Wie war das mit der Entschleunigung?

Als unsere Minister*innen und die ermattete Kanzlerin Anfang Mai tagten und jegliche Beschlüsse zu Lockerungen der Corona Maßnahmen vertagten, machte ich mir wirklich Sorgen, dass es in Deutschland bald zu einer Revolte kommen würde – nicht nur von Querdenkern, sondern auch von vielen anderen, die inzwischen ein ernsthaftes Problem mit den Entschlüssen der Politik hatten. Doch dann ging alles schnell. Kaum eine Woche später begannen einige Ministerpräsidenten, sich gegenseitig im Lockern zu überbieten und auf wundersame Weise purzelten die Inzidenzwerte, als gäbe es da einen Kausalzusammenhang. Bayreuth und gar Tirschenreuth inzwischen bei 0,0 und auch das geplagte Nürnberg endlich unter 40. Dazu eine freudige Überraschung nach der anderen. Was? Keine Testpflicht mehr beim Einkaufen? Einfach in einen Laden reingehen ohne Click and Meet? Ins Cafè und in den Biergarten mit bis zu zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten? Der Wahnsinn. Bis ich mir dieser wiedergewonnen Möglichkeiten bewusst geworden war, dauerte es ein Weilchen. Aber dann kam es endlich bei mir an. Ich würde mich wieder verabreden, Kino, Freibad, Cafe und startete eine Dating Offensive. Die Ernüchterung stellte sich binnen weniger Stunden ein. Auf einmal hatte niemand mehr Zeit, eben diese mit mir zu verbringen. Du, sorry, meine Wochenenden sind bis zu den Sommerferien verplant. Ich treffe mich gleich mit einer Freundin. Oh, du, schade, wir bekommen Besuch. Klar, muss man ja alles nachholen, all die aufgeschobenen Treffen, Aktivitäten und Hobbies. Und zu viel Zeit sollte man sich dabei ja auch nicht lassen, schließlich wissen wir nicht, wie umtriebig sich die Deltavariante bei uns zeigen wird. Also schnell leben, als gäbe es kein Morgen. Was waren das für Zeiten, als unsere Kontaktfamilie quasi exklusiv für uns verfügbar war. Klar, sie hatte ja ebenfalls kaum ein Alternativprogramm zu uns. Kurz angerufen, zusammen ein Käffchen mit Abstand im Freien, eine kleine Wanderung oder ein gemeinsames Abendessen. Hach, wie unkompliziert. Jetzt konkurrieren wir wieder mit einer Schar von Freund*innen aus Nah und Fern, Nachbar*innen und der lieben Verwandtschaft. Irgendwie doof. Aber dann hat mich die Welle doch noch mitgerissen und überrascht durfte ich gestern feststellen, dass ich an fünf aufeinander folgenden Abenden verabredet war. Also es ist einfach so passiert. Zwei davon habe ich bereits bewältigt und ich sage Euch, ich fühle mich völlig fertig. Ist man ja nicht mehr gewöhnt, so ein ausschweifendes Leben. Das mit dem Entschleunigen ist auf jeden Fall wieder Schnee von gestern. Aber ist ja auch endlich Sommer.

Ein ganz besonderer Tag

Heute ist ein ganz besonderer Tag für mich. Meine Kinder gehen das erste Mal seit mehr als sechs Monaten wieder in die Schule. Während es dem einen graust, weil er sich so gut im Ausnahmezustand eingerichtet hat, freut sich der andere. Seine Schule beginnt heute sogar ganz smooth mit einem Eingewöhnungstag, der erst um 9.45h beginnt. Es war also fast so etwas wie ausschlafen möglich, so lässt es sich leben. Ich freue mich, dass sie wieder unter Ihresgleichen kommen, dass es endlich wieder ein Alternativprogramm zu Computer und Handy gibt und ich freue mich, endlich wieder Zeit für mich allein zu haben. Eindeutig ein Feiertag!

Buchtipp: „Leinsee“ von Anne Reinecke

Ich hatte eben angefangen, eine kleine Zusammenfassung für Euch zu schreiben, als ich auf diese wunderschöne Rezension von Katharina gestolpert bin. Und sie schreibt das so gut, dass ich erst gar nicht versuche, mitzuhalten und euch schlichtweg bitte, einfach diesem Link zu folgen:

https://sophisti-que.blogspot.com/2018/10/leinsee-von-anne-reinecke.html

Eine sommerleichte, ungewöhnliche (Liebes-)geschichte mit einer Portion Exzentrik, Humor und Tiefgang. Wie steht es so schön geschrieben? Ein Roman, wild wie ein Gewitter, zart wie ein Hauch.

Das Buch gibt es natürlich auch als Taschenbuch:

„Leinsee“ von Anne Reinecke, Diogenes, ISBN 978-3-257-24517-2

Kalifornische Verhältnisse

Als wir vor mehr als zehn Jahren in das Mehrfamilienhaus einzogen, in dem wir auch heute noch leben, gab es dort ein kleines von Hecken umsäumtes Rasenstück mit einer gemütlichen Sitzgruppe in der Mitte, die Laube, wie wir sie liebevoll nennen. Der Rasen wuchs recht kümmerlich und wies einige kahle Stellen auf, so dass wir frisch motivierten Neuankömmlinge beschlossen, mit dem Verlegen eines saftigen, üppigen Rollrasens Abhilfe zu schaffen. Vielleicht hätte es ein Happy End geben können, wenn wir die vorbereitenden Aufgaben mit dem erforderlichen Aufwand betrieben hätten. Den Boden spatentief auflockern, Unkraut, Steine und Wurzeln entfernen, gegebenenfalls mit Erde, Humus und Sand auffüllen und zwei bis drei Wochen ruhen lassen. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass dieses Stück Erde von den Wurzeln einer riesigen Birke bevölkert wird und eher minderwertiger Qualität ist. Jedenfalls währte unser Rasenglück nicht allzu lange und er glich bald wieder seinem Anfangsstadium, wenn auch jetzt mit einigen Unebenheiten garniert, die die nicht ganz sachgemäße Vorbereitung des Untergrundes verursacht hatte.

So schnell ließ ich mich nicht unterkriegen und begann, Jahr für Jahr partiell wieder neu anzusäen. Ein schwieriges Unterfangen. Denn immer dann, wenn der Boden endlich konstant Nachts über 10° Grad Celsius blieb, stieg auch das Bedürfnis der Hausbewohner*innen, sich im Freien aufzuhalten und just jene Areale zu betreten, die ich zu verschönern versuchte. Besonders Kleinkinder mit Bobby Cars sind schwer aufzuhalten. Zärtlich betrachtete ich die Quadratzentimeter zarter, sattgrüner Hälmchen im Wissen um ihre Vergänglichkeit. Die meisten von ihnen überlebten keine Saison. Egal- neues Jahr, neues Glück, ich säte so verlässlich wie der Papst seine Osteransprache hielt. Bis, ja, bis…

…der Klimawandel Fahrt aufnahm und die Kalifornier dazu aufgerufen wurden, wegen der Wasserknappheit ihre Gärten nicht mehr zu gießen. Und manche von ihnen versuchten, die Illusion aufrechtzuerhalten, indem sie das verdörrte Gelb mit Hilfe von Airbrushfarbe satt grün sprühten. Nun könnte man sagen, ja, aber das ist doch Kalifornien und was hat das mit Dir zu tun? Ganz einfach. Ich klagte einer mir sehr nahestehenden Person mein Rasenleid und diese zeigte sich, anstatt ihr Mitgefühl zu beteuern, schlichtweg entrüstet, dass ich mit Leitungswasser gieße. Sie hätten eine Zisterne, die Regenwasser sammele, und dieses reiche vollends zur Bewirtschaftung des Gartens. Schön. Wir haben leider keine Zisterne und unsere mickrige Regentonne ist aufgrund der trockenen fränkischen Sommer meist leer. Was hieß das jetzt? Es war eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Durften jetzt nur noch Menschen mit modernen Häusern und Zisternen grüne Rasen haben und der Rest sich an verbrannter Erde laben? Das Ganze war zutiefst ungerecht und gleichzeitig gab ich ihr insgeheim Recht, dass mein Kampf für ein wenig Grün eine reine Verschwendung von Trinkwasser war.

Wir dachten über die Umgestaltung der Laube nach und das Verlegen von Holzbrettern als eine Art Terrasse, aber eine überzeugende Lösung fanden wir nicht. In den letzten Tagen kam mir dann eine Idee. Anstatt Unkraut zu entfernen, würde ich es einfach sprießen lassen. Vielleicht lag die Lösung in einer Wiese voller Löwenzahn, Gänseblümchen und anderem „Unkraut“, dem es bei uns gefallen könnte? Das war allemal besser als Braun mit grünen Punkten. Ich schöpfte neue Zuversicht. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, nachdem ich wochenlang über das schlechte Wetter gejammert hatte: es regnete dies Jahr ungewohnt viel. Vielleicht würde dies Jahr alles anders werden. Ich ging in den Garten und säte….

Angela und ich

Manchmal spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit unserer Bundeskanzlerin. Nicht unbedingt, wenn sie gerade stoisch schweigt und abwartet, und auch nicht, wenn sie in einer Runde gewichtiger Staatsmänner das Sagen hat. Nein, es sind eher die stillen Momente, in denen wir uns nah sind, zum Beispiel beim Blick in den Badezimmerspiegel. Wenn ich mal wieder überrascht bemerke, dass mein Nackenhaar absteht, genauso wie ihres. Angie und ich teilen uns einen Wirbel, sie scheinen zumindest eine immens große genetische Übereinstimmung zu haben. Ihr Lebensraum sind unsere Nacken. Noch nie aufgefallen? Im Ernst? Wenn Angela abgekämpft aus der Sitzung kommt und trotz offensichtlich hingebungsvoller Mühe ihrer Coiffeure, reichlich Toupage und Haarspray das Nackenhaar unvorteilhaft absteht? Wer hört denn da noch zu, was sie in der Pressekonferenz zu sagen hat? Der Wirbel hat Zeit und wartet auf seine Stunde: er schmiegt sich hingebungsvoll an den aufliegenden Kragen des Jacketts seiner Herrin, das unbedachte Wenden des Kopfes bringt ihn in die Poleposition. Der hilfesuchende Blick in den Himmel spielt ihm vollends in die Karten. Bähmm. Frisur im Arsch. Und dann ich, die ich mir solche Mühe gebe, im Kreise der Jungen und Schönen nicht allzu unvorteilhaft aufzufallen. Schneide mir das Haar kurz, dass nun in der Stirnpartie Zornes- und Querfalten verdeckt, um sogleich wunderbar verjüngt zu erscheinen und dann- Merkelnacken. Also, ganz ehrlich, ihre geistigen Fähigkeiten hätte ich lieber.

Buchtipp: Alte Sorten von Ewald Arenz

Die siebzehnjährige Sally hat die Nase voll- von so ziemlich allem und jedem. Sie fühlt sich von niemandem verstanden, weder von den Leuten aus der Schule und erst recht nicht von ihren Eltern, die sie immer nur voller Sorge betrachten und wissen wollen, wie es ihr geht. Genauso wie die in der Klinik. Nur, weil sie wenig isst und sich manchmal schneidet. Aber nochmal geht sie da nicht hin. Als sie völlig planlos von zuhause abhaut, begegnet ihr die wesentlich ältere Liss mit ihrem Traktor auf den Feldern. Sie bittet Sally ihr zu helfen, den Anhänger wieder aus einem Graben zu bugsieren. Liss stellt keine blöden Fragen und bietet ihr schließlich an, auf ihrem Hof, auf dem sie alleine lebt, zu übernachten. Sally nimmt das Angebot zögernd an und aus einer Nacht werden mehrere Wochen. Langsam nähern sich die Frauen, die beide so gar nicht in ein konventionelles Leben zu passen scheinen, einander an. Sally darf auf dem Hof endlich sein, wie sie ist, ihren eigenen Rhythmus leben, ohne sich rechtfertigen und Erwartungen erfüllen zu müssen. Durch die gemeinsame Arbeit auf Feld und Hof spürt Sally nach und nach wieder ihren Körper und ihre Sinne, Müdigkeit, Hunger und Neugier auf das Leben mit der Natur. Liss bringt Sally alles bei, was sie über Obstsorten, Brotbacken oder die Honigernte weiß. Sie kommentiert weder ihre Essgewohnheiten noch fragt sie nach ihrer Vergangenheit und beginnt die Gesellschaft der jungen Frau zunehmend zu genießen. Und auch Sally akzeptiert, dass Liss nur zögerlich von sich erzählt. Dass es triftige Gründe geben muss, dass die wortkarge Frau im Dorf eine Außenseiterin ist und so zurückgezogen lebt, liegt auf der Hand. Und dennoch fühlt sie sich bei dieser manchmal so rätselhaften Frau erstmals wirklich angenommen. Leider drohen die zarten Bande dieser Freundschaft schnell zu zerreißen, denn Sallys Eltern lassen sie von der Polizei suchen…

Ewald Arenz beschreibt einfühlsam das fragile Annähern der beiden Frauen, das durch den kleinsten Misston sofort wieder zunichte gemacht werden könnte. Weil jede ihre Strategie entwickelt hat, sich zu entziehen, wenn sie sich angegriffen fühlt. Und dennoch sind sie sich auf ihre Weise so ähnlich, dass sie meist die richtigen Worte füreinander finden. Erstaunlich, wie gut sich dieser männliche Autor in seine Protagonistinnen hineindenken kann. Aber auch die detaillierten Beschreibungen der land- und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, das Heraufbeschwören von Düften, Farben und Landschaften machen „Alte Sorten“ zu einem sinnlichen Genuss. Das Landleben stellt sich einmal mehr als eine Lebensform dar, der manche Menschen mehr Sinnhaftigkeit abgewinnen können als dem sterilen Leben fernab der Natur.

Der bei Fürth lebende Gymnasiallehrer Ewald Arenz hat gerade seinen neuesten Roman veröffentlicht: „Der große Sommer“, ebenfalls beim Dumont Verlag erschienen. Für Lokalpatrioten dürfte der Roman ein besonderer Genuss sein, denn viele Schauplätze dürften ihnen sehr bekannt vorkommen. Ich werde ihn auf jeden Fall auch noch lesen. Er hat einfach einen tollen Stil.

Mehr dazu: https://www.deutschlandfunk.de/ewald-arenz-der-grosse-sommer-wochen-die-alles-veraenderten.700.de.html?dram:article_id=495558

„Alte Sorten“ von Ewald Arenz, Verlag Dumont, ISBN 978-3-8321-6530-7

Fast-forward

Als ich 2005 Mutter wurde, hätte ich mir nie vorstellen können, in welchem Ausmaß sich unser Leben in den nächsten fünfzehn Jahren verändern würde. Die Entwicklung dahingehend, dass unser Leben so massiv von den digitalen Medien bestimmt sein würde, war für mich noch ganz weit weg und ein Stillstand des bisherigen Lebens, wie wir ihn durch Corona erleben, sowieso jenseits aller Vorstellungskraft. Aber auch die unmittelbaren Auswirkungen, die der Klimawandel auf unser Leben haben würde, schienen mir irgendwo in fernerer Zukunft zu liegen. Und jetzt haben all diese Entwicklungen unser Leben und vor allem das unserer Kinder bereits mit voller Wucht getroffen.

Es fällt mir inzwischen wirklich mehr als schwer, ruhig zu bleiben, wenn jemand beiläufig fallen lässt, es wäre ja nicht schlecht, wenn bei uns durch den Klimawandel der Sommer etwas wärmer würde. Ein Mensch, der so etwas äußert, kann schon lange nicht mehr durch einen deutschen Wald gewandert sein oder er muss bei der Wahl seines Ausflugsziels viel Glück gehabt haben. Denn dort herrscht inzwischen vielerorts Kahlschlag- sei es, weil die Fichten bereits vom Borkenkäfer befallen sind oder dem vorgebeugt werden soll, sei es, weil die ausgetrockneten Buchen bei stärkerem Wind einfach in der Mitte auseinanderbrechen oder, weil der Wald zugunsten vermeintlich resistenterer Sorten umgebaut wird. Die sogenannte Naherholung tut manchmal im Herzen weh. Den Wald, wie wir ihn kennen, wird es schon bald nicht mehr geben. Und dieser Anblick hat in mir mehr bewegt als alle Fridays for Future Demos der letzten Jahre.

Auch diese Bewegung ist in weiten Teilen Corona zum Opfer gefallen, dabei ist es so notwendig, sich weiter für den Klimaschutz einzusetzen. Aber wieso sollte es den Jugendlichen anders gehen als uns Erwachsenen. Corona macht müde und sich online zu treffen, ersetzt eben kein persönliches Gespräch, das gemeinsame Entwickeln von Ideen und den Austausch von Energie. Ich empfinde ein tiefes Bedauern, welchen Herausforderungen sich die heranwachsende Generation und damit auch meine Kinder stellen müssen und wie alleine gelassen sie damit sind. Denn unserer Generation und den Vorangegangen scheint nicht wirklich daran gelegen, etwas zu verändern. Zu groß ist die Angst vor dem Verlust, Teilen wird schnell als Enteignung abgewehrt, Verzicht als Bevormundung und Einbüßen von Freiheit und Individualität aufgefasst. Wie zuletzt mal wieder die Äußerungen Anton Hofreiters ( und der darauf folgende Shitstorm) zeigte, dass Einfamilienhäuser unter ökologischen Aspekten nicht sinnvoll seien. Anstatt darüber nachzudenken, ob in seinen Aussagen nicht auch Wahres enthalten sein könnte, entfachte sich ein Sturm der Entrüstung. Gegen Flächenfraß sind ja viele, aber nicht, wenn Maßnahmen die eigene Entfaltung einschränken.

Meine ganze Hoffnung ruht auf unseren Kindern, die in eine ganz andere Welt hineinwachsen und für die es viel selbstverständlicher zu sein scheint, global zu denken und nicht nur an die eigenen Sicherheit. Weil eben nichts mehr sicher ist. Und weil sie gar keine andere Wahl haben, als für ihre Welt zu kämpfen. Für die es normal ist, zu „sharen“, anstatt zu besitzen, ob Auto, Sofa oder Bohrmaschine. Die sich schon früh in der Schule mit Müllvermeidung und Ökologie beschäftigen. Vielleicht schaffen sie es, die Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Leben durchzusetzen, bevor wir die Erde endgültig an die Wand fahren.

Seitdem ich angefangen habe, diesen Beitrag zu schreiben, ist einiges passiert, dass mich wieder etwas hoffnungsvoller stimmt. Joe Biden hat zum Online-Klimagipfel zusammengetrommelt und sich zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens bekannt. Die CDU/CSU hat sich im Ränkespiel um den Kanzlerposten so demontiert, dass eine grüne Bundeskanzlerin auf einmal keine wirre Zukunftsvision mehr zu sein scheint. Ob im Falle des Falles am Ende der Koalitionsverhandlungen mit welcher Partei auch immer allzu viel Klimaschutz übrigbleiben würde, darf bezweifelt werden, aber erstmal wage ich wieder ein kleines bisschen Hoffnung, dass unsere Kinder doch noch etwas Unterstützung von Seiten der Politik erfahren könnten. Ohne klare Gesetze und Vorschriften zugunsten des Klimaschutzes wird es nicht gehen. Das mit der Freiwilligkeit und der menschlichen Vernunft funktioniert ja bekanntermaßen eher mangelhaft.

Heute ist Sonntag. Vielleicht unternehmt ihr noch einen kleinen Ausflug ins Grüne. Die Natur beginnt gerade wieder zu explodieren und dringt mit ihrer Kraft und Schönheit geradewegs in unsere Herzen. Braucht es mehr Worte? Gesagt ist eigentlich schon lange alles.

Lockdownnebenwirkung

Ich bin gerade ziemlich müde von all den coronabedingten Einschränkungen des Lebens. Die Sieben-Tage-Inzidenz heute in Nürnberg über 200, der Präsenzunterricht meiner Kinder in weiter Ferne und draußen graues verregnetes Wetter. Und was macht das mit mir in letzter Zeit? Ich träume vom Meer. Immer wieder. Zum Glück ist mein Unterbewusstsein nicht ganz so vernunftorientiert wie der Rest von mir, sonst wüsste es, dass die Sache gerade kompliziert ist. Ich hoffe, ihr habt auch schöne Träume oder andere kleine Fluchten aus dem GrauinGrau. Durchhalten…

Frohe Ostern (im Ernst?)

Die Umstände sind deprimierend, dennoch freue ich mich auf Ostern. Nicht, dass wir auf Malle am Strand lägen. Nein, nicht mal ein paar bescheidene Tage auf einem Campingplatz in der Fränkischen sind uns vergönnt. Aber am Sonntag feiern wir das Ende unserer Fastenzeit. Ich werde genussvoll in ein Stück Käse beißen und dem Anlass entsprechend ein ganzes Frühstücksei vertilgen. Bis vor zwei Wochen war alles fein mit meinem temporären Veganertum. Ich backte mir freudig einen Kuchen, wenn ich Appetit darauf verspürte und verzichtete frohen Mutes auf den Käse auf der Pizza. Bis ich dem nichtveganen Teil der Familie eines Tages erst ein Rührei und dann Käsespätzle zubereitete. Da war sie mit einem Mal geweckt, die Gier, und lässt sich seitdem nur noch unter Aufbietung all meiner Kräfte im Schacht halten. Ich musste mir eingestehen, dass der Weg zur Heiligen noch sehr weit und steinig ist.

Naja, zumindest geht der Plan mit dem coronaunabhängigen Highlight auf. Zum Glück, denn alles andere sieht gerade wirklich trostlos aus. Der Frust steigt allerorten und es fällt wirklich schwer, noch Verständnis dafür zu haben, dass die Regierung ein Jahr nach Beginn der Pandemie noch immer dieselben teils hilflosen, teils willkürlichen Maßnahmen ergreift wie zu Zeiten ihres Ausbruchs. Und das trotz zahlreicher Versprechen, dass Öffnungen wieder möglich würden, wenn erst mehr geimpft, getestet und die AHA Regeln umgesetzt würden.

Als wir vor einigen Wochen das Schreiben von der Schule mit der Einverständniserklärung für die Testung bekamen und klar war, dass diese freiwillig ist, musste ich erstmal lachen. Testen macht zweifellos nur dann Sinn, wenn es alle tun und nicht etwa 10% einer Klasse. Darauf könnte „man“ aber auch kommen, bevor man sowas einführt. Klassenleiter*innen können sicherlich ein Lied davon singen, wie zuverlässig sie Schreiben an Eltern zurückbekommen, vor allem an Schulen, an denen die meisten nicht einmal zum Elternabend erscheinen. Schwamm drüber, wurde ja jetzt nachgebessert. Astrazeneca, der nächste Running gag. Wer des Galgenhumors mächtig ist, hat gerade so einiges zu lachen. Alle anderen schon lange nichts mehr.

Eine meiner Freundinnen fragte mich neulich, warum ich dann alles so hinnähme, wenn ich mit vielem nicht einverstanden sei. Meine schlichte Antwort lautete:“ Weil ich immer noch daran glaube, dass unsere Regierung versucht, es richtig zu machen.“ Auch, wenn sie dabei viele Fehler macht. Das ist vermutlich der größte Unterschied zwischen Verschwörungstheoretikern und Kritikern. Die einen vermuten etwas Großes, Böses hinter den Maßnahmen, die anderen kritisieren (berechtigterweise) eine gewisse Unfähigkeit des Führungspersonals. Zum Glück darf man das inzwischen offener äußern, ohne direkt in eine Schublade gesteckt zu werden. Ich befürchte jedenfalls, dass wir langsam Wege einschlagen müssen, bestmöglich mit dem Virus und seinen zahlreichen noch auf uns zukommenden Mutanten zu leben. Und wenn irgendetwas dran sein sollte, dass Abstand halten, Maske tragen, Hände desinfizieren, Impfen und Testen helfen, dann sollte man auch Dinge wieder ermöglichen, bei denen diese Hygienemaßnahmen umgesetzt werden können.

Damit es auch wieder andere Highlights im Leben gibt als ein Frühstücksei… 

In diesem Sinne, lasst Euch nicht unterkriegen!

Eure Ella

Buchtipp: „ Blaupause“ von Theresia Enzensberger

Weimar 1921. Luise Schilling beginnt ihr Studium am neu gegründeten Bauhaus, Walter Gropius himself führt das Aufnahmegespräch. Sie möchte Architektin werden und nicht, wie für sie und die meisten Frauen dieser Zeit vorgesehen, eine gute Hausfrau. Zu ihrer Enttäuschung darf sie nach dem Vorkurs allerdings nicht zu den Tischlern, sondern wird der Weberei zugewiesen.

Einer der Dozenten am Bauhaus ist Johannes Itten. Zumindest den Namen kennen vermutlich alle aus dem Kunstunterricht aufgrund seiner berühmten Farbenlehre. Diese charismatische Persönlichkeit und Vertreter des Mazdaznan, einer religiösen Lehre verschiedenster Elemente, schart in der Studentenschaft zahlreiche Anhänger*innen um sich, die durch das Tragen mönchsartiger Kutten und seltsame Bräuche auffallen. Luise schließt sich ihnen an, teils aus Neugier und Faszination, teilweise aber auch, weil sie noch wenig andere Kontakte gefunden hat. Sie bemüht sich, die Vorschriften der Lehre bestmöglich zu befolgen, sich vegetarisch zu ernähren, Atemtechniken zu erlernen, vor Sonnenaufgang aufzustehen und durch die Natur zu wandern, kann aber im Gegensatz zu ihren neu gewonnenen Freunden nicht umhin, die starren Regeln und das dahinterstehende Menschenbild immer wieder zu hinterfragen. Die Besuche in ihrer Heimatstadt Berlin im Haus ihres Vaters, einem gut situierten Großindustriellen, könnten nicht gegensätzlicher zu ihrer Lebensrealität in Weimar und später Dessau sein.

„Blaupause“ gibt dem Leben, was man über das Bauhaus gehört oder gelesen hat. Und noch mehr. Die Geschichte der Emanzipation in dieser Zeit wird lebendig. Luise lässt sich irgendwann die Haare kurz schneiden, sie trägt Hosen, sie bricht mit ihrer Familie, um ihren Weg weitergehen zu können und sie stößt immer wieder an ihre Grenzen als Frau. Im Hintergrund brodeln die verschiedenen politischen Strömungen, ein Freund, der den Kommunisten angehört, schließt sich 1926 einer Gruppe an, die in Berlin in den Straßenkampf gegen die SA zieht, der Bruder vertraut dagegen auf die Deutschnationalen. Und während sich eine Katastrophe anbahnt, feiern die Menschen das Leben, es wird getanzt und geliebt, die Roaring Twenties eben. Schilderungen meiner Großmutter, die in Berlin aufwuchs, fielen mir wieder ein. „Wir hatten nicht viel, aber bei uns war immer was los. Irgendjemand konnte ein Instrument spielen und schon wurde getanzt.“ So oder so ähnlich. Wer die klassischen Berliner Altbauwohnungen kennt, kann sich das bestimmt gut vorstellen.

Luise wendet sich schließlich von den Itten-Jüngern ab, sie stößt sich an der starren, teils unmenschlichen Ideologie, die die Anhänger über alles andere stellen. Interessanterweise begreift man in der Auseinandersetzung mit dieser Bewegung viel besser, warum sich heute bei den Querdenkerdemonstrationen neben rechten Gruppierungen so viele Anhänger alternativer, eher naturromantischer, esoterischer Bewegungen finden, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen. Aber eben nur auf den ersten Blick.

Natürlich gäbe es noch weitaus mehr zu erzählen, aber ihr wisst, ich will nicht allzu viel verraten. Wer geschichtliche Daten und Hintergründe mit Bildern und Geschichten füllen möchte, dem sei dieser kurzweilige Roman wärmstens ans Herz gelegt.

Theresia Enzensberger „Blaupause“, dtv, ISBN 978-3-423-14671-5

Von Hunden und Kindern

Die Corona Pandemie bringt ja bekanntlich zahlreiche Begleiterscheinungen mit sich. Eine davon ist die neu entdeckte Liebe des Menschen zum Haustier- allen voran zu Katze und Hund. Ein ergebener Begleiter, der Struktur gibt und sich allzeit bereit durchkuscheln lässt, wenn Frauchen oder Herrchen bedürftig sind. Auch wir unterscheiden uns in dieser Hinsicht nicht von unseren Mitmenschen und verspüren seit einiger Zeit den Wunsch nach der Gesellschaft eines Hundes. Unseren Vermieter interessiert das leider wenig. Nach seinem kaltschnäuzigen Nein suchten wir Trost und fanden zumindest einen bezaubernden Pflegehund, mit dem wir nun ab und an spazieren gehen dürfen. Und wir sehen quasi als Ersatzdroge und in der leisen Hoffnung auf Veränderung der Zustände einmal wöchentlich die Serie „Hunde verstehen!“ im WDR.

( https://www.ardmediathek.de/wdr/sendung/hunde-verstehen/Y3JpZDovL3dkci5kZS9odW5kZXZlcnN0ZWhlbg/)

Wir lernen erstaunlich viel dabei. Und zwar nicht nur über Hunde. Dass es Schnittmengen bei der Erziehung verhaltensauffälliger Hunde und Kinder gibt, bemerkten meine große Schwester und ich bereits, als sie noch Pädagogik studierte und ich einen Hund hatte. Und so sieht sich der erfahrene Hund-Mensch-Coach Andreas Ohligschläger auch erstmal Herrchen und Frauchen an ( warum verniedlicht man die eigentlich so?), um herauszufinden, was mit den Vierbeinern schiefläuft. Eine häufige Ursache: das liebe Tier bekommt viel zu viel Aufmerksamkeit. Anstatt dass sich der Hund nach seinen Erziehungsberechtigten richtet, drehen die sich um ihn. Das kommt Euch bekannt vor? Also mir auch. Denn seitdem ich mich wieder um meine eigene innere Balance kümmere ( Yogaqueen Mady Morrison sei Dank www.youtube.com/watch?v=qFgwrTc1e1I) und die Verantwortung für das Homeschooling an mein Kind abgegeben habe, läuft es bei uns zuhause wieder weitaus relaxter.

Beim letzten „Fall“ musste auch jenes Kind über beide Ohren grinsen. Ein Hund weigerte sich mitzulaufen und legte den Rückwärtsgang ein, wenn nicht beide Besitzer mit zum Spaziergang kamen. Der Coach deckte schnell auf, dass Herrchen und Frauchen dieses Verhalten geradezu gefördert hatten, weil sie dem Hund immer dann besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt hatten, wenn er sich querstellte ( Ach, deshalb – Herrn und Frau wäre das nicht passiert). Das kam uns doch ein wenig bekannt vor mit dem Eigensinn und dem Raum, der er einnehmen kann. Aber wie man weiß, ist ja Erkenntnis der erste Schritt zur Besserung. Als mich mein Sohn am nächsten Tag mal wieder davon überzeugen wollte, dass sein Vergnügen vor der Arbeit käme, gab ich zu Bedenken, dass ich nun doch wirklich schon sehr oft nachgegeben hätte und fände, er wäre jetzt auch mal an der Reihe. Das Kind war erstaunlich einsichtig und ging widerspruchslos seiner Arbeit nach. Tja, wir haben zwar noch immer keinen Hund, aber zuhause läuft es jetzt super.