Endlich…

Es hat dies Jahr ein bisschen länger gedauert, bis der Sommer angekommen ist. Im Herzen, im Organismus, in der Wetter-App. Umso begieriger habe ich in den vergangenen Wochen die wenigen sonnigen Tage in mir aufgesogen, mich an den hellen Tagen gelabt. Gras an meinen Füßen, die üppig grünen Baumkronen über mir. Mystische Lebewesen mit unzähligen Armen. Ich habe eine Blesshuhnfamilie auf Futtersuche vor der Kulisse des Sonnenuntergangs am See beobachtet und erstmals wahrgenommen, dass das Licht der untergehenden Sonne im Wasser einem Werk Linda Männels entsprungen zu sein scheint. Es bleiben nur noch schmale Fäden, die sich durchs Wasser ziehen. Jahre nach dem Ausstellungsbesuch sehe ich es. An meiner Seite eine wunderbare Freundin, die mit mir lacht, als sich ein Schwan auf die Musik der jungen arabischen Männer, die sich neben uns niedergelassen haben, zu bewegen scheint. Mit dem Fahrrad durch die Lichter der Nacht. Das geliebte Akademiefest. Ich treffe eine bezaubernde Bekannte im Freibad am Beckenrand wieder, die ich seit zehn Jahren in Simbabwe wähnte. Wiedersehensfreude. Eine Kräuterwanderung im milden Abendlicht umgeben von kraftvollen Frauen irgendwo weit draußen. Ich sehe meinen Söhnen dabei zu, wie sie ihr wundervolles, rauschendes Teenagerleben leben und das, was kommen mag, mit all seinen Verheißungen kosten. Ich spüre tiefe Dankbarkeit. So viel Wunderbares umgibt mich und endlich fällt die Schwere ab, das Kreisen, das Wollen, das Denken.

Tolle Veranstaltungen zum Lebengenießen in Nürnberg ganz umsonst:

https://www.nuernberg.de/internet/stadtportal/nh_angebote_umsonst.html

Achtung: Das Brückenfestival und Stars im Luitpoldhain stehen demnächst an!

Buchtipp: „Steinhammerstrasse“ von Jörg Thadeusz

Steinhammerstrasse heißt die Ecke in Dortmund, in der die Freunde Edgar, Jürgen und Nelly in den 50er Jahren aufwachsen. Die Gegend ist grau von Kohlestaub, die Wohnverhältnisse sind ärmlich und beengt, und das vorgezeichnete Schicksal eines jungen Mannes ist es, Bergmann zu werden. Oder Friseur, wie Edgars Stiefvater Jupp, der Bruder seines Vaters. Der Vater hatte bestimmt, sein Bruder solle seinen Platz in der Familie einnehmen, wenn er nicht von der Front zurückkäme. Mit den alten Kameraden trinkt Jupp sich sein Schicksal im Hinterhof des Ladengeschäfts erträglicher, die Steinhammerstraße ist voll von Kriegsversehrten und traumatisierten Menschen, nur dass damals darüber kaum jemand spricht, geschweige denn Bescheid weiß.

Edgar ist ein talentierter Zeichner. Die Mutter seiner großen Liebe Nelly, die einen kleinen Laden betreibt, stellt ihm eine kleine Kammer zur Verfügung, die er in jeder freien Minute als Atelier nutzt, manchmal auch, um den verbalen Attacken seines Stiefvaters zu entgehen. Edgars bester Freund Jürgen lebt nach dem Tod der Mutter allein mit seinem Vater. Der Deutschlehrer ist nach dem Verlust seines Gehörs gezwungen, einen anderen Beruf auszuüben und betreibt eher schlecht als recht einen kleinen Kiosk. Jürgen hat dessen Talent fürs Schreiben geerbt und findet oft die Worte, die Edgar zu äußern nicht in der Lage ist. Als Nellys Mutter versucht, sich das Leben zu nehmen, kommt sie in eine Anstalt und Nelly muss zur wohlhabenden Großmutter nach Essen. Das vertraute Zusammensein des Trios verändert sich schlagartig, aber ihre Verbundenheit reißt nicht ab. Bald gelingt es auch Edgar und Jürgen, aus den vorbestimmten Bahnen auszubrechen und Dortmund zu verlassen…

Jörg Thadeusz hat es geschafft, mich von der ersten Seite an in die Steinhammerstraße mitzunehmen, durch die Wohnungen, Geschäfte und Hinterhöfe zu führen, mir die Menschen in all ihren Wunderlichkeiten zu zeigen und mich bei den berührenden Treffen der drei Freunde Mäuschen spielen zu lassen. Eine wunderbare Sprache, ein Buch zum Verschlingen, wäre es nicht so schade, wenn es vorbei wäre. Ein großartiger Roman, um das Leben in der Nachkriegszeit besser greifen zu können, eine Zeit, in der die alten Bande mit den Kameraden manchmal alles waren, was man hatte. Neues musste erst wieder entstehen. Auch diesen Wandel im Laufe der Leben dieser drei Menschen, beschreibt der Autor anschaulich. Wahre Vorbilder gab es übrigens auch für diesen Roman, dazu mehr im Nachwort. Ein gelungener Roman.

ISBN: 978-3-462-00724-4 Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Färbst du eigentlich?

Der „Life Hack“ hat sich in den letzten Jahren in unseren Wortschatz eingeschlichen und man kommt quasi nicht um ihn herum, selbst wenn man ihn als Begriff ablehnt. Und jetzt habe ich auch einen, den ich mit den Brünetten unter euch teilen möchte, alles andere wäre nahezu gemein.

In den letzten Wochen wurde ich immer wieder darauf angesprochen, ob ich mein Haar färbe, was mir deutlich vor Augen führt, dass ich genauso alt aussehe, wie ich bin, denn die Menschen erwarten, dass ich auf jeden Fall graue Haare haben müsste. Habe ich aber nicht. Naja schon, aber man bemerkt sie nicht so sehr, weil sie leicht eingetönt sind.

Mir war klar, dass ich meine Haare auf keinen Fall färben wollte, um nicht irgendwann mit der Kante zwischen Weiß und Braun konfrontiert zu sein, die es dann abzuschneiden oder rauszuwachsen gilt, wenn man sich irgendwann entschließt, zum natürlichen Weiß/Grau zu stehen. Zur rechten Zeit bekam ich den Tipp eines Fotografen, es mit einem Shampoo/ Tönung zu versuchen, die die ersten weißen Haare direkt leicht eintönt. Das benutze ich jetzt seit einigen Monaten und es funktioniert! Ich muss dazusagen, dass es tatsächlich nur funktioniert, wenn man rechtzeitig anfängt. Ein weißer Ansatz lässt sich nicht kaschieren, so viel Power haben die Produkte nicht. Da musste ich leider eine Freundin enttäuschen, der ich zunächst Hoffnung gemacht hatte. Aber gerade, wenn ihr neu im Geschäft mit den grauen Haaren seid und noch nicht mit ihnen im Reinen seid, kann es sich lohnen. Für Glanz und Farbe gefällt mir am besten die „Plantur Farbspülung für das Haar ab 40“. So-genug Werbung. Und genug Life Hack. Mehr habe ich auch nicht.

Ein freundliches Ehepaar

Ich nehme auf der Zuschauertribüne des Volleyballturniers meines Sohnes Platz. Ein gepflegtes, älteres Ehepaar grüßt höflich, als ich mich in der Reihe vor Ihnen niederlasse. Ich verfolge interessiert, wie ER IHR in Hamburger Schnack versucht, die geltenden Linien des Spielfelds begreiflich zu machen. Sie sind nämlich auch mir ein Rätsel. Der Mann wird bald ungeduldig und reagiert, als seine Frau noch immer nicht zu verstehen scheint, mehr als ungehalten.

Dann höre ich nur ein trockenes “Klugscheißer!”

Wie der erste Eindruck doch manchmal täuscht.

Buchtipp: „Mühlensommer“ von Martina Bogdahn

Ich möchte Euch heute den Roman einer wahnsinnig sympathischen und humorvollen Frau ans Herz zu legen, die ich im vergangenen Jahr kennenlernen durfte – Martina Bogdhan. In meinem „echten“ Leben bin ich Visagistin. Und so kam es, dass mich ein Fotograf an eben diese weiterempfahl, denn die Autorin ist eigentlich Fotografin. Aus der Buchung wurde leider nichts, aber wir hatten gleich einen guten Draht zueinander. Als sie mich einige Monate später erneut anrief, hörte sich das in etwa so an:

„Hast Du am Soundsovielten Zeit? Aber diesmal geht es um mich, ich brauche Bilder, ich habe ein Buch geschrieben.“ Und ich hatte Zeit! Und so fuhr ich an einem Sonntag zur Mäusleinsmühle, einem wunderschönen fränkischen Einödhof, der Pate für den Birkenhof im „Mühlensommer“ stand, mit einer Bank vor der Tür, einem kleinen, wilden Flusslauf, Wiesen mit Wildkräutern und schminkte Martina unter freiem Himmel bei Kaffee und einer zarten Brise. Hach. Nun aber zur Geschichte:

Maria, die nach ihrer Schulzeit nicht schnell genug diesem einsamen Stück Erde entfliehen konnte, und in der Großstadt eine erfolgreiche Werbeagentur betreibt, bekommt im Kurzurlaub mit den Töchtern einen Hilferuf ihrer Mutter. Der Vater liegt schwer verletzt im Krankenhaus und sie kann weder die demente Oma alleinlassen noch die Aufgaben am Hof ohne Hilfe bewältigen. Maria fährt sofort los und quartiert sich in ihrem alten Kinderzimmer ein, in dem noch alles unverändert ist, die Tapete, die Möbel und die Birke vor dem Fenster. Als sie die selbstgemachte Schneekugel ihres Bruders findet, taucht sie in Kindheitserinnerungen ab. Diese Geschichten aus dem Leben der Viertklässlerin Maria erzählt Martina Bogdahn wunderschön, einfühlsam, sie berühren und lassen ebenso laut auflachen. Manchmal erinnern sie an die Lausbubengeschichten eines Michel Lönneberga, die Freiheit der Unbeaufsichtigten. Aber auch die Kehrseite des oft verklärten Landlebens wird spürbar. Ein Kind in der Landwirtschaft ist Arbeitskraft, und zwar ohne Wenn und Aber. Der Ton ist rau, der Gestank des Schweinestalls in den Haaren penetrant und das gesellschaftliche Ansehen gering. Und auch der Tod ist allgegenwärtig, ob beim Schlachten oder der Geburt eines Tieres, die kleine Maria muss einiges wegstecken. Zum Glück erfährt sie ebenso viel Zuneigung und Liebe am Birkenhof, sie erlebt Zusammenhalt, Verständnis und manchmal auch unkonventionelle Lösungen.

Die erwachsene Maria merkt bald, dass zwei Herzen in ihrer Brust schlagen, als sie erneut ins Landleben eintaucht. Sie wird ganz ruhig und genießt es, neben der dementen Großmutter auf der Bank zu sitzen und ihr dabei zuzusehen, wie sie Apfel um Apfel schält, die zusammen später ein herrliches Kompott zu den Reibekuchen geben werden…

Tja, welches Leben wollen wir führen? Stadt oder Land? Am besten beides, finden Martina und ich. Und wenn ihr einige der Portraits, die an jenem Sonntag entstanden sind, sehen wollt, findet ihr sie auf dem Umschlag von „Mühlensommer“ oder der Homepage. 

Foto: Jens Wegener

Viel Spaß beim Lesen!

„Mühlensommer“ von Martina Bogdahn

Verlag Kiepenheuer & Witsch ISBN: 978-3-462-00478-6

Ich kann Euch auch eine Lesung nur wärmstens ans Herz legen! Mehr unter:

https://www.martinabogdahn.de

Auf die Bubble!

Seit fast zwei Monaten habe ich kein Auto mehr. Ich gebe es zu, ich habe es ein wenig darauf angelegt, als ich mich dazu entschlossen habe, nicht mehr zu leasen und mich nur sehr unmotiviert darum bemüht habe, ein Gebrauchtwagen zu finden, in einer Zeit, in der es kaum attraktive Gebrauchtwagenangebote gibt. Denn eigentlich brauche ich beruflich ein Auto, weil ich immer so einiges zu transportieren habe. Und trotzdem hat es mich irgendwie gejuckt, zu sehen, wie ich es ohne hinbekomme. Ich muss sagen, in Nürnberg funktioniert das wirklich gut. Im Umkreis von etwa 600 Metern gibt es bei uns drei Autoverleihstationen, an denen ich jederzeit unkompliziert ein Fahrzeug leihen kann. Solange ich im Stadtgebiet unterwegs bin, funktioniert das super. Fahrten aufs Land fallen allerdings weg- viel zu teuer. Für diesen Fall haben mir sehr liebe Freunde angeboten, ihr Auto zu leihen. Großartig. Wenn das Wetter es zulässt, nehme ich mein Lastenrad, das ich letztes Jahr zu diesem Zweck angeschafft habe. Ich nutze es jetzt allerdings viel öfter, denn die bequeme Alternative „Auto vor der Tür“ fällt weg. Gutes Wetter definiere ich seitdem weitaus großzügiger.

Ein Hoch auch auf die VAG, Navigations-Apps und das Deutschlandticket. Ich kann jederzeit von zuhause losgehen, ohne mich vorher aufwendig informieren zu müssen und ohne mich um irgendwelche Tickets zu kümmern, ich weiß, dass ich ohne viel Wartezeiten meine Anschlüsse bekomme und unkompliziert an mein Ziel gelange. Chapeau. Und ob ich eine halbe Stunde früher oder später zuhause bin, interessiert ehrlicherweise in dieser meiner Lebensphase niemanden mehr. Die Mobilitätswende würde so viel schneller funktionieren, wenn jeder Bürger kostenlos oder zumindest zu einem niedrigen Dauertarif fahren könnte, das senkt die Hürden wirklich enorm. Selbstverständlich funktioniert das nur, wenn die Bahn nicht vorher ihre letzten Fans durch die ständigen Streiks vergrault.

Es fühlt sich gerade so ähnlich an, wie meine Entscheidung damals, kein Fleisch mehr zu essen. Ich glaube, ich habe nie versucht, jemanden zu missionieren. Bis heute habe ich kein Problem damit, wenn andere Fleisch essen, es geht ja eher um das wie und was, aber selbst da halte ich niemandem Predigten. Was mich allerdings schon antreibt, ist zu zeigen, dass es auch anders gehen kann. Und dass es sogar Spaß machen und das Leben bereichern kann. Sehr witzig, wenn ich jetzt einer Familienmutter mit drei Kleinkindern, die seit Jahren von einem Auto träumt, erzähle, welche Vorteile das Leben ohne Auto hat. Never ever, ich würde es ihr von Herzen gönnen. Es geht eher darum, die zu ermutigen, die vielleicht aus Gewohnheit seit Jahren nicht mehr versucht haben, andere Wege zu gehen.

Andererseits frage ich mich schon, was dieses Theater um Umwelt- und Klimaschutz eigentlich soll, wenn mir mal wieder Menschen vorschwärmen, dass sie fünfmal im Jahr zum Backpacken fliegen. Im Ernst? Warum nicht einmal in fünf Jahren? Weil sowieso schon alles egal ist und wir noch mitnehmen sollten, was geht? Solange alle It-Girls und Boys den Luxus als maximales Lebensziel zelebrieren und Länder wie Dubai als heißer Scheiß gelten, sehe ich da echt schwarz, die Massen für ein gemeinsames Ziel zu mobilisieren. Betrachtet man den Klimawandel allerdings als naturgemacht, entfallen sowieso sämtliche Argumente. Und ich strampele mich ab, um meinen Fußabdruck zu senken? Klingt maximal bescheuert.

Manchmal bin ich unendlich froh, dass ich mich in meine persönliche Bubble zurückziehen kann. Dass mich dann Menschen umgeben, mit denen ich ähnliche Werte teile und die so ähnlich leben wie ich. Die mir die Sicherheit geben, dass das, an was ich glaube, nicht vollkommen absurd ist, und somit dafür sorgen, dass ich nicht mein ganzes Leben, meine Erfahrungen und Überzeugungen in Frage stellen muss. Und so geht es auch Menschen in anderen Bubbles. Natürlich müssen sich verschiedene Bubbles treffen und wir müssen uns austauschen und diskutieren und idealerweise neue und gemeinsame Bubbles erschaffen. Aber in einer Zeit mit so vielen offenen Fragen, mit so viel kursierendem Wissen und Halbwissen, mit Fakenews und ganz viel Unsicherheit, dürfen und müssen wir es uns auch mal bequem machen. Ausatmen, Nähe spüren und Kraft tanken für das nächste Gefecht.

Vielleicht mögt ihr es mal ausprobieren:

https://scouter.de (Einfaches Mieten von Leihautos an verschiedenen Standorten in Deutschland)

https://www.vgn.de/egon (Eine App, die das Fahren im VGN zumindest wesentlich günstiger macht)

Noch eine Woche…

Als ich kürzlich in Nürnberg aus der Bahn ausstieg, fiel mir sofort eine junge Frau auf, die zwei mächtige Koffer mit geschätzten 120cm Höhe und einen Kleineren den Bahnsteig entlangzuschieben versuchte. Kurzentschlossen bot ich meine Hilfe an und als klar war, dass sie dieselbe U-Bahn Richtung Flughafen nehmen wollte wie ich, rollten wir gemeinsam dort hin. 

Neugierig wie ich bin, fragte ich, was sie in diesen riesigen Koffern habe. 

Geschenke für die Familie. Sie besuche sie zum ersten Mal. Im Irak.

Was es denn in Deutschland gäbe, über das sich die Familie besonders freue?

Schokolade, erwiderte sie und strahlte mich an, während wir Slalom um Reisende und Gestrandete im Bahnhof liefen.

Auf die Ironie der Situation, machte mich mein Sohn zuhause aufmerksam, als ich ihm von der Begegnung erzählte: Eine Schokoladensüchtige auf Entzug mit einem Koffer voller Schokolade, analysierte er knapp und präzise. Ich musste schmunzeln. 

Wie recht er hat. Ich faste mal wieder, dieses Jahr Süßigkeiten. Die größte Challenge dabei ist der Verzicht auf Schokolade, ich stimme meinen Kindern vollends zu, die mir Suchtverhalten unterstellen. 

Deshalb freue mich wieder unbändig auf Ostern und das Fastenbrechen. Und dann wird alles nachgeholt:-)

Schöne Osterfeiertage!

Ansichtssache

Als ich vergangenes Wochenende an einem Barbershop vorbeikam, las ich die Werbung im Schaufenster:

  • Kinder 12,-€
  • Herren 15,-€
  • Renten Herren 13,-€

Voll korrekt, dachte ich, dass da jemand an den kleinen Geldbeutel der Rentner denkt.

Als ich am darauffolgenden Tag das sonntägliche Nachmittagskonzert der Symphoniker besuchte, begann ich zu ahnen, dass die Vergabe dieses Rabatts einen weitaus naheliegenderen Grund haben könnte…

Frühstücksbuffet to go

Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag von Petra, die schon einige Erfahrung beim Retten von Lebensmitteln sammeln konnte. Und eigentlich geht es ganz einfach…

Wir stehen an einem Montagvormittag in der Empfangshalle eines großen Regensburger Hotels. Mit dabei haben wir eine große Tüte mit Unmengen an Tupperdosen und Brotbeuteln und warten mit zwei weiteren Leuten darauf, in den Frühstücksraum gelassen zu werden. Nicht, weil wir in dem Hotel übernachtet haben und uns jetzt auf ein reichhaltiges Frühstücksbuffet freuen, sondern weil wir über die App „To good to go“ die Buffetüberreste des Hotels retten. 

Als die Abholzeit beginnt, bringt uns ein Hotelmitarbeiter in den großen Frühstücksraum. Hier erwartet uns zu unserem Entsetzen ein fast noch vollständiges Frühstücksbuffet, obwohl bereits alle Hotelgäste sowie die Mitarbeiter bereits gefrühstückt haben. Von Eierspeisen, Pancakes und einer riesigen Müsliauswahl über alle erdenklichen Backwaren über eine große Auswahl an Wurst und Käse sowie Weißwürste, Bratwürste und Fleischbällchen, um nur einiges davon zu nennen. 

Im Normalfall sprechen wir Abholer uns untereinander ab, wer welche Bedürfnisse oder Vorlieben hat. Dieses Mal ist das jedoch gar nicht notwendig, da solch eine Menge an Essen zur Verfügung steht, dass die Menge für drei Abholer viel zu viel ist. 

Wir sind beim Lebensmittel retten immer wieder erschlagen von der Essensmenge, die wir für einen sehr kleinen Preis retten, aber den Überfluss und die Überproduktion an Lebensmitteln, die wir in Hotels sehen, macht uns jedes Mal wieder fassungslos, wütend und traurig. Wir verlassen dieses Mal das Hotel mit gemischten Gefühlen, da wir zu dritt nicht alle Buffetreste retten konnten und wissen, dass der Rest, den wir nicht mehr mitnehmen konnten, in die Tonne wandert. 

Wir erfahren von einer anderen Abholerin, die regelmäßig am Montag in diesem Hotel rettet auch, warum an diesem Tag besonders viel übrigbleibt: Von Sonntag auf Montag sind die wenigsten Übernachtungsgäste vor Ort, so dass die Buffetmenge fehlkalkuliert ist, jedoch findet keine Anpassung der Produktion statt. Es ist absolut unverständlich, warum dies nicht geschieht, gerade in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit, ein bewusster Lebensmittelkonsum und auch die Preissteigerung in der Lebensmittelbranche so präsent sind. 

Laut Schätzungen der Nachhaltigkeitsinitiative „Futouris“ entstehen in den etwa 40 000 deutschen Hotels etwa 200 000 Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr und bis zu 60% wären durch eine sinnvolle Planung und Kalkulation vermeidbar. 

Wir sitzen am Abend beim Abendessen und haben eine große Auswahl an geretteten Lebensmitteln und Speisen vor uns und sind dankbar für dieses gute Essen. Unsere Nachbarn haben sich ebenfalls sehr gefreut, als wir ihnen einen Teil der geretteten Lebensmittel vorbeigebracht haben, weil wir das alleine gar nicht essen können. Unsere Tiefkühltruhe ist voll mit Brötchen, Croissants und Baguette – wir sparen uns die nächsten Wochen den Gang zum Bäcker. 

Lebensmittelretten leistet sicherlich nur einen kleinen Beitrag in der aktuellen Zeit, aber unser Leben bereichert es sehr. Wir probieren gerne immer wieder neue teilnehmende Supermärkte, Bäckereien und Hotels aus und erleben dabei oft auch während der Abholzeit eine kleine, nette Gemeinschaft mit bis dahin uns unbekannten Menschen – das tut auch manchmal der Seele gut. 

Wer die App mal ausprobieren möchte, findet hier Infos:

https://www.toogoodtogo.com/de

Von Freundschaft und Pausenbrot

Wenn ich für meinen Sohn das Pausenbrot zubereite, weiß ich, dass ich auch mal was darauf packen kann, was er nicht so gerne mag, weil es noch so einige Mitesser gibt. Sie erfreuen sich regelmäßig an den kleinen Überraschungsbrotzeitdosen, obwohl mein Sohn eher ungewöhnliche Ernährungsgewohnheiten hat. Er isst weder Wurst noch Käse und so gibt es diverse Cremes, Tomaten, Hummus oder einfach Butter mit Schnittlauch. 

Und wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, war es damals nicht anders. Weil ich meine Pausenbrote verschmähte, bekam ich bald keine mehr und kaufte mir stattdessen Brötchen mit dick Butter und Salami vom Hausmeister. Aber weitaus leckerer schmeckten die Brote meiner Freundin, mit der ich diesen Blog gestartete habe. Ihre Mutter buk selbst, vermutlich mit Mehl aus Demeter Anbau, von dem ich zu dieser Zeit noch nie gehört hatte. Belegt mit einem wunderbaren Käse, der mir vorzüglich schmeckte, obwohl ich eigentlich keinen Käse aß. Für meine Freundin war das nichts Besonderes, aber ich genoss mit allen Sinnen.

Wie schön, dass manches bleibt. Auf die Freundschaft und das Teilen des Brotes!

On fire

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich über die Sauberkeit ihres Zuhauses definieren. Im Gegenteil, ich finde Putzen wahnsinnig erschöpfend, fängt man doch direkt wieder von vorne an, wenn man gerade fertig geworden ist. Ganz anders verhält sich das, wenn ich Besuch bekomme. Je seltener und freudiger, umso größer meine Motivation, alles schön zu machen. Am Wochenende kommt meine Freundin aus Berlin. Sie kommt so alle paar Jahre und ich bin on fire. Wahrscheinlich werde ich nicht alles schaffen, ich bin mit zu vielem im Verzug. Sieben Fenster – no way. Aber Blumen kaufen muss klappen, ihren Schlafplatz schön einrichten, das Bad soll glänzen. Ich kann mir vorstellen, was es für eine Dynamik haben muss, wenn sich Frauen in anderen Kulturen eine Woche lang auf ein Fest vorbereiten, gemeinsam kochen, backen, schmücken, dabei singen und lachen. Diesen Zauber fühle ich heute- ganz allein mit meinem Staubwedel.

Glücksbotschaft

Heute morgen- ich verstieß gegen meine Prinzipien für ein besseres Leben und hörte Radio- erreichte mich meine kleine persönliche Glücksmeldung: Im Pariser Zentrum müssen künftig SUVs 18,-€ pro Stunde Parkgebühr löhnen! Das Dreifache der bislang üblichen Gebühr. Per Volksentscheid. Herrlich. 

Ich pflege meine kleine persönliche Abneigung gegen diese Gefährte seit Anbeginn, also, seitdem ich nicht an Autos interessierter Mensch sie nicht mehr übersehen konnte, weil sie die Zufahrtswege zu unserem Kindergarten verstopften. Und das ist lange her! Die Anschaffung dieser überdimensionierten Gefährte symbolisierte für mich von Anfang an die Widersprüchlichkeit des Menschen, der zwar weiß, dass er für die Zukunft der eigenen Kinder weniger Abgase in die Luft pusten sollte, sich aber mehr als bereitwillig von seinem Sicherheitsbedürfnis nach einem Panzer und der Aussicht eines Kreuzfahrtkapitäns verführen lässt.

„Meins! Ich! Hier!“ Noch absurder wurde das Ganze, als die ersten Exemplare mit E-Motor auf den Markt kamen. Ist doch umweltfreundlich. Klar, doch. Und jetzt 18,-€, seufz. Dass Campingbusse auch schwere Fahrzeuge sind, ja, blöd. Aber das ist es mir wert.

Hier noch der echt schwer zu ertragende Sound zum Satz:

Buchtipp: „Hund, Wolf, Schakal“ von Behzad Karim Khani

Über die Sonnenallee in Neukölln stolpert man immer wieder, wenn es um Clan-Kriminalität geht. Die Serie „4Blocks“ wurde von ihr inspiriert, der Hauptdarsteller Kida Ramadan, der im Libanon geboren wurde und bald darauf mit seiner Familie nach Kreuzberg kam, kennt diesen Kosmos aus Einwanderern verschiedenster Länder nur zu gut. Zuletzt geriet die Sonnenallee durch die antiisraelischen Proteste nach dem 07.10.23 zu trauriger Berühmtheit. Natürlich ist das nur die Schattenseite dieses Viertels, es ist auch Heimat vieler Menschen geworden. 

Aber was ist da los in dieser Sonnenallee? Der Autor Behzad Karim Khani kennt das Leben dort*. Er erzählt das Schicksal einer Familie, die in Neukölln strandet. Nachdem die Mutter im Tumult der iranischen Revolution hingerichtet wurde und die politische Lage immer gefährlicher wird, flieht der Vater mit dem 11-jährigen Saam und dem jüngeren Sohn Nima Ende der 80er Jahre nach Deutschland. Die persische Familie fühlt sich im arabisch dominierten Neukölln fremd. Der Vater sorgt als Taxifahrer für den Unterhalt und Saam versucht, sich den Regeln der Straße anzupassen, möglichst nicht aufzufallen und sich durchzuschlagen. Seiner Andersartigkeit und der damit verbundenen Grenzen ist er sich immer bewusst, auch als er sich mit dem Libanesen Heydar anfreundet, der durch seine älteren Brüder einen gewissen Status im Viertel genießt. Dessen Mutter und seine Schwester nehmen Saam herzlich in die Familie auf. Seinen kleinen Bruder Nima versucht Saam immer zu beschützen und von dem ihm selbst vorbestimmten Leben fernzuhalten. Denn es dauert nicht lange, bis Saam sich auf der Straße beweisen muss, bis er selbst schlagen muss, um nicht geschlagen zu werden, bis er mitspielt, um nicht unterzugehen. 

Das erstaunlichste Kunststück gelingt dem Autor darin, dass man, obwohl Saams Werdegang voraussehbar ist, die ganze Zeit über das Gefühl hat, dass dieses Leben nichts mit Saam zu tun hat. Dass es ein Irrtum ist und er in Wirklichkeit an einem friedlichen Ort die Schule besucht, um anschließend zu studieren und an einer Universität zu unterrichten. Dass auf irgendeine Weise alles noch gut geht, denn Saam ist ein sensibler, gebildeter junger Mann. Und dennoch läuft alles falsch- bis zum bitteren Ende.

„Hund, Wolf, Schakal“ ist kein schöner Roman, er ist brutal und schonungslos, wenn auch sprachlich mitreißend. Er macht nachdenklich, denn niemand kommt kriminell auf die Welt. Und manchmal braucht es ein paar Weggabelungen und gute Seelen mehr, damit sich alles zum Guten wendet.

*Mich interessieren die Hintergründe der Autor*innen sehr, weshalb ich ein wenig gestöbert habe und dieses Interview mit dem Hanser Literaturverlag gefunden. Ein kurzer Auszug:

Lieber Behzad, wie nahe kommt Hund, Wolf, Schakal deiner eigenen Biographie? Wer verbirgt sich hinter Saam?

Das Buch ist entlang meiner Biographie geschrieben. Die Eckdaten sind die meines Lebens. Ich setze mit Saam und Nima zwei Enden meiner Schicksalsskala in einen Raum und schaue, wie sie miteinander agieren. Saam ist, was ich vielleicht geworden wäre, wenn ich zwanzig Kilo schwerer, zehn Zentimeter größer gewesen wäre. Wenn ich meine Kämpfe durch Gewalt gewonnen hätte. Kämpfe, die ich im realen Leben verloren habe. Ich bin das Resultat der Niederlagen. Saam das der Siege. Und Nima ist die Frage, was wäre, wenn ich mich den Kämpfen nicht gestellt hätte. Wenn ich einfach weggerannt wäre.

Mehr auf: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/behzad-karim-khani-hund-wolf-schakal-9783446273788-t-3715

Behzad Karim Khan “Hund, Wolf, Schakal“  Hanser Berlin ISBN 978-3-446-27378-8

Geoutet

Habt ihr schon mal versucht, mit Jugendlichen ein Activity Professional aus den 90ern zu spielen? 

Ein Ding des Unmöglichen. Bei zeichne/umschreibe/stelle dar „Um des Kaisers Bart streiten“, „Eulen nach Athen tragen“, oder aber „Den Amtsschimmel reiten“, sieht man „durch die Bank“ in fassungslose Gesichter. Sprache verändert sich und so wie wir die Jugendsprache nicht verstehen, verstehen sie eben nicht die ein wenig in die Jahre Gekommene. Ist ja auch irgendwie fair, dass da jeder so sein Spezialgebiet hat.

Nichtsdestotrotz empfindet mein jüngerer Sohn eine gewisse Faszination für das, was ich manchmal so von mir gebe. Eine Mischung aus Kopfschütteln und vielleicht Spaß an der Verspieltheit der Sprache, so „mutmaße“ ich. Er würde das vermutlich energisch dementieren, aber ich erkläre es mir so, wenn er mal wieder frech grinsend und kopfschüttelnd mein „Das ist ja zum Mäusemelken“, „Den musst du wohl etwas bauchpinseln“ oder „Du bist echt mit allen Wassern gewaschen“ wiederholt.

Als ich letztens auf Bayern 2(!) eine Kostprobe des Comedian Max Osswald hörte, fühlte ich mich ertappt. Jetzt weiß ich, dass nicht nur mein Sohn über diese Ausdrücke spöttelt. Wehe dem, der sie verwendet. Er oder sie outet sich „stehenden Fußes“ als steinalt. Möchte man diesen Eindruck tunlichst vermeiden, sollte man umgehend sein antikes Activity aus dem Spieleschrank entfernen oder beim nächsten Mal so tun, als verstünde man kein Wort.

Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Als ich ein Foto von unseren drei Ampelchefs während einer Bundestagssitzung in der Zeitung sah, dachte ich nur: haben wir uns das wirklich so vorgestellt mit der Digitalisierung? Ein treffliches Sinnbild für das, was schon lange schiefläuft. Der Homo sapiens glotzt auf sein Smartphone – ganz gleich ob in der U-Bahn oder im Bundestag.

Was waren das für Zeiten, als man während einer Bundestagssitzung, eines Meetings, einer Unterrichtsstunde, eines Essens oder eines Treffens mit Freunden, sich nur seinen Mitmenschen widmete und nicht noch gleichzeitig die Welt retten musste. Zugegebenermaßen machte sich bisweilen Langweile breit. Wir waren nicht immer bei der Sache. Wir schwätzten vielleicht oder schrieben heimlich Zettelchen unter dem Tisch. Die ein oder andere Entscheidung musste vielleicht etwas warten, aber es passierte meist auch nichts Schlimmes in der Zwischenzeit. 

Und jetzt? Heute muss alles sofort passieren. Gleichzeitig. Wir müssen umgehend reagieren und erreichbar sein. Viele Menschen empfinden das zunehmend als Stress. Das Digitale, das den Alltag eigentlich erleichtern soll, bindet immer mehr Energien. Wir brauchen immer mehr Apps für immer mehr Anwendungen, für Hotelbuchungen, Essensbestellungen, Versicherungen, den Schulalltag oder Job, Authentifizierungen und Onlinebanking. Jedes für sich wunderbar praktisch, in der Masse einfach zu viel. Wir brauchen Zwei-Wege-Authentifizierung und immer mehr und sicherere Passwörter, um Hackerangriffe auf unsere Accounts abzuwehren. Und weil wir uns diese nicht mehr merken können, benötigen wir Passwortmanager. Cloud Lösungen bieten uns Speicherplatz für Bilder und Daten, die nicht mehr auf unsere Endgeräte passen. Ob wir sie jemals alle wieder ansehen oder ordnen werden, bleibt bei den scheinbar grenzenlosen Ressourcen anzuzweifeln. Dieses Mehr fühlt sich verdammt falsch an, finde ich.

Wenn ich mal wieder fast daran verzweifele, beispielsweise meinen Mailaccount auf dem Smartphone einzurichten, denke ich an Menschen, die weitaus schlechtere Voraussetzungen haben als ich, eine solche Aufgabe zu bewältigen. Weil sie älter sind, eine Behinderung haben oder schlichtweg einen anderen Weg gehen wollen. Stichwort Inklusion. Sie werden zunehmend ausgeschlossen. Ob bei Bankgeschäften oder beim Deutschlandticket. Bei allen Erleichterungen, die die Digitalisierung mit sich bringen kann, darf sie Menschen nicht ausschließen, die ihrer Nutzung nicht mächtig sind. Für sie muss es auch weiterhin andere und vor allem einfache Möglichkeiten geben, auch wenn diese vielleicht teurer sind, weil sie Personal und Räumlichkeiten erfordern. Und nach diesen Angeboten sehnen sich auch Menschen, denen all das Digitale zu viel geworden ist.

Vor etwa fünf Jahren habe ich mich dazu entschieden, WhatsApp von meinem Handy zu entfernen, zum einen aus Datenschutzgründen, zum anderen, weil ich geschäftliche Anfragen über WhatsApp als sehr nervig empfunden habe. Ich habe diese Entscheidung keinen Tag bereut, aber peinlich ist sie mir trotzdem manchmal. Denn jedes Mal, wenn mir jemand „schnell mal“ etwas schicken möchte und ich kleinlaut gestehe, dass das auf diesem Weg nicht möglich ist, gehe ich davon aus, dass mich mein Gegenüber in die Schublade „Nicht von dieser Welt“ steckt. Erstaunlicherweise reagieren inzwischen viele Menschen ganz anders.

„Wie toll, das würde ich auch so gerne machen!“ 

Ich finde, es ist wirklich Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und nicht immer nur kritiklos den digitalen Möglichkeiten hinterherzurennen. Auch und vor allem im Bundestag.