Buchtipp: Der weiße Tiger

 

Der weiße Tiger_Aravind Adiga

Ich war noch nie in Indien. Noch nicht einmal irgendwo anders in Asien. Und doch habe ich so manches verstanden, als ich den Debütroman „Der weisse Tiger“ von Aravind Adiga gelesen habe. So manches Verhalten nämlich, über das deutsche Geschäftsleute immer wieder ihren Unmut äußern. Weil das Leben in Indien eben völlig anders zu funktionieren scheint, als das unsrige. Weil es kaum möglich ist, dem „Hühnerkäfig“ aus Kasten- und Familienzugehörigkeit, Herr- und Dienerschaft, wie ihn Protagonist Balram Halwai nennt,  zu entkommen. Es sei denn, man ist so gewieft wie er und spielt das Spiel aus Lüge, Erpressung und Korruption mit und geht dabei, wenn nötig, sogar über Leichen. So stellt er sich auch zu Beginn des Romans als Diener, Philosoph, Unternehmer und Mörder vor.

In sieben Nächten beschreibt Balram dem chinesischen Ministerpräsidenten seinen Aufstieg vom Sohn eines Rikschafahrers in dem kleinen Dorf Laxmangarh zum Unternehmer in der aufstrebenden Großstadt Bangalore. Obwohl Balram als klügstem Jungen des Dorfes ein Stipendium in Aussicht gestellt wird, muss er die Schule nach kurzer Zeit beenden, um für seine Familie  den Kredit für die Hochzeit einer Cousine mit seiner Arbeitskraft zurückzahlen zu können. Es gelingt ihm, nach seinem Dienst in einem Teehaus eine Anstellung als Fahrer zu ergattern, die ihn schließlich nach Delhi bringt, wo sich die Handlung zuspitzt. Aravind Adiga, der für seinen Roman 2008 den Booker-Prize bekam, beschreibt das Leben in Indien in all seiner Grausamkeit leichtfüßig, frech und manchmal zynisch. Er beschönigt nichts und erzählt von der anderen Seite der aufstrebenden Wirtschaftsnation, von den Zurückgebliebenen, von denen, deren Leben rein gar nichts wert ist, deren Tod man mit ein paar Scheinen wieder gut macht. Wenn überhaupt. Man kann es Balram Halwai am Ende der Geschichte kaum übel nehmen, dass er zum Mörder geworden ist in diesem System aus Fressen oder Gefressen werden. Mir hat diese rasante Geschichte mal wieder vor Augen geführt, wie wertvoll die Demokratie ist, in der wir leben, wo Reiche und Arme zumindest die gleichen Rechte haben, wenn auch nicht immer die gleichen Chancen. Und für wie selbstverständlich wir das nehmen.

Buchtipp: Rabenfrauen

RabenfrauenWer über die Feiertage etwas jenseits von Süßkram verschlingen möchte, sollte sich schnell noch diesen Roman besorgen. Anja Jonuleit erzählt in „Rabenfrauen“ die Geschichte der Freundinnen Ruth und Christa, beginnend in den 50er Jahren. Als eine freichristliche Gemeinschaft unter dem Prediger Paul Schäfer ein Zeltlager in ihrem Heimatdorf veranstaltet, verliebt sich die 17jährige Christa in eines der Mitglieder. Während Ruth die Vorgänge in der Gemeinschaft bald zu hinterfragen beginnt, verliert sie Christa trotz wiederholter Bemühungen an die Sekte, die später traurige Berühmtheit unter dem Namen Colonia Dignidad erlangen wird. Angefangen mit dem scheinbar harmlosen Besuch des Jugendzeltlager bis hin zur völligen Unterordnung, Missbrauch und Folter in der Kolonie in Chile wird faszinierend beschrieben, wie es zu solch einer Abhängigkeit und Unterwerfung unter so einen charismatischen Menschen überhaupt kommen kann. Die Zeitstränge wechseln zwischen der Geschichte der jungen Frauen und dem fortgeschrittenen Alter, in dem sich Ruth noch immer fragt, ob sie wirklich alles ihr Mögliche getan hat. Wird sie doch auf einmal von einer ganz anderen Seite mit ihrer Vergangenheit konfrontiert….. ein spannendes Buch, das ich kaum zur Seite legen konnte.

Anja Jonuleit  „Rabenfrauen“

ISBN-13: 9783423261043   dtv Taschenbücher

Hurrah!

Experimente_Buch.jpgHeute möchte ich Euch ein ganz besonderes Buch ans Herz legen, das ein ganz besonderer Mensch fotografiert hat und bei dem ich ein wenig mitgebastelt und gezeichnet habe: das Experimente-Buch, das im klein & groß Verlag erschienen ist. Mit viel Liebe zum Detail hat Jens Wegener zwölf Experimente mit Hilfe kleiner Figuren wie dem Regenwurm, dem Schutzmann oder dem Streichholz durchgeführt und fotografisch so festgehalten, dass man gleich Lust bekommt, selber loszulegen. Mit dem coolen Layout ist es wirklich ein rundum schönes Buch geworden, wie ich finde.

https://www.kleinundgross-verlag.de/mach-und-sachbuch/8/das-experimente-buch

Außerdem sind in dem neu gegründeten Nürnberger Verlag noch andere tolle Kinderbücher wie „Das Vier-Farben-Land“ oder „Tom holt den Mars zurück“ erschienen. Guckt euch mal um.

Sibylla und der Tulpenraub (von Juli liest)

Zum 300. Todestag von Maria Sibylla Merian ist ein wunderschönes Bilderbuch erschienen, das Kindern das aufregende Leben der Künstlerin zeigt. Rezension von @juliliest

mehr über Bilderbuch des Monats: Sibylla und der Tulpenraub — Juli liest

Wen die Werke der Künstlerin Maria Sibylla Merian interessieren, hat die Möglichkeit, die Ausstellung in der Stadtbibliothek Zentrum, Gewerbemuseumsplatz 4, 90403 Nürnberg zu besuchen. Der Eintritt ist frei und sie ist bis 29.April zu sehen. Öffnungszeiten sind Mo-Fr 11-19h, Sa 11-16h, kostenlose Führungen jeweils Mittwoch um 17Uhr am 18.01., 15.02., 15.03. und 12.04.2017.

Buchtipps im neuen Jahr

Ich möchte das neue Jahr mit drei Buchvorstellungen beginnen – für (fast) jede Altersgruppe eines.

wunder-von-r-palacio

Los geht`s mit „Wunder“ von Raquel J.Palacio, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und wunderbar geeignet für das Alter von 10-12, also genau der Altersgruppe, um die es in diesem Buch geht, nämlich die der 5.Klasse der Middle School in den USA. Dorthin kommt August, ein Junge, bei dem mehrere Gendefekte so ungünstig zusammen getroffen sind, dass sein Gesicht vollkommen entstellt ist. Der beste Tag im Jahr ist für August Halloween, weil er sich da, wie alle anderen, unter einer Maske verstecken und einfach in der Masse untergehen kann, ohne angestarrt zu werden. Während der Grundschulzeit wurde er von seiner Mutter zu Hause unterrichtet, um ihn vor all den Blicken und der Abwehr seiner Mitmenschen zu schützen, aber das ist jetzt vorbei. Wer jetzt ein rührseliges Melodram erwartet, irrt, denn trotz aller Schrecken und Herausforderungen, denen sich August stellen muss, ist er ein Junge, der einen großartigen Humor beweist und mit dem man viel Spaß haben kann. Das merkt auch bald Will, der ihm anfangs nur im Auftrag des Schuldirektors zur Seite steht. Auch wenn August`s Schicksal wenig mit dem eines „normalen“ Kindes gemein hat, geht es letztendlich um all die Themen, mit denen die Kinder in diesem Lebensabschnitt konfrontiert werden: Freundschaft, Anerkennung, Ausgrenzung und Loyalität. Die kurzen Kapitel sind genau so geschrieben, wie Kinder dieses Alters eben ticken und der Bezug zum amerikanischen Schulsystem ist für die Kids, die ja alle Englisch in der Schule lernen, auch ganz cool. Wir erleben August`s Geschichte nicht nur aus seiner Sicht, sondern auch aus der seiner Freunde und der seiner großen Schwester Via. Wie geht es ihr damit, einen Bruder zu haben, der immer, wenn auch ungewollt, im Mittelpunkt steht? Wie ist es, mit einem Außenseiter befreundet zu sein und deswegen vielleicht auch gedisst zu werden? Kann ich das aushalten? Uns hat dieses Buch großen Spaß gemacht und ich kann es euch wirklich nur schwer ans Herz legen. Mal was anderes als Fantasy, Krimi oder Pferderoman und mitten aus dem Leben.

„Wunder“ von Raquel J.Palacio, dtv Reihe Hanser,  ISBN 978-3-423-62589-0

haltet_den_die

Der zweite Buchtipp ist für frische Leseanfänger: „Haltet den Die!“ von Horst Klein ist simpel und genial. Durch Entfernen einzelner Buchstaben in der Reihenfolge des ABCs bekommen Worte und Sätze einen ganz neuen Sinn und das macht ziemlich viel Spaß, wenn beispielsweise aus der Jolle `ne Olle wird oder aus der Kranken eine Krake. Wunderbar einfach und treffend illustriert zum nochmal und nochmal lesen der stolzen Leseanfänger und nochmal und nochmal kichern…..

„Haltet den Die!“ von Horst Klein, Klett Kinderbuch, ISBN 978-3-95470-132-2

abbitte-von-ian-mcewan

Ian McEwans „Abbitte“ beginnt zunächst sehr beschaulich. Das Leben der Familie Tallis im Jahr 1935 auf ihrem englischen Landgut wird in aller Ausführlichkeit beschrieben. Die Mutter, Emily, die unter Migräne leidet und nur bedingt gesellschaftsfähig ist, lebt mit ihrer dreizehnjährigen Tochter und den Hausangestellten auf dem Land, während ihr Mann in London im Ministerium arbeitet. Zu Besuch sind außerdem in diesem Sommer die Zwillingssöhne und die 15-jährige Tochter Lola von Emilys Schwester, die sich gerade von ihrem Mann getrennt hat, sowie Ms. Tallis` große Tochter Cecilia, die eben ihr Studium beendet hat und noch nicht entschieden hat, wie es weitergehen soll. Die Wende nimmt der Roman schließlich an jenem heißen Sommertag, als der erwachsene Sohn Leon und dessen Freund Paul Marshall, sowie der von der Familie protegierte Sohn der Zugehfrau Robbie Turner zum Essen geladen sind. Zwischen ihm und Cecilia bahnt sich eine Liebschaft an, die der jüngeren Schwester Briony nicht entgeht. Als Lola an jenem Abend im Park vergewaltigt wird, behauptet Briony, Robbie Turner erkannt zu haben. Cecilia ist die einzige, die an seine Unschuld glaubt, und bricht mit ihrer Familie, als Robbie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Sie verspricht ihm, auf ihn zu warten und macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Dann folgt ein radikaler Szenenwechsel mitten in den zweiten Weltkrieg, wo Robbie versucht, mit der britischen Armee in Dünkirchen zu evakuieren. Er wurde aus dem Gefängnis entlassen, weil er sich als Soldat verpflichtet hatte. Inmitten aller Kriegsgräuel und selbst schwer verwundet, hilft ihm nur der Glaube an ein Wiedersehen mit Cecilia dabei, durchzuhalten und weiterzumachen. Im dritten Teil des Romans treffen wir Briony wieder, die inzwischen ihren schweren Fehler begriffen hat und versucht, als Schwesternschülerin Sühne zu leisten, indem sie Schwerverwundete verpflegt. Sie möchte ihren Fehler wieder gut machen und versucht, Kontakt zu Cecilia aufzunehmen. Der Roman überrascht noch mit einigen Wendungen und Szenenwechseln, aber mehr möchte ich hier nicht verraten. Ein fesselnder Roman!

„Abbitte“ von Ian McEwan, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-23380-3

Viel Spaß beim Lesen!

Trostessen

deftig_vegetarischWenn im August die lauschigen Abende zusehends kürzer werden, beginne ich, um den sich ausschleichenden Sommer zu trauern und bange vor der langen, kalten Jahreszeit, die vor mir liegt. Jetzt ist gekommen, vor dem mir gegraut hat. Es ist morgens wieder dunkel und kalt – vorbei die Leichtigkeit warmer Sommertage. Doch gibt es da etwas, was mir Trost spendet – die Winterküche. Manches schmeckt eben nur, wenn es draußen pfeift und stürmt. Einfach superleckere Rezepte, wie beispielsweise für Maronencremesuppe mit Apfel-Nuss-Topping oder Kaspressknödel, finde ich in dem Buch „ DEFTIG VEGETARISCH“ von Anne-Kathrin Weber, mit wunderschönen Aufnahmen von Wolfgang Schardt. Das herzhafte Aroma, das man sonst nur von Gerichten mit viel Speck und Fleisch kennt, gibt es hier auch ganz ohne. Vegetarisches Knödelkoma sozusagen;-) Meine Art, der Kälte zu trotzen.

„Deftig Vegetarisch“ von Anne-Kathrin Weber,

Becker Joest Volk Verlag,  ISBN 978-3-95453-017-5 , 29,95€

Is nich alles schön im Leben

vom-ende-der-einsamkeit-9783257069587Im Urlaub habe ich das Buch „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells gelesen und es hat mich noch lange danach beschäftigt. Es erzählt davon, welch unterschiedliche Strategien drei Geschwister, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, entwickeln, um mit diesem tragischen Verlust fertig zu werden. Wirklich aufgearbeitet wird er eigentlich nie und so reichen seine Folgen weit in das Leben der inzwischen Erwachsenen hinein. Ich habe meine Mutter im Alter von zwölf Jahren verloren, nicht plötzlich, aber doch ziemlich unvorbereitet. Man möchte Kinder nicht belasten und spricht deshalb mit ihnen oft nicht über Krankheit und Tod, ganz nach dem Motto, was man nicht ausspricht, ist auch nicht da. Aber man kann Kinder nicht vor dem Schmerz bewahren, man kann sie höchstens mit ihm allein lassen. Lange Zeit nach dem Tod meiner Mutter habe ich in einer Buchhandlung ein Buch entdeckt ( dessen Titel ich leider nicht mehr kenne), in dem sich eine an Krebs erkrankte Mutter gemeinsam mit den Kindern auf ihren Tod vorbereitet und mit ihnen ein Erinnerungskästchen füllt, das sie nach ihrem Tod in die Hand nehmen können, wenn sie traurig sind und die Mutter vermissen. Etwas, das ihnen über den Tod hinaus bleibt, eine Verbindung und gemeinsame Erinnerung. Ich fand diesen Weg wunderschön und hätte mir auch so eine Vorbereitung und Hilfestellung gewünscht. Aber wer kennt sich schon aus mit dem Sterben? Der plötzliche Tod lässt sich natürlich überhaupt nicht vorbereiten, aber anders als bei Benedict Wells, kann man Kinder zumindest danach unterstützen, ihn aufzuarbeiten. Die drei Geschwister seines Romans kommen nach dem schweren Schicksalsschlag ins Internat und werden mit ihren Gefühlen fast völlig allein gelassen. Kinder sind nicht blöd, sie sind fühlig. Solltet ihr in eurer Familie mit Krankheit und Tod konfrontiert werden, gebt ihnen Antworten auf ihre Fragen, auch wenn ihr selber Angst habt vor dem, was da kommen mag. Natürlich altersgerecht und mit der Souveränität des Erwachsenen. Nehmt die Kinder mit auf diese Reise, soweit das möglich ist. Dann werden sie danach vielleicht leichter wieder ins Leben zurück finden.

 

„Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells,

Diogenes Verlag,  ISBN-13: 9783257069587