Frühstücksbuffet to go

Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag von Petra, die schon einige Erfahrung beim Retten von Lebensmitteln sammeln konnte. Und eigentlich geht es ganz einfach…

Wir stehen an einem Montagvormittag in der Empfangshalle eines großen Regensburger Hotels. Mit dabei haben wir eine große Tüte mit Unmengen an Tupperdosen und Brotbeuteln und warten mit zwei weiteren Leuten darauf, in den Frühstücksraum gelassen zu werden. Nicht, weil wir in dem Hotel übernachtet haben und uns jetzt auf ein reichhaltiges Frühstücksbuffet freuen, sondern weil wir über die App „To good to go“ die Buffetüberreste des Hotels retten. 

Als die Abholzeit beginnt, bringt uns ein Hotelmitarbeiter in den großen Frühstücksraum. Hier erwartet uns zu unserem Entsetzen ein fast noch vollständiges Frühstücksbuffet, obwohl bereits alle Hotelgäste sowie die Mitarbeiter bereits gefrühstückt haben. Von Eierspeisen, Pancakes und einer riesigen Müsliauswahl über alle erdenklichen Backwaren über eine große Auswahl an Wurst und Käse sowie Weißwürste, Bratwürste und Fleischbällchen, um nur einiges davon zu nennen. 

Im Normalfall sprechen wir Abholer uns untereinander ab, wer welche Bedürfnisse oder Vorlieben hat. Dieses Mal ist das jedoch gar nicht notwendig, da solch eine Menge an Essen zur Verfügung steht, dass die Menge für drei Abholer viel zu viel ist. 

Wir sind beim Lebensmittel retten immer wieder erschlagen von der Essensmenge, die wir für einen sehr kleinen Preis retten, aber den Überfluss und die Überproduktion an Lebensmitteln, die wir in Hotels sehen, macht uns jedes Mal wieder fassungslos, wütend und traurig. Wir verlassen dieses Mal das Hotel mit gemischten Gefühlen, da wir zu dritt nicht alle Buffetreste retten konnten und wissen, dass der Rest, den wir nicht mehr mitnehmen konnten, in die Tonne wandert. 

Wir erfahren von einer anderen Abholerin, die regelmäßig am Montag in diesem Hotel rettet auch, warum an diesem Tag besonders viel übrigbleibt: Von Sonntag auf Montag sind die wenigsten Übernachtungsgäste vor Ort, so dass die Buffetmenge fehlkalkuliert ist, jedoch findet keine Anpassung der Produktion statt. Es ist absolut unverständlich, warum dies nicht geschieht, gerade in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit, ein bewusster Lebensmittelkonsum und auch die Preissteigerung in der Lebensmittelbranche so präsent sind. 

Laut Schätzungen der Nachhaltigkeitsinitiative „Futouris“ entstehen in den etwa 40 000 deutschen Hotels etwa 200 000 Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr und bis zu 60% wären durch eine sinnvolle Planung und Kalkulation vermeidbar. 

Wir sitzen am Abend beim Abendessen und haben eine große Auswahl an geretteten Lebensmitteln und Speisen vor uns und sind dankbar für dieses gute Essen. Unsere Nachbarn haben sich ebenfalls sehr gefreut, als wir ihnen einen Teil der geretteten Lebensmittel vorbeigebracht haben, weil wir das alleine gar nicht essen können. Unsere Tiefkühltruhe ist voll mit Brötchen, Croissants und Baguette – wir sparen uns die nächsten Wochen den Gang zum Bäcker. 

Lebensmittelretten leistet sicherlich nur einen kleinen Beitrag in der aktuellen Zeit, aber unser Leben bereichert es sehr. Wir probieren gerne immer wieder neue teilnehmende Supermärkte, Bäckereien und Hotels aus und erleben dabei oft auch während der Abholzeit eine kleine, nette Gemeinschaft mit bis dahin uns unbekannten Menschen – das tut auch manchmal der Seele gut. 

Wer die App mal ausprobieren möchte, findet hier Infos:

https://www.toogoodtogo.com/de

Interimsgemeinschaft.

Vielleicht habt ihr euch gewundert, dass ich solange nichts habe von mir hören lassen. Meine letzten Wochen und Monate waren so turbulent, dass mir schlichtweg die Energie fehlte, meine Gedanken zu bündeln und in Texte zu transformieren. Dabei habe ich einiges zu erzählen.

Unsere Wohnung wurde umgebaut, so richtig mit zwei Wanddurchbrüchen und allem drum und dran und wir haben 5 Wochen lang bei meiner Stiefoma unter dem Dach gewohnt. An dieser Stelle kam meist von Freunden ein „Oh Gott, ihr Armen!“, aber ich muss sagen, das Ganze hat erstaunlich gut geklappt. Na gut, die erste Nacht im Ehebett der Großeltern war schon etwas skurril, und das Bett der Kinder unter dem Dach bei 36 Grad führte zum Zelten im Garten, aber diese Erfahrung haben diesen Sommer auch andere Städter in Dachwohnungen gemacht. Ansonsten lief diese kleine Gemeinschaft wie geschmiert. Wenn wir morgens das Haus verließen, schlief „Uroma“ noch und das so fest, dass sie uns nicht hörte. Sie kochte mittags, wenn wir noch unterwegs waren, ich kochte abends, wenn sie sich nur ein Brot schmierte und wenn es passte, aßen wir zusammen und wenn nicht, dann nicht.

Dass alles so gut klappte, lag vor allem daran, dass meine Stiefoma eine äußerst großzügige, tolerante und interessierte Frau ist trotz ihres hohen Alters. Sie äußerte in den ersten Tagen ein paar Dinge, die ihr wichtig waren, über alles andere sah sie liebevoll hinweg. Ihre Schwerhörigkeit war dabei sicher von Vorteil. Wir haben natürlich auch keine gemeinsame Geschichte und keine Altlasten, die einem unvoreingenommenen Zusammensein hätten im Wege stehen können und haben uns von Beginn an gut verstanden. Wir zogen ein, als die Fußball EM noch im Gange war und sie genoss das Leben, das mit uns einzog, in vollen Zügen. Wenn die Jungs, die mit den Kroaten mitfieberten, über die Sofalehne sprangen und tanzten und zwischendrin in den Garten sausten, um dort selbst ein bisschen zu kicken. Sie freuten sich gemeinsam mit Mateusz Przybylko, als er Europameister im Hochsprung wurde und sie bewunderten die bezaubernde Natur der Mazuren und des Isartals. Vor allem mein Kleiner hat mit Sicherheit noch nie so viel Fernsehen in seinem Leben gesehen und noch nie so laut gehört, aber es war gut so. „Uroma“ genoss es, wenn er sich unauffällig hinter ihr aufs Sofa schob, um unbemerkt Fernsehen zu gucken und sie ihn irgendwann entdeckte. Da sich ihre Interessengebiete oft überschnitten, konnten sie ihre Eindrücke über das Weltgeschehen teilen.

Sie hat mich aber auch manchmal verwöhnt und ich sagte, es sei bei ihr wie im Hotel. Wenn es mal wieder spät bei mir wurde, übernahm sie mit den Worten, sie habe doch Zeit, den Abwasch der Familie und wusch auch Handtücher und Bettwäsche. Ich traue mich kaum zu sagen, dass sie Anfang Neunzig ist. Aber sie hat es gerne gemacht. Und auch als mein Kleiner überraschend krank wurde, mein Mann und ich arbeiten mussten und alle Freunde, Oma und Opa im Urlaub waren, war sie nach anfänglichen Bedenken wegen der Sommergrippe da. Ist doch selbstverständlich, bekamen wir oft zu hören. Mein Mann im Gegenzug reparierte in den ersten Tagen so einiges, was in die Jahre gekommen war, vom Wasserhahn bis zum Garagentor. Also, im Großen und Ganzen wirklich eine Win-Win Situation, wenn auch eine anstrengende, weil ja nur ein Provisorium.

Trotzdem hat mich diese Erfahrung noch einmal mehr davon überzeugt, dass „Wohnen für Hilfe“-Projekte eine tolle Sache sein können. Dabei zahlen die neuen Bewohner weniger Miete gegen Unterstützung der Senioren. Ich denke, wenn ein guter Draht vorhanden ist, ist diese Wohnform eine tolle Chance, sich gegenseitig zu helfen. Mit Wohnraum, den man sich sonst nicht leisten könnte, und mit Teilnahme am Leben und kleinen Erleichterungen im Alltag auf der anderen Seite. Ein Kennenlernen lohnt sich allemal. Wir sind jetzt wieder zu Hause und das fühlt sich sehr gut an, aber unsere kleine Interimsgemeinschaft war eine gute und nachhaltige Erfahrung, die ich nicht missen wollte.

Infos über solche Wohnprojekte gibt es inzwischen reichlich. Hier ein kleiner Eindruck:

Wohnen für Hilfe