Wo sind all die Menschen hin?

Als ich jüngst im nahegelegenen Hallenbad ein paar Bahnen ziehen wollte, fand ich dieses an einem Samstag geschlossen vor. Wechselbetrieb mit dem Freibad wegen Personalmangels, wie ich erfuhr. Aha. Ich meine, ich lebe immerhin in der zweitgrößten bayerischen Stadt, da finde ich das schon ungewöhnlich. Dass manche Freibäder aus demselben Grund bereits im Vorjahr später öffneten, kannte ich schon. Gleiches gilt für Cafés und Restaurants, die zwar ihren Umsatz nach den schweren Zeiten gerne wieder steigern würden, aber nicht wissen, mit welchem Personal.

Meine Friseurin berichtete, sie könne ihre Altersteilzeit nicht antreten, weil der Salon weder ausgebildete Kolleg*innen, noch Auszubildende fände. Am Flughafen bleiben die Koffer am Boden, weil das Personal fehlt, auf den Ämtern bekommt man keine Termine und dass das Pflegepersonal, aber auch Lehrkräfte fehlen, um neue Strategien für die nächste Coronawelle vorzubereiten, ist ja sowieso schon lange bekannt. Wo man auch hinschaut, regiert der Mangel. Das gibt mir wirklich zu denken. Wo sind all die Menschen?

Es ist zu vermuten, dass ein gar nicht so kleiner Anteil der Arbeitswelt durch die Pandemie abhandengekommen ist. Psychische Probleme, der Verlust geregelter Strukturen und Aufgaben, Kurzarbeit oder sogar Arbeitslosigkeit haben bei manchen Menschen dazu geführt, dass ihnen die Rückkehr zu einem normalen Arbeitsalltag bis heute nicht möglich ist.

Aber auch die Erzählung von der Work-Life-Balance fordert ihren Tribut. Junge Leute stellen immer mehr Ansprüche an die Arbeitswelt. Anstrengende Arbeit bei schlechter Bezahlung will heute niemand mehr, zumal Instagram, TikTok und Co. ja permanent unter Beweis stellen, dass wirklich jeder die reelle Chance hat, das schnelle Geld zu machen und etwas „fame“ abzubekommen, wenn er oder sie nur den richtigen Nerv trifft. Es ist ein bisschen wie Lotto spielen, aber irgendwie viel realer, oder?

Vielleicht spüren wir aber auch schon langsam die Auswirkungen der Überalterung unserer Gesellschaft. Immer mehr Rentner bei immer weniger Arbeitnehmer*innen. Höchste Zeit also, neue Perspektiven für Arbeitssuchende aus dem Ausland zu schaffen.

Das geht mir so durch den Kopf, wenn ich überlege, ob ich bei 16 Grad Außentemperatur an einem Samstag morgen tatsächlich ins unbeheizte Freibad wechseln soll. Ich glaube, Deutschland steuert auf ein ernsthaftes Problem zu oder steckt schon mittendrin. Sollte dieses Thema nicht bald ganz oben auf der Agenda unserer Regierung erscheinen, werden wir uns wohl auch in dieser Hinsicht an ein Leben mit deutlichen Einschränkungen gewöhnen müssen.

Warum Querdenker manchmal auch Putin verstehen – Folgen der deutschen Corona Politik

Ich habe eine sehr enge Freundin, die bald zu Beginn der Coronapandemie begann, mit den Maßnahmen der Regierung zu hadern. Durch eine schwere Erkrankung zu einer Pause vom Alltag gezwungen, fand sie viel Zeit, sich dem Thema Pandemie zu widmen, es ließ sie kaum noch los, wie ich bei unseren Telefonaten bald merkte. Ich konnte nur zu gut verstehen, dass sie es furchtbar fand, dass ihre noch kleinen Kinder das Schulleben mit Masken und Abstandsregeln kennenlernen mussten, anstatt unbeschwert diesen neuen Lebensabschnitt erproben zu können. Auch, dass sie bei einem neu entwickelten, genetisch veränderten Impfstoff nicht in der ersten Reihe stehen würde, war keine Überraschung. Wer in einem Elternhaus aufwächst, das eher alternativen Heilmethoden als der Schulmedizin vertraut, der ändert seine Weltanschauung nicht von heute auf morgen. Was uns bald unterschied, war, dass ich bereit war, Fehler der politischen Entscheidungsträger mit der vollkommen neuen, schwer einschätzbaren Situation zu entschuldigen, während bei ihr das Misstrauen wuchs. Und so erging es nicht nur ihr, wie ich vor kurzem in einer Umfrage erfuhr.

Demnach hält ein gutes Drittel seiner Bevölkerung Deutschland für eine Scheindemokratie. Ein erschreckendes Ergebnis, an dem mit Sicherheit die Corona-Politik der Bundesregierung und leider auch die sogenannten „Mainstreammedien“ nicht ganz unschuldig sind. Es war ein schwerwiegender Fehler, von Beginn an Menschen mit anderen Ansichten oder auch nur Zweifeln an den Maßnahmen der Regierung in eine Ecke zu stellen und aus der öffentlich-rechtlichen Meinung zu verbannen. Anstatt sich ausführlich zu erklären, das Bemühen zu bekräftigen, bestmöglich zu handeln, ohne Irrtümer ausschließen zu können, weil unsere moderne Welt erstmalig mit solch einer Situation konfrontiert war, tat die Regierung so, als sei ihr Weg der einzig richtige und duldete wenig Widerspruch. Gebetsmühlenartig wurden die Aufforderungen zur Impfung wiederholt, ohne auch nur einen der Zweifelnden zu erreichen. Und die Medienlandschaft folgte ziemlich einstimmig. Dabei hätte die Regierung versuchen müssen, mit Argumenten zu überzeugen, anstatt andere Meinungen als unerwünscht abzustempeln. Denn die Entwicklung, die so ins Rollen gebracht wurde, lässt sich jetzt nicht mehr stoppen.

Alle, die mit ihren Ängsten und Ansichten von den klassischen Medien übergangen wurden, haben andere Kanäle gesucht und gefunden. Und bei vielen ist die Überzeugung gewachsen, sie würden von den „Mainstreammedien“ sowieso nur belogen oder Informationen würden sogar im Sinne der Regierung zurückgehalten. Was wiederum bedeutet, dass inzwischen nicht nur Informationen zu Corona in Frage gestellt werden, sondern auch zu ganz anderen Themen, wie das Phänomen der neuen Putinversteher*innen zeigt. Viele Menschen haben so ein Misstrauen entwickelt, dass sie generell alle Informationen anzweifeln und uns eben solch einer Propaganda ausgesetzt sehen, wie wir sie Putin vorwerfen. Eine tragische Entwicklung, denn die neuen Kanäle nutzen ihre Macht. Verrückt? Bedingt. So wie die meisten von uns dem Einfluss der Algorithmen der Mainstreamfilterblase unterliegen, finden andere in ihrer Blase die immer gleichen Informationen, die sie in ihrer neuen Weltauffassung bestärken. Und hat man diese Brille erstmal auf, lässt sich vieles umdeuten, was zuvor völlig normal erschien.

Nun könnte man es sich leicht machen und die Ansichten dieser Menschen als Verschwörungstheorien abtun. Aber so einfach ist es nicht. Denn es stellt sich eben auch mal heraus, dass unpopuläre wissenschaftliche Erkenntnisse der „Querdenkerszene“ doch nicht so falsch waren, wie anfangs dargestellt, wenn sie Monate später in den klassischen Medien erscheinen, wodurch sich wiederum Nutzer*innen alternativer Medien in ihrem Misstrauen betätigt fühlen. Es ist eben nicht alles falsch an den Bedenken gegenüber den Maßnahmen der Regierung gewesen, wie sie von verschiedenen Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Wissenschaftler*innen vorgebracht wurden. Von Menschen, die keineswegs Corona leugneten, sondern Angst vor unbekannten Impfnebenwirkungen hatten, die dachten, dass die Maßnahmen schlimmere Spätfolgen für die Gesellschaft haben könnten als der Tod schwer erkrankender Menschen oder von Frauen, die schlichtweg Sorge um ihre ungeborenen Kinder hatten. Diese vollkommen unterschiedlichen Menschen wurden schnell unter dem Begriff Querdenker zusammengefasst, anstatt sich mit ihren individuellen Beweggründen gegen eine Impfung auseinanderzusetzen und sie vor allem ernst zu nehmen.

Als halbwegs sorgloses Mitglied des Mittelstandes fällt es im Allgemeinen nicht schwer, mit den politischen Entscheidungen unserer Regierung mitzugehen. Es gefällt uns nicht alles, man motzt mal hier und da, aber solange man nur bedingt an die Grenzen seiner persönlichen Freiheit und Möglichkeiten stößt, lasst es sich sehr gut in diesem Deutschland leben. Wer dagegen immer wieder an Grenzen stößt, wessen Lebenssituation sich nicht verbessert, obwohl er oder sie sich abstrampelt, egal wer gerade an der Regierung ist oder wer sich- wie in der Pandemie- zu Maßnahmen gezwungen sieht, die ihm zutiefst widerstreben, beginnt allerdings, seinen Blick zu verändern. Er oder sie ist nicht mehr bereit, Fehlentscheidungen zu verzeihen, sondern merkt sich nicht eingehaltene Versprechungen, persönliche Bereicherung von Politiker*innen, Lügen und Täuschung. Und hält Deutschland vielleicht am Ende sogar für eine Scheindemokratie, als Ausdruck der eigenen Ohnmacht, nichts an der gegenwärtigen Situation verändern zu können.

Es ist eine Mammutaufgabe für unsere Demokratie, dies wieder zu verändern. Sich auf gemeinsame Werte und Erfahrungen zu besinnen und wieder Vertrauen aufzubauen. Wieder einen gemeinsamen Weg zu finden, weg vom Schwarz und Weiß, Gut und Böse, richtig und falsch. Die Perspektive des anderen einzunehmen, um seine oder ihre Wahrheit zu verstehen und darüber reden zu können. Die Algorithmen der Sozialen Medien müssten endlich so verändert werden, dass allen Menschen alle Informationen zur Verfügung stehen und nicht nur die, die sie in ihrer Meinung bestätigen. Dafür bedürfte es aber ganz neuer Geschäftsmodelle. Solange Zeit Geld bedeutet und User an den Geräten gehalten werden müssen, werden die Firmen uns immer vorsetzen, was wir lesen wollen.

Vor einiger Zeit haben meine Freundin und ich wieder telefoniert. Es war anstrengend, wir haben diskutiert und gerungen, bei manchen Themen Konsens gefunden, bei anderen ging kein Weg zusammen. Aber nur so wird es gehen. Hinterfragen, überzeugen, auseinandersetzen. Vielleicht muss unsere Gesellschaft wieder lernen, zu diskutieren und es auch aushalten, wenn man nicht zusammenkommt. Hauptsache im Gespräch bleiben- das haben wir beiden uns ganz fest vorgenommen.

1 Jahr Solawi – ein Resümee

Ich habe mich, glaube ich, noch nie so sehr über frisches Grün gefreut, wie an diesem Mittwoch, als nach einer langen Herbst-Winter-Saison voller Kohlsorten, unsere Lieferung der solidarischen Landwirtschaft einen Salatkopf, Postelein und Asia-Salat enthielt. Himmlisch. Ihr wisst nicht, was Asia-Salat ist? Und Postelein? Über den Asia-Salat(siehe Bild) habe ich selbst erstmal gerätselt, Postelein oder auch Portulak genannt, kenne ich seit einigen Wochen und weiß, dass er mit einer deftigen Jogurt-Knoblauch-Sauce angerichtet fantastisch schmeckt.

Die Freude darüber war deshalb so groß, weil ich in diesem Winter so viel Kohl gegessen habe, wie noch nie in meinem Leben zuvor. Grünkohl, Schwarzkohl, Rosenkohl, Wirsing, Kohlrüben, Rotkohl und Weißkraut. Was es halt so bei uns gibt im Winter, frisch oder eingelagert wie Möhren, Kartoffeln oder Zwiebeln. Dass ich in einigen Nächten sogar wegen Bauchschmerzen aufgewacht bin, lag aber vor allem auch daran, dass je nach Sorte zwei bis drei meiner Mitesser wegfielen und da ich natürlich nichts von dem wertvollen Gut wegwerfen wollte, alles allein gegessen habe. An diese Mengen war mein Organismus definitiv nicht gewöhnt. Und dennoch bin ich nach wie vor begeistert davon, erstmals in meinem Leben wirklich mitzubekommen, was gerade bei uns auf den Feldern wächst – und was eben nicht. Und das ist eine ganze Menge. Diesen Winter gab es kein einziges Mal Sommergemüse wie Zucchini oder Aubergine bei uns und auch beim Zukauf von Salat beließen wir bei wenigen Ausnahmen. Bei Tomaten bekommen wir das leider nicht hin, sie sind ein wichtiges Nahrungsmittel in unserem Haushalt. Dafür lernten wir im Herbst Bittersalate kennen und schätzen. Sie vertragen leichten Frost und wachsen deshalb bis in den Winter hinein bei uns. Dass sie irre gesund sind, brauche ich nicht zu erwähnen, so wie viele Lebensmittel, die genau deshalb zu einer bestimmten Zeit bei uns wachsen, um uns mit den wichtigsten Nährstoffen zu versorgen. Und ich kenne jetzt mindestens sechs verschiedene Arten, Grünkohl zu verarbeiten, nämlich als Curry (geht immer und übertönt auch ungeliebte Geschmäcker), Lasagne, Moussaka, Smoothie, Salat und Chips.

Wenn man ein und dasselbe Lebensmittel immer wieder verarbeiten muss, wird man kreativ und probiert Neues aus. Und ich kann tatsächlich bestätigen, dass man sich an bestimmte Geschmäcker gewöhnt, je öfter man sie isst. Mit der Kohlrübe fremdele ich noch ein wenig (mein Hase mochte sie früher), dafür habe ich Wirsing inzwischen richtig lieb gewonnen. Zusammen mit Möhren und Champignons und satt mit Käse überbacken, ist er alles andere als langweilig. Jetzt esse ich mich die nächsten Monate mit ganz viel Rohkost satt und bin mir sicher, dass ich mich in einem halben Jahr genauso auf meine Kohlköpfe freuen werde, wie jetzt auf den ersten Salat. Es macht Spaß, Teil von etwas Größerem zu sein, den Kreislauf des Jahres mitzuerleben und ganz kleines bisschen mitzugestalten. Und es wäre toll, wenn noch viel mehr Menschen mitmachen würden. Unsere Solawi entwickelt sich immer weiter und ich hoffe, dass wir es eines Tages schaffen werden, dass auch Menschen mit sehr kleinem Geldbeutel dabei sein können, weil die Gemeinschaft einen Teil ihrer Beiträge übernimmt. Noch ist das leider Zukunftsmusik, aber ich hoffe, das wird eines Tages selbstverständlich sein. Es bleibt spannend und ich freue mich aufs nächste Jahr.

Wer mehr wissen möchte, kann sich hier informieren:

http://www.stadt-land-beides.de/ (Nürnberg/Fürth)

Eine Solawi in deiner Nähe:

https://www.solidarische-landwirtschaft.org/solawis-finden/auflistung/solawis

Flüchtlinge zweiter Klasse

Ich freue mich wirklich sehr darüber, welche Unterstützung Geflüchtete aus der Ukraine erfahren. Die Menschen werden von engagierten Privatpersonen, Busunternehmen oder Hilfsorganisationen an der Grenze abgeholt und sogar von der Deutschen Bahn unentgeltlich mitgenommen und in oftmals private Unterkünfte gebracht, die von Mitbürger*innen zur Verfügung gestellt werden, die helfen wollen. Polen wächst in seiner Willkommenskultur über sich hinaus, während die Regierung noch vor wenigen Wochen alles dafür getan hat, Flüchtlingen den Zugang in die EU zu verwehren und nicht einmal Hilfsorganisationen hat passieren lassen. Dass auch jetzt nicht selten Unterschiede zwischen „echten Nachbarn“ und Zugezogenen, die anders aussehen, gemacht werden, verwundert nicht.

So positiv mich der Zusammenhalt in Europa gerade stimmt, so traurig macht mich die Behandlung zweiter Klasse von Menschen aus anderen Krisen- und Kriegsgebieten der Welt, denen nicht minder Schlimmes widerfahren ist und deren Flucht oft Monate oder auch Jahre andauert. Bei denen wir uns damit abgefunden haben, dass sie jahrelang unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern ausharren müssen, während wir jetzt alles dafür tun, den Menschen aus der Ukraine schnellstmöglich eine feste Bleibe und eine Perspektive zu bieten.

Vermutlich ist es politisch unkorrekt, die Ursache darin zu sehen, dass Menschen beispielsweise aus dem Nahen Osten meist eine andere Hautfarbe und eine andere Religion haben und keine Europäer*innen sind und allein deshalb unter Generalverdacht stehen, sich Asyl erschleichen zu wollen. Vielleicht ist das aber auch die bittere und einfache Wahrheit.

Möglicherweise entsteht aber auch erst jetzt bei den Deutschen und seinen Nachbarn, die den 2. Weltkrieg nicht mehr erleben mussten, ein Bewusstsein dafür, was Krieg und Flucht bedeuten und wie schnell jeder von uns selbst betroffen sein könnte. Und dass auch wir einmal auf Hilfe angewiesen sein könnten.

Es wäre wünschenswert, wenn von dieser Bewusstseinserweiterung bald auch Flüchtende aus anderen Ländern profitieren könnten. Viel mehr bleibt allerdings zu fürchten, dass die Hilfsbereitschaft und Solidarität nur so lange andauern wird, wie sie nicht zum eigenen Nachteil gereicht. Sobald es um die Verteilung von Jobs, Wohlstand und Wohnraum gehen wird, ist sich vermutlich wieder jede(r) selbst der oder die nächste. Hoffen wir, dass es uns gelingt, den Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft zu bewahren und ein neues Gemeinsam zu finden.

I have a dream

Ich weiß, dass die Situation in der Ukraine gerade alles andere als rosig aussieht, ich kenne alle Schreckensszenarien und Gefahren der derzeitigen Situation. Und dennoch möchte ich nicht die Hoffnung aufgeben und an ein großes Wunder glauben.

Nämlich, dass all die Unterdrückten und Unzufriedenen in Belarus und Russland sich gegen ihre Machthaber erheben und sich mit den Ukrainern zusammentun.

Dass ihnen die Militärs folgen, anstatt ihre Proteste niederzuknüppeln, weil auch sie nicht gegen ihre Schwestern und Brüder kämpfen wollen. Dass sie Putin und Lukaschenko stürzen und ein freies und demokratisches Belarus und Russland entstehen kann.

Und dass die Ukrainer endlich wieder in Frieden und in guter Nachbarschaft leben können. Das wünsche ich mir.

Das Wort zum Sonntag

Es ist mal wieder so weit. Mein Gesicht im Badezimmerspiegel blickt mich erstaunt an, während es in gleichmäßigem Takt seine Farbe von „hulkgrün“ zu „gelbsuchtgelb“, „dämonrot“, „akutem Übelkeitsviolett“ und „Horrorstreifen schwarz-weiß“ wechselt, um anschließend wieder bei „hulkgrün“ zu beginnen. Die Fernbedienung unserer supermodernen Badezimmerdeckenlampe hat sich zum wiederholten Male versteckt und vermutlich so verklemmt, dass die Farbwechsel in Dauerschleife laufen. Dabei würde es vollkommen ausreichen, wenn man diese Lampe von warmem zu kaltem Licht in unterschiedlicher Intensität dimmen könnte, wenn überhaupt. Wer braucht bitte grünes, rotes oder blaues Licht im Bad, ist ja keine Disco. Ich finde das doofe Ding schließlich in einem Korb zwischen Schnelltests und Masken und sorge per Knopfdruck wieder für etwas mehr Frische in meinem Gesicht, was beim fünften Anlauf tatsächlich gelingt.

Wir leben in dem paradoxen Zustand, elektrisch immer mehr aufzurüsten, während wir eigentlich Energie sparen wollen. Die gute alte Kerze hat schon lange ausgedient, ihr elektrischer Nachfolger ist jetzt über smart home mit einer Zeitschaltuhr verbunden, um vorzugaukeln, dass die Bewohner*innen zuhause sind, auch wenn sie gerade auf Malle überwintern. Soll ein effektives Mittel zur Einbrecherabschreckung sein. Wo mir früher eine einzige, kleine Wärmflasche gute Dienste leistete, kann ich heute zwischen elektrischem Fußwärmer oder einer ganzen Wärmematte wählen, die sich sogar aufladen lässt, so dass ich sie fernab jeder Steckdose auch outdoor nutzen kann. Wahnsinn.

Auch die klimabewusste Jugend kehr nicht vor der eigenen Haustür. Eine schlichte Tastatur und ein schwarzes Gehäuse für den PC waren gestern, heute blinken und leuchten sie wie der Disco Scooter auf dem Volksfest.  Die dazugehörige Software sorgt dafür, dass man je nach Stimmung und Geschmack beispielsweise zwischen dem Aufleuchten einzelner Tasten bei deren Anschlag oder der Laola im Stadion, bei der die Tastatur von links nach rechts oder umgekehrt in allen Regenbogenfarben aufblinkt, wählen kann. Dass all das Streamen und Gamen Unmengen an Energie verbraucht und die Anschaffung neuer Geräte, lasse ich mal beiseite.

Es wäre wirklich toll, wenn Klimaschutz, wie es uns ja, ganz vorne dabei, die Liberalen schmackhaft machen wollen, durch Innovation gelänge. Aber solange wir denken, dass ein SUV mit Elektroantrieb der große Wurf sei, wird das leider nicht funktionieren.

Schade eigentlich. Einen schönen Sonntag wünscht,

Eure Ella

Sola…wie?

Seit April dieses Jahrs sind wir Ernteteiler einer Solawi, also einer solidarischen Landwirtschaft. Grundprinzip ist, dass der (Bio)landwirt mit einem festen Betrag wirtschaften kann und die Gemeinschaft gemeinsam mit ihm das Risiko eventueller Ernteausfälle trägt, d.h. macht das Wetter gut mit und bleibt die Ernte von Schädlingen verschont, gibt es hohe Erträge. Wenn es allerdings, wie in diesem Jahr, wochenlang übermäßig regnet und die Setzlinge weggeschwemmt werden, fällt die Salaternte zwischenzeitlich auch mal komplett ins Wasser. (Dafür gibt es Mangold im Überfluss, dem die Nässe nicht so viel auszumachen scheint.) Ein Schnäppchen ist diese Form der Versorgung nicht, dafür sind die Ernteteiler*innen viel näher am Acker, bekommen unmittelbar mit, was gerade wächst (und was eben nicht) und was in der Natur passiert. Mit einem liebevoll beschriebenen Brief informierte uns der Landwirt, von dem wir unser Sommergemüse beziehen, die letzten Monate über alles, was es an Problemen und Freuden auf dem Hof gab. Toll!

Manchmal bedeutet die Solawi aber auch ordentlich Stress für mich, beispielsweise, wenn ein Ernteanteil einen überdimensionalen Blumenkohl und einen nicht minder großen Brokkoli beinhaltet, aber nur eine Person zuhause ist, die diese Gemüsesorten in nennenswerter Menge isst. Im Klartext heißt das dann für mich zwei Tage lang Blumenkohl-Brokkoli-Suppe, Blumenkohl überbacken, Blumenkohlsalat, Brokkoli pur und Brokkoli in der Asiapfanne, um dann verzweifelt den Rest einzufrieren. Besonders kompliziert sind die Wochen, in denen ich beruflich viel auf Achse bin und zusehen muss, wann ich diese wertvollen Lebensmittel zubereite. Lieferando wäre einfacher. In so einer Woche wünschte ich mir manchmal eine akute Heuschreckenplage. (Scherz!)

Und dennoch schätze ich es immer mehr, mich kulinarisch durch die Jahreszeiten treiben zu lassen. Denn irgendwann wird wieder ein Lebenszyklus greifbar werden, in dem ich mich nach Monaten des Entbehrens auf ein ganz bestimmtes Gemüse freuen werde, weil es das eben nur im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter gibt, ja sogar der Blumenkohl wird mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Das funktioniert selbstverständlich nur, wenn ich nicht mogle und nichts anderes zukaufe. Und ich fürchte, das werde ich, zu sehr gehören Tomate, Gurke und Paprika zu den Gemüsesorten, die das ganze Jahr auf den Tisch kommen und nur noch schwer zu entbehren sind. Das Bewusstsein, dass manche Gemüsesorten ohne Import nur zu bestimmten Zeiten verfügbar wären, ist manchmal völlig verloren gegangen. Anstatt sich im Winter mit Vitamin C aus Wirsing, Feldsalat oder Grünkohl zu versorgen, behelfen wir uns mit Vitamintabletten oder Zitronen aus Spanien. Und eigentlich müsste man das Obst nach der Ernte zu Kompott verarbeiten, um für den langen Winter vorzusorgen, Beeren trocknen und Vorräte anlegen. Naja, wie bei so vielen Vorhaben, ein bisschen mehr im Einklang mit der Natur zu leben, ist nach oben noch viel Luft.

Für manchen fleißigen Gartenbesitzer ist die naturnahe Ernährung seit jeher Alltag. Ich kann mich noch lebhaft an die Begeisterung meiner Mutter in meiner Kindheit erinnern, wenn sie mal wieder Berge von Obst und Gemüse aus unserem Schrebergarten zu Kompott oder anderswie verarbeiten sollte. Ich möchte also nichts romantisieren, Versorgung aus eigenem Anbau ist harte Arbeit und oft nicht mit dem Alltag zu vereinbaren. Aber für mich schließt sich ein wenig der Kreis, auch ohne eigenen Garten an der Ernte in unmittelbarer Nähe teilhaben zu können. Und einen weiteren Vorteil genieße ich ebenfalls. Heute stehen unzählig viele und vor allem vielfältige Rezepte zur Verfügung, um Lebensmittel auf unterschiedlichste Weise zu verarbeiten und vielleicht so neue Fans zu finden. Bei uns gab es heute beispielsweise aus dem Grünkohl einen Smothie, zusammen mit Apfel, Ingwer, Zitrone und Mandelmus. Sehr lecker, ehrlich.

Mal sehen, wie es mit uns und der Solawi so weitergeht. Und mal sehen, was ich in den nächsten Tagen noch so aus Rote Beete, Möhren, Raddicio, Mangold, Salat und Rettich zaubern werde. Bis zum ewigen Leben kann es bei so viel Gesundem jedenfalls nicht mehr weit sein.

Nachhaltig?

Heute Nacht hat es mich heimgesucht, das schlechte Gewissen. Ich war gestern im nahegelegenen Einkaufszentrum shoppen, zwei Röcke für den nächsten Sommer bei einem bekannten schwedischen Modelabel im Sale, danach Badehose und Shorts für die Jungs, Fußball Nr.45 und noch ein paar Kleinigkeiten. Natürlich nichts davon bei einem Fair& Eco Fashion Label. Gibt`s da nicht. Also echte. Denn Gutes tun ja inzwischen die meisten Brands. Alle, die den Trend nicht verpasst haben, verwenden – unübersehbar gelabelt- recycelte Polyester oder am besten Fasern von Meeresplastik, man könnte gar den Eindruck gewinnen, bei dieser riesigen Nachfrage müsste der Meeresteppich inzwischen vollständig abgetragen sein und die Firmen müssten gar zusätzliches Plastik ins Meer kippen, um es anschließend recyceln zu können. Ich möchte an dieser Stelle natürlich niemandem Greenwashing unterstellen. Ist ja gut, dass sich überhaupt was in dieser Richtung tut, wenn auch der Konsument bisweilen ganz dezent getäuscht wird. Aber wir lassen uns ja auch zu gerne täuschen, wenn sich shoppen irgendwie mit „Gutes Tun“ verbinden lässt.

Es ist aber auch nicht immer so leicht mit der Nachhaltigkeit. Bei meiner letzten Bergwanderung lösten sich -zum Glück erst nach dem Gipfel- innerhalb einer Stunde beide Fußsohlen meiner Wanderschuhe komplett ab. (Ihr werdet kaum glauben, wie häufig das vorkommt, wie ich nach meinem Malheur erfahren habe.)

Sie waren annähernd zehn Jahre alt, taten es noch und ich sah keinerlei Notwendigkeit, sie gegen ein neues Modell auszutauschen, zumal ich eher selten Gipfel bezwinge. Insider wissen an dieser Stelle zu berichten, dass einige Hersteller anbieten, Schuhe bei Bedarf wieder neu zu besohlen. Ein toller Ansatz, ich finde das wirklich gut. Aber wann wird der Zeitpunkt dafür gekommen sein? An meinen Schuhen gab es vor der Wanderung keinerlei Anzeichen für eine Ablösung der Sohlen. Es ist folglich also zu vermuten, dass ich meine neuen Wanderschuhe kürzer tragen werde, damit mir das nicht noch mal passiert. Ich werde mich diesen Winter auch nicht mehr in die auf Ebay für zehn Euro erworbenen Skischuhe im Design der 80er mühen. Die Vorstellung, ihre Sohlen könnten ohne mich, aber mit meinen Schiern den Hang runter sausen, schreckt mich seit dem Erlebnis am Berg. Materialermüdung nennt man das. Kennt man auch von Fahrrad- und Schihelmen und sogar von Laufschuhen. Ich nehme das Thema jetzt ernst. Ist aber das Gegenteil von Nachhaltigkeit, wenn ich die optisch noch ansehnlichen Produkte aus Sicherheitsgründen alle paar Jahre ersetze.

Tja, dann ist da noch die Sache mit den Fußbällen, die mich wirklich umtreibt. Die Bälle halten bei uns oft keine vier Wochen, was nicht nur teuer, sondern auch einfach pure Verschwendung von Rohstoffen ist. Irreparabel, für den Müll. Als ich den freundlichen Herrn im Sportgeschäft darauf aufmerksam machte, dass die Sportartikelhersteller sich endlich mal was einfallen lassen sollten, um dem Abhilfe zu schaffen, erklärte er mir, man spiele Fußball weder auf der Straße, noch an der Hauswand, sondern auf Rasen. Das soll er mal Millionen von Kids erzählen, die im In- und Ausland bestenfalls auf staubigen Bolzplätzen. in Hinterhöfen oder sonst wo kicken. Adidas, Puma, Nike und Co., ich rufe Euch auf, lasst Euch endlich mal was einfallen. „IMPOSSIBLE IST NOTHING“ oder wie das heißt, behauptet das Brand mit den drei Streifen..

Hoffnung machte mir letztens mein Kind, als es vom Shopping mit dem T-Shirt eines bewährten Fair Fashion Label nach Hause kam. Ich fragte, Absicht oder Zufall? Es sagte, Beides. Das ist doch ein Top Ansatz. Wenn es Ökofashion dort zu kaufen gibt, wo sich auch konventionelle Labels finden und sie dann auch noch besser aussieht, ist schon einiges gewonnen.

Mehr fällt Ihnen nicht ein, Frau Esken?

Nachdem seit Ausbruch der Corona-Pandemie von den verantwortlichen Kultusministerien nichts, was auch nur im Ansatz einem Konzept ähnelte, zum Thema Präsenzunterricht unter pandemischen Bedingungen entwickelt wurde, habe ich schon seit einiger Zeit darauf gewartet, dass – als einfachste aller Lösungen- von der Politik eingefordert würde, dass Schüler*innen einfach geimpft werden sollten. Klar, dieses Allheilmittel ist inzwischen gut eingeführt, die Verteilung funktioniert und kostet vermutlich weitaus weniger als Belüftungsanlagen in allen Räumen, das Einstellen zusätzlicher Lehrkräfte und das Anmieten weiterer Räume.

SPD-Chefin Saskia Esken war es nun, die der Ständigen Impfkommission dringend anriet, endlich eine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche auszusprechen. Tut sie aber (zumindest vorerst) nicht, wie die Stiko heute klarstellte und sich die Einmischung von Seiten der Politik verbat. Bislang empfiehlt sie Impfungen nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen, weil in diesem Fall die Risiko-Nutzen-Abwägung in einem ganz klaren Verhältnis steht. Dies tut es aber bei unvorbelasteten Kindern nicht unbedingt. Ein Kind sollte weder geimpft werden, damit es einfacher mit seinen Eltern in den Urlaub fahren kann, noch, weil dadurch der Schulbetrieb ohne weitere Mühen aufrechterhalten werden kann. Es sollte geimpft werden, wenn die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung so hoch ist, dass sie die Risiken einer Impfung rechtfertigt. Und genau das kann die Stiko so noch nicht eindeutig verkünden, da sie noch nicht genug Daten darüber sammeln konnte, wie gefährlich die neue Delatavariante für unsere Kinder ist.

Also, liebe Frau Esken und Co, bleiben Sie mal bei Ihren Leisten und überraschen uns mit einem gelungenen Konzept. Unabhängig von der persönlichen Entscheidung von Eltern und Schüler*innen. Das würde bestimmt auch Eindruck für die nächste Bundestagswahl machen.

Kalifornische Verhältnisse

Als wir vor mehr als zehn Jahren in das Mehrfamilienhaus einzogen, in dem wir auch heute noch leben, gab es dort ein kleines von Hecken umsäumtes Rasenstück mit einer gemütlichen Sitzgruppe in der Mitte, die Laube, wie wir sie liebevoll nennen. Der Rasen wuchs recht kümmerlich und wies einige kahle Stellen auf, so dass wir frisch motivierten Neuankömmlinge beschlossen, mit dem Verlegen eines saftigen, üppigen Rollrasens Abhilfe zu schaffen. Vielleicht hätte es ein Happy End geben können, wenn wir die vorbereitenden Aufgaben mit dem erforderlichen Aufwand betrieben hätten. Den Boden spatentief auflockern, Unkraut, Steine und Wurzeln entfernen, gegebenenfalls mit Erde, Humus und Sand auffüllen und zwei bis drei Wochen ruhen lassen. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass dieses Stück Erde von den Wurzeln einer riesigen Birke bevölkert wird und eher minderwertiger Qualität ist. Jedenfalls währte unser Rasenglück nicht allzu lange und er glich bald wieder seinem Anfangsstadium, wenn auch jetzt mit einigen Unebenheiten garniert, die die nicht ganz sachgemäße Vorbereitung des Untergrundes verursacht hatte.

So schnell ließ ich mich nicht unterkriegen und begann, Jahr für Jahr partiell wieder neu anzusäen. Ein schwieriges Unterfangen. Denn immer dann, wenn der Boden endlich konstant Nachts über 10° Grad Celsius blieb, stieg auch das Bedürfnis der Hausbewohner*innen, sich im Freien aufzuhalten und just jene Areale zu betreten, die ich zu verschönern versuchte. Besonders Kleinkinder mit Bobby Cars sind schwer aufzuhalten. Zärtlich betrachtete ich die Quadratzentimeter zarter, sattgrüner Hälmchen im Wissen um ihre Vergänglichkeit. Die meisten von ihnen überlebten keine Saison. Egal- neues Jahr, neues Glück, ich säte so verlässlich wie der Papst seine Osteransprache hielt. Bis, ja, bis…

…der Klimawandel Fahrt aufnahm und die Kalifornier dazu aufgerufen wurden, wegen der Wasserknappheit ihre Gärten nicht mehr zu gießen. Und manche von ihnen versuchten, die Illusion aufrechtzuerhalten, indem sie das verdörrte Gelb mit Hilfe von Airbrushfarbe satt grün sprühten. Nun könnte man sagen, ja, aber das ist doch Kalifornien und was hat das mit Dir zu tun? Ganz einfach. Ich klagte einer mir sehr nahestehenden Person mein Rasenleid und diese zeigte sich, anstatt ihr Mitgefühl zu beteuern, schlichtweg entrüstet, dass ich mit Leitungswasser gieße. Sie hätten eine Zisterne, die Regenwasser sammele, und dieses reiche vollends zur Bewirtschaftung des Gartens. Schön. Wir haben leider keine Zisterne und unsere mickrige Regentonne ist aufgrund der trockenen fränkischen Sommer meist leer. Was hieß das jetzt? Es war eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Durften jetzt nur noch Menschen mit modernen Häusern und Zisternen grüne Rasen haben und der Rest sich an verbrannter Erde laben? Das Ganze war zutiefst ungerecht und gleichzeitig gab ich ihr insgeheim Recht, dass mein Kampf für ein wenig Grün eine reine Verschwendung von Trinkwasser war.

Wir dachten über die Umgestaltung der Laube nach und das Verlegen von Holzbrettern als eine Art Terrasse, aber eine überzeugende Lösung fanden wir nicht. In den letzten Tagen kam mir dann eine Idee. Anstatt Unkraut zu entfernen, würde ich es einfach sprießen lassen. Vielleicht lag die Lösung in einer Wiese voller Löwenzahn, Gänseblümchen und anderem „Unkraut“, dem es bei uns gefallen könnte? Das war allemal besser als Braun mit grünen Punkten. Ich schöpfte neue Zuversicht. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, nachdem ich wochenlang über das schlechte Wetter gejammert hatte: es regnete dies Jahr ungewohnt viel. Vielleicht würde dies Jahr alles anders werden. Ich ging in den Garten und säte….

Fast-forward

Als ich 2005 Mutter wurde, hätte ich mir nie vorstellen können, in welchem Ausmaß sich unser Leben in den nächsten fünfzehn Jahren verändern würde. Die Entwicklung dahingehend, dass unser Leben so massiv von den digitalen Medien bestimmt sein würde, war für mich noch ganz weit weg und ein Stillstand des bisherigen Lebens, wie wir ihn durch Corona erleben, sowieso jenseits aller Vorstellungskraft. Aber auch die unmittelbaren Auswirkungen, die der Klimawandel auf unser Leben haben würde, schienen mir irgendwo in fernerer Zukunft zu liegen. Und jetzt haben all diese Entwicklungen unser Leben und vor allem das unserer Kinder bereits mit voller Wucht getroffen.

Es fällt mir inzwischen wirklich mehr als schwer, ruhig zu bleiben, wenn jemand beiläufig fallen lässt, es wäre ja nicht schlecht, wenn bei uns durch den Klimawandel der Sommer etwas wärmer würde. Ein Mensch, der so etwas äußert, kann schon lange nicht mehr durch einen deutschen Wald gewandert sein oder er muss bei der Wahl seines Ausflugsziels viel Glück gehabt haben. Denn dort herrscht inzwischen vielerorts Kahlschlag- sei es, weil die Fichten bereits vom Borkenkäfer befallen sind oder dem vorgebeugt werden soll, sei es, weil die ausgetrockneten Buchen bei stärkerem Wind einfach in der Mitte auseinanderbrechen oder, weil der Wald zugunsten vermeintlich resistenterer Sorten umgebaut wird. Die sogenannte Naherholung tut manchmal im Herzen weh. Den Wald, wie wir ihn kennen, wird es schon bald nicht mehr geben. Und dieser Anblick hat in mir mehr bewegt als alle Fridays for Future Demos der letzten Jahre.

Auch diese Bewegung ist in weiten Teilen Corona zum Opfer gefallen, dabei ist es so notwendig, sich weiter für den Klimaschutz einzusetzen. Aber wieso sollte es den Jugendlichen anders gehen als uns Erwachsenen. Corona macht müde und sich online zu treffen, ersetzt eben kein persönliches Gespräch, das gemeinsame Entwickeln von Ideen und den Austausch von Energie. Ich empfinde ein tiefes Bedauern, welchen Herausforderungen sich die heranwachsende Generation und damit auch meine Kinder stellen müssen und wie alleine gelassen sie damit sind. Denn unserer Generation und den Vorangegangen scheint nicht wirklich daran gelegen, etwas zu verändern. Zu groß ist die Angst vor dem Verlust, Teilen wird schnell als Enteignung abgewehrt, Verzicht als Bevormundung und Einbüßen von Freiheit und Individualität aufgefasst. Wie zuletzt mal wieder die Äußerungen Anton Hofreiters ( und der darauf folgende Shitstorm) zeigte, dass Einfamilienhäuser unter ökologischen Aspekten nicht sinnvoll seien. Anstatt darüber nachzudenken, ob in seinen Aussagen nicht auch Wahres enthalten sein könnte, entfachte sich ein Sturm der Entrüstung. Gegen Flächenfraß sind ja viele, aber nicht, wenn Maßnahmen die eigene Entfaltung einschränken.

Meine ganze Hoffnung ruht auf unseren Kindern, die in eine ganz andere Welt hineinwachsen und für die es viel selbstverständlicher zu sein scheint, global zu denken und nicht nur an die eigenen Sicherheit. Weil eben nichts mehr sicher ist. Und weil sie gar keine andere Wahl haben, als für ihre Welt zu kämpfen. Für die es normal ist, zu „sharen“, anstatt zu besitzen, ob Auto, Sofa oder Bohrmaschine. Die sich schon früh in der Schule mit Müllvermeidung und Ökologie beschäftigen. Vielleicht schaffen sie es, die Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Leben durchzusetzen, bevor wir die Erde endgültig an die Wand fahren.

Seitdem ich angefangen habe, diesen Beitrag zu schreiben, ist einiges passiert, dass mich wieder etwas hoffnungsvoller stimmt. Joe Biden hat zum Online-Klimagipfel zusammengetrommelt und sich zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens bekannt. Die CDU/CSU hat sich im Ränkespiel um den Kanzlerposten so demontiert, dass eine grüne Bundeskanzlerin auf einmal keine wirre Zukunftsvision mehr zu sein scheint. Ob im Falle des Falles am Ende der Koalitionsverhandlungen mit welcher Partei auch immer allzu viel Klimaschutz übrigbleiben würde, darf bezweifelt werden, aber erstmal wage ich wieder ein kleines bisschen Hoffnung, dass unsere Kinder doch noch etwas Unterstützung von Seiten der Politik erfahren könnten. Ohne klare Gesetze und Vorschriften zugunsten des Klimaschutzes wird es nicht gehen. Das mit der Freiwilligkeit und der menschlichen Vernunft funktioniert ja bekanntermaßen eher mangelhaft.

Heute ist Sonntag. Vielleicht unternehmt ihr noch einen kleinen Ausflug ins Grüne. Die Natur beginnt gerade wieder zu explodieren und dringt mit ihrer Kraft und Schönheit geradewegs in unsere Herzen. Braucht es mehr Worte? Gesagt ist eigentlich schon lange alles.

Ein gutes Gefühl

Seit gut zwei Wochen lebe ich jetzt mit einer genehmigten Sünde vegan: diese ist mein Cappuccino mit Kuhmilch am Morgen. Und ich muss sagen, ich fühle mich richtig gut, was ich vor allem auf den Verzicht von zu vielen Milchprodukten zurückführe. Außerdem fallen die vielen kleinen nebenbei Knabbereien weg, vor allem, wenn ich beruflich bedingt unterwegs bin und nicht mal eben auf das dargebotene Gebäck und die Schokoriegel zugreifen kann. Da bleibt dann eben die Banane oder der Apfel. Natürlich gilt das nur, weil ich nicht alle Produkte durch vegane Varianten ersetze. Ich genieße das bewusstere Essen mit dem netten Nebeneffekt, dass sich schon ein Corona Kilo verabschiedet hat.

Passend zu dem Thema Ernährung bin ich letztens über die Doku „Ausgemolken“ der Reihe Re! auf Arte gestoßen.

https://www.arte.tv/de/videos/092186-005-A/re-ausgemolken/

Dort geht es um den Verein Initiative Lebenstiere e.v., der es Landwirten ermöglicht, sich von der konventionellen Landwirtschaft zu verabschieden und ihren Unterhalt mit so genannten Lebenshöfen zu verdienen, Höfe, auf denen Tiere einfach leben dürfen ohne jegliche Nutzung. Denn viele Landwirte sind mit den heutigen Bedingungen für die „Milch- und Fleischerzeugung“ mehr als unzufrieden, die Preise sind so weit gesunken, dass eine gute Tierhaltung kaum zu leisten ist. Viele gängige Praktiken sind außerdem mit Tierwohl kaum zu vereinbaren. Ist es beispielsweise wirklich angemessen, neugeborene Kälbchen von ihren Müttern zu trennen, damit diese pausenlos Milch für uns liefern können? Ein Leben, das aus permanenter Schwangerschaft und pausenloser Milchproduktion besteht. Wer selbst geboren und gestillt hat, ahnt, was das für ein Tier bedeutet. Die Schaffung von Lebenshöfen ist aber nur ein Schritt auf dem Weg zu einer Umstellung der Ernährungsgewohnheiten der Menschen und somit der Landwirtschaft. Denn ein Großteil der Anbauflächen wird heute für Futtermittel für Tiere verwendet. Würde man sie stattdessen für den Getreide- und Gemüseanbau für Menschen nutzen, wäre die Ernährung der Weltbevölkerung wesentlich leichter zu bewerkstelligen als mit unseren momentanen Ernährungsgewohnheiten.

So, wer jetzt die Augen verdreht und sich denkt, immer diese radikalen Weltverbesserer, lese bitte weiter. Es geht immer um den eigenen Weg und darum, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Wenn der leidenschaftliche Fleischesser sich dazu entscheiden kann, einen Veggieday einzuführen, ist das ein erster Schritt. Und wenn eine Vegetarierin wie ich in veganer Testphase beschließt, auch zukünftig ihren Milchkonsum einzuschränken, ein anderer. Ich freue mich schon wahnsinnig auf ein gutes Stück Käse zu Ostern, die veganen Alternativen konnten mich nicht überzeugen, mein Müsli mit Hafermilch und etwas Orangensaft werde ich gerne beibehalten. Weil es mir guttut und weil es sich schon lange nicht richtig angefühlt hat, so viel Milch zu trinken. Womöglich auch deshalb, weil wir die letzten Jahre die Ferien immer wieder bei einem konventionellen Milchhof verbracht haben und meine Kinder die Kälbchen mit Milch und Milchersatz aus dem Eimer, an dem eine künstliche Zitze angebracht ist, gefüttert haben. Die immer auch gerne begierig an den Händen der Kinder saugten. Und die nie mit ihren Müttern zusammen aufwachsen durften.