„I love you, mommy!“

Es ist gut zehn Jahre her, dass ich erstmals mit dem Thema „Überschwängliche Liebesbekundungen zwischen Kindern und ihren Eltern“ konfrontiert wurde. Ich arbeitete für eine bekannte Messe und schminkte eine Koryphäe für Spielwaren aus Amerika, die alljährlich dafür eingeflogen wurde, dem Fachpublikum die neuesten Trends auf diesem Gebiet vorzustellen. Sie erzählte mir von ihrer etwa elfjährigen Tochter, die ihr jeden Tag – ob zuhause oder unterwegs am Telefon – mit einem „I love you, mommy!“ ihre tiefe Zuneigung beteuerte. Kurz dachte ich an meine beiden in diesen Belangen wortkargen Jungs und erwiderte trocken, meine täten das nie, um weitere Ausführungen über diese für mich zugegebenermaßen völlig übertriebene amerikanische Auslegung der Mutter-Kind-Beziehung im Keim zu ersticken und so meine spitze Zunge im Zaum halten zu können.

Es dauerte geraume Zeit, bis ich erneut mit dem Thema konfrontiert wurde. Diesmal handelte es sich um eine äußerst geschätzte Arbeitskollegin, die ich wirklich sehr gerne mag und die zwar immerhin mit einem Amerikaner verheiratet, sonst aber eine waschechte Berlinerin ist, die ja nicht gerade berühmt für Sentimentalitäten sind. Ich wusste schon seit geraumer Zeit von den Liebesbekundungen zwischen ihr und ihren Söhnen. Ein tägliches „Ich liebe Dich so sehr!“, wechselseitig und aus tiefstem Herzen. Stutzig wurde ich, als sie mir kürzlich erzählte, dass ihr Dreizehnjähriger das noch immer tat. In der Phase größter Bockigkeit, des Grenzen Austestens, der Abnabelung. Sie erklärte es mir in etwa so: „Wir haben das einfach über so lange Zeit eingeübt, ich habe sie immer bestärkt, dass sie sich sicher sein können, dass ich sie liebe, auch wenn etwas nicht gut gelaufen ist, das gehört für sie so selbstverständlich zum Leben wie das Atmen.“ Das verstand ich und begriff zugleich, warum meine Jungs das nicht taten.

Und dann las ich vergangene Woche ein Interview mit Barbara Becker und ihren Söhnen Elias und Noah in der Bunten, der eine 23, der andere 28, und stellt Euch vor, die machen das immer noch, täglich anrufen und „Ich liebe Dich“ und das ganze Programm, und finden das vollkommen normal. Ich wunderte mich nicht, denn ich hatte ja inzwischen gelernt, wie es zu solchen Verhaltensweisen kam.

Früher hätte ich dieses Verhalten völlig drüber und sogar äußerst bedenklich gefunden. So etwas kannte ich nicht von zuhause, genau wie mein Mann. Klar, die Generation unserer Eltern kämpfte, wenn nicht an der Front, so doch als Kinder des Krieges ums Überleben, da war kein Raum für „Gefühlsduseleien“. Und so waren wir uns (unausgesprochen) einig, dass unsere Kinder ohnehin merken würden, dass wir sie liebten (mein kleiner Sohn nimmt gerade den Konjunktiv in der Schule durch – ich kann nicht anders), ob als Baby durch Vorsingen, Kuscheln, Spielen und Küssen oder später – zugegebenermaßen etwas diskreter – durch die Versorgung mit Nahrung, das Kümmern um Schulsachen, Bekleidung und andere Belange. Ein seltenes und schüchternes „Ich habe Dich lieb“ hatte da reichen müssen.

Aber jetzt denke ich anders darüber. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht gewesen, mit unseren Kindern auf diese offensive Art einzuüben, über Gefühle zu sprechen. Nicht, weil ich so gerne hören würde, dass sie mich lieben, dessen bin ich mir auch ohne viel Worte gewiss. Nein, sondern, weil es dann vielleicht auch später im Leben ganz leicht fällt, über Gefühle zu reden und das nicht mit etwas irgendwie Unangenehmen und Schamhaften verknüpft ist. Wer seiner Mutter etwa (bei 365 Tagen im Jahr kommt da schon einiges zusammen) 10000-mal gesagt hat, dass er sie liebt, wird auch keine Probleme haben, seine Liebe einer Frau oder einem Mann zu gestehen. Unter Umständen kommt ihr oder ihm dieses Geständnis ein bisschen schnell über die Lippen, aber es gibt Schlimmeres im Leben. Naja, ich werde nicht mehr versuchen, das Liebesding einzuführen, meine Kinder würden mich vermutlich für verrückt erklären. Dafür ist es zu spät.

Ich mache mir überhaupt gerade viele Gedanken über Dinge, die zu spät sind. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Großer in absehbarer Zeit aus dem Haus gehen wird. Manchmal wünschte ich mir, wir hätten einen ganzen Durchgang Eltern auf Probe sein können, um uns zu allen Themen und Problemen, die so auf einen zukommen, in Ruhe überlegen zu können, wie wir damit umgehen möchten, welche Haltung wir haben, was wir als richtig ansehen und was als falsch. Und um es dann so vollkommen durchdacht anzugehen. Stattdessen stolpert man durchs Elternleben und stellt irgendwann fest, dass man vieles erlaubt hat, was man eigentlich zum Kotzen findet und anderes viel Wichtigeres keinen Platz gefunden hat. Wieso bekommen die das in Büchern immer so gut hin? Da geben Mütter oder Väter in geeignetsten aller Momente ganz wunderbare Dinge von sich, die ihre Kinder durchs Leben tragen und ihnen den Weg zeigen. Wenige Sätze, klug und wohldosiert. Und was sage ich? „Hast Du was für die Schule gemacht?“ und „Zockst Du schon wieder?“ und verpasse den richtigen Moment und die richtigen Worte. Ich tappe in die gleichen Fallen wie meine Eltern, belasse es bei Banalitäten, bestätige Schubladen und entmutige, anstatt zu beflügeln. Ja, ist eben der erste Durchgang.

Würde ich es nochmal tun, dann wäre „Ich liebe Dich“ auf jeden Fall Basisseminar anstatt das Höchste der Gefühle.

2022, die letzte – Demut

Die vergangenen Wochen waren eisig kalt und wir haben versucht, so wenig wie möglich zu heizen. Die Fenster beschlugen von innen und das Wasser sammelte sich, man kann im Altbau sicher sein, dass der Schimmel nicht lange auf sich warten lässt. Der Ofen im Wohnzimmer sorgte dafür, dass zumindest die Wäsche trocknete. Eine Lösung für den Klimaschutz ist das allerdings nicht, wenn Abertausende jetzt ihre Holzöfen als Heizalternative nutzen. Wir können uns das Leben zusätzlich mit Decken, Funktionsjacken und dicken Wollsocken angenehmer machen, wir können uns Tee kochen und eine Wärmflasche auf die Füße legen. Wir können sogar einfach die Heizung höher drehen, noch haben wir einen finanziellen Spielraum, die Kosten zu tragen. Und dann denke ich an all diejenigen, die diese Möglichkeiten nicht haben, die lange an der Heizung drehen können, sie aber keine Wärme abstrahlen wird, weil alle Leitungen zerbombt sind. Die auch keinen Tee kochen können, um die Hände zu wärmen, weil es keinen Strom gibt. Ich denke an die Menschen ohne Dach über dem Kopf, die jedes Jahr wieder gegen die eisige Kälte kämpfen müssen. Und an diejenigen, die finanziell schon am Limit waren, bevor die enorme Teuerung begonnen hat und nicht wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Da empfinde ich eine tiefe Demut, wie privilegiert ich bin.

Überhaupt war das Jahr zwar bewegt – in der Familie gab es eine OP, die gut verlaufen ist, eine OP, die dann doch nicht stattfand, einige Schulfahrten und Auslandsaufenthalte– aber im Großen und Ganzen ein ruhiger Fluss. Die größte Herausforderung für uns Eltern war es, bei der extrem in Verzug geratenen Anfertigung der W-Seminararbeit des älteren Kindes nicht vollkommen durchzudrehen. Aber wir vier erfreuen uns bester Gesundheit. Dieses Glück haben leider nicht alle Familien. Bei manchen sind gerade die jugendlichen Kinder nicht schadlos durch die Pandemie gekommen und müssen sich jetzt in Kliniken wieder mühsam zurück ins Leben kämpfen. Die Wartezeiten für psychologische Hilfe sind meist viel zu lang und was innerhalb relativ kurzer Zeit entstanden ist, bleibt oft ein Teil des jungen Lebens. Bei einer Familie aus dem Bekanntenkreis, hat eines der Kinder den Kampf gegen den Krebs verloren hat und musste viel zu früh gehen. In einer anderen war es die Mutter, die ihre beiden Kinder viel zu früh verlassen musste, auch hier nach einem langen, grausamen Kampf gegen den Krebs. An sie denke ich besonders viel, denn nichts ist mehr, wie zuvor und dieses Weihnachtsfest ein besonders herausforderndes. Da sein für die anderen Familienmitglieder, versuchen, es irgendwie, schön zu machen und dennoch auch der Trauer und dem Verlust seinen Platz geben.

Dieses Gefühl bleibt bei mir am Ende dieses Jahres. Ich bin dankbar, dass wir gesund sind und als Familie zusammen sein können, dass wir hier nicht in einem Kriegsgebiet und in permanenter Angst leben müssen, dass Deutschland ein Rechtsstaat ist und wir nicht um unser Leben fürchten müssen, wenn wir auf die Straße gehen, um zu demonstrieren, dass wir ein Dach über dem Kopf haben und gut für uns sorgen können. Mit diesen Gedanken verabschiede ich mich von Euch mit den besten Wünschen aus diesem Jahr. Ich wünsche allen, die bedürftig sind und Hilfe benötigen, dass sie diese auch finden. Dass ihr euch nicht für eure Situation schämt, sondern euch anvertrauen könnt. Ein offenes Wort ist meist auch ein Türöffner.

Wenn ihr die Menschen in der Ukraine unterstützen möchtet, findet ihr auf der Homepage der Stadt Nürnberg Informationen. Charkiw ist eine unserer Partnerstädte und es gibt sehr gute und intensive Verbindungen.

https://www.nuernberg.de/internet/international/partnerschaftsverein.html

Eure Ella

2022, die zweite: Sinnsuche

Anstatt mich in den vergangenen Wochen hingebungsvoll dem Plätzchenbacken zu widmen, habe ich wiederholt Apfelmus eingekocht, diverse Apfelkuchen und Apfelstrudel gebacken, sowie Apfelringe getrocknet. Meine Ausbeute war äußerst bescheiden. Etwa 25 Äpfel ergeben vier Gläser Apfelmus. Das liegt daran, dass die Äpfel unserer Solawi zwar äußerst schmackhaft sind, aber auch eher klein, schief und krumm. Individuell eben. Unser Winterobsternteanteil (was für ein Wort) besteht vorwiegend aus Äpfeln, die lassen sich gut lagern und sonst wächst ja gerade nichts draußen und so verspüre ich permanent einen leichten Druck, Äpfel verarbeiten zu müssen, denn das ewige Lagern überleben sonst nicht alle.

Als ich vergangene Woche mal wieder leise jammerte, was ich mit all den Äpfeln machen solle, fragte mich mein jüngerer Sohn, warum ich nicht einfach Äpfel im Supermarkt kaufe, und zwar nur so viele, wie ich wirklich brauche. Ha, ein guter Einwand. Ich dachte lange über seine Worte nach, bevor ich ihm antwortete. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Ich möchte es genau so, wie es ist, auch wenn es nicht der leichteste Weg ist. Die Äpfel geben meinem Leben Sinn. Also sie verarbeiten zu müssen, wenn ich nicht möchte, dass sie verderben. Eine Aufgabe zu haben, so wie jemand anderes mit seinem Hund raus muss, damit er sich erleichtern kann oder aufstehen muss, um einer wichtigen Arbeit nachzugehen. Klingt irre, oder? Solange meine Kinder noch fiebernd auf meine Rückkehr von der Arbeit warteten und diese mich ordentlich in Beschlag nahm, stellte ich mir die Sinnfrage eigentlich nie. Wann auch. Inzwischen drängt sie sich mir immer mal wieder auf. Ich mag schon wissen, warum ich jeden Tag aufstehe, einkaufe, aufräume, Essen mache und vieles andere, um am nächsten Morgen wieder von vorne anzufangen.

Da gibt es selbstverständlich überzeugende Argumente wie die Liebe, Familie, Freundschaft, soziale Kontakte, füreinander da sein. Manche Menschen haben ihren Glauben an Gott oder Allah, der ihrem Leben Sinn gibt. Es gibt aber auch jenseits davon das richtig Große, das Kosmische, das Bewusstsein, ein winziger Teil vom Ganzen zu sein, einen Platz zu haben und eine ganz bestimmte Aufgabe. Ich fühle mich mit der Natur verbunden, sie gibt den Lebensrhythmus vor – essen was gerade wächst und verarbeiten, was in Hülle und Fülle da ist, um es in Zeiten zu essen, in denen Mangel an Frischem herrscht. Wissen, was den Frost braucht und was die Sonne. Und dass nach dem Winter der Frühling kommt. Diesen Rhythmus wertzuschätzen und in seinem Takt zu leben, fühlt sich für mich wirklich groß an.

Meinem Vater, der in Zeiten des Mangels aufgewachsen ist, kommt diese freiwillige Beschränkung auf regionale und saisonale Lebensmittel bestimmt wunderlich vor. Wie glücklich war die Kriegs- und Nachkriegsgeneration doch, als sie endlich keine Zuckerrüben mehr essen musste, sondern in Hülle und Fülle importieren konnte, was das Herz begehrte, sommers wie winters. Endlich kulinarische Vielfalt. Und jetzt muss er wieder Kohl bei mir essen, der Ärmste. Naja, so ganz streng geht es bei uns auch nicht zu. Es ist eher mein Bedürfnis, als das meiner Familie. Aber man muss ja immer ein paar Kompromisse schließen im Leben.

Vielleicht brauche ich diese Art von Bodenhaftung, um nicht den Halt zu verlieren in einer Welt voller Umbrüche, in der so große Dinge passieren, dass ich es manchmal seltsam finde, über kleine zu schreiben. In der ich gar nicht hinterherkomme, über alle wirklich wichtigen Dinge zu schreiben und ich mir manchmal garnicht schnell genug eine eigene Meinung bilden kann. Da ist es manchmal viel einfacher, ein paar Äpfel aus der Kammer zu holen und anzufangen, zu schälen. Im Gegensatz zum Nachdenken über diese komplexe Welt kommt dabei wenigstens immer etwas Sinnvolles heraus.

2022, die erste: Erneuerung

Sollte ich das vergangene Jahr mit wenigen Worten zusammenfassen, würde ich die Begriffe Erneuerung, Demut und Sinnsuche wählen.

Erneuert habe ich beispielsweise meine Frisur und endlich auch eine wunderbare Friseurin gefunden, mit der ich mich angeregt unterhalten und auch schweigen kann, die mich mit einer einfühlsamen Kopfmassage verwöhnt, wenn sie ihr Werk in liebevoller Feinarbeit perfektioniert hat, schlichtweg deren Anwesenheit mir äußerst angenehm ist und auf deren Termine ich mich freue. Soulfood in grauen Zeiten.

Von der Wiederbelebung alter Sturm- und Drang Zeiten in diesem Sommer habe ich ja bereits ausführlich berichtet, auch das wirklich neu in meinem mittelalterlichen Leben. Erneuert habe ich aber vor allem meine Schulter, die seit einigen Jahren der Meinung war, mich durch deutliche Bewegungseinschränkung und Schmerzen unermüdlich an ihre Existenz erinnern zu müssen. Ich habe sie aber nicht einfach austauschen lassen, nein, die Wundermittel hießen Osteopathie, Physiotherapie und schließlich Rehasport. Ich liebe den Begriff Rehasport und erwähne ihn bei jeder Gelegenheit, assoziiert man ihn doch meist mit einer Herzsportgruppe, deren Teilnehmer*innen alle jenseits der 80 sind. Die irritierten Blicke meiner Gesprächspartner bereiten mir Freude. Mein Rehasport ist anders.

Ich bin bei OE, was Obere Extremitäten bezeichnet, wir sind ein bunt gemischtes Grüppchen und werden wechselweise mit Hilfe von großen und kleinen Bällen, Bändern, Faszienrollen, Hanteln oder Geräten von wechselnden Trainer*innen und ihren eigenen Motivationsmethoden eine Stunde wöchentlich traktiert. Wie effektiv das Ganze ist, merke ich spätestens dann, wenn ich auf dem Rückweg noch einen Abstecher in den Supermarkt mache. Die Einkaufstaschen fühlen sich jedes Mal dreimal so schwer an wie sonst, die Treppe nach Hause weitaus steiler und länger. Zu Hause und allein würde ich diese Muskelgruppen niemals so konsequent und ausdauernd bewegen. Und was soll ich sagen, es flutscht alles wieder ganz ordentlich.

Natürlich gibt es auch bei uns ein paar richtig alte Menschen. Seit einiger Zeit trainiert eine sehr schlanke, hochgewachsene Dame mit uns, die ihrer runzeligen Haut nach und und der Schilderung ihres Militärstiefeltraumas, auf jeden Fall Mitte achtzig sein sollte. Ihren Einstieg gab sie ausgerechnet in der Stunde, in der wir erstmals jede(r) ein Balanceboard verwendeten, das ist so ein wackeliges Rondell, von dem man unter der unbewussten Zuhilfenahme der gesamten Rumpfmuskulatur versucht, nicht herunterzustürzen, während man wechselseitig die Beine vom Boden in die Luft hebt und wieder absenkt. In dieser Stunde stand mir von Anbeginn der Schweiß auf der Stirn, rechnete ich doch sekündlich mit einem Sturz der alten Dame, bei dem sie sich mindestens den Oberschenkel brechen würde, was nicht nur das Aus ihrer Rehasport Karriere bedeuten, sondern weitaus einschneidenderer Folgen für ihr Leben haben würde. Dieses Jahr war nämlich auch eines der Stürze älterer Damen in meinem persönlichen Umfeld und ich sehe überall nur noch stürzende Greise, vor allem jetzt bei Schnee und Eis, wenn die Rollatoren verkeilen und der Grund spiegelglatt ist. Zuvor der Herbst mit seinen matschigen Blättern, der Sommer mit seiner Dehydrierung und der Hitzeschlaggefahr, tja und der Frühling, wer weiß, was der für Tücken zu verbergen sucht. Gott sei Dank überstand die Dame die Stunde bravourös, seitdem hatten wir kein Balanceboard mehr.

Jeder Trainer und jede Trainerin hat so seine spezielle Persönlichkeit und Methodik, manche möchten sich gerne über das Wochenende oder Plätzchenrezepte unterhalten, andere geben den Clubanimateur und treiben mit Worten an und wieder andere versuchen es mit Musik der 70er oder 80 er. Das Erinnern an die eigene Jugend soll wohl verborgene Kräfte freisetzen. Als ich mich dann zu „Tainted love“ von Soft Cell auf meiner Matte liegend abquälte, musste ich bedauernd an mein jugendliches Ich denken, das sich blass geschminkt, mit schwarz gefärbtem und teilrasiertem Haar, tiefen Gefühlen und in ganz anderen Sphären zu diesem Song über die Tanzfläche bewegt hatte. Es hätte sich voller Abscheu abgewandt, hätte es sehen können, wie profan ich mich hier abmühte. Muskelkater statt Seelenpein. Naja, so ein Kurs ist nicht ohne Humor zu bewältigen. Eine meiner Trainerinnen arbeitet am Wochenende übrigens zusätzlich in einem Club, aber die hören da ja auch kein Soft Cell mehr. Aber irgendwie schließt sich trotzdem der Kreis. Wie weihnachtlich.

(Mehr zu Demut und Sinnsuche demnächst auf diesem Kanal.)

Adventskalender- mal ganz anders

Dies Jahr habe ich erstmals keine Kalender für meine Kinder befüllt, sondern selber einen bekommen und zwar einen ganz Besonderen. 24 Frauen haben etwas für 24 Frauen gestaltet, gebastelt oder gebacken – jede ein „Türchen“ und Hauptsache selbst gemacht. Anfangs war ich etwas zögerlich, als eine Freundin versuchte, mich für die Idee zu begeistern. Immerhin müssen 24 Geschenke erstmal angefertigt werden. Aber dann habe ich zugesagt und jetzt bin ich voller Vorfreude, was sich in den liebevoll gestalteten Tütchen und Päckchen so versteckt. Auspacken darf jeder von uns zuhause mal, dieser Adventskalender ist unser erster Familienkalender, der für alle eine Überraschung ist und vermutlich so weihnachtlich wie selten zuvor. Danke, liebe unbekannte Initiatorin für Deine Idee und Orga. Danke, liebe Freundin, fürs Überreden. Unbedingt zur Nachahmung empfohlen!

Männer sind anders, Frauen auch

Das ist nun wirklich nichts Neues. Mein Mann und meine beiden Söhne dienen mir bekanntlich seit langer Zeit als vielversprechende Studienobjekte und dennoch bin ich nicht gefeit vor neuen Erkenntnissen. So geschehen im Lauf der vergangenen beiden Wochen, als mich die Reaktionen auf den nahenden Winter in ihrer Eindeutigkeit wirklich überraschten. Während ALLE Frauen, mit denen ich mich unterhielt, unisono Kälte und Dunkelheit beklagten (und in dieser Hinsicht bin ich eindeutig Frau!), bekamen wirklich ALLE Männer leuchtende Augen und ein seliges Lächeln um die Lippen:

„Wenn es draußen so richtig kalt und stürmisch ist, gehe ich am liebsten raus. Das ist großartig, da spüre ich mich so ganz.“ So oder so ähnlich, wohliges Schnurren. Oder:

„Endlich kein Biergartenwetter mehr, einfach mal Ruhe!“

Welch Last von Ihnen zu fallen scheint, nicht mehr von ihren Socializer-Frauen durch die Gegend gezerrt zu werden. Feuer machen, Bärenfell an und jagen.

Also ich würde mich am liebsten, sobald es dunkel und kalt wird, mit einem Doppelpaar Socken und Wärmflasche in den Winterschlaf begeben. Schade, dass die Evolution das nicht für uns Frauen vorgesehen hat. Ich bin mir sicher, dass unsere Männer uns nur selten vermissen würden (Jungpaare ausgenommen). So eine kleine Erholungspause kann schließlich nicht schaden.

Buchtipp: „Maksym“ von Dirk Stermann

Als mir eine Freundin „Maksym“ von Dirk Stermann schenkte, sagte mir der Name des Autors rein gar nichts. Wie der kurzen Autorenbeschreibung zu entnehmen ist, lebt der in Duisburg geborene Moderator und Kabarettist wie auch seine Romanfigur seit langem in Wien. Überhaupt schreibt Dirk Stermann über das etwas ausgeschmückte und fiktional variierte Leben des Dirk Stermann und ist dabei sogar Wiederholungstäter- es ist nicht sein erster Roman.

Wie mir gerade auffällt, verfolgen mich in jüngster Zeit die Österreicher*innen (siehe „Dunkelblum“, „Alles finster“). Auch „Maksym“ lebt von den regionalen Gepflogenheiten, dem „Schmäh“, den Eigenarten und den liebenswerten Besonderheiten der Sprache, wenn den Romanen auch sonst nichts gemein ist. Jedenfalls veranlasste mich nicht der Autor, mit dem Roman zu beginnen, da ich ihn ja, wie gesagt, nicht kannte, sondern die Überschrift der Rückseite.

Maksym: Türsteher, Kampfsportler, Babysitter.

Das klang ein bisschen platt, aber auch grotesk und unterhaltsam. Und das wurde es. Ja, dieses Buch wurde für eine kurze Zeit eine Art Weggefährte, der mich schon beim Frühstück begleitete. Der erste Kaffee am Morgen – ach ja, mal sehen, was bei Dirk heute so los ist. Dirk Stermann schreibt einfach wahnsinnig sympathisch und schonungslos ehrlich. Der Mann kann über sich lachen, er schönt nichts und gibt sich keinen Illusionen hin. Er ist das Gegenteil des alten weißen Mannes, auch wenn er rein optisch von diesem kaum zu unterscheiden ist. Dieser Mann hat Humor, mitunter bösen, und alles, was er nicht hat, hat Maksym, sein ukrainischer Babysitter. Und den hat er wegen seiner jungen Frau und dem gemeinsamen, kleinen Sohn. Also genau genommen, weil diese sich nach der Elternzeit eben auch mal verwirklichen möchte (und das ausgerechnet in New York) und er ja eh ständig beruflich unterwegs ist.  So, ich finde das reicht als Appetizer, ich möchte euch ja nicht die intimen Momente mit Dirk und seiner Schamhaarphobie vorwegnehmen…ups

Verlag: Rowohlt ISBN: 978-3-498-00267-1

Walnusszeit

Dieses Jahr war die Walnussernte besonders gut. Aber was damit tun? Ich habe euch zwei Rezeptideen herausgesucht, die ich sehr lecker finde:

Selbstgemachte „Crunchies“:

5og Walnusskerne

50g Haselnusskerne

50g grobe Haferflocken

(evtl. 1 kleines Stück Ingwer)

70g Rohrohrzucker

1 TL Zimtpulver

50g Butter

Dieses Rezept funktioniert ohne Ingwer auch super für Kinder. Mit schmeckt es wirklich ungewöhnlich, aber auch sehr lecker. Die Mischung eignet sich super als Zugabe fürs Müsli, Topping für Obstsalat, Eis ( Vanille,- Schoko-, oder Walnuss)  oder in Apfelsaft gedünstete, leicht gesüßte Apfel- oder Birnenscheiben – passend zur Erntezeit.

Die Nüsse grob hacken. Falls Ingwer verwendet wird, ein Stück von etwa 2 cm schälen und fein hacken. Die Butter in einer Pfanne erhitzen, Nüsse, Ingwer, Haferflocken, Zucker und Zimt dazugeben, vermischen und 3-4 Minuten erhitzen, bis die Masse knusprig wird und karamellisiert. Fertig!

Bananenbrot:

Auch ein super Resterezept, wenn die Bananen schon ein bisschen braun geworden sind. Dieser saftige Kuchen hält sich theoretisch auch ein paar Tage. Da er aber so lecker ist, konnten wir das noch nie testen…

500g reife Bananen

60g Walnüsse

1 Vanillechote

125g weiche Butter

125g Puderzucker

1 Prise Salz

2 Eier

250g Mehl

1TL Backpulver

1 Msp. Zimt

90g Jogurth

60g getrocknete Cranberries

Die Bananen pürieren, Nüsse grob hacken. Zucker, Mark der Vanilleschote (alternativ: Vanillezucker), Butter und Salz cremig rühren. Die Eier dazugeben, dann das Bananenpüree, Mehl, Backpulver und Zimt und alles verrühren. Zum Schluss Jogurt, Nüsse und Cranberries vorsichtig unterrühren und alles in eine gefettete Kastenform geben. Bei 160 Grad Umluft etwa 50 Minuten backen.

Verkehrswende leicht gemacht

Wer meinem Blog schon längere Zeit folgt, weiß, dass ich keine bedingungslose Freundin des Digitalen bin. Um so mehr erstaunt es mich, wenn es dann eine Innovation gibt, die mein Leben wirklich bereichert und mich eines besseren belehrt in meiner Voreingenommenheit.

So erging es mir zuletzt, als ich mit der Kartenapp meines IPhones und den Öffentlichen in Berlin unterwegs war. Diese zeigt die günstigsten Verbindungen in Echtzeit beim Navigieren an, so dass jede Art von mühsamen Studieren von U-Bahn und Busplänen wegfällt. Hat eine Linie Verspätung und eine andere Verbindung ist günstiger, wird sie sofort angezeigt. Man muss sich schlichtweg überhaupt nicht mehr damit beschäftigen, sondern steigt einfach in die nächste Linie ein, die empfohlen wird. Funktioniert übrigens auch in kleinen Städten. Diese Einfachheit der Mobilität kann sicherlich genauso viel bewirken wie Einheitstickets zum Festpreis. Falls ihr es noch nicht kennt und euch die richtige App zur Verfügung steht, probiert es unbedingt aus. Eine neue Dimension des Reisens. Naja, und meine Begeisterung lässt mich sogar einen Moment lang das Datensammeln vergessen…

Buchtipp: „Zur See“ von Dörte Hansen

In Zeiten, in denen mutige Iranerinnen und Iraner, die für ihre Freiheit kämpfen, von den Machthabern getötet werden, in denen Putin danach trachtet, die Ukraine dem Erdboden gleich zu machen, und in denen unser Kanzler den Verkauf von Anteilen des Hamburger Hafens an China wieder aller Vernunft durchsetzt, möchte ich mich manchmal nur noch in Büchern vergraben. Nicht mal zuhause scheinen die „Guten“ zu siegen, wirklich frustrierend. Wie gut, dass mich liebe Menschen immer wieder mit Lesestoff versorgen, um meine Weltflucht zu ermöglichen. Eines der neuesten Bücher, die ich gelesen habe, ist „Zur See“ von Dörte Hansen, der Autorin, die mich bereits mit ihren Romanen „Mittagsstunde“ und „Altes Land“ durch die lebendigen Beschreibungen ihrer wunderbar knorrigen Charaktere begeistert hat. Ohne zu übertreiben, vermisste ich tatsächlich ihre Sprache, als ich vergangene Woche die wirklich gelungene Verfilmung von „Mittagsstunde“ mit Charly Hübner im Kino ansah. Klar, war ja auch ein Film und kein Hörspiel und er funktionierte aufgrund der großartigen Besetzung und der starken Bilder wirklich auch ohne.

Diesmal geht es also vom Land „Zur See“. Als ich die ersten Seiten las, war ich zunächst schwer irritiert. Hansens distanzierter, nüchterner Stil erinnerte mich fast an ein Sachbuch. Dieses Buch schien nichts mit ihren Vorgängerromanen gemein zu haben. Aber dann tauchten sie auf, nach und nach, ihre vom Leben gezeichneten Figuren, diesmal beheimatet auf einer Insel in der Nordsee. Auch, wenn sie keinen Namen nennt, erinnert vieles an Sylt, die Insel der Reichen und Schönen, die ich vor vielen Jahren ganz bodenständig kennenlernen durfte, an der Seite meines Mannes, der die langen Ferien seiner Kindheit dort auf dem Campingplatz zugebracht hatte. Aber natürlich gibt es sie, die vielen Superreichen, die nach und nach die Insulaner*innen vertreiben, weil sie die alten, reetgedeckten Häuser für Unsummen aufkaufen, um dort ihre Wochenenden zu verbringen. Krafttanken vom Alltag zum Preis, dass sich die Einheimischen das Leben auf der Insel kaum mehr leisten können.

Wie auch in ihren anderen Büchern beschäftigt sich Dörte Hansen mit den unaufhaltsamen Veränderungen der Lebensumstände der Menschen und damit, welche Auswirkungen sie haben. Im Zentrum ihrer Erzählung steht diesmal eine alteingesessene Familie, Nachfahren von Walfängern, so wie viele auf der Insel. Auch, wenn diese Zeiten längst vergangen sind, ist das Erbe überall spürbar. Und so ringen die Menschen mit den Traumata in ihrer DNA, übergestülpten Traditionen und unerfüllbaren Sehnsüchten. Sie suchen ihren Platz an Land, weil der ihre auf See abhandengekommen ist. Schicksale im Wandel der Zeit, vom Fischfang als Lebensgrundlage hin zum Tourismus, meist ungeliebt und zu einem hohen Preis, nämlich dem Verlust der eigenen Identität. Aber Dörte Hansen wäre nicht so eine gute Schriftstellerin, würde sie nur plumpe Klischees bedienen. So zeigt sich die sonst so schroffe Mutter und Frau eines Seemannes zuckersüß, wenn die ersten Feriengäste der Insel im freigeräumten Zimmer untergebracht werden, während sich ihre Kinder als Spielpartner zur Verfügung stellen müssen. Der Pfarrer dekoriert den Altar mit goldfarbenen Muscheln und inszeniert seine Predigt als kitschiges Schauspiel, um die Erwartungen der Touristen zu erfüllen. Aber eben nicht nur. Es gibt auch einen Teil in diesen Menschen, der nicht gespielt ist. Und der ehrlicher ist als ihre vermeintliche Bestimmung, die sich nur noch im Walfänger Museum bestaunen lässt.

Und so entwickelt sich „Zur See“ bald zu einem raffiniert gesponnenen Roman, in dem die Episoden zusammenlaufen, die Menschen in Verbindung treten, gefangen in einem großen Netz, und mit einem Mal mutet nichts mehr sachlich an, sondern zieht in seinen Bann. Dörte Hansen at ist best.

Definitiv ein Buch für Fans norddeutscher Inseln und Liebhaber*innen von Seefahrt und Seemännern!

Dörte Hansen „Zur See“, PENGUIN Verlag, ISBN 978-3-328-60222-4

#boycottQatar2022

Es gibt wahrlich Wichtigeres auf der Welt als Fußball. Die Proteste im Iran beispielsweise oder den Ukrainekrieg. Und doch hängt ja immer alles mit allem zusammen, ein Umstand, der richtiges Handeln und politische Entscheidungen im Allgemeinen so ungemein schwierig macht. Und irgendwie passt die WM in Katar gerade nur zu gut zur Politik unserer Bundesregierung.

Ich stolperte vergangene Woche in den Nürnberger Nachrichten über einen Artikel, dass laut Amnesty International etwa 15000 Arbeiter bei dem Bau der Sportstätten und dazugehörigen Gebäude für die Fußballweltmeisterschaft in Katar ums Leben gekommen seien. 15000! Für ein Sportfest. Das ausnahmsweise im November stattfindet, weil die Hitze sonst gar nicht auszuhalten wäre, in heruntergekühlten Stadien, passend zur Energiekrise.

Aber die Katarer haben ja Geld und Gas genug, um FIFA wie Wirtschaftsminister gleichermaßen zu beeindrucken. Dass sich Habeck deshalb vor geraumer Zeit dazu veranlasst sah, vor dem katarischen Energieminister in die Knie zu gehen, weil er die irrwitzige Idee zu haben schien, Energiegeschäfte mit Katar seien moralisch irgendwie vertretbarer als Gaslieferungen aus Russland, einfach unglaublich. Wie war das mit Pest und Cholera? Frauenrechte? Menschenrechte? Ach was. Binnen weniger Wochen nach Amtsantritt scheint Habeck all seine Überzeugungen begraben zu haben, natürlich mit besten Absichten, schließlich muss er die deutsche Wirtschaft retten.

Ja, die Wirtschaft, und dazu gehört eben auch die FIFA, gibt den Ton an. Und die verdient natürlich gerne Geld, weshalb wir uns noch immer ans Wirtschaftswachstum klammern als wäre es das Allheilmittel, die Garantie für den Erhalt unseres Wohlstands. Aber wessen Wohlstand erhält es? Und wie soll das eigentlich funktionieren mit dem ständigen Wachstum? Was ist mit dem Earth Overshoot Day, jenem Tag, der daran erinnert, wann die Welt die Ressourcen, die ihr für ein Jahr zur Verfügung stehen, bereits verbraucht hat und der bereits im Juli erreicht war? Bei der Vergabe 2010 war es natürlich noch nicht so populär, grün zu denken. Sonst hätte man die WM vielleicht an einem Ort ausgetragen, an dem bereits Spielstätten weitestgehend vorhanden gewesen wären und die klimatischen Verhältnisse besser gewesen wären. Andererseits wusste man ja auch von den Problemen mit den Menschenrechten, von Diskriminierung, politischer Verfolgung und unhaltbaren Arbeitsbedingungen. Wie naiv von mir. Ich jedenfalls bekomme das nicht zusammen mit dem steten Wachstum und dem Retten unseres Planeten. Scheint gerade alles nicht mehr so wichtig zu sein.

Ich wünschte mir jedenfalls sehr, dass ein Herr Habeck oder Herr Scholz aussprechen würde, dass die Energiekrise zwar Scheiße ist, wir aber sowieso nicht mehr so weiter machen können wie bisher, anstatt kniezufallen und auch noch Saudi-Arabien Waffenlieferungen zu genehmigen, damit sie uns, wenn wir nur nett genug sind, mit Energie versorgen. Das ist doch, gelinde gesagt, zum Kotzen. Egal, woher die Energie kommt, wir verbrauchen zu viel, weil wir zu viel produzieren und konsumieren. Ich weiß, dass man in einer globalisierten Welt nicht einfach so aussteigen kann. Aber es bedürfte doch wenigstens Visionen für eine langfristige Umgestaltung der Wirtschaft. Wir sind am Ende einer Sackgasse. Jetzt braucht es gute Ideen, wie es anders gehen kann, anstatt die eigenen Werte zu verraten und zu versuchen, den Status Quo um jeden Preis zu wahren. Da hatte ich an die Bundesregierung zugegebenermaßen schon eine andere Erwartungshaltung als an die FIFA.

Wenn es um die eigenen Interessen geht, scheint jedenfalls so ziemlich alles egal zu sein, ob beim Fußball oder in der Politik. Wir können nur zeigen, dass wir das nicht wollen. Im Fall der FIFA, indem wir den Verband dort treffen, wo es ihm wehtut. Beim Geld verdienen. Auch wenn das meiste diesmal vermutlich schon im Vorfeld durch Lizenzen und Übertragungsrechte verdient wurde, müssen wir diese WM boykottieren, damit es nicht noch einmal zu solch einer Vergabe kommt. Wir haben dann eine Stimme, wenn wir viele sind. Bis jetzt ist die Anzahl der Protestaufrufe noch sehr überschaubar, aber es beteiligen sich viele Fußballfanclubs und deren Mitglieder schauen bekanntlich besonders gern Fußball. Ich werde jedenfalls verzichten, auch wenn ich sonst immer mit Leidenschaft dabei bin. Passt doch irgendwie zu diesem Winter, in dem wir uns gerne den Arsch abfrieren, um Putins Krieg nicht zu finanzieren.

Ach, und Herr Habeck, wären Sie mal lieber Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft geworden. Sie haben echt einen Scheißjob gerade.

Es gibt viele gute Gründe, diese WM zu boykottieren. Macht mit! Nachlesen könnt ihr einiges davon unter:

https://www.boycott-qatar.de/aufruf/

Fernsehtipp: „Alles finster“

Der Übergang vom „endless summer“ in das finstere, kalte und verregnete Tal der Vorboten des Winters verlief wahrlich abrupt. Nichts mit goldener Herbst. In Nürnberg duftet es, wenn man mit dem Rad durch manche Straßen fährt, passenderweise wieder nach Lebkuchen. Die Abende des vergangenen, verregneten Wochenende haben wir nur mithilfe dieser sechsteiligen Miniserie gut überstanden, die ich Euch für kommende, finstere und trostlose Abende empfehlen möchte.

„Alles finster“ beginnt recht zäh auf einem Fußballfeld irgendwo in Österreich, wo die Mannschaften zweier rivalisierender Dörfer gegeneinander im Pokalspiel antreten. Dann geht auf einmal das Licht aus und die Geschichte um ein europaweites Blackout Fahrt nimmt schnell Fahrt auf. Auf humorvolle Weise erleben wir, wie schnell unser gewohntes Leben still steht, wenn wir keinen Strom mehr haben. Da wäre beispielsweise die Klospülung, die ohne nicht mehr geht oder das vollautomatisierte Haus, das sich nicht mehr öffnen lässt. Lieferketten, die zusammenbrechen, geplünderte Supermärkte, leere Benzintanks, kein Kontakt zur Außenwelt. Jetzt könnte man meinen, um Himmels Willen, in diesen Zeiten, wo wir ohnehin mit Energieknappheit und explodierenden Preisen leben müssen und Horrorszenarien mit uns auf Tuchfühlung gehen, möchte man sich sowas eigentlich nicht ansehen. Aber dafür gibt es ja die heilsame Kraft des Humors. Jede Folge endet mit einem derart gut platzierten Cliffhanger, dass man sofort weiter schauen möchte. Das Schicksal der durchaus schrulligen, aber am Ende doch irgendwie liebenswerten Dorfbewohner*innen lässt einen eben nicht kalt. Die charismatische Maria Fussenegger, die die unter einer Angststörung leidende Fußballerin Laura spielt, könnte sofort die nächste Sissi spielen, so sehr geht einem das Herz auf, wenn sie strahlt. Tja, ein bisschen Balsam für die geschundene Herbstseele eben. Nebenwirkungen sind übrigens nicht ausgeschlossen, manch eine(r) von Euch wird vielleicht seine Vorratskammer noch vor dem Finale aufstocken.

Viel Spaß beim Gucken!

https://www.ardmediathek.de/video/alles-finster/folge-1-alles-finster-s01-e01/br-fernsehen/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvLzEzNmFjNDBmLWJjYTItNGFjYi1iNWU4LWI5OTk4NWQ5NGY4Ng

Nachtrag zu: Sind (Hobby)gärtner*innen die glücklicheren Menschen?

Durch einen Zufall stieß ich vor einiger Zeit auf das Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian Illies. Dort hat der Autor alles zusammengetragen, was an Amouren in Kreisen berühmter Maler*innen, Schriftsteller*innen, Schauspieler*innen und sonstiger Größen in der Zeit zwischen 1929 und 1939 herauszufinden war. Tucholsky, Weill, Brecht, Dietrich, Dali, Picasso, de Lempicka, die Manns, um nur einige nennen. Beim Lesen dieser ungezählten und ständig wechselnden Liebesreigen wird einem schnell schwindlig, es wurde fast so oft geheiratet, wie man in den Urlaub fuhr, mindestens ein(e) Geliebte(r) gehörte zum guten Ton, ob Männlein oder Weiblein spielte eigentlich keine Rolle, man tauschte sich nicht nur intellektuell aus. Kein Wunder, schwebte doch kurz nach dem ersten Weltkrieg bereits der Schrecken des nächsten Unheils über den Künstler*innen und so musste das Leben so intensiv gelebt werden, wie es nur möglich war, wenngleich oft im Drogenrausch, weil der Schmerz und die Traumata sonst kaum auszuhalten waren. Dieser Abriss nur deshalb, weil ich in diesem Buch auch folgende Schilderung aus dem Leben Hermann Hesses fand:

Und was macht Hermann Hesse in diesen stürmischen, heißen Monaten des Sommers 1932? Er zieht seine Leinenhose an, sein leichtes Hemd, sieht aus wie einer der schwerelosen Bewohner des Monte Verità einen See weiter, und er jätet Unkraut, stundenlang. Ja, so schreibt er im Juli 1932, „dieses Unkrautjäten füllt meine Tage aus, dabei ist es vollkommen rein von materiellen Antrieben und Spekulationen, denn die ganze Gartenarbeit bringt im Ganzen kaum drei, vier Körbchen Gemüse. Dafür hat die Arbeit etwas Religiöses, man kniet am Boden und vollzieht das Rupfen, wie man einen Kult zelebriert, nur des Kultes wegen, der sich ewig erneuert, denn wenn drei, vier Beete sauber sind, ist das erste schon wieder grün.“

Aus „Liebe in Zeiten des Hasses“ von Florian Illies, S.165)

Tja, die Suche nach dem inneren Frieden, ist nichts Neues. Welch Glück für die, die ihren Weg gefunden haben und liege er zwischen Schnecken, Unkraut und Tausendfüßlern!

Buchtipp: „Liebe in Zeiten des Hasses“- Chronik eines Gefühls 1929-1939 von Florian Illies

S.Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397073-9

Endless summer

Von einem Tag auf den anderen ist er doch vorbei, ganz still und leise. Schon lange hat sich ein Sommer für mich nicht mehr so endlos angefühlt wie dieser. Er war, genau genommen, der Beste seit langem. Die Schönwetterperiode hielt mehrere Monate am Stück an, zum Leidwesen der Landwirtschaft nur von wenigen Schauern unterbrochen, die kaum der Rede wert waren. Und obwohl mir die Klimaentwicklung große Sorgen bereitet und andernorts zu verheerenden Waldbränden führte, verhalf sie mir hier zu ungezählten lauen Sommerabenden, Tagen mit bestem Freibadwetter und Nächten, die meist kühl genug blieben, um gut schlafen zu können. Also beste Bedingungen für ein leichtes Lotterleben oder musikalisch ausgedrückt: „Summertime, and the livin` is easy“, Gershwins berühmter Song aus Porgy and Bess, der mir automatisch auf die Lippen kommt, wenn sich das Leben eben gerade so anfühlt.

Dass dieser Sommer so besonders wurde, lag aber auch daran, dass meine pubertierenden Sprösslinge mehrfach täglich meine Abwesenheit einforderten, am besten 24h/Tag, um besser chillen und zocken zu können und mich damit hochoffiziell in die Freiheit entließen. Meine persönliche Wegrationalisierung, wie ich sie gerne nenne, ist tatsächlich das einzige wirksame Mittel, ihr antriebsloses Amoebentum zu Hause auch nur im Ansatz ertragen zu können. Das schlechte Gewissen, mich nicht um die lieben Kleinen zu kümmern, gehört endlich der Vergangenheit an, gesunder Egoismus und Selbstfürsorge sind meine neue Maxime. Also stürzte ich mich ins pralle Leben, Openairkino, Radtour zum See, Absacker draußen hier, Aperitivo da, Sekt auf dem Balkon, Konzerte und Picknick im Freien, und alles wieder von vorne, herrlich. Mein großes Glück war, dabei wunderbare Gesellschaft zu haben, denn auch anderer Leute Kinder werden älter. Ich halte dies Jahr jedenfalls mit Abstand den Rekord an Freibadbesuchen in unserer Familie!

Ein anderer Umstand, der diesen amüsierträchtigen Sommer ermöglichte, war der Mangel an beruflichen Aufträgen. Alle meine Kund*innen schienen dies Jahr- vermutlich aus pandemiebedingtem Nachholbedarf – besonders ausgiebig in den Urlaub fahren zu wollen, so dass ich mich bereits Wochen vor unserem eigentlichen Sommerurlaub mit wenigen Unterbrechungen in Zwangspause befand. Total tote Hose. Dies trübte meine Stimmung ein wenig, da ich rasch bemerkte, dass ausschweifendes Amüsement nicht umsonst zu haben ist und ich wesentlich öfter den Geldautomaten aufsuchte, als Geldeingänge meinem Geschäftskonto gutgeschrieben wurden. Ich schob die Bedenken schnell zur Seite, denn wer wusste schon, wie viele solcher Sommer ich noch würde erleben dürfen?

Jedenfalls fühlte es sich seltsam irreal an, als wir dann Ende August tatsächlich in den Urlaub fuhren. Es erschien mir sonderbar, mich von der Erholung erholen zu sollen, zumal ich mich eigentlich der Gattung der Arbeitsbienen zugehörig fühle. Wie gut, dass so ein Urlaub dann doch die ein oder andere Überraschung bereithält und nicht nur den Müßiggang. Aus Venedig vertrieb uns rapido eine Mückenplage, die keine Überraschung hätte sein müssen, hätten wir vorher das Internet dazu befragt. Besonders Tigermücken fühlen sich in der Lagunenstadt äußerst wohl, wir uns deshalb eher nicht. Wasser auf den Mühlen des Kindes, das sowieso am liebsten nicht mit uns in den Urlaub gefahren wäre, Stimmung im Keller. Den besten Cappuccino haben wir übrigens in Österreich getrunken und nicht in Italien, aber vielleicht lag auch das an den Mücken und der verhagelten Laune. Wir suchten Zuflucht in den slowenischen Bergen und bekamen es mit einem übereifrigen Platzwart zu tun, der schon morgens um halb neun Fußmatten mit lautem Getöse abkärcherte und dabei laut slowenische Volksmusik hörte. Die klingt übrigens nicht anders als deutsche, die Völkerverständigung auf diesem Gebiet scheint also zu funktionieren. Schade, dass wir sie nicht mögen. Dass die wunderschöne Soca nur etwa 13 Grad hat, war ebenfalls eine Überraschung, von der wir uns aber nicht davon abhalten ließen, „Schwimmen“ zu gehen, falls mal dreisekündiges Eintauchen ins Wasser so nennen darf. Das Meerwasser an der kroatischen Adriaküste ließ uns dann wieder auftauen und der Urlaub fand sein Happy End auf einem kleinen, bescheidenen Segelboot, das uns durch die Gegend schipperte. Sonne satt bis zum Schluß.

Jetzt ist er vorbei, der vermeintlich endlose Sommer. Ich trinke meinen Morgenkaffee mitunter wieder im Dunkeln, die Tage sind bereits deutlich kürzer und es regnet gerade – und das ist gut so.

Und ich habe Sonne satt und viele schöne Erlebnisse getankt, um davon in der dunklen Jahreszeit zu zehren, die jedes Jahr länger zu werden scheint und eine immer größere Herausforderung für uns nicht mehr ganz junge Menschen darstellt. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar, diesem endlosen Sommer.