Buchtipp: „Dunkelblum“ von Eva Menasse

Anfang des Jahres ergatterte ich in unermesslicher Vorfreude Karten für eine Lesung der Schriftstellerin Eva Menasse aus ihrem Roman „Dunkelblum“. Der Name der Autorin sagte mir etwas, ich war mir sogar ziemlich sicher, bereits etwas von ihr gelesen zu haben, was mir allerdings nicht wirklich gefallen hatte, wie ich mich zu erinnern glaubte. Nach coronabedingter Kulturabstinenz erschien mir diese Tatsache keineswegs bedeutsam und ich freute mich auf einen unterhaltsamen Abend mit einer guten Freundin. Erst an dem Abend der Veranstaltung im April erfuhr ich, dass diese Lesung aus pandemischen Gründen bereits zweimal verschoben worden war, so dass der Großteil des Publikums den im Sommer des Vorjahres erschienenen Roman bereits gelesen hatte. Ich ja zum Glück nicht und so harrte ich in freudiger Erwartung und in dem in die Jahre gekommenem Ambiente bei Aperol Sprizz und tomatisierter Gemüsesuppe (kein Witz!) der Lesung.

Und dann betrat Eva Menasse ihre Bühne und bezauberte uns mit ihrem Charme, ihrem Wissen und den Auszügen aus ihrem beeindruckenden Roman. Die Schriftstellerin hat neben Germanistik auch Geschichte studiert und wer meinen Buchgeschmack schon ein wenig kennt, weiß, dass ich Romane liebe, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Ausgangspunkt für die Entstehung von „Dunkelblum“ war eine lange Recherche zu so genannten Endphaseverbrechen in österreichischen Dörfern im Burgenland kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Dort wurden zahlreiche jüdische Zwangsarbeiter von Einheimischen niedergemetzelt, kurz bevor die Sowjetarmee über Ungarn einmarschierte, vermutlich um Zeugen von Gräueltaten zu beseitigen. In vielen dieser Dörfer wurde diese bittere Vergangenheit aufgearbeitet, aber es gab wohl eines, in dem die Leichen bis heute nicht gefunden wurden. Diese Entdeckung führte dazu, dass Eva Menasse begann, sich damit zu beschäftigen, wie eine Dorfgemeinschaft mit solch einem Wissen über Täter, Mitläufer und Unbeteiligte hatte weiterleben können, ohne ihr Schweigen zu brechen. Auf Grundlage ihrer Recherche erschuf die gebürtige Burgenländerin in ihrem Roman ein eigenes, fiktives Dorf, nämlich Dunkelblum, mit all seinen unterschiedlichen Charakteren, vom Hitlerjungen, über den SS-Mann über den jüdischen Lebensmittelhändler, mit Nutznießern des Nazi-Regimes, Vertriebenen und Zurückgekehrten und erdachte akribisch genau, wie sich das hätte zutragen können. Allerdings lässt sie die Dorfgemeinschaft nicht zu Kriegszeiten agieren, sondern im Jahr 1989, als die ersten DDR-Flüchtlinge über eben jene Grenze von Ungarn nach Österreich fliehen, wo damals die Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen einen Schutzwall gegen die vorrückende Sowjetarmee hatten ausheben müssen. Als kurz darauf menschliche Knochen gefunden werden und eine junge Frau verschwindet, die sich sehr für die Vergangenheit Dunkelblums interessiert hat, gerät alles in Bewegung.

Wer jetzt den Eindruck bekommen hat, es handele sich um einen düsteren Roman, der irrt. Eva Menasse hat einen angenehm süffisanten Ton gefunden, um die Bewohner und ihre Lebensstrategien zu skizzieren. Sie wirft immer wieder mal einen typischen burgenländischen Ausdruck wie beispielsweise „altvaterisch“, „Das geht sich nicht aus“ oder „Geh heast“ ein, so dass die Sprache auch dann lebendig wird, wenn man ihre Stimme nicht im Ohr hat – auch, wenn das zugegebenermaßen besonders viel Spaß macht. Überhaupt ihre Sprache! Man könnte sie fast als verspielt bezeichnen, sie findet immer wieder wunderbare Metaphern und kluge Beschreibungen für das kleine Grenzdorf und seine Bewohner. Schon die ersten Zeilen ihres Romans geben einen kleinen Eindruck:

„In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert jeden Schritt.“

Ich bin noch nicht ganz fertig mit Lesen, weiß aber jetzt schon, dass es eines dieser Bücher sein wird, bei dem ich bedauern werde, wenn es vorbei ist. Ein toller Roman für alle, die sich für Sprache begeistern, für Geschichte und den Menschen in all seinen Facetten und Kuriositäten. Danke, liebe Frau Menasse.

„Dunkelblum“ von Eva Menasse

Verlag: Kiepenheuer & Witsch ISBN: 978-3-462-04790-5

Und wer mal wieder zu einer guten Lesung in etwas altmodischem Ambiente gehen möchte, kann es hier versuchen: https://literaturhaus-nuernberg.de/programm