Das Ende der Welt – danke für nichts, verehrtes Kultusministerium

Diese Glosse von Nicole Hirsch habe ich heute morgen auf Bayern 2 gehört und ich fand ihren Blick auf das Schulleben der vergangenen Wochen und die Vorschau auf die kommenden durchaus amüsant:

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowelt/ende-der-welt-danke-fuer-nichts-verehrtes-kultusministerium-100.html

(Heute leider noch nicht als Audio, sondern zum Selber Lesen- sorry…)

Viel Spaß beim Schmunzeln, einen guten Start in die Sommerferien den Nachzüglern und einen guten Wiedereinstieg denjenigen, für die es bald wieder losgeht!

Eure Ella

Randnotiz

Mit Bedauern las ich, dass der gute, alte Papier-Führerschein, treffend bezeichnet als „der Lappen“, jetzt doch in ein fälschungssichereres Exemplar im Scheckkartenformat umgetauscht werden soll. Wie schade.

Seit ich ihn vor fast dreißig Jahren erworben habe, freue ich mich auf den Moment, in dem ich als hutzelige, alte Dame bei einer Verkehrskontrolle, die womöglich aufgrund nicht mehr allzu vertrauenswürdig erscheinenden Fahrens stattfände, meinen zerschlissenen Lappen mit dem Jungmädchengesicht hervorzaubern und den kontrollierenden Beamten oder die Beamtin mit meinen dritten Zähnen anstrahlen würde, während sie verzweifelt nach Ähnlichkeiten zu der Person auf dem Foto suchten. Und ich mich diebisch freute.

Diese Möglichkeit wird mir nun ein für alle mal genommen. Wie schade.

Mehr fällt Ihnen nicht ein, Frau Esken?

Nachdem seit Ausbruch der Corona-Pandemie von den verantwortlichen Kultusministerien nichts, was auch nur im Ansatz einem Konzept ähnelte, zum Thema Präsenzunterricht unter pandemischen Bedingungen entwickelt wurde, habe ich schon seit einiger Zeit darauf gewartet, dass – als einfachste aller Lösungen- von der Politik eingefordert würde, dass Schüler*innen einfach geimpft werden sollten. Klar, dieses Allheilmittel ist inzwischen gut eingeführt, die Verteilung funktioniert und kostet vermutlich weitaus weniger als Belüftungsanlagen in allen Räumen, das Einstellen zusätzlicher Lehrkräfte und das Anmieten weiterer Räume.

SPD-Chefin Saskia Esken war es nun, die der Ständigen Impfkommission dringend anriet, endlich eine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche auszusprechen. Tut sie aber (zumindest vorerst) nicht, wie die Stiko heute klarstellte und sich die Einmischung von Seiten der Politik verbat. Bislang empfiehlt sie Impfungen nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen, weil in diesem Fall die Risiko-Nutzen-Abwägung in einem ganz klaren Verhältnis steht. Dies tut es aber bei unvorbelasteten Kindern nicht unbedingt. Ein Kind sollte weder geimpft werden, damit es einfacher mit seinen Eltern in den Urlaub fahren kann, noch, weil dadurch der Schulbetrieb ohne weitere Mühen aufrechterhalten werden kann. Es sollte geimpft werden, wenn die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung so hoch ist, dass sie die Risiken einer Impfung rechtfertigt. Und genau das kann die Stiko so noch nicht eindeutig verkünden, da sie noch nicht genug Daten darüber sammeln konnte, wie gefährlich die neue Delatavariante für unsere Kinder ist.

Also, liebe Frau Esken und Co, bleiben Sie mal bei Ihren Leisten und überraschen uns mit einem gelungenen Konzept. Unabhängig von der persönlichen Entscheidung von Eltern und Schüler*innen. Das würde bestimmt auch Eindruck für die nächste Bundestagswahl machen.

Zweierlei Maß

König Fußball darf alles. Die UEFA darf alles. Und die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Kein Wunder, dass sich bayerische Kulturschaffende darüber in einem offenen Brief an Ministerpräsident Söder empörten. Während bei den Spielen der EM in der Münchner Arena 14500 Fußballbegeisterte zugelassen sind und waren, dürfen Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel nur 1500 Besuchern Einlass gewähren. Dabei geht es dort meist weitaus gesitteter zu als im Stadion, wo sich die Menschen die Seele aus dem Leib brüllen und die Emotionen nur so kochen. Ich gebe zu, dass auch ich den ein oder anderen Fußballabend mit meinen Männern genossen habe – legendär das Spiel Frankreich gegen die Schweiz.

Aber vielleicht wäre es sinnvoller, endlich Möglichkeiten zu schaffen, wie junge Menschen mal wieder ausgelassen und coronakonform feiern können, ohne dass sie über kurz oder lang von der Polizei vertrieben werden, weil sie sich mangels Alternativen auf öffentlichen Plätzen tummeln müssen. Ab ins Stadion oder wie? Ein teurer Spaß. Es gibt zahlreiche Konzepte von Clubbetreibern, sei es mit Teststrategien im Vorfeld, der Abtrennung bestimmter Areale in einzelne Bereiche oder das Feiern an der frischen Luft. Hauptsache es tut sich wieder was. Es gäbe im Schlichten und Ordnen erfahrenes und bestqualifiziertes Personal namens Türsteher ( soweit es nicht inzwischen umgeschult hat), die den Polizeibeamt*innen ihre unliebsame Aufgabe abnehmen könnte und das vermutlich mit weniger Eskalationen, denn Türsteher genießen bei Feierwütigen meist weitaus mehr Sympathien als die Polizei.

Der Virologe Lars Dölken der Universität Würzburg sagte letztens im Interview der Nürnberger Nachrichten: „Wenn ich ein Stadion mit 50000 Personen habe, können natürlich eine Handvoll Infizierte darunter sein, die möglicherweise in ihrem direkten Umfeld ein paar andere anstecken können. Aber das sind keine Superspreader-Events, wie wir sie etwa in Kirchen oder in fleischverarbeitenden Industriebetrieben hatten. Wenn ich Sachen in Innenräumen mache, ist dieser Raum innerhalb von ein bis zwei Stunden eine Virusuppe, und das kann draußen eben nicht passieren.“

Das mag eine Einzelmeinung sein. Vielleicht aber auch nicht. Wieso machen wir dann so einen Zirkus um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die so viel nachholen wollen nach Monaten der Entbehrung? In denen sie auf so viele wichtige Erfahrungen verzichten mussten, die das Heranwachsen normalerweise so wertvoll machen. Versteht mich nicht falsch, ich bin noch immer für einen bedachten Umgang mit der Lage, aber bitte endlich mal mit gleichem Maß für alle.

Wie war das mit der Entschleunigung?

Als unsere Minister*innen und die ermattete Kanzlerin Anfang Mai tagten und jegliche Beschlüsse zu Lockerungen der Corona Maßnahmen vertagten, machte ich mir wirklich Sorgen, dass es in Deutschland bald zu einer Revolte kommen würde – nicht nur von Querdenkern, sondern auch von vielen anderen, die inzwischen ein ernsthaftes Problem mit den Entschlüssen der Politik hatten. Doch dann ging alles schnell. Kaum eine Woche später begannen einige Ministerpräsidenten, sich gegenseitig im Lockern zu überbieten und auf wundersame Weise purzelten die Inzidenzwerte, als gäbe es da einen Kausalzusammenhang. Bayreuth und gar Tirschenreuth inzwischen bei 0,0 und auch das geplagte Nürnberg endlich unter 40. Dazu eine freudige Überraschung nach der anderen. Was? Keine Testpflicht mehr beim Einkaufen? Einfach in einen Laden reingehen ohne Click and Meet? Ins Cafè und in den Biergarten mit bis zu zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten? Der Wahnsinn. Bis ich mir dieser wiedergewonnen Möglichkeiten bewusst geworden war, dauerte es ein Weilchen. Aber dann kam es endlich bei mir an. Ich würde mich wieder verabreden, Kino, Freibad, Cafe und startete eine Dating Offensive. Die Ernüchterung stellte sich binnen weniger Stunden ein. Auf einmal hatte niemand mehr Zeit, eben diese mit mir zu verbringen. Du, sorry, meine Wochenenden sind bis zu den Sommerferien verplant. Ich treffe mich gleich mit einer Freundin. Oh, du, schade, wir bekommen Besuch. Klar, muss man ja alles nachholen, all die aufgeschobenen Treffen, Aktivitäten und Hobbies. Und zu viel Zeit sollte man sich dabei ja auch nicht lassen, schließlich wissen wir nicht, wie umtriebig sich die Deltavariante bei uns zeigen wird. Also schnell leben, als gäbe es kein Morgen. Was waren das für Zeiten, als unsere Kontaktfamilie quasi exklusiv für uns verfügbar war. Klar, sie hatte ja ebenfalls kaum ein Alternativprogramm zu uns. Kurz angerufen, zusammen ein Käffchen mit Abstand im Freien, eine kleine Wanderung oder ein gemeinsames Abendessen. Hach, wie unkompliziert. Jetzt konkurrieren wir wieder mit einer Schar von Freund*innen aus Nah und Fern, Nachbar*innen und der lieben Verwandtschaft. Irgendwie doof. Aber dann hat mich die Welle doch noch mitgerissen und überrascht durfte ich gestern feststellen, dass ich an fünf aufeinander folgenden Abenden verabredet war. Also es ist einfach so passiert. Zwei davon habe ich bereits bewältigt und ich sage Euch, ich fühle mich völlig fertig. Ist man ja nicht mehr gewöhnt, so ein ausschweifendes Leben. Das mit dem Entschleunigen ist auf jeden Fall wieder Schnee von gestern. Aber ist ja auch endlich Sommer.

Ein ganz besonderer Tag

Heute ist ein ganz besonderer Tag für mich. Meine Kinder gehen das erste Mal seit mehr als sechs Monaten wieder in die Schule. Während es dem einen graust, weil er sich so gut im Ausnahmezustand eingerichtet hat, freut sich der andere. Seine Schule beginnt heute sogar ganz smooth mit einem Eingewöhnungstag, der erst um 9.45h beginnt. Es war also fast so etwas wie ausschlafen möglich, so lässt es sich leben. Ich freue mich, dass sie wieder unter Ihresgleichen kommen, dass es endlich wieder ein Alternativprogramm zu Computer und Handy gibt und ich freue mich, endlich wieder Zeit für mich allein zu haben. Eindeutig ein Feiertag!

Buchtipp: „Leinsee“ von Anne Reinecke

Ich hatte eben angefangen, eine kleine Zusammenfassung für Euch zu schreiben, als ich auf diese wunderschöne Rezension von Katharina gestolpert bin. Und sie schreibt das so gut, dass ich erst gar nicht versuche, mitzuhalten und euch schlichtweg bitte, einfach diesem Link zu folgen:

https://sophisti-que.blogspot.com/2018/10/leinsee-von-anne-reinecke.html

Eine sommerleichte, ungewöhnliche (Liebes-)geschichte mit einer Portion Exzentrik, Humor und Tiefgang. Wie steht es so schön geschrieben? Ein Roman, wild wie ein Gewitter, zart wie ein Hauch.

Das Buch gibt es natürlich auch als Taschenbuch:

„Leinsee“ von Anne Reinecke, Diogenes, ISBN 978-3-257-24517-2

Kalifornische Verhältnisse

Als wir vor mehr als zehn Jahren in das Mehrfamilienhaus einzogen, in dem wir auch heute noch leben, gab es dort ein kleines von Hecken umsäumtes Rasenstück mit einer gemütlichen Sitzgruppe in der Mitte, die Laube, wie wir sie liebevoll nennen. Der Rasen wuchs recht kümmerlich und wies einige kahle Stellen auf, so dass wir frisch motivierten Neuankömmlinge beschlossen, mit dem Verlegen eines saftigen, üppigen Rollrasens Abhilfe zu schaffen. Vielleicht hätte es ein Happy End geben können, wenn wir die vorbereitenden Aufgaben mit dem erforderlichen Aufwand betrieben hätten. Den Boden spatentief auflockern, Unkraut, Steine und Wurzeln entfernen, gegebenenfalls mit Erde, Humus und Sand auffüllen und zwei bis drei Wochen ruhen lassen. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass dieses Stück Erde von den Wurzeln einer riesigen Birke bevölkert wird und eher minderwertiger Qualität ist. Jedenfalls währte unser Rasenglück nicht allzu lange und er glich bald wieder seinem Anfangsstadium, wenn auch jetzt mit einigen Unebenheiten garniert, die die nicht ganz sachgemäße Vorbereitung des Untergrundes verursacht hatte.

So schnell ließ ich mich nicht unterkriegen und begann, Jahr für Jahr partiell wieder neu anzusäen. Ein schwieriges Unterfangen. Denn immer dann, wenn der Boden endlich konstant Nachts über 10° Grad Celsius blieb, stieg auch das Bedürfnis der Hausbewohner*innen, sich im Freien aufzuhalten und just jene Areale zu betreten, die ich zu verschönern versuchte. Besonders Kleinkinder mit Bobby Cars sind schwer aufzuhalten. Zärtlich betrachtete ich die Quadratzentimeter zarter, sattgrüner Hälmchen im Wissen um ihre Vergänglichkeit. Die meisten von ihnen überlebten keine Saison. Egal- neues Jahr, neues Glück, ich säte so verlässlich wie der Papst seine Osteransprache hielt. Bis, ja, bis…

…der Klimawandel Fahrt aufnahm und die Kalifornier dazu aufgerufen wurden, wegen der Wasserknappheit ihre Gärten nicht mehr zu gießen. Und manche von ihnen versuchten, die Illusion aufrechtzuerhalten, indem sie das verdörrte Gelb mit Hilfe von Airbrushfarbe satt grün sprühten. Nun könnte man sagen, ja, aber das ist doch Kalifornien und was hat das mit Dir zu tun? Ganz einfach. Ich klagte einer mir sehr nahestehenden Person mein Rasenleid und diese zeigte sich, anstatt ihr Mitgefühl zu beteuern, schlichtweg entrüstet, dass ich mit Leitungswasser gieße. Sie hätten eine Zisterne, die Regenwasser sammele, und dieses reiche vollends zur Bewirtschaftung des Gartens. Schön. Wir haben leider keine Zisterne und unsere mickrige Regentonne ist aufgrund der trockenen fränkischen Sommer meist leer. Was hieß das jetzt? Es war eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Durften jetzt nur noch Menschen mit modernen Häusern und Zisternen grüne Rasen haben und der Rest sich an verbrannter Erde laben? Das Ganze war zutiefst ungerecht und gleichzeitig gab ich ihr insgeheim Recht, dass mein Kampf für ein wenig Grün eine reine Verschwendung von Trinkwasser war.

Wir dachten über die Umgestaltung der Laube nach und das Verlegen von Holzbrettern als eine Art Terrasse, aber eine überzeugende Lösung fanden wir nicht. In den letzten Tagen kam mir dann eine Idee. Anstatt Unkraut zu entfernen, würde ich es einfach sprießen lassen. Vielleicht lag die Lösung in einer Wiese voller Löwenzahn, Gänseblümchen und anderem „Unkraut“, dem es bei uns gefallen könnte? Das war allemal besser als Braun mit grünen Punkten. Ich schöpfte neue Zuversicht. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, nachdem ich wochenlang über das schlechte Wetter gejammert hatte: es regnete dies Jahr ungewohnt viel. Vielleicht würde dies Jahr alles anders werden. Ich ging in den Garten und säte….

Angela und ich

Manchmal spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit unserer Bundeskanzlerin. Nicht unbedingt, wenn sie gerade stoisch schweigt und abwartet, und auch nicht, wenn sie in einer Runde gewichtiger Staatsmänner das Sagen hat. Nein, es sind eher die stillen Momente, in denen wir uns nah sind, zum Beispiel beim Blick in den Badezimmerspiegel. Wenn ich mal wieder überrascht bemerke, dass mein Nackenhaar absteht, genauso wie ihres. Angie und ich teilen uns einen Wirbel, sie scheinen zumindest eine immens große genetische Übereinstimmung zu haben. Ihr Lebensraum sind unsere Nacken. Noch nie aufgefallen? Im Ernst? Wenn Angela abgekämpft aus der Sitzung kommt und trotz offensichtlich hingebungsvoller Mühe ihrer Coiffeure, reichlich Toupage und Haarspray das Nackenhaar unvorteilhaft absteht? Wer hört denn da noch zu, was sie in der Pressekonferenz zu sagen hat? Der Wirbel hat Zeit und wartet auf seine Stunde: er schmiegt sich hingebungsvoll an den aufliegenden Kragen des Jacketts seiner Herrin, das unbedachte Wenden des Kopfes bringt ihn in die Poleposition. Der hilfesuchende Blick in den Himmel spielt ihm vollends in die Karten. Bähmm. Frisur im Arsch. Und dann ich, die ich mir solche Mühe gebe, im Kreise der Jungen und Schönen nicht allzu unvorteilhaft aufzufallen. Schneide mir das Haar kurz, dass nun in der Stirnpartie Zornes- und Querfalten verdeckt, um sogleich wunderbar verjüngt zu erscheinen und dann- Merkelnacken. Also, ganz ehrlich, ihre geistigen Fähigkeiten hätte ich lieber.

Buchtipp: Alte Sorten von Ewald Arenz

Die siebzehnjährige Sally hat die Nase voll- von so ziemlich allem und jedem. Sie fühlt sich von niemandem verstanden, weder von den Leuten aus der Schule und erst recht nicht von ihren Eltern, die sie immer nur voller Sorge betrachten und wissen wollen, wie es ihr geht. Genauso wie die in der Klinik. Nur, weil sie wenig isst und sich manchmal schneidet. Aber nochmal geht sie da nicht hin. Als sie völlig planlos von zuhause abhaut, begegnet ihr die wesentlich ältere Liss mit ihrem Traktor auf den Feldern. Sie bittet Sally ihr zu helfen, den Anhänger wieder aus einem Graben zu bugsieren. Liss stellt keine blöden Fragen und bietet ihr schließlich an, auf ihrem Hof, auf dem sie alleine lebt, zu übernachten. Sally nimmt das Angebot zögernd an und aus einer Nacht werden mehrere Wochen. Langsam nähern sich die Frauen, die beide so gar nicht in ein konventionelles Leben zu passen scheinen, einander an. Sally darf auf dem Hof endlich sein, wie sie ist, ihren eigenen Rhythmus leben, ohne sich rechtfertigen und Erwartungen erfüllen zu müssen. Durch die gemeinsame Arbeit auf Feld und Hof spürt Sally nach und nach wieder ihren Körper und ihre Sinne, Müdigkeit, Hunger und Neugier auf das Leben mit der Natur. Liss bringt Sally alles bei, was sie über Obstsorten, Brotbacken oder die Honigernte weiß. Sie kommentiert weder ihre Essgewohnheiten noch fragt sie nach ihrer Vergangenheit und beginnt die Gesellschaft der jungen Frau zunehmend zu genießen. Und auch Sally akzeptiert, dass Liss nur zögerlich von sich erzählt. Dass es triftige Gründe geben muss, dass die wortkarge Frau im Dorf eine Außenseiterin ist und so zurückgezogen lebt, liegt auf der Hand. Und dennoch fühlt sie sich bei dieser manchmal so rätselhaften Frau erstmals wirklich angenommen. Leider drohen die zarten Bande dieser Freundschaft schnell zu zerreißen, denn Sallys Eltern lassen sie von der Polizei suchen…

Ewald Arenz beschreibt einfühlsam das fragile Annähern der beiden Frauen, das durch den kleinsten Misston sofort wieder zunichte gemacht werden könnte. Weil jede ihre Strategie entwickelt hat, sich zu entziehen, wenn sie sich angegriffen fühlt. Und dennoch sind sie sich auf ihre Weise so ähnlich, dass sie meist die richtigen Worte füreinander finden. Erstaunlich, wie gut sich dieser männliche Autor in seine Protagonistinnen hineindenken kann. Aber auch die detaillierten Beschreibungen der land- und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, das Heraufbeschwören von Düften, Farben und Landschaften machen „Alte Sorten“ zu einem sinnlichen Genuss. Das Landleben stellt sich einmal mehr als eine Lebensform dar, der manche Menschen mehr Sinnhaftigkeit abgewinnen können als dem sterilen Leben fernab der Natur.

Der bei Fürth lebende Gymnasiallehrer Ewald Arenz hat gerade seinen neuesten Roman veröffentlicht: „Der große Sommer“, ebenfalls beim Dumont Verlag erschienen. Für Lokalpatrioten dürfte der Roman ein besonderer Genuss sein, denn viele Schauplätze dürften ihnen sehr bekannt vorkommen. Ich werde ihn auf jeden Fall auch noch lesen. Er hat einfach einen tollen Stil.

Mehr dazu: https://www.deutschlandfunk.de/ewald-arenz-der-grosse-sommer-wochen-die-alles-veraenderten.700.de.html?dram:article_id=495558

„Alte Sorten“ von Ewald Arenz, Verlag Dumont, ISBN 978-3-8321-6530-7

Fast-forward

Als ich 2005 Mutter wurde, hätte ich mir nie vorstellen können, in welchem Ausmaß sich unser Leben in den nächsten fünfzehn Jahren verändern würde. Die Entwicklung dahingehend, dass unser Leben so massiv von den digitalen Medien bestimmt sein würde, war für mich noch ganz weit weg und ein Stillstand des bisherigen Lebens, wie wir ihn durch Corona erleben, sowieso jenseits aller Vorstellungskraft. Aber auch die unmittelbaren Auswirkungen, die der Klimawandel auf unser Leben haben würde, schienen mir irgendwo in fernerer Zukunft zu liegen. Und jetzt haben all diese Entwicklungen unser Leben und vor allem das unserer Kinder bereits mit voller Wucht getroffen.

Es fällt mir inzwischen wirklich mehr als schwer, ruhig zu bleiben, wenn jemand beiläufig fallen lässt, es wäre ja nicht schlecht, wenn bei uns durch den Klimawandel der Sommer etwas wärmer würde. Ein Mensch, der so etwas äußert, kann schon lange nicht mehr durch einen deutschen Wald gewandert sein oder er muss bei der Wahl seines Ausflugsziels viel Glück gehabt haben. Denn dort herrscht inzwischen vielerorts Kahlschlag- sei es, weil die Fichten bereits vom Borkenkäfer befallen sind oder dem vorgebeugt werden soll, sei es, weil die ausgetrockneten Buchen bei stärkerem Wind einfach in der Mitte auseinanderbrechen oder, weil der Wald zugunsten vermeintlich resistenterer Sorten umgebaut wird. Die sogenannte Naherholung tut manchmal im Herzen weh. Den Wald, wie wir ihn kennen, wird es schon bald nicht mehr geben. Und dieser Anblick hat in mir mehr bewegt als alle Fridays for Future Demos der letzten Jahre.

Auch diese Bewegung ist in weiten Teilen Corona zum Opfer gefallen, dabei ist es so notwendig, sich weiter für den Klimaschutz einzusetzen. Aber wieso sollte es den Jugendlichen anders gehen als uns Erwachsenen. Corona macht müde und sich online zu treffen, ersetzt eben kein persönliches Gespräch, das gemeinsame Entwickeln von Ideen und den Austausch von Energie. Ich empfinde ein tiefes Bedauern, welchen Herausforderungen sich die heranwachsende Generation und damit auch meine Kinder stellen müssen und wie alleine gelassen sie damit sind. Denn unserer Generation und den Vorangegangen scheint nicht wirklich daran gelegen, etwas zu verändern. Zu groß ist die Angst vor dem Verlust, Teilen wird schnell als Enteignung abgewehrt, Verzicht als Bevormundung und Einbüßen von Freiheit und Individualität aufgefasst. Wie zuletzt mal wieder die Äußerungen Anton Hofreiters ( und der darauf folgende Shitstorm) zeigte, dass Einfamilienhäuser unter ökologischen Aspekten nicht sinnvoll seien. Anstatt darüber nachzudenken, ob in seinen Aussagen nicht auch Wahres enthalten sein könnte, entfachte sich ein Sturm der Entrüstung. Gegen Flächenfraß sind ja viele, aber nicht, wenn Maßnahmen die eigene Entfaltung einschränken.

Meine ganze Hoffnung ruht auf unseren Kindern, die in eine ganz andere Welt hineinwachsen und für die es viel selbstverständlicher zu sein scheint, global zu denken und nicht nur an die eigenen Sicherheit. Weil eben nichts mehr sicher ist. Und weil sie gar keine andere Wahl haben, als für ihre Welt zu kämpfen. Für die es normal ist, zu „sharen“, anstatt zu besitzen, ob Auto, Sofa oder Bohrmaschine. Die sich schon früh in der Schule mit Müllvermeidung und Ökologie beschäftigen. Vielleicht schaffen sie es, die Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Leben durchzusetzen, bevor wir die Erde endgültig an die Wand fahren.

Seitdem ich angefangen habe, diesen Beitrag zu schreiben, ist einiges passiert, dass mich wieder etwas hoffnungsvoller stimmt. Joe Biden hat zum Online-Klimagipfel zusammengetrommelt und sich zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens bekannt. Die CDU/CSU hat sich im Ränkespiel um den Kanzlerposten so demontiert, dass eine grüne Bundeskanzlerin auf einmal keine wirre Zukunftsvision mehr zu sein scheint. Ob im Falle des Falles am Ende der Koalitionsverhandlungen mit welcher Partei auch immer allzu viel Klimaschutz übrigbleiben würde, darf bezweifelt werden, aber erstmal wage ich wieder ein kleines bisschen Hoffnung, dass unsere Kinder doch noch etwas Unterstützung von Seiten der Politik erfahren könnten. Ohne klare Gesetze und Vorschriften zugunsten des Klimaschutzes wird es nicht gehen. Das mit der Freiwilligkeit und der menschlichen Vernunft funktioniert ja bekanntermaßen eher mangelhaft.

Heute ist Sonntag. Vielleicht unternehmt ihr noch einen kleinen Ausflug ins Grüne. Die Natur beginnt gerade wieder zu explodieren und dringt mit ihrer Kraft und Schönheit geradewegs in unsere Herzen. Braucht es mehr Worte? Gesagt ist eigentlich schon lange alles.

Lockdownnebenwirkung

Ich bin gerade ziemlich müde von all den coronabedingten Einschränkungen des Lebens. Die Sieben-Tage-Inzidenz heute in Nürnberg über 200, der Präsenzunterricht meiner Kinder in weiter Ferne und draußen graues verregnetes Wetter. Und was macht das mit mir in letzter Zeit? Ich träume vom Meer. Immer wieder. Zum Glück ist mein Unterbewusstsein nicht ganz so vernunftorientiert wie der Rest von mir, sonst wüsste es, dass die Sache gerade kompliziert ist. Ich hoffe, ihr habt auch schöne Träume oder andere kleine Fluchten aus dem GrauinGrau. Durchhalten…