Theorie & Praxis

Mein großes Kind ist ausgezogen. Naja, nicht endgültig, sondern eher so auf Probe. Bundesfreiwilligendienst. (Genau der, für den im nächsten Jahr die Mittel gekürzt werden sollen. Aber das ist ein anderes Thema.) Nicht allzu weit weg und trotzdem steht sein Zimmer jetzt fast zwei Wochen leer, bis er wiederkommt. Die ersten 24 Stunden denke ich ständig an ihn. Es fühlt sich ganz anders als seine Urlaube mit Freunden in den vergangenen Jahren. Da habe ich nicht fast manisch an ihn gedacht. Aber jetzt kreisen meine Gedanken um ihn. Wie geht es ihm? Was macht er? Begierig sauge ich jedes Video auf, dass er seinem kleinen Bruder schickt. Ist er einsam? Ich fühle mich unsicher, wie oft ich ihm eine Nachricht schicken darf, ohne ihn zu bedrängen. Wie oft ich anrufen darf, ohne ihn zu nerven. Ich denke an die Mütter, die ich so abgeklärt belehrt habe. Du musst sie ziehen lassen, ihnen Raum geben, habe ich gesagt. Ich möchte so nicht sein.

Es wird leichter. Die zweite Woche fühlt sich schon normaler an. Ich genieße die Zeit mit meinem jüngeren Sohn. Das Kochen macht Spaß, wir mögen ähnliche Sachen. Erstaunt bemerke ich, wie viel weniger ich einkaufen muss, weil das immer hungrige Kind an seinem neuen Wohnort bestens verpflegt wird. Ich wasche weniger Wäsche, es ist entspannt, wir grooven uns ein.

Jetzt ist er zuhause, er ist gewachsen. Es tut ihm gut, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und für andere. Daheim ist alles wie immer, Zocken, Chatten, Chillen. Fast. Mein liebenswerter Chaot hat sich tatsächlich eine Liste geschrieben, was er noch von zuhause mitnehmen muss. Vorausschauend. Und er hat sich fürs Essen bedankt. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Wer sich interessiert, findet hier Infos:

https://www.bundesfreiwilligendienst.de/bundesfreiwilligendienst/platz-einsatzstellensuche

Zeit

(Ein Gastbeitrag von Petra)

Ich sitze bei nur wenigen Grad Celsius über Null in unserem Garten im dicken Nebel eingehüllt und frühstücke. Warum ich das erzähle? Weil ich noch letztes Jahr um die Zeit sicher nicht auf die Idee gekommen wäre, mich unter der Woche am Vormittag in Ruhe draußen zum Frühstücken hinzusetzen- nicht, weil das nicht schon damals schön gewesen wäre, sondern weil ich schlichtweg keine Zeit gehabt hätte. Um diese Zeit (10h morgens) wäre ich mit meinem Hund auf dem Heimweg von meinem Pferd gewesen, in großer Eile, um noch kurz unter die Dusche zu springen und dann in die Arbeit zu düsen, um nicht zu spät zu kommen.

Und jetzt, jetzt habe ich Zeit, jede Menge davon und viel mehr, als mir manchmal lieb ist. Ich bin seit Ende März zuhause aufgrund von Long Covid und musste auf schmerzhafte Art lernen, mich von all den Hobbies, vom Beruf, von sämtlichen Freizeit Aktivitäten, aber auch von allen Leistungsansprüchen an mich selbst zu verabschieden. In die Pause gezwungen.

Kein Sport mehr, kein Job mehr, keine langen Spaziergänge mit Hund und Pferd – nichts mehr war da von meinem „alten“ Leben. Die letzten Monate waren geprägt von viel Trauer, viel Schmerz über meine Situation, die mich hilflos gemacht hat, weil sehr lange Zeit keine Hilfe in Sicht war. Die vergangene Zeit war auch geprägt von immer wieder viel Hoffnung, um dann in ein tiefes Loch der Verzweiflung zu fallen, weil ich wieder Rückschritte gemacht und somit wieder ans Sofa oder Bett gefesselt war. Ärzte, Krankenhäuser, spezielle Ambulanzen konnten nicht helfen und somit war ich sehr lange mit der Erkrankung alleine und musste lernen, wie es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein – im Haushalt, in der Tierversorgung, in allen Lebensbereichen – ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen und tiefe Dankbarkeit zu empfinden – den Menschen gegenüber, die mich in den letzten Monaten so intensiv begleitet haben und immer an ein Gesund werden geglaubt haben, auch wenn ich selbst immer wieder so verzweifelt war, dass Suizid sehr verlockend erschien.

Aber mein wundervoller Partner und meine Tiere erinnerten mich immer wieder daran, dass es sich lohnt zu kämpfen und nicht aufzugeben, weshalb ich heute in meinem Garten sitze, eine Tasse Tee vor mir und die Kraft habe, wieder zu schreiben. Ich kann mit ganz viel Stolz sagen, dass es langsam in Minischritten aufwärts geht – dank einer wunderbaren Unterstützung, die mich seit zwei Monaten begleitet. Jemand, der sauer darüber war, dass sich so wenig mit den Menschen beschäftigt wird, die von Long Covid betroffen sind und sich deshalb darauf spezialisiert hat, erkrankte Menschen zu begleiten. *

Auch dafür bin ich unendlich dankbar – es ist Tag für Tag Arbeit, die ich leisten muss, damit es Stück für Stück besser wird, aber ich weiß, dass es sich am Ende lohnen wird. Ich halte mich fest an Visionen – wie es ist, das erste Mal mit meinem Freund zum Tanzkurs zu gehen oder mit Hund und Pferd wieder einen schönen langen Spaziergang zu machen. Es liegt noch ein langer Weg vor mir, aber ich habe ja jede Menge Zeit… und ich bin dankbar für all die kleinen Dinge und Momente in meinem Leben, die wieder möglich sind.

Nehmt Euch Zeit- für Euch selbst, für Eure Liebsten, für all die Dinge, die ihr tun möchtet – denn ihr wisst nie, wie lange ihr gesund seid – schätzt das Leben und seid dankbar für alles Große und Kleine, was Euch tagtäglich begegnet.

(* http://www.longcovid-ganzheitlich.de – Leider ist nur ein kleiner Leitfaden kostenlos, ansonsten muss die ganzheitliche Begleitung privat bezahlt werden. Ich wollte die Homepage trotzdem verlinken, da die Kassenleistungen und Hilfen bei Long Covid trotz der Kampagne des Bundesgesundheitsministers noch immer vollkommen unzureichend sind und Betroffene meist froh sind, andere Wege zu finden.)

Was ich aus diesem Sommer mitnehme

Jetzt ist er bald vorbei, dieser Sommer. Ich blicke in Dankbarkeit zurück und sehe dem Herbst gelassen entgegen. Eine der schönsten Inspirationen dieses Sommers habe ich einer Freundin zu verdanken, die wir im Urlaub besucht haben. Obwohl von Hunden und wuselnden Kleinkindern umgeben, empfing sie mich anstatt in der sonst üblichen schlichten Alltags- und Funktionskleidung jeden Morgen in einem neuen, wunderschönen Kleid oder Overall. Ich bestaunte die auffälligen, farbenfrohen Prints, ihre femininen Körperformen und freute mich schon darauf, in welchem Outfit sie mich am nächsten Tag empfangen würde. Meine Freundin sah wunderschön aus. Sie hatte beim Packen beschlossen, all die schönen Kleider, die zuhause in ihrem Schrank vergeblich auf den großen Auftritt warteten, weil sie zu unpraktisch und zu empfindlich waren oder der Anlass fehlte, im Urlaub zu tragen. Eine großartige Idee.

Sich einfach für sich selbst schön zu machen, die eigene Weiblichkeit zu zelebrieren und auch beim Kochen eine Königin zu sein, das macht definitiv glücklich.

Was ich noch aus diesem Sommer mitnehme, ist die Erkenntnis, dass man sich sündhaft teure Regenjacken sparen kann, egal wie innovativ sie sind und mit wieviel Membranen sie ausgestattet sind. Wenn es schüttet und man stundenlang mit dem Fahrrad durch den Regen fährt, wird man eben klatschnass. Möchte man das vermeiden, sollte man einfach drinnen bleiben. Kostet weniger und ist weitaus effektiver. Aber erkläre das mal entschlossenen Outdooraktivisten…

Und dann lernte ich noch Folgendes: Viele Menschen in der Mitte des Lebens beschäftigt die Frage, ob sie bei einem Besuch auf unbekanntem Terrain einen Parkplatz finden werden. Für mich sehr ungewöhnlich, da ich zum einen mehrere Jahre in einem Viertel gelebt habe, in dem ich tagtäglich fünfzehn Minuten um den Block fahren musste, um einen Parkplatz zu finden und ich in dieser Zeit gewisse Einparkkünste und einen untrüglichen Instinkt für Lücken entwickeln durfte. Zum anderen gurke ich beruflich so viel in der Gegend herum, dass ich ständig auf unbekanntem Terrain parken muss. Ich war also zunächst erstaunt, als ich gefragt wurde, wie sich das bei uns mit Parken verhalte. Beim ersten Mal, beim zweiten nicht mehr so sehr, beim Dritten gelang mir der Perspektivwechsel. Klar, gibt ja auch ganz andere Leben. Mit immer denselben Parkplätzen, vielleicht sogar mit Nummernschild drauf. Ich sollte mich einfach nicht so viel wundern.

Genießt die letzten schönen Tage.

Buchtipp: „Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin mancher Gespräche wirklich leid. Über Sinn und Unsinn des Genderns, der deutschen Klimapolitik und warum manche Wörter einfach rassistisch sind, „auch wenn man das schon immer so gesagt hat“. Ich wurde schon als „Gutmensch“ bezeichnet, weil ich überwiegend im Biomarkt einkaufen gehe. Was soll das?

Fast automatisch werden heute einige Positionen abgeklopft, um die Person dann umgehend und zielsicher einer Schublade zuzuordnen. Gleichgesinnt, woke, „Schwurbler“, wie auch immer.

Juli Zeh und Simon Urban gehen an dieser Stelle weiter und machen es uns in ihrem Roman nicht so einfach, zu urteilen. Zunächst scheint der Sachverhalt vollkommen klar. Theresa und Stefan haben während ihres Studiums gemeinsam in einer WG gewohnt und standen sich sehr nah. Warum sie nie ein Paar wurden, wissen sie bis heute nicht. Sie hat inzwischen den Hof ihres Vaters in Brandenburg übernommen, er ist stellvertretender Chefredakteur einer der renommiertesten Tageszeitung des Landes. Sie ist tagtäglich mit den Herausforderungen in der Landwirtschaft konfrontiert, von Dürre bis Schweinepest, den Absurditäten von Förderanträgen und Ausgleichszahlungen, er ist mit sich und seiner Political Correctness in allen gesellschaftlich relevanten Themen von der richtigen Ausdrucksweise bin hin zum richtigen Verhalten im Reinen.

Ihr erstes Zusammentreffen nach zwanzig Jahren endet im Desaster, weil sie heftig aneinandergeraten. Doch anstatt es dabei zu belassen, beginnen sie sich auf Whatsapp zu schreiben und, als es dort aus dem Ruder läuft, per Mail weiter auszutauschen, Theresa oft nachts vor dem Melken, Stefan zwischen den Redaktionssitzungen. Sie beginnen, ihr Leben miteinander zu teilen. Und was sich die Autor*innen hier ausgedacht haben, ist beeindruckend und intelligent. Diese Korrespondenz geht weit über das hinaus, wo sie normalerweise endet. Trotz aller Unterschiede – und die beiden sind knallhart in der Sache und nehmen kein Blatt vor den Mund- versuchen sie sich zu unterstützen und den anderen zu verstehen. Ihre gegenseitige Zuneigung ist dabei der Kitt, der sie durchhalten und verzeihen lässt. Theresa radikalisiert sich nach herben Rückschlägen bei der Rettung des Hofs immer weiter. Aber auch Stefans Weltbild gerät ins Wanken, als ein Freund wegen einer flapsigen Bemerkung, die viral geht, und der ein übermächtiger Shitstorm folgt, geradezu vernichtet wird.

Richtig und falsch, Gut und Schlecht – diese Urteile verlieren ihre klaren Konturen. Ein wirklich inspirierendes Buch gegen das Schwarz-Weiß-Denken in unserer heutigen Gesellschaft.

„Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban, Luchterhand

ISBN 978-3 -630-87741-9

In Wolkenkuckucksheim

Seit fünf Tagen ist die große Hitze bei uns vorbei. Und das ist gut so. Nicht nur die Natur dankt es, auch eine mir bisher unbekannte Wetterfühligkeit hat sich wieder verkrochen. Natürlich kann ich auch andere Ursachen benennen, für das, was geschah. In meinem Leben wechseln sich Phasen mit ordentlich viel Freizeit und überhaupt keiner kontinuierlich ab. In Letzteren befinde ich mich dann statt im Hier und Jetzt in Wolkenkuckucksheim. Dass Stress ein bisserl „deppert“ und vor allem vergesslich macht, konnte ich in der Vergangenheit schon des Öfteren feststellen. Nach einer Woche mit sehr viel Arbeit und wenig Schlaf bei hohen Temperaturen trug sich jedenfalls Folgendes zu:

Samstag morgen rief mich ein freundlicher Herr an. Polizeidirektion Nürnberg Ost.

Aha?

Ob ich Halterin des Fahrzeuges mit folgender Nummer sei?

Ja, schon.

Ob es denn sein könne, dass ich am vergangenen Tage mein Fahrzeug getankt und vergessen habe, zu zahlen?

Ich überlegte. Ja, ich war tatsächlich tanken gewesen. Als ich abends meine Quittungen für die Steuerkanzlei hochgeladen hatte, hatte auch eben jener Beleg gefehlt, ich war mir jedoch sicher gewesen, dass er wieder auftauchen würde. Hm. Ich musste also ernsthaft in Betracht ziehen, dass es ihn gar nicht gab? Ich stammelte, ja, vielleicht, also ich habe getankt und versuchte rasch, den Verkaufsraum der Tankstelle zu visualisieren. Und musste mir eingestehen, dass ich ihn tatsächlich seit geraumer Zeit nicht mehr betreten hatte.

Oh mein Gott, ja wahrscheinlich, das tut mir leid, das wollte ich nicht!!!

Der Polizist fuhr ausgenommen freundlich fort. Wenn ich jetzt gleich hinfahre und die offene Forderung begleiche, könne man von einer Anzeige absehen.

Ja, natürlich, das mach ich sofort.

Vorsorglich nahm ich das Fahrrad, um unliebsamen Reaktionen auf mein Auto vorzubeugen. Der Tankstellenbesitzer sah von einer Strafzahlung in Höhe von 50,-€ ab, was ich mir nur damit erklären konnte, dass ich auf dem Video genauso verpeilt ausgesehen haben musste, wie ich es tatsächlich gewesen war. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich sogar noch meinen Geldbeutel aus dem Auto geholt, hatte dann aber wohl den Zapfhahn wieder eingehängt und war eingestiegen, um nach Hause zu fahren und dem Kind schnell etwas zu Essen zu kochen, bevor es aus der Schule kam.

Es ging an diesem Tag übrigens noch so weiter. Ich vergaß die Butter, die ich zum weich werden auf den Balkon gestellt hatte, auf eben jenem und buk die Erdbeermuffins ohne sie. Funktioniert erstaunlicherweise, wenn auch mit geschmacklichen Einbußen. Am Abend fuhr ich dann noch durchgeschwitzt in Richtung Schwimmbad, um mich von der drückenden Hitze abzukühlen. Kurz vor Ankunft fiel mir auf, dass ich vergessen hatte, Geld einzupacken. Als ich wieder umdrehte, türmte sich eine schwarze Wolkenwand bedrohlich vor mir auf. Nur eine halbe Stunde später entlud sich ein heftiges Gewitter, dass auch meinen Zustand wieder normalisierte.

Seit dieser Woche kann ich jedenfalls wieder klar denken, mir ist nicht mehr schwindelig und der latente Kopfschmerz hat sich in Luft aufgelöst. Und ich freue mich noch immer darüber, dass mich dieser freundliche Herr nicht wie eine Schwerverbrecherin behandelt hat, sondern wie einen Menschen, der gerade ziemlich neben der Spur war. Vielen Dank, mein Freund und Helfer!

Anekdote aus dem Leben einer Yoga-Schülerin

Wer meinem Blog schon längere Zeit folgt, weiß, dass ich auf unseren bayerischen Ministerpräsidenten – Herrn Markus Söder – nicht sonderlich gut zu sprechen bin. Mein „altes Ich“ hätte ihn an dieser Stelle als aufgeblasenen Lackaffen und Wendehals betitelt, aber das ist ein für alle Mal vorbei. Ich nenne ihn jetzt einfach Markus. Meine Welt hat sich nämlich grundlegend verändert und das ging so:

Auf dem Yoga-Retreat, an dem ich kürzlich teilgenommen habe, durfte ich eine sehr bekannte Meditationsmethode kennenlernen – Metta Bhavana ( deutsch: Mitgefühl / Entwicklung). Sie dient zur Entwicklung einer „mitfühlenden, altruistischen und ego-freien Geisteshaltung“, wie ich nachgelesen habe, ich will Euch ja keinen Blödsinn erzählen.

So weit schon die Theorie. Der Wortlaut der Meditation variiert, aber sinngemäß bedenkt man zuerst sich selbst mit folgenden Worten:

Möge ich geborgen sein.

Möge ich gesund sein.

Möge ich glücklich sein.

Möge ich in Frieden leben.

Also tatsächlich ein ganzes Bouquet bester Wünsche. Als nächstes visualisiert man einen Menschen, den man liebt oder sehr gerne hat und spricht für ihn im Geiste diese Worte.

Mögest Du geborgen sein.

Mögest du gesund sein.

Mögest du glücklich sein.

Mögest du in Frieden leben.

Das gelingt spielerisch und macht viel Freude. Als Drittes lässt man die guten Wünsche jemandem zuteilwerden, dem man nur flüchtig begegnet ist. Es fiel mir beim ersten Mal schwer, mich zwischen meinem Paket- Reinigungs-Mann und dem Schneider zu entscheiden, dem ich seit Jahren unsere Hosen zum Flicken bringe. Ich hoffte, der Segen würde trotzdem wirken, also halb, halb oder zumindest bei einem.

Als Letztes wartete die schwierigste Aufgabe. Man soll nämlich eine Person bedenken, die man hasst oder zumindest nicht ausstehen kann. Und hier, ihr könnt es euch denken, kam Markus ins Spiel. Er wurde mein Auserwählter, dem ich in bestmöglicher Aufrichtigkeit Geborgenheit, Gesundheit, Glück und Frieden wünschte. Und ich tat es am nächsten Tag wieder und es fühlte sich schon leichter an.

Und dann geschah das Unglaubliche. Nach etwa zwei Wochen und einigen Wiederholungen dieser Meditation der liebenden Güte, begegnete ich Markus des Nachts im Traum und, was soll ich sagen, wir hatten eine richtig gute Zeit zusammen. Es war witzig, wir haben herrlich viel und ausgelassen gelacht, fast so, als wäre er ein alter Freund aus Schulzeiten. Ich gebe zu, ich mochte ihn.

Wahnsinn, wie die Kraft der Gedanken alles verändern kann. Also, nicht, dass ich ihn jetzt im echten Leben treffen mag, dazu muss ich vermutlich noch ein Weilchen weitermeditieren, das passt schon, dass wir uns in unterschiedlichen Dunstkreisen bewegen, aber ich habe eine klitzekleine Ahnung davon bekommen, wie heilend es sein kann, seine Energie nicht an Missgunst und Ärger zu verschwenden. Seufz.

Vielleicht mögt ihr es auch mal ausprobieren. Und wenn nicht, kommen vielleicht trotzdem gelegentlich ein paar gute Wünsche bei euch an. Namastè!

Kraft tanken

Ich weiß nicht, wie es euch mit den großen Herausforderungen unserer Zeit geht, aber mir ist das in den letzten Monaten alles zu groß geworden. Die KI und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt, die Gefahren, die ihre Anwendung mit sich bringt, der Klimawandel und seine nicht mehr zu übersehenden Auswirkungen. Zu viel Negatives, zu viele Informationen – ich war nicht mehr wirklich in meiner Mitte. Dabei ist das der Anfang von allem. Ich kann nur Liebe schenken, wenn ich mich selbst liebe. Meine Kinder können nur unbeschwert durchs Leben gehen, wenn ich für mich und meine Bedürfnisse sorge. Bei einem Flugzeugunglück muss ich mir selbst zuerst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor ich anderen helfe. (Danke für diesen treffenden Vergleich, liebe Sabine.) Meine hing zuletzt nur noch auf Halbmast. Der Nachhaltigkeitsforscher Professor Tobias Luthe empfiehlt gegen das Gefühl der Ohnmacht, sich auf das nahe Umfeld zu konzentrieren. Regional kann jede(r) wirksam sein und etwas bewegen. Und aus vielen kleinen Zellen kann dann wieder etwas Großes entstehen.

Mein lang ersehnter Aufenthalt zum Yoga und Wander Retreat kam jedenfalls genau zur rechten Zeit, um meine Batterien wieder aufzuladen. Menschen kennenzulernen, die versuchen, bestmöglich im Einklang mit der Natur zu leben, hat unendlich gutgetan. Uns alle hat die Liebe zu den Bergen verbunden, die Offenheit, uns aufeinander einzulassen und die Gabe unserer Yogalehrerin, und behutsam durch die Tage zu begleiten. Ich möchte eines ihrer Meditationsvideos mit euch teilen, das auch euch hoffentlich Kraft geben kann, wenn ihr durch den Wind seid – was für ein treffender und schöner Ausdruck eigentlich. Sucht euch am besten einen schönen Ort irgendwo draußen in der Natur in der Stille und nehmt eine Decke mit, auf der ihr es euch bequem machen könnt. Es dauert nur wenige Minuten. Ich habe vorher nie meditiert, aber ich finde, diese Meditation kann dich einige Zeit durch den Alltag tragen, wenn du dich darauf einlässt.

Kein Schonwaschgang

Früher hätte ich darauf gewettet, dass man jenseits der Teenagerzeit keine Pickel mehr bekommt. Ein ebenso großer Irrtum wie die Annahme, man habe seine Lebensthemen als junger Erwachsener aufgearbeitet und könne dann ein halbwegs unbeschwertes Leben führen. Die Überbehütung der Mutter, die fehlende Anerkennung des Vaters, die Ehekonflikte der Eltern, whatever. Die Wahrheit ist, dass sich in der Mitte des Lebens erneut all diese Themen wieder in den Vordergrund drängen, weil wir merken, dass die Glaubenssätze und Muster unserer Kindheit das gesamte Leben prägen. Jetzt, wo die Kinder langsam flügge werden, finden wir ausreichend Zeit, uns zu zermartern. Und sich mit Teenagern auseinanderzusetzen, ist auch nicht gerade ein Schonwaschgang.

Als wäre das nicht schon genug, kommen zu den alten Themen auch noch neue hinzu. Enttäuschungen, Einsamkeit, geplatzte Lebensträume, Trümmerlandschaft. Das ist kein Spaß, wenn auf einmal fast das gesamte soziale Umfeld zu straucheln beginnt und es selbst schwerfällt, die Fahne hochzuhalten. Dazu kommt auch noch diese Hormonumstellung bei uns Frauen. Das weichspülende Östrogen nimmt kontinuierlich ab und das Testosteron gibt zunehmend den Ton an. Also Schluss mit Verständnis und Kompromissen, ab jetzt wird kurzer Prozess gemacht. Ganz schön anstrengend zuweilen. Zudem fehlen der Lebensmitte einfach die „Fun Facts“. Vorbei die Zeiten, in denen man über den letzten One-Night-Stand, den neuen Job oder den ersten Zahn des Säuglings sprach. Während es mir beim ersten Small Talk über Inkontinenz noch die Schamesröte ins Gesicht trieb, gehört das mittlerweile zum daily business. Arthrose, künstliches Hüftgelenk, Lesebrille, alles Standard inzwischen. Puh.

Vor einiger Zeit war ich mit zwei Freundinnen bei „Bierchen & Bühnchen“, einem netten Kneipenfestival in Nürnberg Gostenhof. Zum Glück sind wir drei weitestgehend schambefreit und haben ausreichend Humor, um uns hemmungslos unters Jungvolk zu stürzen. So viele Rotzbremsen* habe ich noch nie auf einen Haufen gesehen, dazu Mützen und Oversize Sweatshirts, nett anzusehen. Wir fanden sogar recht aparte Gesellschaft, die uns aber irgendwann ganz uncharmant darauf aufmerksam machte, dass wir einer ganz anderen Liga angehörten. Auf die Frage nach dem besten Club für den Abend, bekamen wir die Antwort, ob es bei uns denn kein Google gäbe. Haha. Jedenfalls habe ich festgestellt, dass solche Veranstaltungen eines gewissen Trainings bedürfen, damit ich nicht eines Tages postwendend wieder umkehre angesichts der Enge, der Luft, der Geräuschkulisse und der permanenten Suche nach einer Toilette, denn das Bierchen muss ja wieder raus.

Apropos Training, das müsste in dieser Lebensphase eigentlich unsere Hauptbeschäftigung sein. Beckenbodentraining gegen die Inkontinenz, Hanteltraining, wechselseitig auf einem Bein stehend, für Kraft, Gleichgewicht und Koordination, Dehnungen gegen die Steife der Gelenke, ausgewogenes Essen wegen des gefährlichen Bauchfetts, Fremdsprachen und Schach gegen Demenz. Vorbeugen ist die Aufgabe, denn fangen wir erst an, wenn wir Einschränkungen bemerken, ist es womöglich schon zu spät. F*ck.

Also, Spaß geht anders. Außer, wir machen ihn uns. Wann immer es uns gerade möglich ist. Die Feste feiern, wie sie fallen. Uns mit Menschen umgeben, die uns guttun. Tanzen, Singen und Lachen, für ein bisschen mehr Leichtigkeit in der Mitte des Lebens, bis es wirklich wieder leichter wird.

*Hipster – Oberlippenbärte

Abgetaucht

Falls ihr euch bereits gefragt habt, warum ich seit Wochen fast kommentarlos abgetaucht bin, ich verrate es euch. Zuhause wollen inzwischen zwei Teenager mit unbändigem Hunger versorgt werden, der Takt der Nahrungsaufnahme hat sich um mindestens ein Mitternachtsmal erhöht, Kühl- & Gefrierschrank werden regelmäßig geplündert, Berge von TK-Pizza verdrückt und ich weiß kaum noch, was ich kochen soll bei idealerweise drei warmen Mahlzeiten am Tag, denn alles andere sättige nicht, sagen die Jungs. Ein logistischer und zudem finanzieller Aufwand, der zur Folge hat, dass ich, wenn ich gerade nicht koche, Geld heranschaffen muss, um es sogleich wieder in Lebensmittel zu reinvestieren. Ich kann also unmittelbar den Weg des Geldes vom Supermarkt in die aufgerissenen Mäuler hin zur Kloschüssel verfolgen. Hört sich so nachhaltig an wie die Umweltpolitik der Ampel, erzielt aber tatsächlich den gewünschten Effekt – die Kinder wachsen und gedeihen. Ihr denkt, ich übertreibe? Naja, vielleicht ein kleines bisschen.

Schönes Wochenende!

Kinotipps!

Heute möchte ich Euch zwei Filme empfehlen, die ich zwar beide noch nicht gesehen habe, auf die ich aber doch neugierig bin.

Das eine wäre: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, nach dem Bestseller von Joachim Meyerhoff.

https://www.ndr.de/kultur/film/tipps/Bestseller-Verfilmung-Wann-wird-es-endlich-wieder-so-wie-es-nie-war,wannwirdes100.html

Wer Meyerhoffs zu großen Teilen biografische Romane gelesen hat, weiß, dass sie besten Stoff für eine Verfilmung hergeben. Und dann noch mit David Striesow – das kann eigentlich nicht völlig in die Hose gehen. Und wer eben nicht zu den Leseratten gehört, kann vielleicht auf diese Weise herausfinden, ob er der Meyerhoffschen Welt etwas abgewinnen kann. Mit Sicherheit etwas zum Lachen und Weinen und vielem Dazwischen. Schon jetzt in den Kinos.

Wer gerne etwas von ihm lesen möchte, der oder dem möchte ich noch ein anderes Buch seines 4-teiligen Zyklus empfehlen: https://meedchenwargestern.com/2019/06/18/buchtipp-ach-diese-luecke-diese-entsetzliche-luecke/

Der andere Film, auf den ich durch die Berichterstattung zur Berlinale aufmerksam geworden bin, ist „Der vermessene Mensch“ von Lars Kraume.

https://www.ndr.de/kultur/film/videos/Der-vermessene-Mensch-Trailer-zum-Drama-von-Lars-Kraume,video8380.html

Vor vier Jahren bin ich das erste Mal über einen Roman zum Thema Kolonialismus gestolpert, „Alle außer mir“ von Francesca Melandri. Buchtipp: Alle, außer mir Ein packendes Buch über die Italiener in Äthiopien, das für mich ein neues Kapitel aufgeschlagen hat. Es folgte „Meine Farm in Afrika“ von Kerstin Decker, das in der Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Burundi, Ruanda, Tansania und Teilen Mosambiks spielt. In den letzten Jahren ist das Thema Kolonialismus glücklicherweise endlich mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten und es wurde zumindest begonnen, Raubkunst zurückzugeben und das unglaubliche Unrecht, das die Kolonialmächte begangen haben, aufzuarbeiten. Es bleibt allerdings noch sehr viel zu tun, denn die Folgen reichen bis in die heutige Zeit. „Der vermessene Mensch“ leistet einen Beitrag zur Aufklärung und erzählt von den Gräueltaten, die die Deutschen in „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia, begangen haben. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein Ethnologe, der die Einheimischen vermessen soll, um die Lehre der Überlegenheit der weißen Rasse, die den Kolonialmächten zur Legitimation ihres Handelns dient, pseudo-wissenschaftlich zu belegen. Der Film wurde an Originalschauplätzen in enger Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort gedreht. Er läuft Ende März in unseren Kinos an.

Buchtipp: „Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“ von Gianni Jovanovic mit Oyindamola Alashe

Und hier ist der zweite Tipp. Und dieses Buch ist etwas ganz anderes…

Gianni Jovanovic hätte allen Grund gehabt, ein verbitterter, gebrochener, richtig fieser Typ zu werden, bei all dem, was ihm in seinem Leben widerfahren ist. Er hat immer wieder Diskriminierung erfahren, rassistische Beleidigungen und Ausgrenzung, weil er zu einer traditionellen Roma-Familie gehört. Er wurde auf eine Sonderschule geschickt, wie das bei Kindern aus Roma- und Sinti- Familien leider nicht unüblich ist. Und dann stellt er auch noch fest, dass er schwul ist, während sein Leben in vorgezeichneten Bahnen verläuft: Hochzeit mit vierzehn, zweifacher Vater mit siebzehn.

Aber anstatt an seinem Schicksal zu zerbrechen, entwickelt sich Gianni Jovanovic zu einem Aktivisten. Der Wunsch, seinen Kindern einen in jeder Hinsicht anderen Weg aufzuzeigen, erweckt den Kämpfer in ihm. Er setzt sich mit der Geschichte der Rom*nja und Sinti*zze auseinander, um zu verstehen, um diskutieren zu können und aufzuklären. Es gelingt ihm, nicht nur das Abitur zu machen, sondern auch ein Studium zu absolvieren. Weil er Vorurteile widerlegen will und zeigen, dass dieser Weg auch für Rom*nja und Sinti*zze möglich ist. Er möchte ein Vorbild sein und gibt Workshops an Schulen, um über strukturellen Rassismus aufzuklären. Er versucht, Schüler*innen zu ermutigen und Lehrkräften aufzuzeigen, welch wichtige Rolle sie beim Verlauf einer Schullaufbahn spielen können. Und er setzt sich für die LBGTQ+ – Community ein, damit jeder sein darf, wie er ist.

Übrigens nimmt Gianni Jovanovic kein Blatt vor den Mund, er ist offen und seine Worte mitunter deftig, nur so zur Vorwarnung. Seine Geschichte hat mich tief beeindruckt, seine Herzlichkeit, seine Bereitschaft zur Vergebung, sein Verständnis und sein Appell für Toleranz und Vielfalt. Einfach bewundernswert!

„Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“ von Gianni Jovanovic mit Oyindamola Alashe, Verlag: Blumenbar

ISBN 978-3-351-05100-6

Buchtipp: „Patria“ von Fernando Aramburu

Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, fehlt mir gerade etwas Zeit und Muße, um zu schreiben. Ich möchte Euch aber zumindest in wenigen Worten zwei Bücher empfehlen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Das erste ist:

„Patria“ von Fernando Aramburu

Seitenzahlmäßig ein ziemlicher Brocken, aber gut in Etappen zu lesen, schon deshalb, weil Zeiten und Erzählperspektiven wechseln, ohne aber, dass es zu kompliziert würde, der Handlung zu folgen.

Der Roman erzählt von zwei befreundeten Familien im spanischen Teil des Baskenlandes. Während Txato, Unternehmer und Familienoberhaupt einer der Familien, eines Tages von Terroristen der ETA* erschossen wird, weil er sich weigert, Revolutionsgeld zu zahlen, schließt sich Joxe Mari, der ältere Sohn der anderen Familie der ETA an. Obwohl von Kindheit an eng verbunden, kommt es zum Bruch.

Fernando Aramburu zeigt uns eine Welt, in der das Baskische über allem anderen steht, der permanente Druck der Dorfgemeinschaft zur Radikalisierung der Menschen führt und wie schwer es ist, sich dem zu entziehen. Er gibt Tätern und Opfern eine Stimme. Durch sie erfahren wir, was es heißt, als Familienmitglied eines Opfers der zahlreichen Attentate durchs Leben gehen zu müssen, aber auch als Mutter, Vater, Bruder oder Schwester eines Attentäters. Wir erfahren von den unterschiedlichen Strategien, mit dem Schicksal fertig zu werden. Eine Annäherung scheint fast unmöglich und dennoch gibt es auch die, die aufbegehren…

Ein wirklich spannender, kluger und interessanter Roman, auch wegen des „Euskera“, der baskischen Schrift und Sprache mit den vielen x, die Aramburu immer wieder einfließen lässt und die uns vor einigen Jahren erstmals im Urlaub im französischen Teil des Baskenlandes in den Pyrenäen begegnet ist.

*Euskadi ta Askatasuna (baskisch für „Baskenland zur Freiheit“)

ISBN: ISBN: 978-3-499-27361-2  Rowohlt Verlag

Das andere kommt die Tage…versprochen!

„I love you, mommy!“

Es ist gut zehn Jahre her, dass ich erstmals mit dem Thema „Überschwängliche Liebesbekundungen zwischen Kindern und ihren Eltern“ konfrontiert wurde. Ich arbeitete für eine bekannte Messe und schminkte eine Koryphäe für Spielwaren aus Amerika, die alljährlich dafür eingeflogen wurde, dem Fachpublikum die neuesten Trends auf diesem Gebiet vorzustellen. Sie erzählte mir von ihrer etwa elfjährigen Tochter, die ihr jeden Tag – ob zuhause oder unterwegs am Telefon – mit einem „I love you, mommy!“ ihre tiefe Zuneigung beteuerte. Kurz dachte ich an meine beiden in diesen Belangen wortkargen Jungs und erwiderte trocken, meine täten das nie, um weitere Ausführungen über diese für mich zugegebenermaßen völlig übertriebene amerikanische Auslegung der Mutter-Kind-Beziehung im Keim zu ersticken und so meine spitze Zunge im Zaum halten zu können.

Es dauerte geraume Zeit, bis ich erneut mit dem Thema konfrontiert wurde. Diesmal handelte es sich um eine äußerst geschätzte Arbeitskollegin, die ich wirklich sehr gerne mag und die zwar immerhin mit einem Amerikaner verheiratet, sonst aber eine waschechte Berlinerin ist, die ja nicht gerade berühmt für Sentimentalitäten sind. Ich wusste schon seit geraumer Zeit von den Liebesbekundungen zwischen ihr und ihren Söhnen. Ein tägliches „Ich liebe Dich so sehr!“, wechselseitig und aus tiefstem Herzen. Stutzig wurde ich, als sie mir kürzlich erzählte, dass ihr Dreizehnjähriger das noch immer tat. In der Phase größter Bockigkeit, des Grenzen Austestens, der Abnabelung. Sie erklärte es mir in etwa so: „Wir haben das einfach über so lange Zeit eingeübt, ich habe sie immer bestärkt, dass sie sich sicher sein können, dass ich sie liebe, auch wenn etwas nicht gut gelaufen ist, das gehört für sie so selbstverständlich zum Leben wie das Atmen.“ Das verstand ich und begriff zugleich, warum meine Jungs das nicht taten.

Und dann las ich vergangene Woche ein Interview mit Barbara Becker und ihren Söhnen Elias und Noah in der Bunten, der eine 23, der andere 28, und stellt Euch vor, die machen das immer noch, täglich anrufen und „Ich liebe Dich“ und das ganze Programm, und finden das vollkommen normal. Ich wunderte mich nicht, denn ich hatte ja inzwischen gelernt, wie es zu solchen Verhaltensweisen kam.

Früher hätte ich dieses Verhalten völlig drüber und sogar äußerst bedenklich gefunden. So etwas kannte ich nicht von zuhause, genau wie mein Mann. Klar, die Generation unserer Eltern kämpfte, wenn nicht an der Front, so doch als Kinder des Krieges ums Überleben, da war kein Raum für „Gefühlsduseleien“. Und so waren wir uns (unausgesprochen) einig, dass unsere Kinder ohnehin merken würden, dass wir sie liebten (mein kleiner Sohn nimmt gerade den Konjunktiv in der Schule durch – ich kann nicht anders), ob als Baby durch Vorsingen, Kuscheln, Spielen und Küssen oder später – zugegebenermaßen etwas diskreter – durch die Versorgung mit Nahrung, das Kümmern um Schulsachen, Bekleidung und andere Belange. Ein seltenes und schüchternes „Ich habe Dich lieb“ hatte da reichen müssen.

Aber jetzt denke ich anders darüber. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht gewesen, mit unseren Kindern auf diese offensive Art einzuüben, über Gefühle zu sprechen. Nicht, weil ich so gerne hören würde, dass sie mich lieben, dessen bin ich mir auch ohne viel Worte gewiss. Nein, sondern, weil es dann vielleicht auch später im Leben ganz leicht fällt, über Gefühle zu reden und das nicht mit etwas irgendwie Unangenehmen und Schamhaften verknüpft ist. Wer seiner Mutter etwa (bei 365 Tagen im Jahr kommt da schon einiges zusammen) 10000-mal gesagt hat, dass er sie liebt, wird auch keine Probleme haben, seine Liebe einer Frau oder einem Mann zu gestehen. Unter Umständen kommt ihr oder ihm dieses Geständnis ein bisschen schnell über die Lippen, aber es gibt Schlimmeres im Leben. Naja, ich werde nicht mehr versuchen, das Liebesding einzuführen, meine Kinder würden mich vermutlich für verrückt erklären. Dafür ist es zu spät.

Ich mache mir überhaupt gerade viele Gedanken über Dinge, die zu spät sind. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Großer in absehbarer Zeit aus dem Haus gehen wird. Manchmal wünschte ich mir, wir hätten einen ganzen Durchgang Eltern auf Probe sein können, um uns zu allen Themen und Problemen, die so auf einen zukommen, in Ruhe überlegen zu können, wie wir damit umgehen möchten, welche Haltung wir haben, was wir als richtig ansehen und was als falsch. Und um es dann so vollkommen durchdacht anzugehen. Stattdessen stolpert man durchs Elternleben und stellt irgendwann fest, dass man vieles erlaubt hat, was man eigentlich zum Kotzen findet und anderes viel Wichtigeres keinen Platz gefunden hat. Wieso bekommen die das in Büchern immer so gut hin? Da geben Mütter oder Väter in geeignetsten aller Momente ganz wunderbare Dinge von sich, die ihre Kinder durchs Leben tragen und ihnen den Weg zeigen. Wenige Sätze, klug und wohldosiert. Und was sage ich? „Hast Du was für die Schule gemacht?“ und „Zockst Du schon wieder?“ und verpasse den richtigen Moment und die richtigen Worte. Ich tappe in die gleichen Fallen wie meine Eltern, belasse es bei Banalitäten, bestätige Schubladen und entmutige, anstatt zu beflügeln. Ja, ist eben der erste Durchgang.

Würde ich es nochmal tun, dann wäre „Ich liebe Dich“ auf jeden Fall Basisseminar anstatt das Höchste der Gefühle.