Warum Querdenker manchmal auch Putin verstehen – Folgen der deutschen Corona Politik

Ich habe eine sehr enge Freundin, die bald zu Beginn der Coronapandemie begann, mit den Maßnahmen der Regierung zu hadern. Durch eine schwere Erkrankung zu einer Pause vom Alltag gezwungen, fand sie viel Zeit, sich dem Thema Pandemie zu widmen, es ließ sie kaum noch los, wie ich bei unseren Telefonaten bald merkte. Ich konnte nur zu gut verstehen, dass sie es furchtbar fand, dass ihre noch kleinen Kinder das Schulleben mit Masken und Abstandsregeln kennenlernen mussten, anstatt unbeschwert diesen neuen Lebensabschnitt erproben zu können. Auch, dass sie bei einem neu entwickelten, genetisch veränderten Impfstoff nicht in der ersten Reihe stehen würde, war keine Überraschung. Wer in einem Elternhaus aufwächst, das eher alternativen Heilmethoden als der Schulmedizin vertraut, der ändert seine Weltanschauung nicht von heute auf morgen. Was uns bald unterschied, war, dass ich bereit war, Fehler der politischen Entscheidungsträger mit der vollkommen neuen, schwer einschätzbaren Situation zu entschuldigen, während bei ihr das Misstrauen wuchs. Und so erging es nicht nur ihr, wie ich vor kurzem in einer Umfrage erfuhr.

Demnach hält ein gutes Drittel seiner Bevölkerung Deutschland für eine Scheindemokratie. Ein erschreckendes Ergebnis, an dem mit Sicherheit die Corona-Politik der Bundesregierung und leider auch die sogenannten „Mainstreammedien“ nicht ganz unschuldig sind. Es war ein schwerwiegender Fehler, von Beginn an Menschen mit anderen Ansichten oder auch nur Zweifeln an den Maßnahmen der Regierung in eine Ecke zu stellen und aus der öffentlich-rechtlichen Meinung zu verbannen. Anstatt sich ausführlich zu erklären, das Bemühen zu bekräftigen, bestmöglich zu handeln, ohne Irrtümer ausschließen zu können, weil unsere moderne Welt erstmalig mit solch einer Situation konfrontiert war, tat die Regierung so, als sei ihr Weg der einzig richtige und duldete wenig Widerspruch. Gebetsmühlenartig wurden die Aufforderungen zur Impfung wiederholt, ohne auch nur einen der Zweifelnden zu erreichen. Und die Medienlandschaft folgte ziemlich einstimmig. Dabei hätte die Regierung versuchen müssen, mit Argumenten zu überzeugen, anstatt andere Meinungen als unerwünscht abzustempeln. Denn die Entwicklung, die so ins Rollen gebracht wurde, lässt sich jetzt nicht mehr stoppen.

Alle, die mit ihren Ängsten und Ansichten von den klassischen Medien übergangen wurden, haben andere Kanäle gesucht und gefunden. Und bei vielen ist die Überzeugung gewachsen, sie würden von den „Mainstreammedien“ sowieso nur belogen oder Informationen würden sogar im Sinne der Regierung zurückgehalten. Was wiederum bedeutet, dass inzwischen nicht nur Informationen zu Corona in Frage gestellt werden, sondern auch zu ganz anderen Themen, wie das Phänomen der neuen Putinversteher*innen zeigt. Viele Menschen haben so ein Misstrauen entwickelt, dass sie generell alle Informationen anzweifeln und uns eben solch einer Propaganda ausgesetzt sehen, wie wir sie Putin vorwerfen. Eine tragische Entwicklung, denn die neuen Kanäle nutzen ihre Macht. Verrückt? Bedingt. So wie die meisten von uns dem Einfluss der Algorithmen der Mainstreamfilterblase unterliegen, finden andere in ihrer Blase die immer gleichen Informationen, die sie in ihrer neuen Weltauffassung bestärken. Und hat man diese Brille erstmal auf, lässt sich vieles umdeuten, was zuvor völlig normal erschien.

Nun könnte man es sich leicht machen und die Ansichten dieser Menschen als Verschwörungstheorien abtun. Aber so einfach ist es nicht. Denn es stellt sich eben auch mal heraus, dass unpopuläre wissenschaftliche Erkenntnisse der „Querdenkerszene“ doch nicht so falsch waren, wie anfangs dargestellt, wenn sie Monate später in den klassischen Medien erscheinen, wodurch sich wiederum Nutzer*innen alternativer Medien in ihrem Misstrauen betätigt fühlen. Es ist eben nicht alles falsch an den Bedenken gegenüber den Maßnahmen der Regierung gewesen, wie sie von verschiedenen Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Wissenschaftler*innen vorgebracht wurden. Von Menschen, die keineswegs Corona leugneten, sondern Angst vor unbekannten Impfnebenwirkungen hatten, die dachten, dass die Maßnahmen schlimmere Spätfolgen für die Gesellschaft haben könnten als der Tod schwer erkrankender Menschen oder von Frauen, die schlichtweg Sorge um ihre ungeborenen Kinder hatten. Diese vollkommen unterschiedlichen Menschen wurden schnell unter dem Begriff Querdenker zusammengefasst, anstatt sich mit ihren individuellen Beweggründen gegen eine Impfung auseinanderzusetzen und sie vor allem ernst zu nehmen.

Als halbwegs sorgloses Mitglied des Mittelstandes fällt es im Allgemeinen nicht schwer, mit den politischen Entscheidungen unserer Regierung mitzugehen. Es gefällt uns nicht alles, man motzt mal hier und da, aber solange man nur bedingt an die Grenzen seiner persönlichen Freiheit und Möglichkeiten stößt, lasst es sich sehr gut in diesem Deutschland leben. Wer dagegen immer wieder an Grenzen stößt, wessen Lebenssituation sich nicht verbessert, obwohl er oder sie sich abstrampelt, egal wer gerade an der Regierung ist oder wer sich- wie in der Pandemie- zu Maßnahmen gezwungen sieht, die ihm zutiefst widerstreben, beginnt allerdings, seinen Blick zu verändern. Er oder sie ist nicht mehr bereit, Fehlentscheidungen zu verzeihen, sondern merkt sich nicht eingehaltene Versprechungen, persönliche Bereicherung von Politiker*innen, Lügen und Täuschung. Und hält Deutschland vielleicht am Ende sogar für eine Scheindemokratie, als Ausdruck der eigenen Ohnmacht, nichts an der gegenwärtigen Situation verändern zu können.

Es ist eine Mammutaufgabe für unsere Demokratie, dies wieder zu verändern. Sich auf gemeinsame Werte und Erfahrungen zu besinnen und wieder Vertrauen aufzubauen. Wieder einen gemeinsamen Weg zu finden, weg vom Schwarz und Weiß, Gut und Böse, richtig und falsch. Die Perspektive des anderen einzunehmen, um seine oder ihre Wahrheit zu verstehen und darüber reden zu können. Die Algorithmen der Sozialen Medien müssten endlich so verändert werden, dass allen Menschen alle Informationen zur Verfügung stehen und nicht nur die, die sie in ihrer Meinung bestätigen. Dafür bedürfte es aber ganz neuer Geschäftsmodelle. Solange Zeit Geld bedeutet und User an den Geräten gehalten werden müssen, werden die Firmen uns immer vorsetzen, was wir lesen wollen.

Vor einiger Zeit haben meine Freundin und ich wieder telefoniert. Es war anstrengend, wir haben diskutiert und gerungen, bei manchen Themen Konsens gefunden, bei anderen ging kein Weg zusammen. Aber nur so wird es gehen. Hinterfragen, überzeugen, auseinandersetzen. Vielleicht muss unsere Gesellschaft wieder lernen, zu diskutieren und es auch aushalten, wenn man nicht zusammenkommt. Hauptsache im Gespräch bleiben- das haben wir beiden uns ganz fest vorgenommen.

2 Gedanken zu „Warum Querdenker manchmal auch Putin verstehen – Folgen der deutschen Corona Politik

  1. Ich denke Etikettierungen helfen nicht weiter. Querdenker, Putinversteher*in, Mainstream, Impfverweigerer*in, Schlafschafe….haben wir so gelernt und am besten hören wir damit schnell wieder auf.

    Wie hat sich diese Entwicklung in 2 Jahren noch zuspitzen können?
    Mein Erleben (privat und beruflich im Gesundheitsbereich): mit Polemik und Hassbotschaften von politischer Seite wurde gegen einen großen Teil der Gesellschaft gehetzt, unbegründet, ohne ausreichende Evidenz auf dem Boden unzureichender Rechtsstaatlichkeit. Diffamiert, ausgegrenzt, beschimpft. Diese Menschen – fernab von Extremisten, Staatsfeinde, etc. (im Gegenteil) – fühlen sich nicht mehr ausreichend vertreten, verständlicherweise. Nicht – Betroffene haben, so wie ich beobachte, nur sehr bedingt eine Vorstellung davon, was die Menschen ohne Impfung ertragen mussten und was die Sündenbockpolitik mit ihnen gemacht hat. Das ist nur sehr schwer wieder gut zu machen. Mit einem „Schwamm drüber“ ist es nicht getan. Und zu dieser Gruppe gesellen sich die Menschen, die ohnehin verschiedene Maßnahmen widersinnig und völlig am Ziel vorbei angesehen haben. Das ist summa summarum keine Minderheit. Sie speist sich auch aus einem beträchtlichen Anteil aus der Mittelschicht und aus dem ehemals links-grünen Milieu. Die professionellen Abgewanderten tummeln sich nun auch in den Alternativen Medien, wo sie ihre alten Werte wieder diskutieren können; man findet sie dann unter den „rechten Schwurblern“. Auch wenn sich diese äußerst dämliche und gleichzeitig gefährliche Labelung langsam abnutzt, bleibt sie eine zynische Ironie und ein Versuch von Aushebelung demokratischer Strukturen.

    „Corona-Gruppierungen“ kann ich den „Kriegs – Lagern“ nicht unbedingt zuordnen. Entsetzt zu sein über deutsche Kriegstreiberei, Waffenlieferungen, blinde Solidarität und gleichzeitig Putin als martialischen Aggressor anzusehen, geht gut zusammen. Da stimmen auch Corona- Massnahmenkritiker zu.

    Demokratie muss andere und auch unliebsame Meinungen aushalten und ernst nehmen, auch und besonders in einer andauernden Krise. Unterschiedliche Lebensweisen und Haltungen brauchen Respekt und Akzeptanz im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit. Und selbstverständlich darf auch in einer Demokratie ein medizinischer Eingriff abgelehnt werden ohne willkürliche Konsequenzen erfahren zu müssen, vorallem unter derzeitigen Umständen. Diese persönliche Entscheidung muss auch niemand verstehen. Demokratie funktioniert m. E. nicht mit Überhöhungen indem überzeugt werden will. Sie gelingt nur auf Augenhöhe. BuntSein und Vielfältigkeit sind zwar in aller Munde, werden aber nach meiner Erfahrung widersprüchlich und inkonsequent gelebt.

    Gelitten hat in den letzten 2 Jahren nicht nur das Ansehen der Politiker*innen durch Inkompetenz, infantiler Charakterzüge, Rechthaberei und Korruption sondern auch die Redlichkeit der Ärzteschaft und der Juristerei, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft und das Niveau der öffentlich-rechtlichen Medien. Ein Zurück in diese alte Blase ist nicht mehr möglich…

    • Ich danke dir für deine sehr differenzierten Worte, die ich so als „Nichtbetroffene“ nie hätte finden können. Du hast Recht, man sollte sich all dieser Begriffe, die Schubladen zuweisen, erst gar nicht bedienen. Ich hoffe trotz all dieser negativen Erfahrungen auf eine Versöhnung der Gesellschaft. Ein Zurück in die alte Blase ist nicht möglich, aber hoffentlich die Gestaltung einer neuen, gemeinsamen. Ich denke, bei allen Verletzungen ist es wichtig, zu sehen, was uns unsere Demokratie für Möglichkeiten bietet. Aufarbeiten, was schief gelaufen ist und auf dem Fundament unserer Werte wieder neu aufbauen, lässt hoffentlich wieder Raum für alle Menschen. Das wünsche ich mir.

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