Ein gutes Gefühl

Seit gut zwei Wochen lebe ich jetzt mit einer genehmigten Sünde vegan: diese ist mein Cappuccino mit Kuhmilch am Morgen. Und ich muss sagen, ich fühle mich richtig gut, was ich vor allem auf den Verzicht von zu vielen Milchprodukten zurückführe. Außerdem fallen die vielen kleinen nebenbei Knabbereien weg, vor allem, wenn ich beruflich bedingt unterwegs bin und nicht mal eben auf das dargebotene Gebäck und die Schokoriegel zugreifen kann. Da bleibt dann eben die Banane oder der Apfel. Natürlich gilt das nur, weil ich nicht alle Produkte durch vegane Varianten ersetze. Ich genieße das bewusstere Essen mit dem netten Nebeneffekt, dass sich schon ein Corona Kilo verabschiedet hat.

Passend zu dem Thema Ernährung bin ich letztens über die Doku „Ausgemolken“ der Reihe Re! auf Arte gestoßen.

https://www.arte.tv/de/videos/092186-005-A/re-ausgemolken/

Dort geht es um den Verein Initiative Lebenstiere e.v., der es Landwirten ermöglicht, sich von der konventionellen Landwirtschaft zu verabschieden und ihren Unterhalt mit so genannten Lebenshöfen zu verdienen, Höfe, auf denen Tiere einfach leben dürfen ohne jegliche Nutzung. Denn viele Landwirte sind mit den heutigen Bedingungen für die „Milch- und Fleischerzeugung“ mehr als unzufrieden, die Preise sind so weit gesunken, dass eine gute Tierhaltung kaum zu leisten ist. Viele gängige Praktiken sind außerdem mit Tierwohl kaum zu vereinbaren. Ist es beispielsweise wirklich angemessen, neugeborene Kälbchen von ihren Müttern zu trennen, damit diese pausenlos Milch für uns liefern können? Ein Leben, das aus permanenter Schwangerschaft und pausenloser Milchproduktion besteht. Wer selbst geboren und gestillt hat, ahnt, was das für ein Tier bedeutet. Die Schaffung von Lebenshöfen ist aber nur ein Schritt auf dem Weg zu einer Umstellung der Ernährungsgewohnheiten der Menschen und somit der Landwirtschaft. Denn ein Großteil der Anbauflächen wird heute für Futtermittel für Tiere verwendet. Würde man sie stattdessen für den Getreide- und Gemüseanbau für Menschen nutzen, wäre die Ernährung der Weltbevölkerung wesentlich leichter zu bewerkstelligen als mit unseren momentanen Ernährungsgewohnheiten.

So, wer jetzt die Augen verdreht und sich denkt, immer diese radikalen Weltverbesserer, lese bitte weiter. Es geht immer um den eigenen Weg und darum, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Wenn der leidenschaftliche Fleischesser sich dazu entscheiden kann, einen Veggieday einzuführen, ist das ein erster Schritt. Und wenn eine Vegetarierin wie ich in veganer Testphase beschließt, auch zukünftig ihren Milchkonsum einzuschränken, ein anderer. Ich freue mich schon wahnsinnig auf ein gutes Stück Käse zu Ostern, die veganen Alternativen konnten mich nicht überzeugen, mein Müsli mit Hafermilch und etwas Orangensaft werde ich gerne beibehalten. Weil es mir guttut und weil es sich schon lange nicht richtig angefühlt hat, so viel Milch zu trinken. Womöglich auch deshalb, weil wir die letzten Jahre die Ferien immer wieder bei einem konventionellen Milchhof verbracht haben und meine Kinder die Kälbchen mit Milch und Milchersatz aus dem Eimer, an dem eine künstliche Zitze angebracht ist, gefüttert haben. Die immer auch gerne begierig an den Händen der Kinder saugten. Und die nie mit ihren Müttern zusammen aufwachsen durften.

#SPORT IST TEIL DER LÖSUNG UND NICHT DES PROBLEMS IN DER CORONAPANDEMIE

14 bayerische Großvereine haben sich zusammengetan und ein Positionspapier erarbeitet, in dem unter anderem ein Stufenplan zur schrittweisen Öffnung der Vereine vorgeschlagen wird. Außerdem startete die Fußballabteilung des Post SV Nürnberg eine Petition, die diese Forderungen unterstützt:

https://www.openpetition.de/petition/online/sport-ist-teil-der-loesung-und-nicht-des-problems-in-der-coronapandemie

Die Petition spricht mir aus dem Herzen, denn so sehr ich mir wünsche, dass meine Kinder bald wieder in die Schule gehen dürfen, der Vereinssport scheint mir im Augenblick nicht minder wichtig, denn er bringt wieder etwas Freude und Leichtigkeit ins Leben bewegungsfreudiger Kinder. Das Erste, was Ärztinnen und Ärzte bei depressiven Verstimmungen empfehlen, ist Sport, denn mit Hilfe der ausgeschütteten Glückshormone kann man gar nicht anders, als wieder besser gelaunt zu sein. Und dann noch gemeinsam mit Gleichgesinnten draußen, das macht wesentlich mehr Spaß als jedes Youtube Video der Welt, zu dem Kind sich vielleicht erst gar nicht aufraffen kann. Womöglich sorgt darüberhinaus die sehnsüchtig erwartete Frühlingssonne schließlich noch für eine bessere Vitamin D Produktion, die ebenfalls die Psyche positiv beeinflußt. Das wäre doch wirklich wünschenswert, oder? Also, ich habe unterschrieben und ich hoffe, die Petition wirkt. Denn das Wort „Sportverein“ habe ich bislang in den Öffnungsdebatten schwer vermisst.

#NichtMeineLager

Zuhause auf meinem bequemen Sofa im warmen Zimmer dreht sich alles um die Einschränkungen, die wir durch Corona hinnehmen müssen. Was sie mit uns machen, wie wir damit umgehen. An den Grenzen zur EU toben ganz andere Kämpfe und ich hadere immer wieder damit, sie so wort- und tatenlos hinzunehmen. Geht Euch das auch So? Ich finde, die europäische Flüchtlingspolitik ist eine Schande. Ihre Abschreckungsstrategie verursacht immer neue Auswüchse der Unmenschlichkeit. Nach den unhaltbaren Zuständen in Moria und anderen Lagern, wurden die Schrecken im Grenzgebiet zu Kroatien publik. Ohne jegliche staatliche Unterstützung hausen Flüchtlinge in Wäldern und leerstehenden Gebäuden, immer in der Angst vor kroatischen Grenzsoldaten, die die Flüchtlinge misshandeln und illegale „Pushbacks“ durchführen, also Rückführungen aus dem Gebiet der EU zurück nach Bosnien-Herzegowina. Dabei hätten auch sie ein Recht dazu, Asyl zu beantragen, genau wie all die anderen, die man Jahre lang darben lässt und ihnen das letzte nimmt, was sie noch hatten: Hoffnung. Es geht nicht darum, jeden Flüchtling bei uns oder in der EU aufzunehmen, es geht darum, Menschen mit Respekt zu behandeln und ihnen in ihrer Notlage zu helfen, bis ihr Recht auf Asyl so gut und schnell wie möglich geklärt ist- ohne Hinhaltetaktik und Wegsehen.

Vielleicht würde mancher/m Entscheider/in ein Perspektivwechsel auf die Sprünge helfen. Maja Lunde beschreibt in ihrem Roman „Die Geschichte des Wassers“, wie die Einwohner Südeuropas nach einer Dürre im Jahre 2041 versuchen, in die Länder Skandinaviens zu fliehen, da Trinkwassermangel herrscht und Brände viele Städte und Landstriche verwüstet haben. Auf einmal sehen „wir“ uns in Flüchtlingslagern wieder, in denen die Vorräte knapp werden, Vermisste gesucht werden und es zu Aufständen kommt. Es mag jedem selbst überlassen sein, für wie real er solch eine Möglichkeit aufgrund des Klimawandels sehen mag (Franken gehört übrigens zu den Gebieten, die schon sehr zeitnah unter immer mehr Dürre leiden werden), dass die Flüchtlingsströme aber nicht aufhören werden, sollte inzwischen jedermann/frau klar sein. Wir alle sind darauf angewiesen, in der Not eine Hand gereicht zu bekommen und nicht nach all den Strapazen und erlittenen Traumata wie Dreck behandelt zu werden.

Die Organisation Seebrücke nimmt am Samstag, den 6.Februar von 10-20 Uhr Sachspenden im Z-Bau in Nürnberg entgegen, um sie nach Bosnien-Herzegowina zu bringen. Gesucht werden warme Winterklamotten für Männer in Größe M, Schuhe, Schlafsäcke, Hygieneartikel, Handys samt Ladegeräten (die eigenen werden von den Grenzbeamten oft zerstört) und Powerbanks, Schlafsäcke, Zelte und Taschenlampen. Vielleicht mögt ihr ja mithelfen.

Wenn auch ihr ein Problem mit der europäischen Flüchtlingspolitik habt, könnt ihr euch an einer Unterschriftenaktion von Proasyl beteiligen gegen weitere unmenschliche Haft- und Flüchtlingslager an den Außengrenzen der EU. #NichtMeineLager ist der Hashtag in den sozialen Medien.

Und noch ein Jugendbuchtipp zu dem Thema europäische Flüchtlingspolitik:

„Endland“ von Martin Schäuble, ein spannendes Buch ab ca.14 Jahren über die Freundschaft zweier junger Grenzsoldaten zwischen nationalistischen Strömungen und europäischer Abschottungspolitik. Ein sehr aktuelles Buch, das Überzeugungen in Frage stellt.

Die Besprechung überlasse ich an dieser Stelle dem Deustchlandfunk:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/martin-schaeuble-endland-deutschland-macht-dicht.1270.de.html?dram:article_id=392721

Martin Schäuble: „Endland“ ISBN 978-3-446-25702-3

Maja Lunde: „ Die Geschichte des Wassers“ ISBN 978-3-442-71831-3

Was uns Coronamaßnahmen über Klimaschutz lehren

Obwohl wir als Familie coronabedingt 2020 wesentlich weniger Einnahmen hatten als die Jahre zuvor, sind wir im vergangenen Jahr erstaunlich gut über die Runden gekommen. Das lag natürlich daran, dass wir auch wesentlich weniger Ausgaben hatten. Der Sommerurlaub war kürzer und wir verbrachten ihn in der schönen Uckermark. Das sparte Spritkosten und auch teure Fährverbindungen waren dorthin nicht nötig. Wir hatten trotzdem eine tolle Zeit. Auch viele andere kleine und große Ausflüge fielen flach oder beschränkten sich auf die nähere Umgebung. Nicht unbedingt notwendige Anschaffungen wurden zurückgestellt und beim Kauf von Klamotten waren wir eher zurückhaltend. Ist ja alles nicht so wichtig, wenn man den Großteil der Zeit zuhause verbringt. Und so ging es den meisten.

Nüchtern betrachtet war 2020 ein Jahr, das uns gezeigt hat, wie das Leben aussehen könnte, wenn wir es mit dem Klimaschutz wirklich ernst nehmen und wir das Ruder noch herumreißen wollen. Ohne eine klare Entscheidung für den Verzicht geht es nämlich nicht. Fernreisen sollten wieder etwas Besonderes sein, dem man einige Jahre entgegenfiebert und nicht ein Punkt auf der To-Do-Liste. Zu Fuß die Umgebung erwandern statt Städtereisen mit dem Flugzeug in völlig überlaufene Metropolen. Anstelle des Jahres Australien oder Neuseeland nach dem Abitur könnte das gute alte Interrail quer durch Europa wieder zum (Entschuldigung!) heißen Scheiß werden. Shoppen darf keine Freizeitbeschäftigung mehr sein, sondern die Anschaffung notwendiger Dinge und Extras mit Augenmaß. Reparieren statt Neuanschaffen und endlich wieder die Paketflut durch das Onlineshopping reduzieren, sobald die Geschäfte wieder geöffnet haben. Dass die Wirtschaft auf diese Weise nicht so weiter wachsen kann wie bisher ist auch klar, aber ständiges Wachstum und Klimaschutz passen nun mal nicht zusammen.

Ich bin jedenfalls gerne bereit, meinen Konsum auch nach Corona (falls es das gibt) einzuschränken und auf Dinge zu verzichten, Hauptsache, ich kann wieder unbekümmert und maßlos mit meinen Freund*innen und der Familie zusammen sein. Das ist übrigens auch weitaus klimaneutraler als das Streamen von Netflix Serien oder Fitnessvideos allein im stillen Kämmerlein. Diese Errungenschaft der Technik ist nämlich ein echter Energiefresser. Wenn ich also endlich wieder in mein Studio zum Tanzen gehen kann, spare ich Strom, vorausgesetzt natürlich ich fahre mit dem Fahrrad dorthin. Tja, habe ich gesagt, dass Klimaschutz mit Verzicht einhergehen muss? Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Das Lieferkettengesetz – ein mehr als wichtiger Schritt gegen die Gleichgültigkeit

Lieferkettengesetz-Motiv_Allgemein_quer_sRGBDer Glaube an das Gute in dieser Welt und in der Politik im Speziellen wird einem ja häufig schwer gemacht. Dass sich Hubertus Heil, SPD, Minister für Arbeit und Soziales, und Entwicklungsminister Gerd Müller, CSU, dafür einsetzen, ein Lieferkettengesetz für die Wirtschaft durchzusetzen, ist da ein echter Lichtblick. Dies wäre ein so wichtiges Zeichen, dass es uns nicht egal ist, dass wir auf Kosten anderer leben, sondern Verantwortung dafür übernehmen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in aller Welt, die für uns und unseren Wohlstand schuften, zu verbessern und internationalen Standards anzupassen.

In dem Gesetz geht es darum, dass Unternehmen Risiken analysieren und wirksame Maßnahmen ergreifen müssen, damit es bei der gesamten Produktion nicht zu Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung kommt. Es kann dann beispielsweise nicht mehr billigend in Kauf genommen werden, dass immer noch Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten oder durch die Textilindustrie Flüsse und Seen vergiftet werden. Dass Menschen aufgrund des Anbaus von Rohstoffen, die wir benötigen, sich keine Nahrung mehr leisten können oder der Wassermangel zunimmt. Außerdem soll es Betroffenen von Menschenrechtsverletzungen die Möglichkeit geben, vor deutschen Gerichten Schadensersatzzahlungen bei Verstößen einzuklagen, wie es beispielsweise nicht möglich war, als die Textilfabrik Ali Enterprises 2012 in Pakistan abbrannte und 258 Arbeiterinnen ums Leben kamen.

Viele Beispiele und Zusammenhänge sind auf dieser Seite anschaulich aufbereitet: Fallbeispiele

Was wir nie hätten zulassen dürfen und es aber über Jahrzehnte getan haben, können wir jetzt vielleicht ein Stück weit korrigieren. Natürlich werden Produkte dadurch teurer werden und vielleicht geht es dann endlich in Richtung weniger kaufen , dafür aber hochwertiger. Und vielleicht fliegt dann ein T-Shirt für 4,99€ nicht mehr um die halbe Welt, wie ihr neben vielen anderen Infos mehr in dieser beeindruckenden Wissenssendung von Quarks sehen könnt.

Quarks: Der Kleiderwahnsinn und wie wir ihm entkommen können

Ich hoffe wirklich sehr, dass das Lieferkettengesetz verabschiedet wird, ohne vorher noch weichgespült zu werden. Wer dergleichen Meinung ist und die Petition für das Gesetz unterschreiben möchte, findet den Link hier: Petition zum Lieferkettengesetz

#BlackLivesMatter

BlackLivesMatter

Als vor einigen Tagen auf Instagram die Farbe Schwarz unzählige Male gepostet wurde, wunderte ich mich anfangs noch, schnell war aber klar,  für was sie stand – ein Symbol für Black Lives Matter. Die Bewegung  entstand 2013 in den USA als Reaktion auf die willkürliche Ermordung des schwarzen 17-jährigen Schülers Trayvon Martin durch einen Wachmann, der in einem zweifelhaften Urteil wegen Notwehrs freigesprochen wurde. Seitdem setzt sich Black Lives Matter gegen Polizeigewalt an Schwarzen, Rassismus und Racial Profiling ein. Nach dem Mord an George Floyd ist daraus eine weltweite Protestbewegung entstanden und auch in Deutschland bekennen sich viele zu ihrer Haltung.

Ich unterstütze jede Art von Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt und der Mord an George Floyd ist einfach unmenschlich und so etwas darf nie wieder geschehen. Trotzdem hat die Begeisterung für diese Bewegung für mich in Deutschland einen kleinen Beigeschmack. Es scheint viel einfacher und vielleicht auch „hipper“ zu sein, gegen Rassismus in den USA aufzustehen, als gegen Rassismus im eigenen Land, wo die AFD inzwischen in manchen Bundesländern zweitstärkste Partei ist. Auch bei uns gibt es verstärkte Kontrollen von Personen mit Migrationshintergrund durch die Polizei. Auch bei uns gibt es Diskriminierung von Menschen, die nicht typisch deutsch aussehen oder einen fremdländischen Namen haben, im Alltag bei der Wohnungssuche, bei der Suche nach einem neuen Job oder in der Schule. Es gibt eine breite Ablehnung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, es gibt Gewalttaten gegen Muslime und gegen Juden, wie die schrecklichen Anschläge von Hanau und Halle. Etwa 20000 Delikte mit rechtsextremistischem Hintergrund pro Jahr gibt es in Deutschland, viele davon Hetze im Netz und Propaganda, aber auch rund 1000 versuchte oder vollzogene Gewalttaten. Die Reaktionen darauf sind oft verhalten. Und Schweigen ist auch immer ein Stück weit Zustimmung, wenn sie ihre Ursache vielleicht auch manchmal nur in der Bequemlichkeit hat.

Es wäre schön, wenn „Black lives matter!“ auch hier für Menschen aller Hautfarben, Glaubensrichtungen und jeglicher sexueller Orientierung gelten würde, ganz nach Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Permanent Record

Als ich vor einiger Zeit mit Freundinnen in der Kneipe saß, kochten auf einmal die Emotionen hoch. Es ging um die Digitalisierung und deren Begleiterscheinungen. Das Empfinden darüber, was am Datensammeln gut und praktisch oder aber überwachend und bedrohlich zu sein scheint, geht meilenweit auseinander, allein schon deshalb, weil es für manche im Berufsleben inzwischen völlig selbstverständlich ist und daher gar nicht hinterfragt wird, während andere die Digitalisierung noch weitestgehend aus ihrem Leben herauszuhalten versuchen. Es gibt die hartnäckigen Verfechter der These, ihre Daten seien uninteressant, sie hätten nichts zu verbergen und überhaupt diene ihre Erfassung, wenn überhaupt, der Optimierung ihres Lebens. Die andere Seite fürchtet die Entwicklung von der Demokratie hin zum Überwachungsstaat, der mit Hilfe von Daten bewerten, kategorisieren und manipulieren kann.

Eine Fortführung dieser verhärteten Fronten beschreibt Bijan Moini in seinem Roman „Der Würfel“, den ich bereits vor einiger Zeit vorgestellt habe. Dort gibt es die „Offliner“, die isoliert in abgeschotteten Dorfgemeinschaften leben und sich dem Digitalen völlig verwehren. Die „Gaukler“ leben zwar innerhalb des Systems, versuchen aber es auszutricksen, in dem sie bewusst Dinge tun, die sie eigentlich nicht mögen und sonst nie tun würden, damit sie nicht einzuschätzen sind. Auch sie beziehen ein Grundeinkommen, aber die „Kubisten“, die so viel wie möglich von sich preisgeben, werden mit zusätzlichem Einkommen und Annehmlichkeiten belohnt. Je mehr Daten, umso mehr Vorteile im Leben. Moini hat sich seine Zukunftsversion der Welt sehr detailliert und schlüssig erdacht und leider wirkt sie eher wie eine mögliche Version von morgen als wie Science Fiction. Wer also mal lesen möchte, wie Leben in digitaler Überwachung aussehen könnte, kann hier einen Eindruck gewinnen.

Als sich Edward Snowden vor einigen Monaten anlässlich des Erscheinens seiner Biographie aus seinem russischen Exil zu Wort meldete, um erneut davor zu warnen, wie sich das Internet entwickelt hat und zu mahnen, dass es einer (technisch möglichen) Form bedürfe, die ohne das Datensammeln einiger weniger Monopolisten auskomme, hatte ich gehofft, dass es eine breite Diskussion auslöse. Aber seine Aufrufe verebbten weitgehend ungehört. Dabei wäre es so wichtig, heute das Internet so zu gestalten, dass es wieder dem Nutzer dient und nicht der Wirtschaft und den Regierungen. Die Möglichkeiten des Internets zu nutzen ohne sie zu missbrauchen, würde die Menschen wieder zusammenbringen, die sich jetzt so uneins sind über Fluch und Segen der Digitalisierung. Das Gelingen scheint mir momentan aber eine Utopie zu sein.

Edward Snowden hat sein Leben aufgegeben, um die Menschen über das illegale, massenhafte Datensammeln der Geheimdienste aufzuklären und er tat dies im felsenfesten Glauben an die amerikanische Verfassung und aus der Überzeugung, dass der Staat den Menschen dienen müsse und nicht umgekehrt. Seine Biographie beschreibt seinen Weg dorthin und lässt besser verstehen, warum er zum Whistlerblower wurde. Auch im Exil kämpft er weiter für eine bessere Welt und arbeitet nach wie vor beispielsweise am verschlüsselten Messanger Signal mit. Mit Hilfe zahlreicher Unterstützer kann er sein Wissen in Vorträgen weitergeben und sich für seine Mission einsetzen. Solange wir Nutzer aber so gleichgültig sind und zulassen, dass Amazon, Google, Facebook und Co. unsere Daten sammeln und weitergeben, spüren die Konzerne keinen Druck, etwas an ihren Geschäftspraktiken zu verändern.

Bildschirmfoto 2020-01-15 um 17.21.21Es bedarf natürlich weit mehr, nämlich einer entsprechenden Gesetzgebung, aber auch gutem Unterricht an den Schulen. Damit unsere Kinder technische Grundkenntnisse zum Schutz ihrer Daten erlernen, aber auch überhaupt erstmal ein Bewusstsein dafür zu bekommen, warum wir uns nicht daran gewöhnen sollten, gläsern zu werden. Warum die Face-ID des Handys zwar praktisch ist, aber auch die Hemmschwelle für eine generelle Gesichtserkennung heruntersetzt. Es bedarf weit mehr als der technischen Ausrüstung der Schulen.

Würden Edward Snowdens Vorstellungen vom Internet umgesetzt, müssten wir uns auf jeden Fall nicht mehr streiten. Das wäre fantastisch.

 

Permanent Records von Edward Snowden

Fischerverlag      ISBN    978-3-10-397482-9

 

Gegen Rechts

Meedchenwargestern ist ja ein Blog, dessen Inhalte nicht klar definiert sind, mal geht es um Familie, mal um Nachhaltigkeit, Politik oder auch einfach Essen. Deshalb unterliegt das, über was ich schreibe, oft dem Zufall. Es sind Themen, über die ich stolpere, wenn ich dafür gerade mental offen bin und auch die nötige Zeit finde. Viele wichtige Themen bleiben dabei unangesprochen, nicht, weil sie mir nicht am Herzen liegen, sondern einfach weil ich das gar nicht leisten kann.

Was aber auf keinen Fall fehlen sollte, ist ein klares Statement Gegen Rechts im Jahr 2019, vergeht inzwischen doch kaum ein Tag ohne Pöbeleien, Hetze oder sogar Anschläge auf Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft, weil sie Juden oder Muslime sind oder weil sie sich politisch engagieren. Die schrecklichen Attentate kennen wir alle.

ChristkindEinen Aufschrei verursachte zuletzt die Ernennung Beningna Munsis zum Nürnberger Christkind. Die Katholikin, deren deutscher Vater indischer Herkunft ist, überzeugte zwar die Jury mit ihrem offenen Auftreten und ihrer Schauspielerfahrung, einigen Mitbürgern ging ein Christkind mit dunkler Hautfarbe dann aber doch zu weit. Dabei passt Beningna vortrefflich zu unserer, wie ich finde, offenen Stadt, in der „multikulti“ längst Alltag ist. In der Klasse meines älteren Sohnes hat ein Großteil der Kinder einen Migrationshintergrund und das Thema Herkunft ist dadurch völlig unwichtig. Das Gleiche gilt für den Fußballverein und für das Berufsleben mit Global Playern wie Siemens, Adidas oder Puma, die Arbeitnehmer und deren Familien aus aller Welt nach Nürnberg locken. Wo es viel Kontakt zu „Fremden“ gibt, bleiben Vorurteile schnell auf der Strecke. Leider ist das nicht überall der Fall, umso wichtiger, seine Stimme gegen Stimmungsmache und Feindbilder zu erheben.

Ich finde es an der Zeit, dass auch ein Christkind diejenigen repräsentiert, die in unserer Gesellschaft nicht blond und blauäugig sind. Nürnberg setzt damit ein Zeichen. Ich wünsche Beninga, dass sie weiterhin so viel Unterstützung erfährt und sich unbeschwert ihrer Aufgabe widmen kann. Und dass man über sowas Unwichtiges wie Hautfarbe irgendwann nicht mehr sprechen muss.

 

Die europäische Grenze im Mittelmeer

Am 29.10.2015 schrieb ich im Beitrag Welcome refugees:

Man stelle sich das Szenario vor, wenn alle ihre Grenzen schlössen. Könnten wir damit leben, die Menschen sich selbst und ihrem Schicksal zu überlassen? Wäre es besser, wenn Kriegsflüchtlinge in den Krisengebieten blieben und sich abschlachten ließen, weil das Problem dann nicht vor unserer Haustür läge? Flüchtlinge direkt im Mittelmeer ertrinken zu lassen, ist ja zum Glück noch nicht salonfähig.

Und jetzt lassen wir sie doch ertrinken. Fast vier Jahre später sind wir entschieden weiter gekommen – und zwar im Hinblick auf den Verlust von Menschlichkeit und Anstand. Ich schäme mich dafür, dass die EU sich dazu entschieden hat, die Seenotrettung vorwiegend in libysche Hände zu legen, wohl wissend, dass Flüchtlingen in den Lagern vor Ort Folter, Menschenhandel und Vergewaltigungen drohen. Dass europäische Schiffe erst gar nicht mehr die Häfen verlassen, zivile Seenotretter*innen eingeschüchtert werden, damit ihre Schiffe nicht auslaufen oder diese sogar beschlagnahmt werden, dass sie als „Fluchthelfer“ Gefängnisstrafen fürchten müssen, wenn sie Menschen vor dem Ertrinken retten. Dass Rettungsboote mit Flüchtlingen an Bord nicht mehr an europäischen Häfen anlegen dürfen und wochenlang im Meer ausharren müssen. Ich schäme mich dafür, dass Europa es nicht schafft, einen gemeinsamen, menschenwürdigen Umgang mit und für Flüchtlinge zu finden. Zumal sich dieses Problem nicht in Luft auflösen wird, sondern sich durch den Klimawandel langfristig eher verschärfen wird. Also, was tun? Dass man sich engagieren kann, zeigen Organisationen wie Seawatch und seine mutige Kapitänin Carola Rackete, die die Zustände nicht hinnehmen will und ihre Stimme erhebt, oder Seebrücke, ein Verein, der sich dafür einsetzt, Städte und Kommunen dafür zu gewinnen, sich als „Sicheren Hafen“ für Geflüchtete anzubieten und diese aufzunehmen. Das dient zwar erstmal keiner europäischen Lösung, setzt aber ein deutliches Zeichen gegen die Zustände und bedeutet zumindest Erste Hilfe für die Geretteten. Mitglieder der Seebrücke organisieren auch Protestmärsche und Veranstaltungen, wie beispielsweise am

02.07.2019 um 18:00 in

Erlangen im Kulturzentrum E-Werk, Fuchsenwiese 1

Dort wird ein Film gezeigt über die Organisation JUGEND RETTET und ihrem zum Rettungsboot umgebauten Fischkutter Juventa, der 2017 beschlagnahmt wurde wegen des Vorwurfs der Kooperation mit Schleppern. Mitglieder der Organisation werden vor Ort sein und erzählen.

Dass lautstarker Protest nicht einfach überhört werden kann, haben die Fridaysforfuture Demonstrationen gezeigt. Finanzielle Unterstützung hilft zumindest, für Bußgelder und Anwaltskosten der Seenotretter*innen aufzukommen. Hier die Spendenseite der:  Sea_Watch

So, wie die Situation jetzt ist, darf sie einfach nicht bleiben.

Mehr Infos über die Situation im Mittelmeer unter: Proasyl

Das Volksbegehren und wie es weitergeht

BlütenWie ihr sicher alle mitbekommen habt, war das Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt in Bayern ein voller Erfolg. Mit 18,4 Prozent der Stimmen wurde die erforderte Quote von 10% weit übertroffen. Ermutigt durch den hohen Zuspruch in der Bevölkerung soll die Initiative jetzt vielleicht auch deutschlandweit durchgeführt werden. Ein klares Statement der Bürgerinnen und Bürger. Wer sich aktiv für mehr Pflanzen- und Artenvielfalt auf Äckern einsetzen möchte, kann das über das Portal Bluehwiese-kaufen tun. Stefan Greif, ein junger Landwirt aus dem oberfränkischen Pinzberg, hatte die Idee, Landwirte und Verbraucher zusammen zu bringen und hat ein Portal entwickelt, auf dem man durch einen Spendenbeitrag Pate einer Blühwiese werden kann und damit dem Landwirt einen finanziellen Ausgleich für die Nichtbewirtschaftung der Fläche leistet. Stefan Greif möchte damit kein Geld verdienen, sondern die Idee des Artenschutzes unterstützen. Eine gute Sache, finde ich. Sollte sich das Portal in Bayern bewähren, möchte auch er sein Projekt deutschlandweit anbieten.

Volksbegehren Artenvielfalt (Bayern)

volksbegehren-artenvielfalt.pngSo, auch unsere Stimme ist jetzt gefragt, damit 1 Million zusammen kommen. Eine große Initiative setzt sich dafür ein, dass Bayerische Naturschutzgesetz zu verändern. Es geht um den Erhalt der Artenvielfalt, beispielsweise durch einen Biotopverbund, mehr Blühwiesen und weniger Pestizide, aber auch um Naturschutz als Teil der schulischen Bildung. Wer Genaueres lesen möchte, findet Infos hier:

Volksbegehren Artenvielfalt

Macht mit!

Die Sache mit dem Plastik 2

PlastikDas EU-Parlament möchte Einwegplastikprodukte ab 2021 verbieten. Das ist eine notwendige und gute Maßnahme. Und wird dennoch nicht viel an der grundsätzlichen Problematik ändern. Denn die Verwendung von Plastik hat viel mit der Art und Weise zu tun, wie wir heute leben. Wie ihr vielleicht gelesen habt, versuchen wir ja seit einiger Zeit, bewusst mit Plastik umzugehen und es, wo für uns möglich, zu vermeiden. (Die Sache mit dem Plastik) Dabei sind wir schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass man besonders viel Plastik reduzieren kann, wenn man vieles frisch und selbst zubereitet und ganz gezielt einkaufen geht. Den Pizzateig selber machen, anstatt den Fertigen in der Verpackung kaufen, das Gemüse frisch und lose vom Markt besorgen, anstatt verpackt im Discounter, Getreide ins Glas abfüllen, anstatt es in Plastik verpackt zu kaufen. Diese Maßnahmen verlangen einen zeitlichen Mehraufwand und eine gute Planung. Der Marktstand ist vielleicht nur einmal wöchentlich vor Ort, der Pizzateig benötigt eine gute Stunde Vorbereitungszeit und zum Unverpacktladen habe ich eventuell einen längeren Weg zurückzulegen. Alles Erfordernisse, die meist nicht zu unserem Alltag passen, in dem wir kurz noch nach der Arbeit am Supermarkt halten, um irgendwas Schnelles zum Abendessen zu zaubern und froh sind, überhaupt alles halbwegs hinzubekommen. Außerdem haben wir uns daran gewöhnt, dass immer alles verfügbar ist. Kaffee gibt es nicht nur zu Hause beim Frühstück und dann wieder am Arbeitsplatz, sondern auch auf dem Weg zur Arbeit, es wird unterwegs gegessen oder wir lassen uns das Essen liefern, in jeder Geschmacksrichtung und zu fast jeder Tageszeit, natürlich auch in Plastik verpackt. Auch an diesem Punkt lässt sich nur etwas ändern, wenn wir uns die Problematik bewusst machen und uns wieder mehr Zeit nehmen und nicht zuletzt die Erkenntnis gewinnen: Nicht alles, was möglich ist, macht auch Sinn. Und vieles ist mit Sicherheit nicht umweltfreundlich. Industrie und Handel hätten natürlich schon längst Möglichkeiten, auf recycelbare oder abbaubare Verpackungen umzustellen, aber ohne den Druck der Verbraucher oder der Politik tut sich da natürlich nur wenig. Dann wäre da noch das Thema Mobilität. Wir reisen viel, ob beruflich oder privat, und kaufen Kosmetika in Kleinstmengen, die wir im Handgepäck mitführen dürfen. Wir wohnen auf Zeit an verschiedenen Orten und richten uns immer wieder neu ein. Wer kauft heute noch die Wohnzimmereinrichtung nach der Hochzeit und behält sie bis in den Ruhestand? Die Überflutung unserer Welt mit Plastik geht einher mit unserer Art zu leben, schnell, flexibel, effizient und möglichst einfach. Nachhaltig zu leben ist im Jahr 2018 aber nicht mehr einfach, es erfordert große Bemühungen und ein echtes Umdenken. Deshalb braucht es weit mehr, als bestimmte Produkte zu verbieten. Wir müssen schlichtweg unser Leben ändern.

Interimsgemeinschaft.

Vielleicht habt ihr euch gewundert, dass ich solange nichts habe von mir hören lassen. Meine letzten Wochen und Monate waren so turbulent, dass mir schlichtweg die Energie fehlte, meine Gedanken zu bündeln und in Texte zu transformieren. Dabei habe ich einiges zu erzählen.

Unsere Wohnung wurde umgebaut, so richtig mit zwei Wanddurchbrüchen und allem drum und dran und wir haben 5 Wochen lang bei meiner Stiefoma unter dem Dach gewohnt. An dieser Stelle kam meist von Freunden ein „Oh Gott, ihr Armen!“, aber ich muss sagen, das Ganze hat erstaunlich gut geklappt. Na gut, die erste Nacht im Ehebett der Großeltern war schon etwas skurril, und das Bett der Kinder unter dem Dach bei 36 Grad führte zum Zelten im Garten, aber diese Erfahrung haben diesen Sommer auch andere Städter in Dachwohnungen gemacht. Ansonsten lief diese kleine Gemeinschaft wie geschmiert. Wenn wir morgens das Haus verließen, schlief „Uroma“ noch und das so fest, dass sie uns nicht hörte. Sie kochte mittags, wenn wir noch unterwegs waren, ich kochte abends, wenn sie sich nur ein Brot schmierte und wenn es passte, aßen wir zusammen und wenn nicht, dann nicht.

Dass alles so gut klappte, lag vor allem daran, dass meine Stiefoma eine äußerst großzügige, tolerante und interessierte Frau ist trotz ihres hohen Alters. Sie äußerte in den ersten Tagen ein paar Dinge, die ihr wichtig waren, über alles andere sah sie liebevoll hinweg. Ihre Schwerhörigkeit war dabei sicher von Vorteil. Wir haben natürlich auch keine gemeinsame Geschichte und keine Altlasten, die einem unvoreingenommenen Zusammensein hätten im Wege stehen können und haben uns von Beginn an gut verstanden. Wir zogen ein, als die Fußball EM noch im Gange war und sie genoss das Leben, das mit uns einzog, in vollen Zügen. Wenn die Jungs, die mit den Kroaten mitfieberten, über die Sofalehne sprangen und tanzten und zwischendrin in den Garten sausten, um dort selbst ein bisschen zu kicken. Sie freuten sich gemeinsam mit Mateusz Przybylko, als er Europameister im Hochsprung wurde und sie bewunderten die bezaubernde Natur der Mazuren und des Isartals. Vor allem mein Kleiner hat mit Sicherheit noch nie so viel Fernsehen in seinem Leben gesehen und noch nie so laut gehört, aber es war gut so. „Uroma“ genoss es, wenn er sich unauffällig hinter ihr aufs Sofa schob, um unbemerkt Fernsehen zu gucken und sie ihn irgendwann entdeckte. Da sich ihre Interessengebiete oft überschnitten, konnten sie ihre Eindrücke über das Weltgeschehen teilen.

Sie hat mich aber auch manchmal verwöhnt und ich sagte, es sei bei ihr wie im Hotel. Wenn es mal wieder spät bei mir wurde, übernahm sie mit den Worten, sie habe doch Zeit, den Abwasch der Familie und wusch auch Handtücher und Bettwäsche. Ich traue mich kaum zu sagen, dass sie Anfang Neunzig ist. Aber sie hat es gerne gemacht. Und auch als mein Kleiner überraschend krank wurde, mein Mann und ich arbeiten mussten und alle Freunde, Oma und Opa im Urlaub waren, war sie nach anfänglichen Bedenken wegen der Sommergrippe da. Ist doch selbstverständlich, bekamen wir oft zu hören. Mein Mann im Gegenzug reparierte in den ersten Tagen so einiges, was in die Jahre gekommen war, vom Wasserhahn bis zum Garagentor. Also, im Großen und Ganzen wirklich eine Win-Win Situation, wenn auch eine anstrengende, weil ja nur ein Provisorium.

Trotzdem hat mich diese Erfahrung noch einmal mehr davon überzeugt, dass „Wohnen für Hilfe“-Projekte eine tolle Sache sein können. Dabei zahlen die neuen Bewohner weniger Miete gegen Unterstützung der Senioren. Ich denke, wenn ein guter Draht vorhanden ist, ist diese Wohnform eine tolle Chance, sich gegenseitig zu helfen. Mit Wohnraum, den man sich sonst nicht leisten könnte, und mit Teilnahme am Leben und kleinen Erleichterungen im Alltag auf der anderen Seite. Ein Kennenlernen lohnt sich allemal. Wir sind jetzt wieder zu Hause und das fühlt sich sehr gut an, aber unsere kleine Interimsgemeinschaft war eine gute und nachhaltige Erfahrung, die ich nicht missen wollte.

Infos über solche Wohnprojekte gibt es inzwischen reichlich. Hier ein kleiner Eindruck:

Wohnen für Hilfe