Buchtipp: Am Ende bleiben die Zedern

Heute finden nach fast zehn Jahren Parlamentswahlen im Libanon statt. Ein neues Wahlgesetz ermöglicht erstmals auch unabhängigen Kandidaten, die sich nicht über ihre Religionszugehörigkeit definieren, mehr Chancen. 66 von 1000 Kandidaten treten als unabhängig an. Das ist eine neue Bewegung gegen das Establishment. Im Libanon leben 18 anerkannte religiöse Gruppen, die Macht wurde bisher nach strengen Regeln zwischen verschiedenen Vertretern aufgeteilt. Dabei werden beispielsweise die Schiiten vom Iran unterstützt, die Sunniten von Saudi Arabien, es gibt Einflussnahmen von Syrien und Israel. Warum ich mich dafür interessiere? Weil ich gerade erst den Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan gelesen habe. Eine berührende Familiengeschichte, in der man viel von diesem gespaltenen Land erfährt, von seiner Schönheit, seinen Konflikten und Kriegen. In der man einen Eindruck davon bekommt, wie schwierig es sein kann, Geschichte festzuschreiben, in einem Land in dem es so viele unterschiedliche Glaubensrichtungen, Parteien und Sichtweisen gibt. Es bleiben mehr Fragezeichen als Antworten zurück. Was ich aber verstanden habe, ist, dass eine Lösung der politischen Führung von der Religion ein ganz wichtiger Schritt in eine gute Richtung sein könnte.

Am Ende bleiben die Zedern.JPG

Pierre Jarawan   „Am Ende bleiben die Zedern“

Berlin Verlag         ISBN: 978-3-8270-1302-6

Advertisements

Ella denkt nach: Weihnachten und so

Weihnachten2017_meedchenwargesternEs wurde dann doch noch irgendwie weihnachtlich mit rekordverdächtigen drei Weihnachtsmarktbesuchen, drei Weihnachtsfeiern inklusive reichlich Frieren und Glühwein Trinken, einmal reichlichem Schneefall, einem Adventskonzert und einem Adventsgottesdienst. Wow, so eine Adventszeit hatte ich vermutlich noch nie. Das Schönste daran war, dass wir auch als Familie etwas Zeit gefunden haben, zusammen zu sein und es irgendwie allen ganz gut geht miteinander. Ist ja nicht immer so. Das persönliche Umfeld wird umso wichtiger, je schwieriger die äußeren Umstände sind. Noch nie wurde ich bei Erstbegegnungen mit Menschen mit so vielen Stammtischparolen konfrontiert wie in den letzten Monaten. Wo man sich sonst über das Wetter oder den letzten Restaurantbesuch unterhalten hat, geht es jetzt um Muslime, Trump oder den Nahen Osten. Auf einmal sehe ich mich mit Worten ringen, um Plattitüden etwas entgegenzusetzen. Manchmal ist es gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden, um zu entkräften, was man für falsch hält. Damit möchte ich mich im neuen Jahr mehr auseinander setzen, damit nicht nur „die“ ihre Argumente vorne auf der Zunge tragen, sondern auch ich. Ich möchte mehr Argumente parat haben, wenn es um diese armselige deutsche und europäische Flüchtlingspolitik geht, für die ich mich zutiefst schäme. Die Geflüchtete zu Tausenden unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern in Griechenland einpfercht, wo sie nichts tun können, als monatelang darauf zuwarten, wie es weitergeht. Die Bündnisse mit zweifelhaftesten Bündnispartnern eingeht. Die asylsuchenden Schülern potentielle Ausbildungen nicht genehmigt und denen, die sich integrieren wollen und deren Unterstützern, einen Stein nach dem anderen in den Weg legt. Die Politik hat sich von den Rechten in immer populistischere Positionen drängen lassen, anstatt Kante zu zeigen. Rechtes Gedankengut ist wieder salonfähig geworden. So jetzt denkt ihr, was ist denn das, ein bisschen Weihnachtsharmonie und dann zum Gegenschlag ausholen? Ja. Leben ist doch Beides. Ich freue mich auf die kleine Weihnachtspause und den Rückzug aus dem Trubel dieses Lebens. Aber dann geht`s doch wieder weiter, oder? Mit neuer Energie auf sie mit Gebrüll! Und dazu hilft es auch, die Lungen bei andächtig weihnachtlichem Gesang zu weiten.

 

Der Last Minute Buchtipp:

 

mit Rechten reden„Mit Rechten reden“ – Ein Leitfaden

heißt ein Buch, das sich damit auseinandersetzt, wie man den Argumenten der Rechten ( und Linken) begegnen kann, ohne sofort gegen die Wand zu fahren.“

Von Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn

ISBN: 978-3-608-96181-2 Verlag: Klett – Cotta

Babyjahre

BabyjahreNormalerweise habe ich altersgemäß nicht mehr so oft mit werdenden Eltern zu tun, aber vor einigen Tagen unterhielt ich mich dann doch einmal mit einer jungen Frau im fünften Monat, die mich fragte, was denn so wirklich wichtig sei, wenn man ein Kind bekomme. Das Erste, was mir einfiel, war eine gute Hebamme. Denn die kennt sich wirklich aus und kann bei Problemen sofort unterstützen und vor allem Ängste nehmen. Das Zweite, was mir damals gut getan hat, war, Finger von Ratgebern wie „Oh je, ich wachse“ zu lassen, in denen steht, was mein Kind gerade alles können sollte und statt dessen nur dann in einem Ratgeber meines Vertrauens nachzuschlagen, wenn ich gerade irgendwie überfordert war mit dem Verhalten meines Kindes. Dann war mein Nachschlagewerk der Klassiker „Babyjahre“ von Remo H. Largo. Denn in diesem Buch geht es nicht darum, was mein Kind wann können sollte, sondern es erklärt das Verhalten und die Bedürfnisse von Babies in all ihrer Vielfalt, um sie besser zu verstehen und darauf reagieren zu können. In diesem Moment weiß man: „Ich bin nicht allein!“ – und das hilft in schwierigen Phasen oft schon viel. Tja, und als Drittes der Tipp für alle Lagen des Lebens: Weniger ist mehr, auch bei der Erstausstattung. Steht sonst nur so viel rum. Viel Glück, liebe Aline.

„Babyjahre“ von Remo Largo, Piper, ISBN 978-3-492-25762-6

Und wer auch schon aus den „Babyjahren“ heraus ist, kann sich den Artikel der Zeit-Redakteurin Alard von Kittlitz über Remo Largos neues Buch „Das passende Leben“ durchlesen, das ist dann wieder eher was für die Meedchen (und Jungs) von gestern.

http://www.zeit.de/2017/32/babyjahre-remo-largo-buch-gebrauchsanweisung-kinderarzt

„Das passende Leben“ von Remo Largo, S.Fischer, ISBN-13:9783103972740

Ein Hut als Schicksalsschreiber

 

Hut des Präsidenten

Nein, es geht hier nicht um Harry Potter und den Schlapphut von Hogwarts und sondern um den Hut eines ehemaligen französischen Präsidenten. Mein Buchtipp ist im Original schon etwas älter, aber die deutsche Übersetzung ist erst letztes Jahr erschienen. Im Buchladen in meiner Nähe wurde mir der Roman empfohlen, und ich habe lange kein so unterhaltsames aber auch gut geschriebenes Buch gelesen.

Geschichten von Menschen, die ihr Leben verändern oder deren Leben verändert wird, alle verbunden durch einen Hut – amüsant, intelligent, lesenswert!

Autor: Antoine Laurain
Titel: Der Hut des Präsidenten
ISBN: 978-3-455-65022-8
Atlantik – Verlag

Buchtipp: Der weiße Tiger

 

Der weiße Tiger_Aravind Adiga

Ich war noch nie in Indien. Noch nicht einmal irgendwo anders in Asien. Und doch habe ich so manches verstanden, als ich den Debütroman „Der weisse Tiger“ von Aravind Adiga gelesen habe. So manches Verhalten nämlich, über das deutsche Geschäftsleute immer wieder ihren Unmut äußern. Weil das Leben in Indien eben völlig anders zu funktionieren scheint, als das unsrige. Weil es kaum möglich ist, dem „Hühnerkäfig“ aus Kasten- und Familienzugehörigkeit, Herr- und Dienerschaft, wie ihn Protagonist Balram Halwai nennt,  zu entkommen. Es sei denn, man ist so gewieft wie er und spielt das Spiel aus Lüge, Erpressung und Korruption mit und geht dabei, wenn nötig, sogar über Leichen. So stellt er sich auch zu Beginn des Romans als Diener, Philosoph, Unternehmer und Mörder vor.

In sieben Nächten beschreibt Balram dem chinesischen Ministerpräsidenten seinen Aufstieg vom Sohn eines Rikschafahrers in dem kleinen Dorf Laxmangarh zum Unternehmer in der aufstrebenden Großstadt Bangalore. Obwohl Balram als klügstem Jungen des Dorfes ein Stipendium in Aussicht gestellt wird, muss er die Schule nach kurzer Zeit beenden, um für seine Familie  den Kredit für die Hochzeit einer Cousine mit seiner Arbeitskraft zurückzahlen zu können. Es gelingt ihm, nach seinem Dienst in einem Teehaus eine Anstellung als Fahrer zu ergattern, die ihn schließlich nach Delhi bringt, wo sich die Handlung zuspitzt. Aravind Adiga, der für seinen Roman 2008 den Booker-Prize bekam, beschreibt das Leben in Indien in all seiner Grausamkeit leichtfüßig, frech und manchmal zynisch. Er beschönigt nichts und erzählt von der anderen Seite der aufstrebenden Wirtschaftsnation, von den Zurückgebliebenen, von denen, deren Leben rein gar nichts wert ist, deren Tod man mit ein paar Scheinen wieder gut macht. Wenn überhaupt. Man kann es Balram Halwai am Ende der Geschichte kaum übel nehmen, dass er zum Mörder geworden ist in diesem System aus Fressen oder Gefressen werden. Mir hat diese rasante Geschichte mal wieder vor Augen geführt, wie wertvoll die Demokratie ist, in der wir leben, wo Reiche und Arme zumindest die gleichen Rechte haben, wenn auch nicht immer die gleichen Chancen. Und für wie selbstverständlich wir das nehmen.

Buchtipp: Rabenfrauen

RabenfrauenWer über die Feiertage etwas jenseits von Süßkram verschlingen möchte, sollte sich schnell noch diesen Roman besorgen. Anja Jonuleit erzählt in „Rabenfrauen“ die Geschichte der Freundinnen Ruth und Christa, beginnend in den 50er Jahren. Als eine freichristliche Gemeinschaft unter dem Prediger Paul Schäfer ein Zeltlager in ihrem Heimatdorf veranstaltet, verliebt sich die 17jährige Christa in eines der Mitglieder. Während Ruth die Vorgänge in der Gemeinschaft bald zu hinterfragen beginnt, verliert sie Christa trotz wiederholter Bemühungen an die Sekte, die später traurige Berühmtheit unter dem Namen Colonia Dignidad erlangen wird. Angefangen mit dem scheinbar harmlosen Besuch des Jugendzeltlager bis hin zur völligen Unterordnung, Missbrauch und Folter in der Kolonie in Chile wird faszinierend beschrieben, wie es zu solch einer Abhängigkeit und Unterwerfung unter so einen charismatischen Menschen überhaupt kommen kann. Die Zeitstränge wechseln zwischen der Geschichte der jungen Frauen und dem fortgeschrittenen Alter, in dem sich Ruth noch immer fragt, ob sie wirklich alles ihr Mögliche getan hat. Wird sie doch auf einmal von einer ganz anderen Seite mit ihrer Vergangenheit konfrontiert….. ein spannendes Buch, das ich kaum zur Seite legen konnte.

Anja Jonuleit  „Rabenfrauen“

ISBN-13: 9783423261043   dtv Taschenbücher

Buchtipps im neuen Jahr

Ich möchte das neue Jahr mit drei Buchvorstellungen beginnen – für (fast) jede Altersgruppe eines.

wunder-von-r-palacio

Los geht`s mit „Wunder“ von Raquel J.Palacio, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und wunderbar geeignet für das Alter von 10-12, also genau der Altersgruppe, um die es in diesem Buch geht, nämlich die der 5.Klasse der Middle School in den USA. Dorthin kommt August, ein Junge, bei dem mehrere Gendefekte so ungünstig zusammen getroffen sind, dass sein Gesicht vollkommen entstellt ist. Der beste Tag im Jahr ist für August Halloween, weil er sich da, wie alle anderen, unter einer Maske verstecken und einfach in der Masse untergehen kann, ohne angestarrt zu werden. Während der Grundschulzeit wurde er von seiner Mutter zu Hause unterrichtet, um ihn vor all den Blicken und der Abwehr seiner Mitmenschen zu schützen, aber das ist jetzt vorbei. Wer jetzt ein rührseliges Melodram erwartet, irrt, denn trotz aller Schrecken und Herausforderungen, denen sich August stellen muss, ist er ein Junge, der einen großartigen Humor beweist und mit dem man viel Spaß haben kann. Das merkt auch bald Will, der ihm anfangs nur im Auftrag des Schuldirektors zur Seite steht. Auch wenn August`s Schicksal wenig mit dem eines „normalen“ Kindes gemein hat, geht es letztendlich um all die Themen, mit denen die Kinder in diesem Lebensabschnitt konfrontiert werden: Freundschaft, Anerkennung, Ausgrenzung und Loyalität. Die kurzen Kapitel sind genau so geschrieben, wie Kinder dieses Alters eben ticken und der Bezug zum amerikanischen Schulsystem ist für die Kids, die ja alle Englisch in der Schule lernen, auch ganz cool. Wir erleben August`s Geschichte nicht nur aus seiner Sicht, sondern auch aus der seiner Freunde und der seiner großen Schwester Via. Wie geht es ihr damit, einen Bruder zu haben, der immer, wenn auch ungewollt, im Mittelpunkt steht? Wie ist es, mit einem Außenseiter befreundet zu sein und deswegen vielleicht auch gedisst zu werden? Kann ich das aushalten? Uns hat dieses Buch großen Spaß gemacht und ich kann es euch wirklich nur schwer ans Herz legen. Mal was anderes als Fantasy, Krimi oder Pferderoman und mitten aus dem Leben.

„Wunder“ von Raquel J.Palacio, dtv Reihe Hanser,  ISBN 978-3-423-62589-0

haltet_den_die

Der zweite Buchtipp ist für frische Leseanfänger: „Haltet den Die!“ von Horst Klein ist simpel und genial. Durch Entfernen einzelner Buchstaben in der Reihenfolge des ABCs bekommen Worte und Sätze einen ganz neuen Sinn und das macht ziemlich viel Spaß, wenn beispielsweise aus der Jolle `ne Olle wird oder aus der Kranken eine Krake. Wunderbar einfach und treffend illustriert zum nochmal und nochmal lesen der stolzen Leseanfänger und nochmal und nochmal kichern…..

„Haltet den Die!“ von Horst Klein, Klett Kinderbuch, ISBN 978-3-95470-132-2

abbitte-von-ian-mcewan

Ian McEwans „Abbitte“ beginnt zunächst sehr beschaulich. Das Leben der Familie Tallis im Jahr 1935 auf ihrem englischen Landgut wird in aller Ausführlichkeit beschrieben. Die Mutter, Emily, die unter Migräne leidet und nur bedingt gesellschaftsfähig ist, lebt mit ihrer dreizehnjährigen Tochter und den Hausangestellten auf dem Land, während ihr Mann in London im Ministerium arbeitet. Zu Besuch sind außerdem in diesem Sommer die Zwillingssöhne und die 15-jährige Tochter Lola von Emilys Schwester, die sich gerade von ihrem Mann getrennt hat, sowie Ms. Tallis` große Tochter Cecilia, die eben ihr Studium beendet hat und noch nicht entschieden hat, wie es weitergehen soll. Die Wende nimmt der Roman schließlich an jenem heißen Sommertag, als der erwachsene Sohn Leon und dessen Freund Paul Marshall, sowie der von der Familie protegierte Sohn der Zugehfrau Robbie Turner zum Essen geladen sind. Zwischen ihm und Cecilia bahnt sich eine Liebschaft an, die der jüngeren Schwester Briony nicht entgeht. Als Lola an jenem Abend im Park vergewaltigt wird, behauptet Briony, Robbie Turner erkannt zu haben. Cecilia ist die einzige, die an seine Unschuld glaubt, und bricht mit ihrer Familie, als Robbie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Sie verspricht ihm, auf ihn zu warten und macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Dann folgt ein radikaler Szenenwechsel mitten in den zweiten Weltkrieg, wo Robbie versucht, mit der britischen Armee in Dünkirchen zu evakuieren. Er wurde aus dem Gefängnis entlassen, weil er sich als Soldat verpflichtet hatte. Inmitten aller Kriegsgräuel und selbst schwer verwundet, hilft ihm nur der Glaube an ein Wiedersehen mit Cecilia dabei, durchzuhalten und weiterzumachen. Im dritten Teil des Romans treffen wir Briony wieder, die inzwischen ihren schweren Fehler begriffen hat und versucht, als Schwesternschülerin Sühne zu leisten, indem sie Schwerverwundete verpflegt. Sie möchte ihren Fehler wieder gut machen und versucht, Kontakt zu Cecilia aufzunehmen. Der Roman überrascht noch mit einigen Wendungen und Szenenwechseln, aber mehr möchte ich hier nicht verraten. Ein fesselnder Roman!

„Abbitte“ von Ian McEwan, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-23380-3

Viel Spaß beim Lesen!