Mehr als 40 – Der Abschied vom Konjunktiv

Mehr als 40_Christine

Wenn man über den Scheitelpunkt ist, hat man, so scheint es zumindest, einen ganz guten (Über) Blick. Der nimmt den Druck aus den Must-Haves und soll-sein und Persönlichkeitsoptimierungen dieser Welt und wirft uns sanft auf das Selbst zurück. Das Leben gewinnt an Tiefe. Die zweite Lebenshälfte erscheint mir durch Verantwortung geprägt sein, für Kinder, Familien und deren Hinterlassenschaften. Die bezaubernd ignorante Leichtigkeit des puren Ich-Sein, die in den 30ern mitunter große Kontraste in gleißendem Licht erzeugte, hat sich verflüchtigt und weicht einem schwererem und weicherem Licht. Es beginnen die Lebenszeiten großer Tragweiten. Ich verstehe warum man erst mit 40 Bundespräsident werden darf.

Ein Paradox das mich erstaunt: wie einsam es beizeiten wird, wenn es im Leben nicht mehr nur um das ich geht.

Es wird schwerfälliger. Die Dynamik leidet unter der Last vom alltäglichen scheinbar-ganz-viel-müssen. Ständig knabbert alles an den Tagen, Wochen und Monaten des Lebens. Für große Würfe und Sprünge fehlt es an Zeit und Energie und Mitspielern. Alle sind eingespannt. Und angespannt. Keine Luft.

Und da lebe ich nun wo früher die Zukunft war. Von weit weg war’s glänzender. Ich habe mich von so manchem Traum verabschiedet und bin in einer Welt angekommen, die mich mit 16 hätte verzweifeln lassen: kontrolliert und träge und von kleinen Glücken durch den Alltag getragen wird Zukunft mitunter zu einer Melange des Abwehren von Unglücken und Hoffen auf Stabilität mit dem eigenartigen Ziel: Ausgewogenheit.

Liebe Ella, wie es geht, fragst Du. Ich sage immer: von allem etwas. Stetige Variationen müssten die Nuancen der Befindlichkeiten und Ursächlichkeiten beschreiben, um zu einer Fassung dessen zu kommen, in der Stürme und Strömungen die Stunden in ganz unterschiedliche Farben tauchen. Von außen sieht man zumeist nur eine: Braun. Wie Malwasser. Oder Windeln.

Weil: sind wir mal ehrlich: alles ist auch immer alles. Das große Glück, Kinder bei sich zu haben, treibt uns dennoch jeden Tag in den Wahnsinn (lebendig ist ein freundliches Wort). Die Freude und der Komfort über ein Heim vermögen im Gefühl des eingesperrt-sein zu ersticken. Gut gemeinte Sicherheiten und Planungen wecken Bedürfnisse, die weit über den unsinnigen Wunsch eines schweren Motorrades hinausgehen – wohlwissend, dass all dies Probleme des Wohlstands sind. Alles erzeugt eben und auch sein Gegenteil. Das tiefe Begreifen, dass es kein Zurück gibt, dass was ist, ist. Dass wenn man das eine tut, das andere eben nicht mehr geht, dass es Dinge gibt, die schief gehen und eben nicht mehr gut werden. Dieses Begreifen bedeutet für mich: Lebenshälfte: Der Abschied vom Konjunktiv.

Was stetig an meiner Seite bleibt ist eine Unruhe, die bei nachlässiger Unaufmerksamkeit leicht in Unzufriedenheit abrutscht aber nach nichts weiter fragt als: wie will ich weiterhin leben, und sich nicht zufriedengibt mit einem nackten weiter so.

Stufen

von Hermann Hesse

 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

( Christine, 41)

 

Zarte Blüten

„Willst Du mich denn gar nicht schön machen? Kein kleines bisschen?“, fragt mich resigniert mein Balkon. Ich sehe ihn an und erinnere mich, dass ich dies immer im Frühjahr getan hatte und dass es mir gefallen hatte. Aber der Winter war so lange und ich habe fast vergessen, was mir Freude macht. „Doch, ich will!“, weiß ich auf einmal, schwinge mich auf mein Fahrrad und kaufe Blumen.

Fahrradkorb mit Blumen

Ich wünsche Euch schöne warme, wohlige Frühlingstage!

Eure Ella

Geliebtes Gezwitscher

Eines der großartigsten Geschenke meines Lebens habe ich der Stillzeit meines kleinen Sohnes zu verdanken. Wenn ich in jenem Frühling morgens um 4 Uhr mein Kind anlegte, war ich zwar völlig durch, lauschte aber gleichzeitig voller Erstaunen dem anschwellenden Konzert der Vögel, das ich in all den Jahren zuvor einfach verschlafen hatte. Wann sonst hatte ich in diesem Bewusstsein die frühen Morgenstunden erlebt – zuletzt vielleicht als wild feiernder Teenager, der sich im Morgengrauen auf den Heimweg machte und sich mental in einem ähnlich verorgelten Zustand befand. Wenn ich heute am frühen Morgen durch das weit geöffnete Fenster von den eifrigen Sängern geweckt werde, ärgere ich mich zwar ein ganz klein wenig, dass die Nacht vorüber ist, empfinde gleichzeitig aber ein großes Glück, dass sie die ersten Boten des neuen Tages sind.