#NichtMeineLager

Zuhause auf meinem bequemen Sofa im warmen Zimmer dreht sich alles um die Einschränkungen, die wir durch Corona hinnehmen müssen. Was sie mit uns machen, wie wir damit umgehen. An den Grenzen zur EU toben ganz andere Kämpfe und ich hadere immer wieder damit, sie so wort- und tatenlos hinzunehmen. Geht Euch das auch So? Ich finde, die europäische Flüchtlingspolitik ist eine Schande. Ihre Abschreckungsstrategie verursacht immer neue Auswüchse der Unmenschlichkeit. Nach den unhaltbaren Zuständen in Moria und anderen Lagern, wurden die Schrecken im Grenzgebiet zu Kroatien publik. Ohne jegliche staatliche Unterstützung hausen Flüchtlinge in Wäldern und leerstehenden Gebäuden, immer in der Angst vor kroatischen Grenzsoldaten, die die Flüchtlinge misshandeln und illegale „Pushbacks“ durchführen, also Rückführungen aus dem Gebiet der EU zurück nach Bosnien-Herzegowina. Dabei hätten auch sie ein Recht dazu, Asyl zu beantragen, genau wie all die anderen, die man Jahre lang darben lässt und ihnen das letzte nimmt, was sie noch hatten: Hoffnung. Es geht nicht darum, jeden Flüchtling bei uns oder in der EU aufzunehmen, es geht darum, Menschen mit Respekt zu behandeln und ihnen in ihrer Notlage zu helfen, bis ihr Recht auf Asyl so gut und schnell wie möglich geklärt ist- ohne Hinhaltetaktik und Wegsehen.

Vielleicht würde mancher/m Entscheider/in ein Perspektivwechsel auf die Sprünge helfen. Maja Lunde beschreibt in ihrem Roman „Die Geschichte des Wassers“, wie die Einwohner Südeuropas nach einer Dürre im Jahre 2041 versuchen, in die Länder Skandinaviens zu fliehen, da Trinkwassermangel herrscht und Brände viele Städte und Landstriche verwüstet haben. Auf einmal sehen „wir“ uns in Flüchtlingslagern wieder, in denen die Vorräte knapp werden, Vermisste gesucht werden und es zu Aufständen kommt. Es mag jedem selbst überlassen sein, für wie real er solch eine Möglichkeit aufgrund des Klimawandels sehen mag (Franken gehört übrigens zu den Gebieten, die schon sehr zeitnah unter immer mehr Dürre leiden werden), dass die Flüchtlingsströme aber nicht aufhören werden, sollte inzwischen jedermann/frau klar sein. Wir alle sind darauf angewiesen, in der Not eine Hand gereicht zu bekommen und nicht nach all den Strapazen und erlittenen Traumata wie Dreck behandelt zu werden.

Die Organisation Seebrücke nimmt am Samstag, den 6.Februar von 10-20 Uhr Sachspenden im Z-Bau in Nürnberg entgegen, um sie nach Bosnien-Herzegowina zu bringen. Gesucht werden warme Winterklamotten für Männer in Größe M, Schuhe, Schlafsäcke, Hygieneartikel, Handys samt Ladegeräten (die eigenen werden von den Grenzbeamten oft zerstört) und Powerbanks, Schlafsäcke, Zelte und Taschenlampen. Vielleicht mögt ihr ja mithelfen.

Wenn auch ihr ein Problem mit der europäischen Flüchtlingspolitik habt, könnt ihr euch an einer Unterschriftenaktion von Proasyl beteiligen gegen weitere unmenschliche Haft- und Flüchtlingslager an den Außengrenzen der EU. #NichtMeineLager ist der Hashtag in den sozialen Medien.

Und noch ein Jugendbuchtipp zu dem Thema europäische Flüchtlingspolitik:

„Endland“ von Martin Schäuble, ein spannendes Buch ab ca.14 Jahren über die Freundschaft zweier junger Grenzsoldaten zwischen nationalistischen Strömungen und europäischer Abschottungspolitik. Ein sehr aktuelles Buch, das Überzeugungen in Frage stellt.

Die Besprechung überlasse ich an dieser Stelle dem Deustchlandfunk:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/martin-schaeuble-endland-deutschland-macht-dicht.1270.de.html?dram:article_id=392721

Martin Schäuble: „Endland“ ISBN 978-3-446-25702-3

Maja Lunde: „ Die Geschichte des Wassers“ ISBN 978-3-442-71831-3

Buchtipp: „Train Kids“

von Dirk Reinhardt

In den Nachrichten können wir gerade Bilder von einem gewaltigen Flüchtlingsstrom aus Honduras sehen, von Menschen, die in die USA wollen, getrieben von Armut, befeuert von der Hoffnung, Joe Biden würde mehr Verständnis für ihr Schicksal haben als sein Vorgänger.

Wie passend das Buch, das wir in den Weihnachtsferien gelesen haben und  in dem es genau um dieses Thema geht. Der etwa elfjährige Angel, Hauptperson Miguel (14), Jaz, die eigentlich ein Mädchen ist, Emilio und Fernando (16), die aus verschiedenen Ländern Südamerikas (unter anderem Honduras) stammen, lernen sich zufällig an der Südgrenze zu Mexico kennen und beschließen, die 2500 Kilometer lange, gefährliche Reise durch das Land gemeinsam durchzustehen. Fernando, der Älteste, hat es schon einige Male versucht und wertvolle Erfahrungen sammeln können, wo man auf der Strecke Verbündete bezahlen muss, an welchen Stellen man von den Güterzügen abspringen muss, um Polizeikontrollen zu entgehen und wo es hilft, sich von der Kälte mit dem Schnüffeln von Klebstoff abzulenken. Ständig prahlt er mit unglaublichen, oft brutalen Geschichten, bei denen die Jüngeren nie so genau wissen, ob sie wirklich stimmen können.

Bald stellt sich heraus, dass sie ohne Fernando verloren wären, denn es dauert nicht lange, bis die ersten Gefahren auf sie lauern – korrupte Polizeibeamte, Banditen, Drogen- und Menschenhändler und nicht zuletzt unzählige Unfälle beim Auf- und Abspringen auf die Züge oder durch herabhängende Äste, Hitze und Kälte und vieles mehr. Und dennoch nehmen sie die gefährliche Reise auf sich. Sie fliehen vor der Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat, vor der Armut oder weil sie ihren Müttern nachreisen, die sie schon vor vielen Jahren nachholen wollten und es nie geschafft haben, als Illegale in den USA genug Geld zu verdienen. Im Lauf der Reise erfahren wir immer mehr von den Jugendlichen, sie kommen sich näher und knüpfen ein enges Band durch alles, was sie zusammen erleben. Dass die Wirklichkeit kein bisschen besser ist als die fantastischen Geschichten Fernandos, ist eine bittere Erkenntnis auf ihrem Weg.

Ihr wisst wahrscheinlich inzwischen, dass ich nicht gerne zu viel verrate von den Büchern, die ich vorstelle, ich möchte nur Lust zum Lesen machen. „Train Kids“ ist ein sehr spannendes, aber eben auch realistisches Buch, weshalb es an einigen Stellen auch wirklich grausam ist. Deshalb würde ich die Lektüre ab 13 Jahren empfehlen, auch wenn ich sie durchaus für zumutbar halte. Wir lesen schließlich nur darüber und sind nicht teil dieser gefährlichen Reise. Ich habe aber beim Vorlesen zugegebenermaßen ein paar Stellen ausgespart… “Train Kids“ ist eine tolle Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt, über Hoffnung und Träume und darüber, wie traumatische Erfahrungen Menschen verändern. Und sie sensibilisiert für Menschen, die unter so viel schwierigeren Bedingungen aufwachsen müssen als wir.

Dirk Reinhardt schreibt im Nachwort von seinen Recherchen und den Menschen, die er kennengelernt hat. 300000 Menschen passieren pro Jahr die Südgrenze Mexicos, um in die USA zu gelangen, die wenigsten schaffen es und versuchen es doch immer wieder.

„Train Kids“ von Dirk Reinhardt, Carlsen, ISBN 978-3-551-31614-1

Buchtipp: „Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Dieser Roman entfacht solch eine Sehnsucht nach den Bergen, dass ich mich am liebsten sofort auf den Weg gemacht hätte, Teil dieser besonderen Welt zu werden, sie so in mir aufzunehmen, wie sie der Autor heraufbeschwört. Denn dieses Ursprüngliche, Raue und Fordernde der Natur und der Berge hat wenig mit dem gemein, was der Wochenendausflügler erlebt, wenn er sich mit zahlreichen anderen Touristen von Alm zu Alm begibt. Kein Wunder, der Autor verbringt selbst die Sommer auf seiner Hütte auf 2000 Metern im Aostetal, er weiß also nur zu gut, wovon er schreibt.

„Acht Berge“ erzählt von der Freundschaft zwischen Bruno, der in sehr einfachen und schwierigen Verhältnissen in dem Bergdorf Grana lebt und dem Großstädter Pietro, der dort jedes Jahr seine Sommerferien verbringt. Pietros schweigsamer und oft aufbrausender Vater, der in Mailand nie wirklich angekommen ist, entstammt ebenfalls einem Bergdorf und nimmt den Sohn auf zahlreiche Routen in die Berge mit, bis diese Gemeinschaft eines Tages ein jähes Ende findet. Mit seinem Freund Bruno erkundet Pietro die zahlreichen verlassenen Höfe und Ställe des Dorfes, die stille Zeugen eines Lebens voller Entbehrungen sind, während sie Kühe hüten. Sie erklettern gemeinsam Felsen und Berge und lernen jeden Flecken dieses Stückchens Erde kennen. Während Pietro an den alten Traditionen festhalten will und von seiner eigenen Alm träumt, zieht es Pietro in die Welt hinaus. Und dennoch bleiben sich die Beiden, als sie erwachsen sind, verbunden und Pietro kehrt immer wieder in das Bergdorf zurück.

Der Zauber des Buches liegt an der Beschreibung der Landschaft, der Verbundenheit mit der Natur, dem Menschen als winzigen Teil derer, der sich ihr unterordnet, mit ihren Gaben und Herausforderungen lebt und manchmal auch daran scheitert. „Acht Berge“ erzählt aber auch von der Komplexität von Beziehungen, einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, dem Gefangensein in seinen Wurzeln, der Suche nach dem eigenen Weg und der Tragik des Lebens.

„Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Penguin Verlag ISBN 978-3-328-10344-8

Buchtipp: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers

Was wissen wir von Indianern? Den meisten fallen vermutlich als erstes Karl Mays Geschichten vom tapferen Winnetou und seinen Apachen ein, oder das Gemetzel von Wounded Knee. Vielleicht auch die Weisheit der Cree-Indianern:

 

Erst, wenn der letzte Baum gerodet,

der letzte Fluss vergiftet,

der letzte Fisch gefangen ist,

werdet ihr feststellen,

dass man Geld nicht essen kann.“

 

Leider aktuell wie nie. Aber wie Indianer heute leben, damit kommen wir kaum in Berührung. Diese Lücke schließt der Autor Sherman Alexie, der selbst als Spokane Indianer in einem Reservat aufwuchs, mit diesem autobiographischen Roman, den er bereits 2009 veröffentlichte und über den wir als Hörbuch bei der Onleihe, der digitalen Ausleihe unserer Bücherei gestolpert sind.

Die Lebensrealität seiner Hauptfigur Arnold Spirit Junior und dessen Stamm ist düster. Ein Großteil der Erwachsenen ist alkoholabhängig und hat keine Arbeit, die Menschen sind arm und haben eine schlechte Bildung. Dementsprechend groß sind Gewaltbereitschaft und Sterblichkeit und der 14-jährige Junior, wie ihn die Spokane nennen, war in seinem jungen Leben bereits auf zweiundvierzig Beerdigungen. Von seinem Lehrer ermutigt, entschließt sich der aufgeweckte Jugendliche, den Teufelskreis zu durchbrechen und auf die High-School in Rearden, die außerhalb des Reservats liegt und in die sonst nur Weiße gehen, zu wechseln. Nicht nur in der neuen Schule ist er ein Außenseiter, für seinen besten Freund Rowdy und viele andere Indianer wird er durch das Verlassen der Reservats zum Verräter. Schon der Schulweg wird zum Abenteuer, denn wenn sein Vater ihn nicht bringen kann, weil das Geld mal wieder nicht für Benzin reicht oder ihn jemand anders mitnehmen kann, muss er die etwa dreißig Kilometer laufen. In der Schule versucht er zu verheimlichen, aus welchen Verhältnissen er stammt, er kämpft gegen Vorurteile und rassistische Äußerungen und lebt in einem Spagat zwischen den Welten. Als er wie durch ein Wunder ins Basketballteam der Schule aufgenommen wird, sich den Respekt eines der coolsten Jungen der High-School erwirbt und die Zuneigung eines der hübschesten Mädchen der Schule, wendet sich langsam das Blatt und Arnold, wie ihn die Weißen nennen, stellt irgendwann fest, dass die Welt nicht in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist und auch nicht in Indianer und Weiße, sondern, dass es überhaupt nur zwei Stämme gibt: Arschlöcher und Nicht-Arschlöcher. Der Ich-Erzähler erzählt sein bewegtes Leben mit tiefschwarzem Humor und so muss man bei aller Traurigkeit immer wieder laut auflachen, wenn er entwaffnend ehrlich von seinen persönlichen Unzulänglichkeiten berichtet oder von der Schwärmerei für seine Mitschülerin, die er selbst dann total sexy findet, als er sie beim Kotzen auf der Schultoilette findet. „Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers“ ist ein Roman, der noch lange nachhallt, nachdem der letzte Satz verklungen ist.

 

Empfohlen ab 12 Jahren

Dtv Taschenbücher   ISBN-13: 9783423247429

 

Toll auch als Hörbuch, gelesen von Konstantin Graudus !

 

Buchtipp: „Herkunft“ von Saša Stanišić

Ich bin gespannt, wie sich die Literatur durch Corona verändern wird. Ob es stets einen Bruch in „vor“ und „nach“ geben wird, insbesondere bei Biographien. Die neue Stunde Null sozusagen. In diesem Bewusstsein genieße ich die coronafreie Lesezeit mit den Neuerscheinungen des vergangenen Jahres.

Herkunft_von Sasa Stanisic„Herkunft“ von Saša Stanišić ist eines dieser Bücher, ausgezeichnet mit dem deutschen Buchpreis und das wirklich mehr als verdient. Stanišić ist ein Sprachkünstler, der zauberhaft mit einer Sprache jongliert, die ihm erst im Alter von zwölf Jahren zu eigen wurde, als er mit seinen Eltern vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland floh. Und der es irgendwann wagte, in dieser Sprache zu schreiben, weil ihn sein Deutschlehrer dazu ermutigte. „Herkunft“ ist eine fiktionale Biographie, in der er sich auf die Reise in eine Zeit begibt, die seiner geliebten Großmutter, die zunehmend an Demenz erkrankt, allmählich entgleitet. Spielerisch springt der Autor durch die Zeiten, erzählt von seiner Jugend in Heidelberg, als er es kaum wagte, jemanden mit nach Hause zu nehmen, weil die Familie in so bescheidenen Verhältnissen lebte, er erzählt von einem Jugoslawien, in dem alle ziemlich friedlich zusammenlebten, bis das der aufpeitschende Nationalismus unmöglich machte, er erzählt von seinem Vater, der ihn als Kind vor dem Angriff einer Poskok, einer Hornotter, rettete, von der Heimat seiner Großeltern, der Landschaft und den Menschen. Manches ist wahr, manches ist erfunden und ein wenig phantastisch im besten Sinne. So erwartet den Leser ein ganz besonderes Ende der Geschichte oder auch zwei?

„Herkunft“ ist ein sehr besonderes Buch, voller Humor, Liebe und Freude am Leben und der Sprache. Wie es Thomas Hummitzsch vom Rolling Stone formulierte: „Sasa Stanisic ist ein Poet und Revolutionär, der seine eigentliche Heimat in der Sprache gefunden hat.“ Treffender lässt sich das nicht sagen.

Wer mehr darüber erfahren möchte: Buchbesprechung SWR2

„Herkunft“ von Saša Stanišić

ISBN: 978-3-630-87473-9   Verlag: Luchterhand

Buchtipps für Groß und Klein

Während die Kreativität mancher Menschen zu Corona Zeiten ins Unermessliche zu sprießen scheint, lähmt mich die erzwungene Dauerfamiliengemeinschaft eher. Mir fehlen die Stunden, die ich sonst allein zuhause verbringe, damit mein Geist auf Wanderschaft gehen kann. Wenn ich schon sonst zu keinen weiteren Ergüssen in der Lage bin, möchte ich zumindest zwei Buchempfehlungen zum Besten geben.

Buchtipp für Kinder ab 6 Jahren:

„An der Arche um Acht“ von Ulrich Hub (Text) und Jörg Mühle (Illustration)

Auf der Arche nach acht

Dieses Buch haben wir vermutlich als einziges Buch über die Jahre hinweg mehrmals vorgelesen, jetzt mit zehn Jahren hat mein Sohn es noch einmal selber gelesen und fand es wieder einfach nur cool. Praktisch auch für Lesefaule, denn es hat eine größere Schrift und ist nicht so dick.

Eigentlich dürfen immer nur zwei Tiere einer Art die Arche betreten. Was macht man aber, wenn man zu dritt ist und keinen zurücklassen möchte? Klar, man schmuggelt einen der drei Pinguine im Koffer an Board und versucht, ihn irgendwie zu verstecken. Gar nicht so einfach. Und was Gott wohl dazu sagt? Mit viel Humor, Witz, Fragen über Gott, die Welt und die Freundschaft, begleiten wir die Pinguine auf ihrer besonderen Reise.

Dtv junior  ISBN 978-3-423-71392-4  Taschenbuch (Erstauflage 2009)

 

Buchtipp für Erwachsene:

„Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens

Der Gesang der Flusskrebse

Wer den Kopf mal so richtig coronafrei kriegen möchte, dem empfehle ich Delia Owens Geschichte über das so genannte Marschmädchen Kya, das in den 50er Jahren in den Sümpfen North Carolinas sich selbst überlassen aufwächst. Ich habe einige Seiten gebraucht, um so richtig abzutauchen, die USA in den 50er Jahren war so weit weg, dass ich die Strecke erstmal mental zurücklegen musste. Aber dann…Die plastischen Naturbeschreibungen beschwören Kyas Welt herauf, man gleitet mit ihr im Boot durch zugewachsene Wasserarme, lernt Vögel und Gezeiten dieser besonderen Landschaft kennen und bangt immer ein wenig mit, ob das alles auch gut gehen wird. Wir lernen Kya als Sechsjährige kennen und begleiten sie bis zu ihrem  Tod, kein Wunder also, dass „Der Gesang der Flusskrebse“ auch eine Liebesgeschichte ist. Man fühlt sich an Mark Twains Huckleberry Finn erinnert, was nicht nur an den Landschaftsbeschreibungen liegt, sondern auch an der Rassendiskriminierung und den Lebensumständen der Armen und Reichen. Und obwohl der Roman kein Krimi ist, geht es auch um die Aufklärung eines Verbrechens.

hanser Verlag ISBN 978-3-446-26419-9

Buchtipp: Dirk und ich

Anstatt darüber zu jammern, dass ich meine Freundinnen nicht sehen kann (hört mir bitte auf mit skype und Co), möchte ich euch einen vergnüglichen Buchtipp unterbreiten.

„Dirk und ich“ von Andreas Steinhöfel ( ja, der von Rico, Oskar und all sowas)

Dirk und ich

Als ich mir vor ein paar Jahren nochmals ein paar Folgen von „Luzie, der Schrecken der Straße“ angesehen habe, wurde mir erst so richtig klar, in welcher Freiheit wir ( so grob die Jahrgänge zwischen 1960-1980) aufgewachsen sind. Die kleine Luzie war eigentlich unentwegt allein zu Hause und hatte entsprechend viel Zeit, mit ihren Freunden Friedrich und Friedrich, zwei bunten Knetmassemännchen, Unfug anzustellen. Heute würde unter diesen Umständen innerhalb kürzester Zeit das Jugendamt vor der Tür stehen, deshalb gibt man die Kinder ja zur Betreuung in Kita oder Hort.

Hier eine kleine Impression:

https://www.youtube.com/watch?v=sEbg1JahzYY&list=PLoSvj7cEeg_ErJL0j3K60052PqHhwG1an&index=3

Genauso anarchistisch liest sich manchmal „Dirk und ich“, ein Band mit Kurzgeschichten des bekannten Kinder-und Jugendbuch Autoren Andreas Steinhöfel (Jahrgang` 62) über seine Kindheit, das bereits 1991 erstmals veröffentlicht wurde. Also ein Oldie, but goldie. Wenn er von seinem Kindergeburtstag erzählt, an dem sich die Kinder Spaghetti mit Tomatensoße in die Haare schmierten oder ihr Gesicht in den Spaghettitopf tauchten, während seine Mutter begeistert dabei zusah oder sich seine Eltern auf dem Campingplatz eine handfeste Klopperei mir den Nachbarn lieferten, hat sich nicht nur mein Sohn gefragt, ob das wirklich wahr sein kann. Ich nehme an, die Geschichten sind an ein oder anderer Stelle ein wenig überzogen. Der erwachsene Leser weiß trotzdem oft genau, wovon Herr Steinhöfel berichtet. Es sind die vielen, kleinen Details, die eine andere Ära heraufbeschwören. Die Zeit, in der sich Kinder noch selbst überlassen waren und diese Freiheit völlig normal war. Die Zeit, In der es bisweilen feuchtfröhlich wurde, wenn die Verwandtschaft oder Nachbarn zu Besuch kamen und Kinder ihre Streitigkeiten noch auf dem Schulhof selbst austrugen.

Ein herrliches, manchmal bizarres Lesevergnügen für Eltern und Kind(er). Und Humor ist gerade überlebenswichtig, finde ich. Haltet durch und bleibt gesund!

Andreas Steinhöfel „Dirk und ich“

Verlag Carlsen  ISBN 978-3-551-35127-2

Buchtipp: Du bleibst mein Sieger, Tiger

Du bleibst mein TigerEigentlich wollte ich „Du bleibst mein Sieger, Tiger“ erst Ende des Jahres vorstellen, weil ich es vorher gerne noch ein paar Mal verschenkt hätte und mit Sicherheit einige der potentiellen Beschenkten Leser dieses Blogs gewesen wären. Aber ich kann es euch nicht länger vorenthalten. In dieser manchmal nicht einfachen Phase der Alterspubertät, wie sie die Autoren Maxim Leo und Jochen Gutsch bezeichnen, das Alter um die 50, verspricht es viel Trost im Humor. Als Schreiberin diverser Beiträge dieses Blogs weiß ich, wie schmal der Grat oft ist, von dem zu erzählen, was mich bewegt und gleichzeitig nicht völlig blank zu ziehen. Und die Themen werden eben zunehmend unsexy.

Maxim Leo und Jochen Gutsch haben damit überhaupt kein Problem und erzählen schonungslos von den Erektionsproblemen und dem undichten Druckventil eines alternden Penis. Sie berichten davon, warum der Alterspubertierende, wenn er mit seiner Frau schon einen Tangokurs besuchen soll, diese auch zu Hause mit „Mi corazon“ anspricht, Empanadas frittiert, nur noch alte, knisternde Tangoschallplatten anhört und sich die passende Hose „Chico“ bestellt. Der Hang zur Verbissenheit und Überambitioniertheit ist bei Alterspubertieren manchmal nicht zu übersehen. Warum auf einmal das Anhören alter Hits und ein gepflegter Konservatismus der beste Schutz gegen Altersschwermut ist. Sie beleuchten die analog zu den Wechseljahren der Frau stattfindenden Grilljahre, in denen XXL Supergrills angeschafft werden, die dem Fachsimpeln über Deckelthermometer und höhenverstellbaren Kohlenwannen dienen und auf denen nur noch dryaged galizische Ochsensteaks gegrillt werden, Gemüse oder Halloumi, während die Gäste von ihren Unverträglichkeiten und Darmproblemen berichten. Die Altershypochondrie wird genauso abgehandelt wie die nachlassende sexuelle Anziehungskraft- sprich, alles Themen, denen man rund um die 50 irgendwann begegnet, ob man will oder nicht.

Es tut, wie immer, gut zu wissen, dass man nicht allein ist mit den Merkwürdigkeiten dieses Lebens, dass jemand frisch und frei ausspricht, was sonst lieber unter die Decke des Schweigens gehüllt wird und erst dann offen thematisiert wird, wenn man „richtig“ alt ist. Schön, dass wir darüber schmunzeln dürfen. Danke!

Ullstein Verlag, Maxim Leo & Kochen Gutsch, „Du bleibst mein Sieger, Tiger“

ISBN 978-3-550-20026-7

Buchtipp: vom Mut anders zu sein

Ben Brooks

Dieses Buch war eine Empfehlung meiner Buchhändlerin anlässlich einer Kommunion und ich finde es wirklich toll. Mein Zehnjähriger saugt begeistert die nur eine Seite langen Kurzbiographien von über hundert Menschen auf, die besonderes geleistet haben, wie die von Mahatma Gandhi oder Lionel Messi bis hin zu eher unbekannten Helden, die ihren ganz eigenen Weg gegangen sind, sich für andere oder eine gute Sache eingesetzt haben und dafür teilweise einen hohen Preis gezahlt haben. Das Buch ist mit richtig coolen, aufwendigen Illustrationen bebildert, die neugierig machen. Ein tolles Buch, das Mut macht, anders zu sein. Und ein tolles Buch für Jungs, die nicht so gerne lesen.

Hier beim Loewe Verlag gibt es einen Blick ins Buch: Blick ins Buch

(Es gibt inzwischen auch Bände für Kids und für Mädchen.)

Permanent Record

Als ich vor einiger Zeit mit Freundinnen in der Kneipe saß, kochten auf einmal die Emotionen hoch. Es ging um die Digitalisierung und deren Begleiterscheinungen. Das Empfinden darüber, was am Datensammeln gut und praktisch oder aber überwachend und bedrohlich zu sein scheint, geht meilenweit auseinander, allein schon deshalb, weil es für manche im Berufsleben inzwischen völlig selbstverständlich ist und daher gar nicht hinterfragt wird, während andere die Digitalisierung noch weitestgehend aus ihrem Leben herauszuhalten versuchen. Es gibt die hartnäckigen Verfechter der These, ihre Daten seien uninteressant, sie hätten nichts zu verbergen und überhaupt diene ihre Erfassung, wenn überhaupt, der Optimierung ihres Lebens. Die andere Seite fürchtet die Entwicklung von der Demokratie hin zum Überwachungsstaat, der mit Hilfe von Daten bewerten, kategorisieren und manipulieren kann.

Eine Fortführung dieser verhärteten Fronten beschreibt Bijan Moini in seinem Roman „Der Würfel“, den ich bereits vor einiger Zeit vorgestellt habe. Dort gibt es die „Offliner“, die isoliert in abgeschotteten Dorfgemeinschaften leben und sich dem Digitalen völlig verwehren. Die „Gaukler“ leben zwar innerhalb des Systems, versuchen aber es auszutricksen, in dem sie bewusst Dinge tun, die sie eigentlich nicht mögen und sonst nie tun würden, damit sie nicht einzuschätzen sind. Auch sie beziehen ein Grundeinkommen, aber die „Kubisten“, die so viel wie möglich von sich preisgeben, werden mit zusätzlichem Einkommen und Annehmlichkeiten belohnt. Je mehr Daten, umso mehr Vorteile im Leben. Moini hat sich seine Zukunftsversion der Welt sehr detailliert und schlüssig erdacht und leider wirkt sie eher wie eine mögliche Version von morgen als wie Science Fiction. Wer also mal lesen möchte, wie Leben in digitaler Überwachung aussehen könnte, kann hier einen Eindruck gewinnen.

Als sich Edward Snowden vor einigen Monaten anlässlich des Erscheinens seiner Biographie aus seinem russischen Exil zu Wort meldete, um erneut davor zu warnen, wie sich das Internet entwickelt hat und zu mahnen, dass es einer (technisch möglichen) Form bedürfe, die ohne das Datensammeln einiger weniger Monopolisten auskomme, hatte ich gehofft, dass es eine breite Diskussion auslöse. Aber seine Aufrufe verebbten weitgehend ungehört. Dabei wäre es so wichtig, heute das Internet so zu gestalten, dass es wieder dem Nutzer dient und nicht der Wirtschaft und den Regierungen. Die Möglichkeiten des Internets zu nutzen ohne sie zu missbrauchen, würde die Menschen wieder zusammenbringen, die sich jetzt so uneins sind über Fluch und Segen der Digitalisierung. Das Gelingen scheint mir momentan aber eine Utopie zu sein.

Edward Snowden hat sein Leben aufgegeben, um die Menschen über das illegale, massenhafte Datensammeln der Geheimdienste aufzuklären und er tat dies im felsenfesten Glauben an die amerikanische Verfassung und aus der Überzeugung, dass der Staat den Menschen dienen müsse und nicht umgekehrt. Seine Biographie beschreibt seinen Weg dorthin und lässt besser verstehen, warum er zum Whistlerblower wurde. Auch im Exil kämpft er weiter für eine bessere Welt und arbeitet nach wie vor beispielsweise am verschlüsselten Messanger Signal mit. Mit Hilfe zahlreicher Unterstützer kann er sein Wissen in Vorträgen weitergeben und sich für seine Mission einsetzen. Solange wir Nutzer aber so gleichgültig sind und zulassen, dass Amazon, Google, Facebook und Co. unsere Daten sammeln und weitergeben, spüren die Konzerne keinen Druck, etwas an ihren Geschäftspraktiken zu verändern.

Bildschirmfoto 2020-01-15 um 17.21.21Es bedarf natürlich weit mehr, nämlich einer entsprechenden Gesetzgebung, aber auch gutem Unterricht an den Schulen. Damit unsere Kinder technische Grundkenntnisse zum Schutz ihrer Daten erlernen, aber auch überhaupt erstmal ein Bewusstsein dafür zu bekommen, warum wir uns nicht daran gewöhnen sollten, gläsern zu werden. Warum die Face-ID des Handys zwar praktisch ist, aber auch die Hemmschwelle für eine generelle Gesichtserkennung heruntersetzt. Es bedarf weit mehr als der technischen Ausrüstung der Schulen.

Würden Edward Snowdens Vorstellungen vom Internet umgesetzt, müssten wir uns auf jeden Fall nicht mehr streiten. Das wäre fantastisch.

 

Permanent Records von Edward Snowden

Fischerverlag      ISBN    978-3-10-397482-9

 

Kinderbuchtipp: Die besten Freunde der Welt

Die besten Freunde der Welt„Die besten Freunde der Welt“ von Ute Wegmann ist ein wunderschönes Buch über die Freundschaft zwischen dem supersportlichen Fritz und dem Superbrain Ben, der wegen eines Herzklappenfehlers als Baby von seiner Mutter in Watte gepackt wird und nichts tun darf, was seiner Gesundheit gefährlich werden könnte. Und das ist so ziemlich alles, was Spaß macht. So darf Ben auch nicht am Schwimmunterricht teilnehmen, obwohl er wahnsinnig gerne das Seepferdchen machen würde. Stattdessen sitzt er am Beckenrand und schreibt Gedichte, wie das Großartige über den Busen, entstanden, nachdem er eine Seniorengruppe bei der Aquagymnastik beobachtet hat. Herrlich! Fritz versucht schließlich, seinem Freund heimlich das Schwimmen beizubringen, gar nicht so leicht bei jemandem, der sogar Angst vor einem Schaumbad hat. Ein großes Abenteuer für die so ungleichen Jungen, die vielleicht gerade deshalb die besten Freunde der Welt sind.

„Die besten Freunde der Welt“ von Ute Wegmann

Verlag: dtv Reihe Hanser  ISBN: 978-3-423-62585-2

Altersempfehlung: ab 6 Jahre

Buchtipp: „Was nie geschehen ist“

Was nie geschehen istDie meisten von uns haben vermutlich Phasen durchlebt, in denen das Verhältnis zu den Eltern oder einem Elternteil belastet war und eine echte Verständigung kaum möglich war, weil die Wahrnehmung zu weit auseinander gegangen ist. Manchmal führt das sogar zum Kontaktabbruch. Nichterfüllte Erwartungen, Sehnsüchte, Sprachlosigkeit, Unverständnis. Aber kann das überhaupt anders sein? Gibt es die eine Wahrheit? Kann die Wahrnehmung von Mutter und Tochter überhaupt übereinstimmen?

Mit diesem Thema befasst sich Nadja Spiegelman in ihrem Roman „Was nie geschehen ist“. Die Autorin beschließt, ein Buch über ihre Mutter Francoise zu schreiben. Sie möchte die Bruchstücke der Erzählungen und Andeutungen zu einem Bild zusammenfügen, um besser verstehen zu können, warum ihre Mutter zu der geworden ist, die sie ist. Über Monate hinweg interviewt sie Francoise und erfährt so von deren schwierigen Kindheit und Jugend, die tiefe Narben hinterlassen hat, von ihrer Sehnsucht nach der so sehr bewunderten, unnahbaren Mutter, die ihre Liebe in diesem Maße nie zu erwidern schien, sondern die Tochter, viel mehr noch, immer wieder von sich stößt und die ältere Schwester vorzieht. Nadja Spiegelman erzählt aber auch von ihrem eigenen Heranwachsen mit dieser Mutter, die ihr manchmal wie eine zauberhafte Fee erscheint, um kurz darauf wieder aufzubrausen und zu tosen.

Irgendwann wird Nadja klar, dass sie auch ihre Großmutter Josèe befragen muss, um sich ein Bild dieser Familie machen zu können und die vielen offenen Fragen nicht im Raum stehen zu lassen. Behutsam nähern sich die beiden an und so gelingt, was zwischen Mutter und Tochter nicht möglich ist: Die Enkelin lernt die wunderbare Person kennen, die Josèe jenseits ihres Versagens als Mutter ist. Denn auch Josèe hat als Kind viele Ungerechtigkeiten und Verletzungen erlebt und erzählt eine ganz andere Geschichte über die Kindheit und Jugend ihrer Tochter.

Für mich hat das auf einmal Sinn gemacht, überlegt man mal, wie anders Kinder, die ja total im Augenblick leben und zudem von ihren Eltern emotional vollständig abhängig sind, Situationen wahrnehmen als ihre oft eher vernunftgesteuerten Eltern. Wie bedrohlich einem Kind manches erscheint, was die Eltern als Lappalie abtun. Verdrängungsmechanismen tun dann ihr übriges, um Erinnerungen zu verfälschen. Nüchtern betrachtet, können sich die Versionen über ein Leben gar nicht gleichen und vielleicht kann man auf Grund dieser Tatsache auch einen gewissen Frieden finden mit Ungereimtheiten in der eigenen Geschichte.

Wer „Was nie geschehen ist“ lesen möchte, sollte der Frankophilie nicht abgeneigt sein, denn obwohl Francoise Spiegelman als junge Frau nach New York geflohen ist und Nadja dort aufwächst, spielt sich der wichtigste Teil der Biographien in Paris ab, wo die Großmutter inzwischen auf einem Hausboot lebt, in Deauville, Ussel und anderen Teilen Frankreichs. Paul, ein Schönheitschirurg, und Josèe waren ein glamouröses Paar, das als Aufsteiger in die bessere Gesellschaft einen mondänen Lebensstil pflegte, als sie ihre drei Kinder bekamen. Und so spielen sich die Tragödien der Familie manchmal vor zauberhafter Kulisse ab, wie so oft im Leben.

Viel Spaß beim Lesen!

Naja Spiegelman „Was nie geschehen ist“

Verlag: Aufbau   ISBN: 978-3-351-03705-5

Ein gutes Sachbuch zum Thema Kontaktabbruch findet ihr übrigens hier: Kontaktabbruch in Familien

 

Jugendbuchtipp: „Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke

Jenseits der blauen GrenzeWenn Menschen in anderen Ländern für ihre Freiheit demonstrieren und dabei sogar ihr Leben riskieren, ist das für diejenigen, die in eine funktionierende Demokratie hineingeboren wurden, manchmal schwer nachvollziehbar. Was Menschen dazu treibt, einem System der Überwachung und Unterdrückung zu entfliehen, erzählt der Jugendroman „Jenseits der blauen Grenze“.

Die Freunde Hanna, Andreas und Sachsen-Jensi haben alle ihre Probleme, sich dem politischen System der DDR anzupassen. Hanna durch ihren senilen, unangepassten Großvater, der sie in Schwierigkeiten bringt, Sachsen-Jensi durch seine große Klappe und Andreas, weil er seine Kritik am System nicht für sich behalten kann. Er ist es dann auch, der so aneckt, dass er schließlich die Schule verlassen muss, um in einem Jugendwerkhof umerzogen zu werden. Als er entlassen wird, ist er nicht mehr der Alte und hadert mit seinem Leben.

Schließlich fasst er den irrwitzigen Plan, durch die Ostsee in den Westen zu schwimmen. Hanna, die Leistungsschwimmerin ist, entschließt sich, gemeinsam mit Andreas die Flucht zu wagen.

Der Roman springt in seinen Kapiteln zwischen der Flucht auf der Ostsee und der Zeit davor und gibt Einblicke in das Leben der Jugendlichen in der DDR der 80er Jahre. Der Leser versteht nach und nach, warum die Flucht der einzige Ausweg zu sein scheint. Ironie des Schicksals, dass wenige Monate später die Mauer fällt, zum Zeitpunkt der Flucht undenkbar.

„Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke hilft, besser zu verstehen, was die Mauer zwischen Ost und West bedeutet hat. Und was für eine Befreiung ihre Öffnung war, etwas, was heute in der Diskussion über das, was nach der Wende schief gegangen ist, manchmal untergeht. Spannend, nah dran und leider nicht mit Happy End. So würde ich das Lesen ab ca.14 Jahren empfehlen.

Mehr über Dorit Linke und ihre interessante Arbeit (sie besucht auch Schulen) unter: Dorit Linke-Lesungen, Workshops, Politische Bildung

Magellan Verlag, ISBN 978-3-7348-5602-0

Ein empfehlenswerter Film zu dem Thema ist übrigens der Film „Der Ballon“ von Bully Herbig, der die wahre Geschichte einer Flucht zweier Familie Ende der 70er Jahre erzählt.

 

Mehr über die Flucht, die Hintergründe, Baupläne u.v.m unter: Ballonflucht

Buchtipp Kinder/Jugendbuch: „Krasshüpfer“ von Simon van der Geest

KrasshüpferDer elfjährige Hidde lebt mit seinem älteren Bruder Jeppe und der Mutter in einem Haus in einer niederländischen Kleinstadt. Der älteste Bruder Ward ist drei Jahre zuvor an einer Erkrankung verstorben. Die alleinstehende Mutter arbeitet lange und ist auch oft nicht richtig anwesend, wenn sie zuhause ist und so sind sich die beiden Jungen meist selbst überlassen. Für Hidde, der von seinem Bruder nur Spinnerling genannt wird, sind das Wichtigste seine Insekten und Spinnentiere, die er draußen aufspürt und sie in zahlreichen Gefäßen in einem geheimen, ans Haus angrenzenden Keller hält, von dem nur die Brüder wissen. Eines Tages erklärt Jeppe, dass von jetzt an er den Keller als Übungsraum für sein Schlagzeug nutzen wolle und Hidde ihn räumen solle. Eine Katastrophe für Hidde und seine Tiere. Von diesem Tag an beginnt ein Krieg zwischen den Brüdern. Denn das verstößt klar gegen die Abmachung. Der Keller war der Preis für das Wahren eines Geheimnisses. Ein Geheimnis, über das Hidde eigentlich wahnsinnig gerne sprechen würde, aber nicht darf. „Krasshüpfer“ ist Hiddes Tagebuch, in dem er mit dem Leser sein Nöte teilt und um die richtigen Entscheidungen ringt. Er zeichnet darin seine Tiere und das Experiment, mit dem er seine Klassenkameradin Lieke beeindrucken möchte, die Rosa so gerne mag. Hidde ist nicht cool, er spricht über seine Gefühle, seine Hilflosigkeit und Angst und genau das macht ihn so sympathisch. Und dass der Leser dabei so nah dran ist, macht das Buch so besonders.

Mein großer Sohn hat seinem kleinen Bruder das Buch mit den Worten übergeben, dass es noch viel schlimmere Brüder als ihn gebe. Das Resümee des Jüngeren nach dem Lesen: du bist schlimmer. Naja.

Ein Buch also definitiv für Jungs und Brüder ab etwa zehn Jahren, die das auch mal überprüfen möchten. Ein tolles Buch für alle anderen über Anderssein, Gewissensnöte, Freundschaft, Einsamkeit und Überforderung.

 

„Krasshüpfer“ von Simon van der Geest

Thienemann Verlag, ISBN: 978-3-522-18425-0

Buchtipp: „Während die Welt schlief“ von Susan Abulhawa

Während die Welt schlief.JPGSusan Abulhawa erzählt in „Während die Welt schlief“ von einer palästinensischen Familie, die 1948 wegen der Gründung Israels und der damit einhergehenden Besatzung palästinensischer Gebiete aus dem kleinen Dorf Ein Hod vertrieben wird, wo sie seit Jahrhunderten als Bauern vom Oliven- und Feigenanbau in dem damals noch sehr fruchtbaren Land gelebt hatte. Wir erfahren vom Schicksal des Familienoberhaupts Yahya und seiner Frau Basima, deren Kinder Hasan und Darwisch, den Kindeskindern Yussuf, Ismael und Amal und schließlich deren Tochter Sara, die die Geschichte als eine der wenigen Überlebenden zu Ende schreibt. Was dieser Familie im Laufe der Jahrzehnte an Unrecht angetan wird, ist kaum zu ertragen. Nachdem die Überlebenden der Vertreibung Zuflucht im Flüchtlingslager Jenin finden und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen, wird das Lager 1967 von den Israelis angegriffen und wieder gibt es Tote und Verletzte. Die kleine Amal überlebt, tagelang versteckt in einem Loch im Küchenboden und muss erleben, wie ihre Cousine, noch ein Säugling, von einem Granatensplitter getroffen, in ihren Armen stirbt. Ihre Mutter, die bereits einen Sohn als Säugling verloren hat und deren Mann nach den Angriffen nicht mehr wiederkehrt, zieht sich immer mehr in sich zurück und verliert schließlich jeden Kontakt zur Realität. Und doch ist das Leid der Familie damit noch immer nicht beendet. 1982 wird ein Teil der Familie Opfer des Massakers „Operation Frieden für Galiläa“ im Flüchtlingslager im Libanon, bei dem 14000 Menschen getötet werden. 2002 gibt es einen erneuten blutigen Angriff auf Jenin, dem „Schlupwinkel der Terroristen“, der Heimat vieler Familien ist.

„Während die Welt schlief“ erzählt von Folter und Willkür, von Ohnmacht, Verbitterung und Radikalisierung. Davon, wie Menschen sich verändern und mit der Welt umgehen, wenn ihnen solche Schicksalsschläge widerfahren. Es geht aber nicht um Feindbilder und Schuldzuweisungen, denn beide Seiten, Juden wie Palästinenser haben viel Unrecht erlebt, und manche von ihnen sind Opfer und Täter zugleich. Der Roman erzählt aber auch von Liebe, Vergebung und Freundschaft zwischen Menschen, egal welcher Herkunft und Religionszugehörigkeit. Wie viel Leid und Unmenschlichkeit allerdings vielen Palästinensern in den besetzten Gebieten angetan wurde und immer noch wird, verschlägt einem die Sprache und ich habe bitterlich geweint, als ich das Buch zu Ende gelesen habe. Die Hoffnung bleibt, dass die junge Generation es schafft, dass sich diese beiden Länder endlich einmal die Hände reichen können, um in Frieden miteinander zu leben.

Die Autorin Susan Abulhawa ist das Kind von Palästinensern und wuchs in Jerusalem , Jordanien und den USA auf. Auch wenn der Roman nicht autobiografisch ist, enthält er doch Teile ihrer eigenen Geschichte. Susan Abulhawa hält sie sich streng an geschichtliche Fakten und möchte die Welt aufrütteln, wahrzunehmen, was in Palästina geschieht. Sie ist Menschenrechtsaktivistin und hat die NGO „Playgrounds for Palestine“ gegründet, die Spielplätze in Flüchtlingslagern baut. Ihr neuer Roman heißt „Als die Sonne im Meer verschwand“, wieder ein Familienepos, das auf die Situation der Palästinenser aufmerksam macht und von den Kritiken hoch gelobt wird.

 

Diana Verlag,   ISBN: 978-3-453-35662-7