Hello 2018

Heute ist der letzte Tag meiner kleinen Winterpause. Jetzt gilt es wieder, die Trägheit der Feiertage, das lange Schlafen und das Sich-treiben-lassen aus dem Fell zu schütteln, wie ein nasser Hund das Wasser nach dem Sprung in den See. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich auf den Alltag freue, aber genauso wie sich eine schöne Reise meist schon nach ein paar Tagen wieder sehr lang her anfühlt, ist der Schweinehund schnell überwunden und alles läuft ganz normal.
Und es schmilzt

Was ich natürlich auch sehr vermissen werde, ist meine Lesezeit und die habe ich diesmal unter anderem mit der Lektüre von Lize Spits „Und es schmilzt“ verbracht. Und ich habe lange überlegt, ob ich Euch das Buch empfehlen soll. Denn es ist schrecklich. Und es ist großartig. Und es hat mich nächtelang verfolgt, was weniger schön war. Lize Spit schreibt so, dass man kaum glauben kann, dass sich diese junge Frau das nur ausgedacht hat. Die Handlung läuft so glaubhaft auf diesen einen Tag zu, an dem das Schreckliche passiert, dass man ihm schon lange entgegenbangt und sich dem Zuschauen dennoch nicht entziehen kann. Der Roman handelt von der Freundschaft zwischen Eva, Laurens und Pim, die in einem kleinen belgischen Dorf aufwachsen und gemeinsam unterrichtet werden. Eva lebt mit ihrer kleinen Schwester Tesje und ihrem großen Bruder Jolan bei den alkoholabhängigen Eltern. Während Tesje immer mehr Zwangshandlungen entwickelt und in die Magersucht flieht, gelingt es Eva und ihrem Bruder, ein halbwegs normales Leben zu führen. Die Freundschaft zu ihren beiden Freunden ist Eva ein wichtiger Anker. Um so schwieriger wird es, als sich die drei langsam zu Teenagern entwickeln und die Unterschiede immer offensichtlicher werden. Um ihre Freunde nicht zu verlieren, lässt sich Eva auf ein Spiel ein…

Die Autorin beschreibt die Protagonisten und ihr Umfeld so präzise, dass man alles vor sich sieht, den chaotischen Garten von Evas Familie voller unvollendeter Projekte, den Bauernhof mit den Stallungen und der Jauchegrube von Pims Familie und den Schlachtbetrieb von Laurens Eltern, wo sich die Kinder abwechselnd treffen. Man sieht die Koppeln und die Dorfkerwa, die Dorfstrassen und den Gemeindesaal und genau deshalb schafft es Lize Spit, den Leser bis ins Mark zu erschüttern.

So, sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt! Einen guten Start ins neue Jahr.

Eure Ella

Lize Spit „Und es schmilzt“    ISBN 978-3-10-397282-5    Verlag:  S.Fischer

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Ella denkt nach: Weihnachten und so

Weihnachten2017_meedchenwargesternEs wurde dann doch noch irgendwie weihnachtlich mit rekordverdächtigen drei Weihnachtsmarktbesuchen, drei Weihnachtsfeiern inklusive reichlich Frieren und Glühwein Trinken, einmal reichlichem Schneefall, einem Adventskonzert und einem Adventsgottesdienst. Wow, so eine Adventszeit hatte ich vermutlich noch nie. Das Schönste daran war, dass wir auch als Familie etwas Zeit gefunden haben, zusammen zu sein und es irgendwie allen ganz gut geht miteinander. Ist ja nicht immer so. Das persönliche Umfeld wird umso wichtiger, je schwieriger die äußeren Umstände sind. Noch nie wurde ich bei Erstbegegnungen mit Menschen mit so vielen Stammtischparolen konfrontiert wie in den letzten Monaten. Wo man sich sonst über das Wetter oder den letzten Restaurantbesuch unterhalten hat, geht es jetzt um Muslime, Trump oder den Nahen Osten. Auf einmal sehe ich mich mit Worten ringen, um Plattitüden etwas entgegenzusetzen. Manchmal ist es gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden, um zu entkräften, was man für falsch hält. Damit möchte ich mich im neuen Jahr mehr auseinander setzen, damit nicht nur „die“ ihre Argumente vorne auf der Zunge tragen, sondern auch ich. Ich möchte mehr Argumente parat haben, wenn es um diese armselige deutsche und europäische Flüchtlingspolitik geht, für die ich mich zutiefst schäme. Die Geflüchtete zu Tausenden unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern in Griechenland einpfercht, wo sie nichts tun können, als monatelang darauf zuwarten, wie es weitergeht. Die Bündnisse mit zweifelhaftesten Bündnispartnern eingeht. Die asylsuchenden Schülern potentielle Ausbildungen nicht genehmigt und denen, die sich integrieren wollen und deren Unterstützern, einen Stein nach dem anderen in den Weg legt. Die Politik hat sich von den Rechten in immer populistischere Positionen drängen lassen, anstatt Kante zu zeigen. Rechtes Gedankengut ist wieder salonfähig geworden. So jetzt denkt ihr, was ist denn das, ein bisschen Weihnachtsharmonie und dann zum Gegenschlag ausholen? Ja. Leben ist doch Beides. Ich freue mich auf die kleine Weihnachtspause und den Rückzug aus dem Trubel dieses Lebens. Aber dann geht`s doch wieder weiter, oder? Mit neuer Energie auf sie mit Gebrüll! Und dazu hilft es auch, die Lungen bei andächtig weihnachtlichem Gesang zu weiten.

 

Der Last Minute Buchtipp:

 

mit Rechten reden„Mit Rechten reden“ – Ein Leitfaden

heißt ein Buch, das sich damit auseinandersetzt, wie man den Argumenten der Rechten ( und Linken) begegnen kann, ohne sofort gegen die Wand zu fahren.“

Von Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn

ISBN: 978-3-608-96181-2 Verlag: Klett – Cotta

Buchtipp: Die Erfindung des Lebens

Die Erfindung des LebensWas geschieht mit einem Kind, das fast isoliert mit seiner Mutter in einer Kölner Wohnung aufwächst? Die andere Menschen meidet und nicht spricht, da sie aufgrund eines Traumas verstummt ist. Das Kind spürt, dass da etwas gewesen sein muss, aber man spricht nicht mit ihm darüber. Und so spricht auch das Kind nicht und die beiden leben symbiotisch zusammen, einander ohne Worte verstehend. Erst das beherzte Eingreifen des Vaters rettet das Kind aus seiner Isolation und nach und nach versucht es, sich und seinen Weg zu finden. Doch dieser Lebensbeginn klingt immer nach, auch dann noch, als er als junger Mann nach Rom ans Konservatorium geht, um Pianist zu werden und noch viel später, als er seine wahre Berufung erkennt. Ein faszinierender Roman von Hanns-Josef Ortheil, der weit über die letzte Seite anhält.

„Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil

Verlag btb   ISBN 978-3-442-73978-3

Buchtipps für lesefaule Jungs

Bei meinem großen Sohn ist das Lesen kein Selbstläufer. Entweder lande ich einen Volltreffer und das Buch wird binnen 24 Stunden verschlungen oder aber mein Kind fängt – im blödsten Fall- erst gar nicht damit an, weil ihn beispielsweise das Cover nicht anspricht. Ich kenne das durchaus auch von mir, muss ich gestehen. Zu den Verschlungenen des vergangenen Jahres zählen die Bücher der Bodyguard- Reihe von Chris Bradford – nein, das hat überhaupt nichts mit Kevin Costner zu tun. Da geht es um einen 14-jährigen Bodyguard, der mal die Tochter des amerikanischen Präsidenten, mal den Sohn eines millionenschweren Oligarchen oder eine Diplomatenfamilie beschützen soll. Gut recherchiert, an verschiedensten Schauplätzen, teilweise nichts für schwache Nerven, aber eben auch spannend genug, um Jungs zu fesseln.

Body Guard Band 1Theo Boone, Band1

 

Die Geisel, Band 1, von Chris Bradford, Cbj Verlag, ISBN 978-3-570-40275-7 ab 12 Jahren

Eine andere Buchreihe ist von dem Autor und ehemaligem Anwalt John Grisham, den wir von Bestsellern wie „Die Jury“ oder „Die Akte“ kennen. 2010 schrieb er sein erstes Jugendbuch. Theodore Boone, der Held der Geschichten, ist dreizehn und Sohn eines Anwalts. Er ist eher das Gegenteil von cool, träumt selbst davon, Anwalt zu werden und hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb nimmt er die Sachen gerne selbst in die Hand und ermittelt die spannendsten Fällen. Wer mehr lesen möchte, klickt hier:

Buchbesprechung Abendblatt

Theo Boone und der unsichtbare Zeuge, Band 1, von John Grisham, Heyne Verlag,

ISBN 3-453-26000-7 ab 12 Jahren

 

Babyjahre

BabyjahreNormalerweise habe ich altersgemäß nicht mehr so oft mit werdenden Eltern zu tun, aber vor einigen Tagen unterhielt ich mich dann doch einmal mit einer jungen Frau im fünften Monat, die mich fragte, was denn so wirklich wichtig sei, wenn man ein Kind bekomme. Das Erste, was mir einfiel, war eine gute Hebamme. Denn die kennt sich wirklich aus und kann bei Problemen sofort unterstützen und vor allem Ängste nehmen. Das Zweite, was mir damals gut getan hat, war, Finger von Ratgebern wie „Oh je, ich wachse“ zu lassen, in denen steht, was mein Kind gerade alles können sollte und statt dessen nur dann in einem Ratgeber meines Vertrauens nachzuschlagen, wenn ich gerade irgendwie überfordert war mit dem Verhalten meines Kindes. Dann war mein Nachschlagewerk der Klassiker „Babyjahre“ von Remo H. Largo. Denn in diesem Buch geht es nicht darum, was mein Kind wann können sollte, sondern es erklärt das Verhalten und die Bedürfnisse von Babies in all ihrer Vielfalt, um sie besser zu verstehen und darauf reagieren zu können. In diesem Moment weiß man: „Ich bin nicht allein!“ – und das hilft in schwierigen Phasen oft schon viel. Tja, und als Drittes der Tipp für alle Lagen des Lebens: Weniger ist mehr, auch bei der Erstausstattung. Steht sonst nur so viel rum. Viel Glück, liebe Aline.

„Babyjahre“ von Remo Largo, Piper, ISBN 978-3-492-25762-6

Und wer auch schon aus den „Babyjahren“ heraus ist, kann sich den Artikel der Zeit-Redakteurin Alard von Kittlitz über Remo Largos neues Buch „Das passende Leben“ durchlesen, das ist dann wieder eher was für die Meedchen (und Jungs) von gestern.

http://www.zeit.de/2017/32/babyjahre-remo-largo-buch-gebrauchsanweisung-kinderarzt

„Das passende Leben“ von Remo Largo, S.Fischer, ISBN-13:9783103972740

Ein Hut als Schicksalsschreiber

 

Hut des Präsidenten

Nein, es geht hier nicht um Harry Potter und den Schlapphut von Hogwarts und sondern um den Hut eines ehemaligen französischen Präsidenten. Mein Buchtipp ist im Original schon etwas älter, aber die deutsche Übersetzung ist erst letztes Jahr erschienen. Im Buchladen in meiner Nähe wurde mir der Roman empfohlen, und ich habe lange kein so unterhaltsames aber auch gut geschriebenes Buch gelesen.

Geschichten von Menschen, die ihr Leben verändern oder deren Leben verändert wird, alle verbunden durch einen Hut – amüsant, intelligent, lesenswert!

Autor: Antoine Laurain
Titel: Der Hut des Präsidenten
ISBN: 978-3-455-65022-8
Atlantik – Verlag

Buchtipp: Der weiße Tiger

 

Der weiße Tiger_Aravind Adiga

Ich war noch nie in Indien. Noch nicht einmal irgendwo anders in Asien. Und doch habe ich so manches verstanden, als ich den Debütroman „Der weisse Tiger“ von Aravind Adiga gelesen habe. So manches Verhalten nämlich, über das deutsche Geschäftsleute immer wieder ihren Unmut äußern. Weil das Leben in Indien eben völlig anders zu funktionieren scheint, als das unsrige. Weil es kaum möglich ist, dem „Hühnerkäfig“ aus Kasten- und Familienzugehörigkeit, Herr- und Dienerschaft, wie ihn Protagonist Balram Halwai nennt,  zu entkommen. Es sei denn, man ist so gewieft wie er und spielt das Spiel aus Lüge, Erpressung und Korruption mit und geht dabei, wenn nötig, sogar über Leichen. So stellt er sich auch zu Beginn des Romans als Diener, Philosoph, Unternehmer und Mörder vor.

In sieben Nächten beschreibt Balram dem chinesischen Ministerpräsidenten seinen Aufstieg vom Sohn eines Rikschafahrers in dem kleinen Dorf Laxmangarh zum Unternehmer in der aufstrebenden Großstadt Bangalore. Obwohl Balram als klügstem Jungen des Dorfes ein Stipendium in Aussicht gestellt wird, muss er die Schule nach kurzer Zeit beenden, um für seine Familie  den Kredit für die Hochzeit einer Cousine mit seiner Arbeitskraft zurückzahlen zu können. Es gelingt ihm, nach seinem Dienst in einem Teehaus eine Anstellung als Fahrer zu ergattern, die ihn schließlich nach Delhi bringt, wo sich die Handlung zuspitzt. Aravind Adiga, der für seinen Roman 2008 den Booker-Prize bekam, beschreibt das Leben in Indien in all seiner Grausamkeit leichtfüßig, frech und manchmal zynisch. Er beschönigt nichts und erzählt von der anderen Seite der aufstrebenden Wirtschaftsnation, von den Zurückgebliebenen, von denen, deren Leben rein gar nichts wert ist, deren Tod man mit ein paar Scheinen wieder gut macht. Wenn überhaupt. Man kann es Balram Halwai am Ende der Geschichte kaum übel nehmen, dass er zum Mörder geworden ist in diesem System aus Fressen oder Gefressen werden. Mir hat diese rasante Geschichte mal wieder vor Augen geführt, wie wertvoll die Demokratie ist, in der wir leben, wo Reiche und Arme zumindest die gleichen Rechte haben, wenn auch nicht immer die gleichen Chancen. Und für wie selbstverständlich wir das nehmen.