Buchtipp: Alle, außer mir

Alle, außer mirWelche Assoziationen habt ihr zu „Italien“?

Bei mir sind das neben der aktuellen Politik noch immer Berlusconi, die Mafia und das gute alte Dolce Vita – Sonne, Strand, Vespa und Meer satt. Von einer ganz anderen, eher unbekannten Seite der italienischen Geschichte erzählt Francesca Melandri in ihrem Roman „ Alle, außer mir“. Eines Tages klingelt der junge Äthiopier Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti an der Tür der Lehrerin Ilaria und behauptet, ihr Neffe zu sein. Da ihr Vater, Attilio Profeti, der inzwischen an Demenz leidet, bereits einen unehelichen Sohn hat und lange Zeit ein Doppelleben geführt hat, beginnt Ilaria zusammen mit ihrem Halbbruder in der Vergangenheit ihres Vaters zu recherchieren. Dieser war tatsächlich ab 1935 als Schwarzhemd während der Eroberung  durch die faschistischen Truppen Mussolinis und in den Jahren danach in Äthiopien und während Shimeta von seiner Fluchtgeschichte von Äthiopien nach Italien unter unmenschlichen Umständen, von Willkür und Ablehnung italienischer Behörden berichtet, wird immer wahrscheinlicher, dass dessen Behauptung über seine Herkunft wahr ist. Wir erfahren unterdes vom Wahnsinn der Kolonialisierung, vom Abschlachten, vom Sieg der Italiener durch den völkerrechtswidrigen Einsatz von Senfgas, von Massenvergewaltigungen und Misshandlungen und all das mit der Rechtfertigung von Rassengesetzen, den minderwertigen Völkern die italienische Kultur zu schenken und das Sklaventum zu beenden. Denn in Äthiopien betrachteten die Amharen die Oromo als minderwertig und unterdrückten diese. „Sangue giusto“ heißt der italienische Titel des Buches und darum geht es in diesem Roman, das „richtige“ Blut. Liest man im Jahr 2019 von diesen Gräueltaten, fragt man sich, wie man überhaupt jemals auf die Idee kommen konnte, einfach so in ein Land einzumarschieren und es zu erobern. Es erscheint so absurd. Aber auch diese Entwicklung hat natürlich ihren Ursprung weit vorher. Italien war bei der Eroberung von Kolonien spät dran und auch die Italiener wollten sich ihren Platz an der Sonne sichern. Attilio Profeti jedenfalls, dem als stattlichen, gut aussehenden Mann oft die Gunst der mächtigen Faschisten zu Teil wurde, gelingt es, auch in den Jahrzehnten danach seine Chancen zu nutzen und sich ungeschoren durch sein Leben zu lavieren, was eng mit der weiteren Entwicklung der italienischen Politik verbunden ist. Was mich wirklich erschreckt hat, ist, wie wenig ich von der Kolonialisierung durch die europäischen Staaten, Deutschland eingenommen, wusste und wie wenig sie allgemein thematisiert wird und somit auch die europäische Verantwortung für die Geschichte gerade vieler afrikanischen Länder klein gehalten wird. In „Alle, außer mir“, treffen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Es wird mal wieder klar, dass alles miteinander verwoben ist und wir nicht nur Bruchstücke betrachten können, um uns ein gesamtes Bild vor Augen zu rufen. Ein wirklich beeindruckender Roman.

Wer mehr erfahren möchte, findet hier ein Interview mit Franceca Melandri.

Und ebenfalls bei Deutschlandfunk mehr Hintergründe zur Eroberung Äthiopiens.

Francesca Melandri, „Alle, außer mir“

ISBN 9783803132963 Verlag Wagenbach

 

Buchtipp: „Niemandsland“

niemandsland„Niemandsland“ von Caroline Brothers beginnt sperrig. Der dreizehnjährige Aryan und sein achtjähriger Bruder Kabir versuchen gemeinsam mit anderen Flüchtlingen über den Evros nach Griechenland zu gelangen. Hinter ihnen liegt schon eine endlos lange Reise von Afghanistan über den Iran in die Türkei, allein auf sich gestellt, da die Eltern und ein älterer Bruder getötet wurden. Caroline Brothers, die sich als investigative Journalistin und anderem für die New York Times, viele Jahre mit Migration und Flüchtlingsströmen beschäftigt hat, schildert absolut realistisch und detailliert die Flucht zweier Kinder und was sie beschreibt, raubt einem den Atem. Alle Informationen und Bilder, die ich in den letzten Jahren zum Thema Flüchtlinge gesammelt habe, setzen sich wie ein Puzzle zusammen und finden sich auf grausame und menschenunwürdige Weise bestätigt. Ausbeutung und Versklavung auf Obstplantagen, Treffpunkte von Landsmännern in Stadtparks, Lager aus Pappkartons im Winter, durchlaufene Schuhe, die Skrupellosigkeit von Schleppern, Mißhandlung und Polizeigewalt. Und mittendrin zwei Kinder, die sich gegenseitig Kraft geben und am Leben halten und diesen Wahnsinn zusammen durchmachen. Aryan, der nach besten Kräften versucht, für sich und den kleinen Bruder die richtigen Entscheidungen zu treffen und Kabir, der mit seinem unbedarften, fröhlichen Wesen Herzen öffnet. In dessen Gesicht die Männer auf der Flucht ihre Kinder oder Brüder wiederfinden, die sie zurücklassen mussten. Die Geschichte vom „Niemandsland“ ruft ein fast schmerzendes Bewusstsein für das Unrecht hervor, das Menschen auf der Flucht widerfährt, dass sich nicht mehr so einfach wegschalten lässt. Es sind eben nicht mehr nur „die Flüchtlinge“, es sind jetzt Aryan, Kabir, Hamid, Jonah oder Khaled, die diese unerträglichen Zustände aushalten müssen. Eigentlich hatte ich das Buch als Jugendbuch gekauft, wir haben es dann aber zusammen gelesen und das war auch gut so. Caroline Brothers hat eine Geschichte aus vielen Fluchtgeschichten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aufgezeichnet. Wer sie liest, wird nicht mehr mit Parolen gegen Flüchtlinge hetzen können, sondern ihnen mit Verständnis begegnen. „Niemandsland“ ist auch ein Buch für Erwachsene gegen die Gleichgültigkeit auf dieser Welt.

„Niemandsland“ von Caroline Brothers

Bloomsbury Verlag  ISBN 978-3-8270-1057-5

Buchtipp: „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen

In den letzten Monaten sind mir so viele gute Bücher untergekommen, dass ich langsam einen Bücherblog bestücken könnte. Naja, dazu würde es vermutlich nicht ausreichen, aber das ein oder andere Werk möchte ich gerne mit Euch teilen.

Anfangen möchte ich mit „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen. Dieser Roman erzählt die Geschichte des kleinen friesischen Dorfes Brinkebüll und seiner Bewohner, beginnend in den 60er Jahren.

mittagsstunde

Da gibt es beispielsweise Dora Koppmann, die den Dorfladen führt und sich gerne „über die Gören mit den klebrigen Gesichtern und den Grabbelfingern“ ärgert. Oder den Dorflehrer Steensen, der auch mal einen „Dööskopp“ und ein „nichtsnutziges Stück Kind“ im Unterricht züchtigt und von dem sich keiner vorstellen kann, dass er jemals etwas anderes als Lehrer gewesen sein könnte. Oder auch Marret Ünnergang, von der niemand weiß, warum die so „verdreiht“ ist und die lieber über Trampelpfade streunt und Schneckenhäuser und andere Fundstücke sucht, als der Mutter in der Dorfwirtschaft zu helfen.

Der Roman erzählt vom Dorftrinker, dem Pastoren, den Bauern, der Bäckersfamilie und allen anderen „Dörpsmenschen“ und von Ingwer Feddersen, der in eben dieses Dorf hineingeboren wird, es aber als einer der wenigen auch wieder verlässt, weil er zunächst die höhere Schule besucht, um nach dem Abitur in Kiel Archäologie zu studieren und dort zu bleiben. Er lebt dort in einer freigeistigen Wohngemeinschaft, mit Ranghild, rebellischer Tochter aus gutem Haus, mit der er auch manchmal das Bett teilt, und Claudius, großspurigem Spross einer Juristenfamilie.

Ingwer, der sich aufgrund seiner Herkunft den Akademikern aus gutem Haus nie ganz zugehörig gefühlt hat, merkt mit knapp 50, dass er sich nach Verbindlichkeit und Zugehörigkeit sehnt und diese in seinem jetzigen Leben nicht findet. Er möchte herausfinden, wo er hingehört und beschließt ein Sabbatical zu nehmen und nach Brinkebüll zurückzukehren, um Ella und Sören Feddersen zu pflegen, die ihn großgezogen haben. Sören, der, inzwischen 92 Jahre alt, noch immer, je nach Tagesform mit oder ohne Rollator, hinter dem Tresen der in die Jahre gekommenen Dorfschenke steht, hat es Ingwer immer übel genommen, dass er das Dorf verlassen hat, anstatt seine Nachfolge anzutreten. „Ha! Op de hoge School!“, zu den „Studierern“, waren seine Kommentare zum Lebensweg des Jungen. Die Szenen, in denen Ingwer Feddersen nun seine Zieheltern einfühlsam pflegt, haben mich sehr berührt.

Dörte Hansen beschreibt liebevoll und plastisch die knorrigen Charaktere Brinkebülls, bestückt mit plattdeutschen Ausdrücken, die die Personen noch lebendiger machen. Sie erzählt von den ungeschriebenen Gesetzen, die das Dorfleben regeln, vom Wegschauen, Vertuschen und Zusammenhalten. Die Autorin verdeutlicht aber auch beeindruckend den Wandel des dörflichen Lebens durch Flurbereinigungsmaßnahmen, den Ausbau von Straßen und die Optimierung landwirtschaftlicher Betriebe. Vom ursprünglichen Dorfleben ist nicht mehr viel übrig, als die ersten Großstädter beginnen, draußen auf dem Land ihr Glück zu suchen.

Ein intensiver und trotzdem leichtfüßiger Roman!

 

Dörte Hansen, „Mittagsstunde“

Penguin Verlag  ISBN: 978-3-328-60003-9

Buchtipp für lange Winternächte

Suleika_öffnet_die_AugenSuleika_rück

Endlich ist es draußen kalt genug, um Euch diesen Roman zu empfehlen. Denn ich finde, man sollte ihn am Besten lesen, wenn es draußen pfeift und schneit und so richtig ungemütlich ist. Denn der Roman „Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina beginnt in einem eisigen Januar in der Taiga. Die junge Tatarin Suleika lebt dort in einfachsten Verhältnissen mit ihrem weit älteren Mann und dessen herrischer Mutter. Beide behandeln sie menschenunwürdig und erniedrigen sie, wo immer es geht. Suleika arbeitet Tag und Nacht und nachdem ihr vier Kinder im Säuglingsalter gestorben sind, erwartet sie mit ihren dreißig Jahren nichts mehr vom Leben. Als Suleikas Mann im Zuge der Entkulakisierung unter Stalin in den 1930er Jahren erschossen und sie nach Sibirien zwangsumgesiedelt wird, nimmt ihr Leben eine völlig unerwartete Wende. Auf der beschwerlichen, langen Reise quer durchs Land, begegnet sie erstmals ganz anderen Menschen, als sie sie jemals zuvor getroffen hat, wie zwangsenteignete Intellektuelle aus Moskau. Sie muss erleben, wie zahlreiche Mitreisende sterben. Die Enge während des Transports, die Willkür der Befehlshaber und die Zufälle, die letztlich über Leben und Tod entscheiden, erzählt Gusel Jachina einfach packend. Als Suleika merkt, dass sie erneut schwanger ist, fasst sie neuen Mut, überleben zu wollen. Die Situation der Deportierten nach ihrer Ankunft  in der zu besiedelnden, noch unerschlossenen und völlig unwirtlichen Gegend, in der nicht einmal das nötigste Werkzeug zur Verfügung steht, um sich ein Dach über den Kopf zu bauen, scheint nicht weniger hoffnungslos. Jede falsche Entscheidung des Lagerkommandanten bedeutet für alle den sichereren Tod, da sich die Zwangsumgesiedelten mehr oder weniger selbst überlassen sind. Der Roman basiert auf historischen Tatsachen. So wurden etwa zwei Millionen Menschen in dieser Zeit deportiert, an die 600000 Menschen überlebten die Zwangsumsiedlung nicht, sei es, dass sie an Krankheiten oder Hunger starben oder getötet wurden. „Suleika öffnet die Augen“ erzählt in verschiedensten Ebenen von den politischen Geschehnissen bis hin zu einer Liebesgeschichte. Ein sehr spannender, vielfach ausgezeichneter Gesellschaftsroman für raue Wintertage!

 

„Suleika öffnet die Augen“ von Gusel Jachina

ISBN: 978-3-351-03670-6     Aufbau Verlag

Buchtipps für junge Wissenschaftler

Lucy und Stephen Hawking

Wie bereits erwähnt, ist es bei meinem Großen nicht immer ganz leicht, die Lektüre zu finden, die vor seinen Augen Gnade findet. Zum Glück bin ich irgendwann auf die Kinderbücher „Die unglaubliche Reise ins Universum“ und „Der geheime Schlüssel zum Universum“ gestoßen, die Stephen Hawking zusammen mit seiner Tochter Lucy geschrieben hat. Genial verbinden sie Abenteuergeschichten mit Sachwissen auf dem aktuellen Stand der Planetenforschung. So finden sich in den Kapiteln immer wieder Fotografien und Bilder aus dem Weltall, sowie Fakten und Wissenswertes rund um die Raumfahrt. Wären die Geschichten nicht gut geschrieben, würde das allein mein Kind sicher nicht begeistern können. Aber hier stimmt das Gesamtpaket. Für alle, die auf unterhaltsame Weise mehr über unser Universum erfahren möchten.

Altersempfehlung: Ab 10 Jahre

Der geheime Schlüssel zum Universum (Band 1)

ISBN: 978-3-570-21953-9  cbt Verlag

Die unglaubliche Reise ins Universum (Band 2)

ISBN: 978-3-570-22254-6  cbt Verlag

Die Vorstadtkrokodile

VorstadtkrokodileObwohl die „Vorstadtkrokodile“ bereits Ende der 70er geschrieben wurden und das Buch schon in meiner Kindheit erfolgreich war, habe ich es jetzt erst kennengelernt, als ich es meinen Jungs vorgelesen habe. Und nach den ersten Seiten dachte ich ehrlich gesagt nicht, dass es ihnen gefallen würde. So wie uns viele der Vorabendserien unserer Kindheit inzwischen fast wie in slow motion erscheinen, beginnt auch dieser Roman äußerst entschleunigt und hat erst mal mit dem Leben der meisten Kinder heute wenig gemein. Die Krokodiler, wie sich die Kinderbande selbst nennt, leben in einer Siedlung im Ruhrpott in eher einfachen Verhältnissen. Die Eltern der Kinder arbeiten Schicht oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht und müssen zusehen, dass das Geld bis zum Ende des Monats reicht. Statt also in den Verein oder zum Musikunterricht zu gehen, verbringen die Kinder ihre Nachmittage im nahe gelegenen Wäldchen und in der alten Ziegelfabrik. In der Nachbarschaft wohnt auch Kurt, der im Rollstuhl sitzt. Als es zu einer Einbruchsserie in der Siedlung kommt, macht er eine wichtige Beobachtung. Obwohl sich die Krokodiler anfangs dagegen sträuben, Kurt in ihre Bande aufzunehmen, gehen sie schließlich gemeinsam auf Einbrecherjagd. Max von Gruen hat dieses Buch für seinen körperbehinderten Sohn geschrieben, der ebenso wie die Romanfigur Kurt zwar körperlich benachteiligt ist, dafür aber sehr clever und aufgeweckt. Er wollte mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, dass auch ein behindertes Kind dazugehören kann, wenn die Gesellschaft offen ist und bereit, neue Wege zu gehen. So entstand dieser Roman als wichtiges Werk zum Thema Inklusion, lange bevor dieser Begriff in aller Munde war. Ich musste das Buch dann tatsächlich in einem Rutsch auf einer langen Fahrt vorlesen und sowohl mein 3.- als auch  mein 8.- Klässler waren total begeistert. Und ich bin froh, dass ich diesen Klassiker endlich kennengelernt habe.

„Vorstadtkrokodile“ von Max von Gruen

cbj-Verlag, ISBN 978-3-570-21665-1

mehr unter: Die Vorstadtkrokodile

Buchtipp: „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Das Lächeln meines unsichtbaren VatersIch gebe es zu, ich hatte am Anfang nicht viel Lust auf diese Vater-Sohn-Geschichte, hatte ich doch erst vor einigen Monaten ein Buch mit einem ähnlichen Plot gelesen. Aber dann hat sie mich wirklich begeistert und tief berührt und ich möchte sie euch schwer ans Herz legen. Dmitrij Kapitelman, kurz Dima, ist der Sohn eines Juden. In Kiew geboren, kommt er mit etwa acht Jahren in ein Flüchtlingsheim nach Ostdeutschland, nachdem seine Eltern eigentlich nach Israel auswandern wollten und sich dann kurzerhand doch umentschieden. So landet er in Grünau-Ost, einem Stadtteil in Leipzig, der fest in der Hand der Nazis ist. Dimas Kindheit gleicht einem Spießrutenlauf und sein einst so lebenslustiger Vater zieht sich immer weiter in sich zurück, bis er fast unsichtbar wird. Dmitrij, der inzwischen in Berlin lebt und zu einem weltoffenen jungen Mann herangewachsen ist, beschließt mit Mitte 20, mit seinem Vater nach Israel zu reisen, in der Hoffnung, dass sich der Vater ihm dort wieder zeigen würde. Es geht ihm aber nicht nur um seinen Vater, er sucht auch Antworten für seine Lebensthemen. Bin ich Jude, nur weil mein Vater Jude ist? Obwohl wir beide nicht gläubig sind? Ist es seinem Vater, der die Menschen liebt und Dimas muslimischen Freund Kalil ins Herz geschlossen hat, wirklich ernst, wenn er über die Araber schimpft? In Israel und bei seinem Besuch in den Palästinensischen Autonomiegebieten sieht sich Dima mit einer großen Ambivalenz an Gefühlen konfrontiert, einer großen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, sich nicht für seine Herkunft rechtfertigen zu müssen, aber auch mit Ängsten und Vorurteilen, denen er sich stellt. Und ich finde, ihm gelingt, was im Nahostkonflikt nur wenigen möglich scheint, er differenziert. Dinge, die unvereinbar scheinen, dürfen sein. Widersprüche, Grautöne, Unverständnis, Verständnis, Verwirrung und Klarheit. Er stellt sich seinen Ängsten und Sehnsüchten gnadenlos und teilt diesen Prozess mit seinen Lesern. Dabei versteht auch jemand wie ich, der keinen sogenannten Migrationshintergrund hat, wie wichtig das Thema Identität ist. Ein Buch zum Mauern einreißen. Die letzten Seiten haben mich dann noch mal sehr nachdenklich gemacht. Dima kehrt nach Deutschland zurück, wo sich inzwischen die Stimmung weiter gegen Flüchtlinge wendet und die Rechtspopulisten immer mehr Zulauf finden.

 

„Weißt du, vor wem ich Angst habe?“

„Vor wem?“

„Vor den deutschen Nazis. Gar nicht mal so sehr vor den Schlägern. Was ist, wenn sie viel mehr stille Unterstützer haben, als bisher gedacht? In der Bevölkerung, bei den Behörden. Der ganze Hass, er war nie weg. Als ob Grünau niemals aufhört. Papa, vielleicht ändert sich wirklich nichts in diesem Land.“ (Zitat)

 

Ich fürchte, da liegt viel Wahres drin, wenn man die Stimmungsmache dieser Tage verfolgt. Überall Parolen statt konstruktiver Lösungsvorschläge. Umso wichtiger, klare Kante zu zeigen gegen Rechts. Ein beeindruckendes Buch für alle, die sich für die Zwischentöne von Migration, Religion und Nahostkonflikt interessieren.

Dmitrij Kapitelman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Verlag: Hanser Berlin   ISBN 978-3-446-25318-6

 

Buchtipp: Am Ende bleiben die Zedern

Heute finden nach fast zehn Jahren Parlamentswahlen im Libanon statt. Ein neues Wahlgesetz ermöglicht erstmals auch unabhängigen Kandidaten, die sich nicht über ihre Religionszugehörigkeit definieren, mehr Chancen. 66 von 1000 Kandidaten treten als unabhängig an. Das ist eine neue Bewegung gegen das Establishment. Im Libanon leben 18 anerkannte religiöse Gruppen, die Macht wurde bisher nach strengen Regeln zwischen verschiedenen Vertretern aufgeteilt. Dabei werden beispielsweise die Schiiten vom Iran unterstützt, die Sunniten von Saudi Arabien, es gibt Einflussnahmen von Syrien und Israel. Warum ich mich dafür interessiere? Weil ich gerade erst den Roman „Am Ende bleiben die Zedern“ von Pierre Jarawan gelesen habe. Eine berührende Familiengeschichte, in der man viel von diesem gespaltenen Land erfährt, von seiner Schönheit, seinen Konflikten und Kriegen. In der man einen Eindruck davon bekommt, wie schwierig es sein kann, Geschichte festzuschreiben, in einem Land in dem es so viele unterschiedliche Glaubensrichtungen, Parteien und Sichtweisen gibt. Es bleiben mehr Fragezeichen als Antworten zurück. Was ich aber verstanden habe, ist, dass eine Lösung der politischen Führung von der Religion ein ganz wichtiger Schritt in eine gute Richtung sein könnte.

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Pierre Jarawan   „Am Ende bleiben die Zedern“

Berlin Verlag         ISBN: 978-3-8270-1302-6

Hello 2018

Heute ist der letzte Tag meiner kleinen Winterpause. Jetzt gilt es wieder, die Trägheit der Feiertage, das lange Schlafen und das Sich-treiben-lassen aus dem Fell zu schütteln, wie ein nasser Hund das Wasser nach dem Sprung in den See. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich auf den Alltag freue, aber genauso wie sich eine schöne Reise meist schon nach ein paar Tagen wieder sehr lang her anfühlt, ist der Schweinehund schnell überwunden und alles läuft ganz normal.
Und es schmilzt

Was ich natürlich auch sehr vermissen werde, ist meine Lesezeit und die habe ich diesmal unter anderem mit der Lektüre von Lize Spits „Und es schmilzt“ verbracht. Und ich habe lange überlegt, ob ich Euch das Buch empfehlen soll. Denn es ist schrecklich. Und es ist großartig. Und es hat mich nächtelang verfolgt, was weniger schön war. Lize Spit schreibt so, dass man kaum glauben kann, dass sich diese junge Frau das nur ausgedacht hat. Die Handlung läuft so glaubhaft auf diesen einen Tag zu, an dem das Schreckliche passiert, dass man ihm schon lange entgegenbangt und sich dem Zuschauen dennoch nicht entziehen kann. Der Roman handelt von der Freundschaft zwischen Eva, Laurens und Pim, die in einem kleinen belgischen Dorf aufwachsen und gemeinsam unterrichtet werden. Eva lebt mit ihrer kleinen Schwester Tesje und ihrem großen Bruder Jolan bei den alkoholabhängigen Eltern. Während Tesje immer mehr Zwangshandlungen entwickelt und in die Magersucht flieht, gelingt es Eva und ihrem Bruder, ein halbwegs normales Leben zu führen. Die Freundschaft zu ihren beiden Freunden ist Eva ein wichtiger Anker. Um so schwieriger wird es, als sich die drei langsam zu Teenagern entwickeln und die Unterschiede immer offensichtlicher werden. Um ihre Freunde nicht zu verlieren, lässt sich Eva auf ein Spiel ein…

Die Autorin beschreibt die Protagonisten und ihr Umfeld so präzise, dass man alles vor sich sieht, den chaotischen Garten von Evas Familie voller unvollendeter Projekte, den Bauernhof mit den Stallungen und der Jauchegrube von Pims Familie und den Schlachtbetrieb von Laurens Eltern, wo sich die Kinder abwechselnd treffen. Man sieht die Koppeln und die Dorfkerwa, die Dorfstrassen und den Gemeindesaal und genau deshalb schafft es Lize Spit, den Leser bis ins Mark zu erschüttern.

So, sagt nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt! Einen guten Start ins neue Jahr.

Eure Ella

Lize Spit „Und es schmilzt“    ISBN 978-3-10-397282-5    Verlag:  S.Fischer

Ella denkt nach: Weihnachten und so

Weihnachten2017_meedchenwargesternEs wurde dann doch noch irgendwie weihnachtlich mit rekordverdächtigen drei Weihnachtsmarktbesuchen, drei Weihnachtsfeiern inklusive reichlich Frieren und Glühwein Trinken, einmal reichlichem Schneefall, einem Adventskonzert und einem Adventsgottesdienst. Wow, so eine Adventszeit hatte ich vermutlich noch nie. Das Schönste daran war, dass wir auch als Familie etwas Zeit gefunden haben, zusammen zu sein und es irgendwie allen ganz gut geht miteinander. Ist ja nicht immer so. Das persönliche Umfeld wird umso wichtiger, je schwieriger die äußeren Umstände sind. Noch nie wurde ich bei Erstbegegnungen mit Menschen mit so vielen Stammtischparolen konfrontiert wie in den letzten Monaten. Wo man sich sonst über das Wetter oder den letzten Restaurantbesuch unterhalten hat, geht es jetzt um Muslime, Trump oder den Nahen Osten. Auf einmal sehe ich mich mit Worten ringen, um Plattitüden etwas entgegenzusetzen. Manchmal ist es gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden, um zu entkräften, was man für falsch hält. Damit möchte ich mich im neuen Jahr mehr auseinander setzen, damit nicht nur „die“ ihre Argumente vorne auf der Zunge tragen, sondern auch ich. Ich möchte mehr Argumente parat haben, wenn es um diese armselige deutsche und europäische Flüchtlingspolitik geht, für die ich mich zutiefst schäme. Die Geflüchtete zu Tausenden unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern in Griechenland einpfercht, wo sie nichts tun können, als monatelang darauf zuwarten, wie es weitergeht. Die Bündnisse mit zweifelhaftesten Bündnispartnern eingeht. Die asylsuchenden Schülern potentielle Ausbildungen nicht genehmigt und denen, die sich integrieren wollen und deren Unterstützern, einen Stein nach dem anderen in den Weg legt. Die Politik hat sich von den Rechten in immer populistischere Positionen drängen lassen, anstatt Kante zu zeigen. Rechtes Gedankengut ist wieder salonfähig geworden. So jetzt denkt ihr, was ist denn das, ein bisschen Weihnachtsharmonie und dann zum Gegenschlag ausholen? Ja. Leben ist doch Beides. Ich freue mich auf die kleine Weihnachtspause und den Rückzug aus dem Trubel dieses Lebens. Aber dann geht`s doch wieder weiter, oder? Mit neuer Energie auf sie mit Gebrüll! Und dazu hilft es auch, die Lungen bei andächtig weihnachtlichem Gesang zu weiten.

 

Der Last Minute Buchtipp:

 

mit Rechten reden„Mit Rechten reden“ – Ein Leitfaden

heißt ein Buch, das sich damit auseinandersetzt, wie man den Argumenten der Rechten ( und Linken) begegnen kann, ohne sofort gegen die Wand zu fahren.“

Von Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn

ISBN: 978-3-608-96181-2 Verlag: Klett – Cotta

Buchtipp: Die Erfindung des Lebens

Die Erfindung des LebensWas geschieht mit einem Kind, das fast isoliert mit seiner Mutter in einer Kölner Wohnung aufwächst? Die andere Menschen meidet und nicht spricht, da sie aufgrund eines Traumas verstummt ist. Das Kind spürt, dass da etwas gewesen sein muss, aber man spricht nicht mit ihm darüber. Und so spricht auch das Kind nicht und die beiden leben symbiotisch zusammen, einander ohne Worte verstehend. Erst das beherzte Eingreifen des Vaters rettet das Kind aus seiner Isolation und nach und nach versucht es, sich und seinen Weg zu finden. Doch dieser Lebensbeginn klingt immer nach, auch dann noch, als er als junger Mann nach Rom ans Konservatorium geht, um Pianist zu werden und noch viel später, als er seine wahre Berufung erkennt. Ein faszinierender Roman von Hanns-Josef Ortheil, der weit über die letzte Seite anhält.

„Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil

Verlag btb   ISBN 978-3-442-73978-3

Buchtipps für lesefaule Jungs

Bei meinem großen Sohn ist das Lesen kein Selbstläufer. Entweder lande ich einen Volltreffer und das Buch wird binnen 24 Stunden verschlungen oder aber mein Kind fängt – im blödsten Fall- erst gar nicht damit an, weil ihn beispielsweise das Cover nicht anspricht. Ich kenne das durchaus auch von mir, muss ich gestehen. Zu den Verschlungenen des vergangenen Jahres zählen die Bücher der Bodyguard- Reihe von Chris Bradford – nein, das hat überhaupt nichts mit Kevin Costner zu tun. Da geht es um einen 14-jährigen Bodyguard, der mal die Tochter des amerikanischen Präsidenten, mal den Sohn eines millionenschweren Oligarchen oder eine Diplomatenfamilie beschützen soll. Gut recherchiert, an verschiedensten Schauplätzen, teilweise nichts für schwache Nerven, aber eben auch spannend genug, um Jungs zu fesseln.

Body Guard Band 1Theo Boone, Band1

 

Die Geisel, Band 1, von Chris Bradford, Cbj Verlag, ISBN 978-3-570-40275-7 ab 12 Jahren

Eine andere Buchreihe ist von dem Autor und ehemaligem Anwalt John Grisham, den wir von Bestsellern wie „Die Jury“ oder „Die Akte“ kennen. 2010 schrieb er sein erstes Jugendbuch. Theodore Boone, der Held der Geschichten, ist dreizehn und Sohn eines Anwalts. Er ist eher das Gegenteil von cool, träumt selbst davon, Anwalt zu werden und hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb nimmt er die Sachen gerne selbst in die Hand und ermittelt die spannendsten Fällen. Wer mehr lesen möchte, klickt hier:

Buchbesprechung Abendblatt

Theo Boone und der unsichtbare Zeuge, Band 1, von John Grisham, Heyne Verlag,

ISBN 3-453-26000-7 ab 12 Jahren

 

Babyjahre

BabyjahreNormalerweise habe ich altersgemäß nicht mehr so oft mit werdenden Eltern zu tun, aber vor einigen Tagen unterhielt ich mich dann doch einmal mit einer jungen Frau im fünften Monat, die mich fragte, was denn so wirklich wichtig sei, wenn man ein Kind bekomme. Das Erste, was mir einfiel, war eine gute Hebamme. Denn die kennt sich wirklich aus und kann bei Problemen sofort unterstützen und vor allem Ängste nehmen. Das Zweite, was mir damals gut getan hat, war, Finger von Ratgebern wie „Oh je, ich wachse“ zu lassen, in denen steht, was mein Kind gerade alles können sollte und statt dessen nur dann in einem Ratgeber meines Vertrauens nachzuschlagen, wenn ich gerade irgendwie überfordert war mit dem Verhalten meines Kindes. Dann war mein Nachschlagewerk der Klassiker „Babyjahre“ von Remo H. Largo. Denn in diesem Buch geht es nicht darum, was mein Kind wann können sollte, sondern es erklärt das Verhalten und die Bedürfnisse von Babies in all ihrer Vielfalt, um sie besser zu verstehen und darauf reagieren zu können. In diesem Moment weiß man: „Ich bin nicht allein!“ – und das hilft in schwierigen Phasen oft schon viel. Tja, und als Drittes der Tipp für alle Lagen des Lebens: Weniger ist mehr, auch bei der Erstausstattung. Steht sonst nur so viel rum. Viel Glück, liebe Aline.

„Babyjahre“ von Remo Largo, Piper, ISBN 978-3-492-25762-6

Und wer auch schon aus den „Babyjahren“ heraus ist, kann sich den Artikel der Zeit-Redakteurin Alard von Kittlitz über Remo Largos neues Buch „Das passende Leben“ durchlesen, das ist dann wieder eher was für die Meedchen (und Jungs) von gestern.

http://www.zeit.de/2017/32/babyjahre-remo-largo-buch-gebrauchsanweisung-kinderarzt

„Das passende Leben“ von Remo Largo, S.Fischer, ISBN-13:9783103972740

Ein Hut als Schicksalsschreiber

 

Hut des Präsidenten

Nein, es geht hier nicht um Harry Potter und den Schlapphut von Hogwarts und sondern um den Hut eines ehemaligen französischen Präsidenten. Mein Buchtipp ist im Original schon etwas älter, aber die deutsche Übersetzung ist erst letztes Jahr erschienen. Im Buchladen in meiner Nähe wurde mir der Roman empfohlen, und ich habe lange kein so unterhaltsames aber auch gut geschriebenes Buch gelesen.

Geschichten von Menschen, die ihr Leben verändern oder deren Leben verändert wird, alle verbunden durch einen Hut – amüsant, intelligent, lesenswert!

Autor: Antoine Laurain
Titel: Der Hut des Präsidenten
ISBN: 978-3-455-65022-8
Atlantik – Verlag

Buchtipp: Der weiße Tiger

 

Der weiße Tiger_Aravind Adiga

Ich war noch nie in Indien. Noch nicht einmal irgendwo anders in Asien. Und doch habe ich so manches verstanden, als ich den Debütroman „Der weisse Tiger“ von Aravind Adiga gelesen habe. So manches Verhalten nämlich, über das deutsche Geschäftsleute immer wieder ihren Unmut äußern. Weil das Leben in Indien eben völlig anders zu funktionieren scheint, als das unsrige. Weil es kaum möglich ist, dem „Hühnerkäfig“ aus Kasten- und Familienzugehörigkeit, Herr- und Dienerschaft, wie ihn Protagonist Balram Halwai nennt,  zu entkommen. Es sei denn, man ist so gewieft wie er und spielt das Spiel aus Lüge, Erpressung und Korruption mit und geht dabei, wenn nötig, sogar über Leichen. So stellt er sich auch zu Beginn des Romans als Diener, Philosoph, Unternehmer und Mörder vor.

In sieben Nächten beschreibt Balram dem chinesischen Ministerpräsidenten seinen Aufstieg vom Sohn eines Rikschafahrers in dem kleinen Dorf Laxmangarh zum Unternehmer in der aufstrebenden Großstadt Bangalore. Obwohl Balram als klügstem Jungen des Dorfes ein Stipendium in Aussicht gestellt wird, muss er die Schule nach kurzer Zeit beenden, um für seine Familie  den Kredit für die Hochzeit einer Cousine mit seiner Arbeitskraft zurückzahlen zu können. Es gelingt ihm, nach seinem Dienst in einem Teehaus eine Anstellung als Fahrer zu ergattern, die ihn schließlich nach Delhi bringt, wo sich die Handlung zuspitzt. Aravind Adiga, der für seinen Roman 2008 den Booker-Prize bekam, beschreibt das Leben in Indien in all seiner Grausamkeit leichtfüßig, frech und manchmal zynisch. Er beschönigt nichts und erzählt von der anderen Seite der aufstrebenden Wirtschaftsnation, von den Zurückgebliebenen, von denen, deren Leben rein gar nichts wert ist, deren Tod man mit ein paar Scheinen wieder gut macht. Wenn überhaupt. Man kann es Balram Halwai am Ende der Geschichte kaum übel nehmen, dass er zum Mörder geworden ist in diesem System aus Fressen oder Gefressen werden. Mir hat diese rasante Geschichte mal wieder vor Augen geführt, wie wertvoll die Demokratie ist, in der wir leben, wo Reiche und Arme zumindest die gleichen Rechte haben, wenn auch nicht immer die gleichen Chancen. Und für wie selbstverständlich wir das nehmen.