Kleine Freuden

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ gibt es eine Rubrik, die „Was mein Leben reicher macht“ heißt. Leser*innen teilen Episoden und Momente ihres Lebens, die ihnen besonders viel Freude bereitet haben oder noch immer bereiten. Wie ich eben entdeckt habe, gibt es diese sogar in einem Geschenkband zusammengefasst:

https://shop.zeit.de/geschenkefinder/fuer-jeden-anlass/4044/was-mein-leben-reicher-macht-band-2

Ich lese diese Beiträge sehr gerne, da sie mir oftmals ein wohliges Schmunzeln entlocken und vielleicht auch dazu geführt haben, selbst mehr darüber nachzudenken, was ich denn zu erzählen hätte. Natürlich kann man das auch ganz im Stillen, zum Beispiel indem man ein Dankbarkeitstagebuch führt, um sich Positives bewusst zu machen und ganz still und heimlich zu bewahren. Aber ich bin ja eher etwas mitteilsam geraten, so dass ich gerne ein paar kleine Freuden mit euch teilen würde.

Die Schwimmbrille:

Seit ungefähr fünfunddreißig Jahren bin ich kurzsichtig. Während dieser Zeit war ich einige Jahre im Schwimmverein aktiv und zog auch später im Freibad regelmäßig meine Bahnen – zugegebenermaßen mit der ein oder anderen Kollision aufgrund meiner Fehlsichtigkeit. Vor wenigen Wochen setzte ich die Idee in die Tat um, mir eine Schwimmbrille mit Dioptrien zu kaufen. Der erste Besuch im Schwimmbad war einfach grandios. Ein Hochgefühl! Wie einfach es doch manchmal sein kann, etwas zu verändern und wie lange es dazu braucht. Seither erfreue ich mich jedes Mal, wenn ich ins Wasser tauche, daran, dass ich sowohl auf den Grund sehen, als auch allen anderen Schwimmer*innen galant, mühelos und vor allem rechtzeitig ausweichen kann.

Die Allee:

Es war ein ganz besonderer Tag in diesem Frühjahr, als eine Gartenbaufirma ohne Vorankündigung etwa fünfzehn Bäume in unserer Nachbarschaft entlang der Straße pflanzte. In wenigen Jahren wird eine prächtige Allee entstanden sein, die für moderatere Temperaturen im Sommer sorgen und den Spaziergängern Schatten spenden wird. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie wir zu diesem Glück gekommen sind, wer das geplant hat und wie lange die Aktion vorbereitet wurde. Nur ein paar Hinweisschilder deuten auf eine Beteiligung der Umweltbank hin, vielen Dank dafür. Wann immer ich an den jungen Bäumen entlang laufe, bin ich einfach nur glücklich.

Sausewind:

Jedesmal, wenn ich während des Berufsverkehrs oder am Einkaufssamstag mit wehenden Haaren an den stehenden Autokolonnen am Innenstadtring vorbeidüse, genieße ich das Gefühl grenzenloser Freiheit. Zugegebenermaßen erfreue ich mich auch ein wenig daran, dass die Menschen in ihren Fahrzeugen in diesem Moment nicht dieselbe Freude empfinden, weil sie sich über ihre Vordermänner oder -frauen ärgern müssen und nur im Schneckentempo vorankommen, während ich schon drei Ampeln weiter bin. Das ist nicht sehr nett von mir, das weiß ich. Deshalb empfinde ich auch ein wenig Mitleid, dass sie nicht Fahrrad und U-Bahn fahren können und auf ihre Autos angewiesen sind. Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich gesund bin und mir diese Momente vergönnt sind. Und ich würde sie sehr, sehr gerne mit ganz vielen Autofahrer*innen teilen. Ehrlich.

Habt ihr auch „kleine Freuden“, die ihr gerne mit mir teilen möchtet? Dann schreibt mir gerne und ich veröffentliche sie.

Warum Querdenker manchmal auch Putin verstehen – Folgen der deutschen Corona Politik

Ich habe eine sehr enge Freundin, die bald zu Beginn der Coronapandemie begann, mit den Maßnahmen der Regierung zu hadern. Durch eine schwere Erkrankung zu einer Pause vom Alltag gezwungen, fand sie viel Zeit, sich dem Thema Pandemie zu widmen, es ließ sie kaum noch los, wie ich bei unseren Telefonaten bald merkte. Ich konnte nur zu gut verstehen, dass sie es furchtbar fand, dass ihre noch kleinen Kinder das Schulleben mit Masken und Abstandsregeln kennenlernen mussten, anstatt unbeschwert diesen neuen Lebensabschnitt erproben zu können. Auch, dass sie bei einem neu entwickelten, genetisch veränderten Impfstoff nicht in der ersten Reihe stehen würde, war keine Überraschung. Wer in einem Elternhaus aufwächst, das eher alternativen Heilmethoden als der Schulmedizin vertraut, der ändert seine Weltanschauung nicht von heute auf morgen. Was uns bald unterschied, war, dass ich bereit war, Fehler der politischen Entscheidungsträger mit der vollkommen neuen, schwer einschätzbaren Situation zu entschuldigen, während bei ihr das Misstrauen wuchs. Und so erging es nicht nur ihr, wie ich vor kurzem in einer Umfrage erfuhr.

Demnach hält ein gutes Drittel seiner Bevölkerung Deutschland für eine Scheindemokratie. Ein erschreckendes Ergebnis, an dem mit Sicherheit die Corona-Politik der Bundesregierung und leider auch die sogenannten „Mainstreammedien“ nicht ganz unschuldig sind. Es war ein schwerwiegender Fehler, von Beginn an Menschen mit anderen Ansichten oder auch nur Zweifeln an den Maßnahmen der Regierung in eine Ecke zu stellen und aus der öffentlich-rechtlichen Meinung zu verbannen. Anstatt sich ausführlich zu erklären, das Bemühen zu bekräftigen, bestmöglich zu handeln, ohne Irrtümer ausschließen zu können, weil unsere moderne Welt erstmalig mit solch einer Situation konfrontiert war, tat die Regierung so, als sei ihr Weg der einzig richtige und duldete wenig Widerspruch. Gebetsmühlenartig wurden die Aufforderungen zur Impfung wiederholt, ohne auch nur einen der Zweifelnden zu erreichen. Und die Medienlandschaft folgte ziemlich einstimmig. Dabei hätte die Regierung versuchen müssen, mit Argumenten zu überzeugen, anstatt andere Meinungen als unerwünscht abzustempeln. Denn die Entwicklung, die so ins Rollen gebracht wurde, lässt sich jetzt nicht mehr stoppen.

Alle, die mit ihren Ängsten und Ansichten von den klassischen Medien übergangen wurden, haben andere Kanäle gesucht und gefunden. Und bei vielen ist die Überzeugung gewachsen, sie würden von den „Mainstreammedien“ sowieso nur belogen oder Informationen würden sogar im Sinne der Regierung zurückgehalten. Was wiederum bedeutet, dass inzwischen nicht nur Informationen zu Corona in Frage gestellt werden, sondern auch zu ganz anderen Themen, wie das Phänomen der neuen Putinversteher*innen zeigt. Viele Menschen haben so ein Misstrauen entwickelt, dass sie generell alle Informationen anzweifeln und uns eben solch einer Propaganda ausgesetzt sehen, wie wir sie Putin vorwerfen. Eine tragische Entwicklung, denn die neuen Kanäle nutzen ihre Macht. Verrückt? Bedingt. So wie die meisten von uns dem Einfluss der Algorithmen der Mainstreamfilterblase unterliegen, finden andere in ihrer Blase die immer gleichen Informationen, die sie in ihrer neuen Weltauffassung bestärken. Und hat man diese Brille erstmal auf, lässt sich vieles umdeuten, was zuvor völlig normal erschien.

Nun könnte man es sich leicht machen und die Ansichten dieser Menschen als Verschwörungstheorien abtun. Aber so einfach ist es nicht. Denn es stellt sich eben auch mal heraus, dass unpopuläre wissenschaftliche Erkenntnisse der „Querdenkerszene“ doch nicht so falsch waren, wie anfangs dargestellt, wenn sie Monate später in den klassischen Medien erscheinen, wodurch sich wiederum Nutzer*innen alternativer Medien in ihrem Misstrauen betätigt fühlen. Es ist eben nicht alles falsch an den Bedenken gegenüber den Maßnahmen der Regierung gewesen, wie sie von verschiedenen Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Wissenschaftler*innen vorgebracht wurden. Von Menschen, die keineswegs Corona leugneten, sondern Angst vor unbekannten Impfnebenwirkungen hatten, die dachten, dass die Maßnahmen schlimmere Spätfolgen für die Gesellschaft haben könnten als der Tod schwer erkrankender Menschen oder von Frauen, die schlichtweg Sorge um ihre ungeborenen Kinder hatten. Diese vollkommen unterschiedlichen Menschen wurden schnell unter dem Begriff Querdenker zusammengefasst, anstatt sich mit ihren individuellen Beweggründen gegen eine Impfung auseinanderzusetzen und sie vor allem ernst zu nehmen.

Als halbwegs sorgloses Mitglied des Mittelstandes fällt es im Allgemeinen nicht schwer, mit den politischen Entscheidungen unserer Regierung mitzugehen. Es gefällt uns nicht alles, man motzt mal hier und da, aber solange man nur bedingt an die Grenzen seiner persönlichen Freiheit und Möglichkeiten stößt, lasst es sich sehr gut in diesem Deutschland leben. Wer dagegen immer wieder an Grenzen stößt, wessen Lebenssituation sich nicht verbessert, obwohl er oder sie sich abstrampelt, egal wer gerade an der Regierung ist oder wer sich- wie in der Pandemie- zu Maßnahmen gezwungen sieht, die ihm zutiefst widerstreben, beginnt allerdings, seinen Blick zu verändern. Er oder sie ist nicht mehr bereit, Fehlentscheidungen zu verzeihen, sondern merkt sich nicht eingehaltene Versprechungen, persönliche Bereicherung von Politiker*innen, Lügen und Täuschung. Und hält Deutschland vielleicht am Ende sogar für eine Scheindemokratie, als Ausdruck der eigenen Ohnmacht, nichts an der gegenwärtigen Situation verändern zu können.

Es ist eine Mammutaufgabe für unsere Demokratie, dies wieder zu verändern. Sich auf gemeinsame Werte und Erfahrungen zu besinnen und wieder Vertrauen aufzubauen. Wieder einen gemeinsamen Weg zu finden, weg vom Schwarz und Weiß, Gut und Böse, richtig und falsch. Die Perspektive des anderen einzunehmen, um seine oder ihre Wahrheit zu verstehen und darüber reden zu können. Die Algorithmen der Sozialen Medien müssten endlich so verändert werden, dass allen Menschen alle Informationen zur Verfügung stehen und nicht nur die, die sie in ihrer Meinung bestätigen. Dafür bedürfte es aber ganz neuer Geschäftsmodelle. Solange Zeit Geld bedeutet und User an den Geräten gehalten werden müssen, werden die Firmen uns immer vorsetzen, was wir lesen wollen.

Vor einiger Zeit haben meine Freundin und ich wieder telefoniert. Es war anstrengend, wir haben diskutiert und gerungen, bei manchen Themen Konsens gefunden, bei anderen ging kein Weg zusammen. Aber nur so wird es gehen. Hinterfragen, überzeugen, auseinandersetzen. Vielleicht muss unsere Gesellschaft wieder lernen, zu diskutieren und es auch aushalten, wenn man nicht zusammenkommt. Hauptsache im Gespräch bleiben- das haben wir beiden uns ganz fest vorgenommen.

1 Jahr Solawi – ein Resümee

Ich habe mich, glaube ich, noch nie so sehr über frisches Grün gefreut, wie an diesem Mittwoch, als nach einer langen Herbst-Winter-Saison voller Kohlsorten, unsere Lieferung der solidarischen Landwirtschaft einen Salatkopf, Postelein und Asia-Salat enthielt. Himmlisch. Ihr wisst nicht, was Asia-Salat ist? Und Postelein? Über den Asia-Salat(siehe Bild) habe ich selbst erstmal gerätselt, Postelein oder auch Portulak genannt, kenne ich seit einigen Wochen und weiß, dass er mit einer deftigen Jogurt-Knoblauch-Sauce angerichtet fantastisch schmeckt.

Die Freude darüber war deshalb so groß, weil ich in diesem Winter so viel Kohl gegessen habe, wie noch nie in meinem Leben zuvor. Grünkohl, Schwarzkohl, Rosenkohl, Wirsing, Kohlrüben, Rotkohl und Weißkraut. Was es halt so bei uns gibt im Winter, frisch oder eingelagert wie Möhren, Kartoffeln oder Zwiebeln. Dass ich in einigen Nächten sogar wegen Bauchschmerzen aufgewacht bin, lag aber vor allem auch daran, dass je nach Sorte zwei bis drei meiner Mitesser wegfielen und da ich natürlich nichts von dem wertvollen Gut wegwerfen wollte, alles allein gegessen habe. An diese Mengen war mein Organismus definitiv nicht gewöhnt. Und dennoch bin ich nach wie vor begeistert davon, erstmals in meinem Leben wirklich mitzubekommen, was gerade bei uns auf den Feldern wächst – und was eben nicht. Und das ist eine ganze Menge. Diesen Winter gab es kein einziges Mal Sommergemüse wie Zucchini oder Aubergine bei uns und auch beim Zukauf von Salat beließen wir bei wenigen Ausnahmen. Bei Tomaten bekommen wir das leider nicht hin, sie sind ein wichtiges Nahrungsmittel in unserem Haushalt. Dafür lernten wir im Herbst Bittersalate kennen und schätzen. Sie vertragen leichten Frost und wachsen deshalb bis in den Winter hinein bei uns. Dass sie irre gesund sind, brauche ich nicht zu erwähnen, so wie viele Lebensmittel, die genau deshalb zu einer bestimmten Zeit bei uns wachsen, um uns mit den wichtigsten Nährstoffen zu versorgen. Und ich kenne jetzt mindestens sechs verschiedene Arten, Grünkohl zu verarbeiten, nämlich als Curry (geht immer und übertönt auch ungeliebte Geschmäcker), Lasagne, Moussaka, Smoothie, Salat und Chips.

Wenn man ein und dasselbe Lebensmittel immer wieder verarbeiten muss, wird man kreativ und probiert Neues aus. Und ich kann tatsächlich bestätigen, dass man sich an bestimmte Geschmäcker gewöhnt, je öfter man sie isst. Mit der Kohlrübe fremdele ich noch ein wenig (mein Hase mochte sie früher), dafür habe ich Wirsing inzwischen richtig lieb gewonnen. Zusammen mit Möhren und Champignons und satt mit Käse überbacken, ist er alles andere als langweilig. Jetzt esse ich mich die nächsten Monate mit ganz viel Rohkost satt und bin mir sicher, dass ich mich in einem halben Jahr genauso auf meine Kohlköpfe freuen werde, wie jetzt auf den ersten Salat. Es macht Spaß, Teil von etwas Größerem zu sein, den Kreislauf des Jahres mitzuerleben und ganz kleines bisschen mitzugestalten. Und es wäre toll, wenn noch viel mehr Menschen mitmachen würden. Unsere Solawi entwickelt sich immer weiter und ich hoffe, dass wir es eines Tages schaffen werden, dass auch Menschen mit sehr kleinem Geldbeutel dabei sein können, weil die Gemeinschaft einen Teil ihrer Beiträge übernimmt. Noch ist das leider Zukunftsmusik, aber ich hoffe, das wird eines Tages selbstverständlich sein. Es bleibt spannend und ich freue mich aufs nächste Jahr.

Wer mehr wissen möchte, kann sich hier informieren:

http://www.stadt-land-beides.de/ (Nürnberg/Fürth)

Eine Solawi in deiner Nähe:

https://www.solidarische-landwirtschaft.org/solawis-finden/auflistung/solawis

Podcasttipp

Ich höre des öfteren EINS ZU EINS. DER TALK auf Bayern2. Heute war der russische Schriftsteller Michail Schischkin zu Gast, der seit 1995 in der Schweiz lebt. Seine Schilderungen der alten Heimat, seine Sicht auf die Menschen und seine Einschätzungen der politischen und gesellschaftlichen Situation sind sehr spannend und empfehlenswert für alle, die sich mit diesem Land und seiner Geschichte auseinandersetzen möchten. 38 lohnenswerte Minuten.

https://www.br.de/mediathek/podcast/embed?episode=1854320

https://www.br.de/mediathek/podcast/eins-zu-eins-der-talk/michail-schischkin-schriftsteller/1854320

Flüchtlinge zweiter Klasse

Ich freue mich wirklich sehr darüber, welche Unterstützung Geflüchtete aus der Ukraine erfahren. Die Menschen werden von engagierten Privatpersonen, Busunternehmen oder Hilfsorganisationen an der Grenze abgeholt und sogar von der Deutschen Bahn unentgeltlich mitgenommen und in oftmals private Unterkünfte gebracht, die von Mitbürger*innen zur Verfügung gestellt werden, die helfen wollen. Polen wächst in seiner Willkommenskultur über sich hinaus, während die Regierung noch vor wenigen Wochen alles dafür getan hat, Flüchtlingen den Zugang in die EU zu verwehren und nicht einmal Hilfsorganisationen hat passieren lassen. Dass auch jetzt nicht selten Unterschiede zwischen „echten Nachbarn“ und Zugezogenen, die anders aussehen, gemacht werden, verwundert nicht.

So positiv mich der Zusammenhalt in Europa gerade stimmt, so traurig macht mich die Behandlung zweiter Klasse von Menschen aus anderen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt, denen nicht minder Schlimmes widerfahren ist und deren Flucht oft Monate oder auch Jahre andauert. Bei denen wir uns damit abgefunden haben, dass sie jahrelang unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern ausharren müssen, während wir jetzt alles dafür tun, den Menschen aus der Ukraine schnellstmöglich eine feste Bleibe und eine Perspektive zu bieten.

Vermutlich ist es politisch unkorrekt, die Ursache darin zu sehen, dass Menschen beispielsweise aus dem Nahen Osten meist eine andere Hautfarbe und eine andere Religion haben und keine Europäer*innen sind und allein deshalb unter Generalverdacht stehen, sich Asyl erschleichen zu wollen. Vielleicht ist das aber auch die bittere und einfache Wahrheit.

Möglicherweise entsteht aber auch erst jetzt bei den Deutschen und seinen Nachbarn, die den 2. Weltkrieg nicht mehr erleben mussten, ein Bewusstsein dafür, was Krieg und Flucht bedeuten und wie schnell jeder von uns selbst betroffen sein könnte. Und dass auch wir einmal auf Hilfe angewiesen sein könnten.

Es wäre wünschenswert, wenn von dieser Bewusstseinserweiterung bald auch Flüchtende aus anderen Ländern profitieren könnten. Viel mehr bleibt allerdings zu fürchten, dass die Hilfsbereitschaft und Solidarität nur so lange andauern wird, wie sie nicht zum eigenen Nachteil gereicht. Sobald es um die Verteilung von Jobs, Wohlstand und Wohnraum gehen wird, ist sich vermutlich wieder jede(r) selbst der oder die nächste. Hoffen wir, dass es uns gelingt, den Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft zu bewahren und ein neues Gemeinsam zu finden.

I have a dream

Ich weiß, dass die Situation in der Ukraine gerade alles andere als rosig aussieht, ich kenne alle Schreckensszenarien und Gefahren der derzeitigen Situation. Und dennoch möchte ich nicht die Hoffnung aufgeben und an ein großes Wunder glauben.

Nämlich, dass all die Unterdrückten und Unzufriedenen in Belarus und Russland sich gegen ihre Machthaber erheben und sich mit den Ukrainern zusammentun.

Dass ihnen die Militärs folgen, anstatt ihre Proteste niederzuknüppeln, weil auch sie nicht gegen ihre Schwestern und Brüder kämpfen wollen. Dass sie Putin und Lukaschenko stürzen und ein freies und demokratisches Belarus und Russland entstehen kann.

Und dass die Ukrainer endlich wieder in Frieden und in guter Nachbarschaft leben können. Das wünsche ich mir.

Den Kopf freibekommen

Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht, aber ich bilde mir ein, ich würde die Auswirkungen des regen Smartphonegebrauchs bei mir bereits merken. Das ständige Aufploppen neuer Nachrichten und sekündlich wechselnder Inhalte führt zu einer immer kürzer währenden Aufmerksamkeitsspanne. Zum Beispiel beim Zeitung lesen. Zugegebenermaßen bietet die Lokalzeitung seit Corona auch nicht mehr die spannendsten Inhalte, aber es fällt mir inzwischen schwer, so einen ganzen faden Artikel zu lesen, ohne gedanklich abzuschweifen oder die Zeilen nur zu überfliegen. Dass unser digitales Leben gravierende Folgen vor allem auf die Generationen haben wird, die bereits damit aufwachsen, davon bin ich ja sowieso überzeugt. Aber auch bei uns?

Jedenfalls machte der Autor des Buches „Konzentration-warum sie so wertvoll ist und wie wir sie bewahren“ Volker Kitz ähnliche Erfahrungen, wie er bei einem Interview in Campus und Karriere Im DLF erzählte.

https://www.ardaudiothek.de/episode/campus-und-karriere/autor-kitz-ueber-konzentration-konzentration-wie-foerdern-interview-mit-buchautor-volker-kitz-teil-1/deutschlandfunk/96255094/.

Als er eines Tages einen Teil seines Einkaufs an der Supermarktkasse vergaß, erfuhr er auf Nachfrage, dass es dort ein ganzes Lager voller vergessener Dinge gab, weil die Menschen scheinbar immer mehr vergaßen, weil sie immer weniger bei der Sache waren.

Ich merke auf jeden Fall, dass die Konditionierung auf eingehende Nachrichten und Neuigkeiten bei mir zu einer gewissen Unruhe führt, gleichzeitig zu einem Drang, produktiv sein zu müssen, während ich weder richtig abschalten, noch mich gut auf eine Sache fokussieren kann. Zum Glück habe ich kürzlich ein Gegenmittel gefunden, das mir dabei hilft, dem entgegenzuwirken und meinen Feierabend doch entspannt genießen zu können. Als meinem Zwölfjährigem mal wieder langweilig war, erinnerte ich mich daran, dass ich dem Größeren in diesem Alter ein anspruchsvolles Punkt-zu-Punkt Malbuch für Erwachsene gekauft hatte. Da dieses Beschäftigungsangebot wenig Anklang fand, nahm ich mir kurzentschlossen eine Seite daraus vor. Und erfuhr eine Offenbarung. Dadurch, dass ich mich auf eine relativ simple Aufgabe konzentrieren musste, konnte mein Geist völlig entspannt schweben und hatte ganz wundervolle Ideen und Gedanken. Die perfekte Beschäftigung für mich, um den Kopf freizubekommen und Ruhe zu finden. Endlich verstehe ich, warum Menschen Mandalas ausmalen, Stricken oder Häkeln. Hat ja auch lange genug gedauert. Was ist euer Punkt-zu-Punkt Rätsel?

Kommentar: Die Aufregung um die olympischen Spiele

Mit Verwunderung verfolge ich in den letzten Tagen die Empörung über das Unrechtsregime in China. Und denke mir: hätten all die Demokratien, die sich jetzt echauffieren, direkt nach der Wahl Chinas als Austragungsland, diese olympischen Spiele geschlossen boykottiert, wäre das ein wirksames Mittel gewesen. Die Kritik jetzt, wo das Kind schon lange in den Brunnen gefallen ist, mutet seltsam zahnlos und scheinheilig an. Es gehört zum guten Ton, Kritik zu üben. Dass diese wirkungslos verpufft, scheint nebensächlich zu sein.

Omikron und das Testen

Omikron schlägt gerade überall zu, Freunde und Bekannte von uns sind betroffen, manchmal sogar die ganze Familie. Das Problem bei der Diagnostik ist gerade die Unzuverlässigkeit der Tests, nicht nur die der Schnelltests, sondern auch die der PCR Tests. Wer auch immer aufgrund einer Infektion bereits den Wahnsinn der täglichen Testung mitgemacht hat, erzählt davon, dass Tests an ein und demselben Tag morgens anschlagen können, abends aber nicht (oder umgekehrt), und weiß zu berichten, dass der Schnelltest positiv, der PCR Test aber am gleichen Tag negativ sein kann und umgekehrt. Die Virenlast scheint vor allem gegen Ende der Infektion so hoch zu sein, dass das Freitesten, wenn man eigentlich keine Symptome mehr hat, zum Pokerspiel werden kann. Ich selbst musste kürzlich von einem Job nach Hause gehen, weil der Schnelltest am Morgen vor Ort angeschlagen hatte. Der PCR und alle Schnelltests im Nachgang waren negativ und ich hatte auch keinerlei Krankheitssymptome. Der Job war futsch, die Kohle auch, so ist das mit den Selbständigen. Die Lage gleicht gerade jedenfalls eher einem Glücksspiel als solider Wissenschaft. Ich würde dafür plädieren, dass es selbstverständlich sein sollte, zuhause zu bleiben, wenn man Krankheitssymptome hat und auch dann testet, wenn es nur leichte Symptome sind. Das ins Blaue hineintesten, vor allem von Geboosterten, die ja scheinbar eine extrem schwer nachzuweisende Viruslast zu Beginn einer Infektion haben, führt jedenfalls gerade zu mehr Verunsicherung als zu wirklichem Nutzen. Vielleicht müsste man ja nicht nur bei der Impfung, sondern auch bei den Tests nachjustieren. So ist das jedenfalls keine runde Sache.

Das Wort zum Sonntag

Es ist mal wieder so weit. Mein Gesicht im Badezimmerspiegel blickt mich erstaunt an, während es in gleichmäßigem Takt seine Farbe von „hulkgrün“ zu „gelbsuchtgelb“, „dämonrot“, „akutem Übelkeitsviolett“ und „Horrorstreifen schwarz-weiß“ wechselt, um anschließend wieder bei „hulkgrün“ zu beginnen. Die Fernbedienung unserer supermodernen Badezimmerdeckenlampe hat sich zum wiederholten Male versteckt und vermutlich so verklemmt, dass die Farbwechsel in Dauerschleife laufen. Dabei würde es vollkommen ausreichen, wenn man diese Lampe von warmem zu kaltem Licht in unterschiedlicher Intensität dimmen könnte, wenn überhaupt. Wer braucht bitte grünes, rotes oder blaues Licht im Bad, ist ja keine Disco. Ich finde das doofe Ding schließlich in einem Korb zwischen Schnelltests und Masken und sorge per Knopfdruck wieder für etwas mehr Frische in meinem Gesicht, was beim fünften Anlauf tatsächlich gelingt.

Wir leben in dem paradoxen Zustand, elektrisch immer mehr aufzurüsten, während wir eigentlich Energie sparen wollen. Die gute alte Kerze hat schon lange ausgedient, ihr elektrischer Nachfolger ist jetzt über smart home mit einer Zeitschaltuhr verbunden, um vorzugaukeln, dass die Bewohner*innen zuhause sind, auch wenn sie gerade auf Malle überwintern. Soll ein effektives Mittel zur Einbrecherabschreckung sein. Wo mir früher eine einzige, kleine Wärmflasche gute Dienste leistete, kann ich heute zwischen elektrischem Fußwärmer oder einer ganzen Wärmematte wählen, die sich sogar aufladen lässt, so dass ich sie fernab jeder Steckdose auch outdoor nutzen kann. Wahnsinn.

Auch die klimabewusste Jugend kehr nicht vor der eigenen Haustür. Eine schlichte Tastatur und ein schwarzes Gehäuse für den PC waren gestern, heute blinken und leuchten sie wie der Disco Scooter auf dem Volksfest.  Die dazugehörige Software sorgt dafür, dass man je nach Stimmung und Geschmack beispielsweise zwischen dem Aufleuchten einzelner Tasten bei deren Anschlag oder der Laola im Stadion, bei der die Tastatur von links nach rechts oder umgekehrt in allen Regenbogenfarben aufblinkt, wählen kann. Dass all das Streamen und Gamen Unmengen an Energie verbraucht und die Anschaffung neuer Geräte, lasse ich mal beiseite.

Es wäre wirklich toll, wenn Klimaschutz, wie es uns ja, ganz vorne dabei, die Liberalen schmackhaft machen wollen, durch Innovation gelänge. Aber solange wir denken, dass ein SUV mit Elektroantrieb der große Wurf sei, wird das leider nicht funktionieren.

Schade eigentlich. Einen schönen Sonntag wünscht,

Eure Ella

Lieblingssänger

Es ist ganz schön lange her, dass ich meine musikalischen Vorlieben mit Euch geteilt habe. Dabei denke ich öfter mal darüber nach, wen ich benennen würde, wenn mich jemand nach meinem Lieblingssänger*in fragen würde. Da mir sehr unterschiedliche Sachen gefallen, ist das nicht einfach einzukreisen. Den meisten meiner Lieblingskünstler*innen ist wohl eine gewisse Schwermut und der nicht ganz leichte Weg im Leben gemein. Da passt auch der belgische Sänger Stromae hinein, der auf jeden Fall ganz vorne auf meiner Hitlist dabei ist. Im März erscheint endlich sein neues Album, zwei Singles hat er vorabreleast. Eine davon der motivierende Song „Santè“, der während Corona entstanden ist. Ein wahnsinnig kunstvolles Video ist das zu dem Song „Quand C’est“, aber auch Papatoui ist einfach großartig und wieder vollkommen anders. Mein persönlicher Lieblingssong ist aber nach wie vor „Formidable“. Wenn ihr Lust habt, schnappt Euch ein Gläschen Wein und lasst Euch beeindrucken.

Ich habe eine Freundin, die ist wie mein Mann.

Und ich wie der Ihre. Je vertrauter wir uns im Lauf der Jahre wurden, desto augenscheinlicher wurde dieser recht kuriose Sachverhalt. SIE findet sich meist in den Verhaltensweisen meines Mannes wieder, über die ich mich gelegentlich auslasse. Während ICH die Empörung über Aktionen ihres Mannes meist nur halbherzig teilen kann, weil ich sein Verhalten eigentlich nachvollziehbar finde. Wollte man unsere Charaktermerkmale auf eine stark vereinfachte Formel bringen, wären ER und ICH eher die Pragmatiker, während SIE und ER sich eher von Gefühlen leiten lassen.

Dass wir aneinander scheinbar genau das mögen, was uns an unseren Männern nervt, deutet stark darauf hin, dass zum einen die Wahl unserer Partner durchaus die Richtige war, zum anderen Freundschaft weitaus großzügiger ist als es eine Ehe je sein könnte. Das mag man bedauern, muss man aber wohl so hinnehmen. Jedenfalls ist diese Freundschaft überaus lehrreich. Im besten Fall hilft sie dabei, das Verhalten des Partners/ der Partnerin (wir teilen ja so manche Erkenntnisse mit unseren Liebsten) aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und es sogar ein bisschen besser zu verstehen. Einige Erkenntnisse durften wir bereits gewinnen. Uns ist klar geworden, dass sich Gegensätze wirklich anziehen und zwar völlig unabhängig vom Geschlecht. Wir wissen jetzt, dass es die Sache mit Mann und Frau nicht einfacher macht, Unterschiede zu überbrücken. Und dass die Angelegenheit kompliziert, aber nicht hoffnungslos ist.

Das Schöne ist übrigens, dass sich auch unsere Männer gut verstehen, obwohl oder gerade, weil sie so unterschiedlich sind. Weiteren Studien steht also nichts im Wege. Ich freue mich schon darauf.