Gemüse frisch und lose vom Markt besorgen, anstatt verpackt im Discounter, Getreide ins Glas abfüllen, anstatt es in Plastik verpackt zu kaufen. Diese Maßnahmen verlangen einen zeitlichen Mehraufwand und eine gute Planung. Der Marktstand ist vielleicht nur einmal wöchentlich vor Ort, der Pizzateig benötigt eine gute Stunde Vorbereitungszeit und zum Unverpacktladen habe ich eventuell einen längeren Weg zurückzulegen. Alles Erfordernisse, die meist nicht zu unserem Alltag passen, in dem wir kurz noch nach der Arbeit am Supermarkt halten, um irgendwas Schnelles zum Abendessen zu zaubern und froh sind, überhaupt alles halbwegs hinzubekommen. Außerdem haben wir uns daran gewöhnt, dass immer alles verfügbar ist. Kaffee gibt es nicht nur zu Hause beim Frühstück und dann wieder am Arbeitsplatz, sondern auch auf dem Weg zur Arbeit, es wird unterwegs gegessen oder wir lassen uns das Essen liefern, in jeder Geschmacksrichtung und zu fast jeder Tageszeit, natürlich auch in Plastik verpackt. Auch an diesem Punkt lässt sich nur etwas ändern, wenn wir uns die Problematik bewusst machen und uns wieder mehr Zeit nehmen und nicht zuletzt die Erkenntnis gewinnen: Nicht alles, was möglich ist, macht auch Sinn. Und vieles ist mit Sicherheit nicht umweltfreundlich. Industrie und Handel hätten natürlich schon längst Möglichkeiten, auf recycelbare oder abbaubare Verpackungen umzustellen, aber ohne den Druck der Verbraucher oder der Politik tut sich da natürlich nur wenig. Dann wäre da noch das Thema Mobilität. Wir reisen viel, ob beruflich oder privat, und kaufen Kosmetika in Kleinstmengen, die wir im Handgepäck mitführen dürfen. Wir wohnen auf Zeit an verschiedenen Orten und richten uns immer wieder neu ein. Wer kauft heute noch die Wohnzimmereinrichtung nach der Hochzeit und behält sie bis in den Ruhestand? Die Überflutung unserer Welt mit Plastik geht einher mit unserer Art zu leben, schnell, flexibel, effizient und möglichst einfach. Nachhaltig zu leben ist im Jahr 2018 aber nicht mehr einfach, es erfordert große Bemühungen und ein echtes Umdenken. Deshalb braucht es weit mehr, als bestimmte Produkte zu verbieten. Wir müssen schlichtweg unser Leben ändern.

Die Vorstadtkrokodile

VorstadtkrokodileObwohl die „Vorstadtkrokodile“ bereits Ende der 70er geschrieben wurden und das Buch schon in meiner Kindheit erfolgreich war, habe ich es jetzt erst kennengelernt, als ich es meinen Jungs vorgelesen habe. Und nach den ersten Seiten dachte ich ehrlich gesagt nicht, dass es ihnen gefallen würde. So wie uns viele der Vorabendserien unserer Kindheit inzwischen fast wie in slow motion erscheinen, beginnt auch dieser Roman äußerst entschleunigt und hat erst mal mit dem Leben der meisten Kinder heute wenig gemein. Die Krokodiler, wie sich die Kinderbande selbst nennt, leben in einer Siedlung im Ruhrpott in eher einfachen Verhältnissen. Die Eltern der Kinder arbeiten Schicht oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht und müssen zusehen, dass das Geld bis zum Ende des Monats reicht. Statt also in den Verein oder zum Musikunterricht zu gehen, verbringen die Kinder ihre Nachmittage im nahe gelegenen Wäldchen und in der alten Ziegelfabrik. In der Nachbarschaft wohnt auch Kurt, der im Rollstuhl sitzt. Als es zu einer Einbruchsserie in der Siedlung kommt, macht er eine wichtige Beobachtung. Obwohl sich die Krokodiler anfangs dagegen sträuben, Kurt in ihre Bande aufzunehmen, gehen sie schließlich gemeinsam auf Einbrecherjagd. Max von Gruen hat dieses Buch für seinen körperbehinderten Sohn geschrieben, der ebenso wie die Romanfigur Kurt zwar körperlich benachteiligt ist, dafür aber sehr clever und aufgeweckt. Er wollte mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, dass auch ein behindertes Kind dazugehören kann, wenn die Gesellschaft offen ist und bereit, neue Wege zu gehen. So entstand dieser Roman als wichtiges Werk zum Thema Inklusion, lange bevor dieser Begriff in aller Munde war. Ich musste das Buch dann tatsächlich in einem Rutsch auf einer langen Fahrt vorlesen und sowohl mein 3.- als auch  mein 8.- Klässler waren total begeistert. Und ich bin froh, dass ich diesen Klassiker endlich kennengelernt habe.

„Vorstadtkrokodile“ von Max von Gruen

cbj-Verlag, ISBN 978-3-570-21665-1

mehr unter: Die Vorstadtkrokodile