Eigentlich bin ich ein eher umtriebiger Mensch. Ich mag es, wenn ich beschäftigt bin. Viele Jahre stellte sich die Frage nach dem Innehalten für mich nicht. Inmitten von Beruf, Kinderfürsorge und der Pflege sozialer Kontakte gab es schlichtweg keine Zeit dafür. Dann kam Corona. Zeitgleich nabelten sich meine Kinder mehr und mehr ab und es entstand wieder Raum für mich. Das Feedback, dass ich Mann und Söhne mit meiner ewigen Geschäftigkeit stresste und meine mentale Bedürftigkeit während dieser herausfordernden Zeit, bedeuteten den Beginn meiner Yogareise. Ich weiß inzwischen, dass es mir besser geht, wenn ich weniger mache. Wenn ich Ruhepausen zulasse. Und dass ich keine Angst davor haben muss, wenn meine Zeit nicht mit Programm vollgestopft ist. Ich kann mit mir allein sein, auch in der Stille.
Manchmal sahen meine Tage so aus, dass ich an freien Tagen vom Joggen zum Einkaufen, Steuer fertig machen, Cafè mit einer Freundin, Kochen, Putzen, Yoga, etwas vom Schneider abholen, Telefondate mit der Schwester, nochmal Kochen, Wäsche zusammenlegen bis zum Blogschreiben durch den Tag gerauscht bin. Inzwischen versuche ich keine To Do Listen mehr zu führen oder mir – wenn unbedingt notwendig- drei Sachen davon auszusuchen. Eine Verabredung zum Sport oder mit Freundinnen am Tag tun mir supergut, mehrere davon arten eher in Stress aus. Aber, was macht man mit freier Zeit, wenn man darauf gepolt ist, permanent zu leisten und abzuliefern?
Eine Antwort habe ich im Kümmern gefunden – um mich und die Dinge, die mich umgeben. Ich habe den schulmeisterlichen Spruch
„Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“
für mich neu entdeckt. Die meisten von uns kennen diesen Sachverhalt: Briefe werden erstmal auf einen Stapel gelegt, Geschirr bleibt auf der Ablage vor der Geschirrspülmaschine stehen, die Klamotten warten nach der Reise tagelang im Koffer, ausgeräumt zu werden. Später. Es gibt erstmal Wichtigeres zu tun. Solltest Du Dich gerade nicht angesprochen fühlen – herzlichen Glückwunsch! „Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ ist der Gegenentwurf zur Prokrastination. Sich Zeitnehmen, auch für die kleinen Dinge des Alltags. Und Zeit habe ich inzwischen: Sitzen, Angucken, Räumen, Sortieren. Manchmal kommen mir dabei gute Ideen, manchmal genieße ich einfach das entspannte „Baseln“.
Als Kind war mir dieses Sprichwort jedenfalls verhasst, weil es mir natürlich immer dann nahe gebracht wurde, wenn ich gerade etwas besseres zu tun hatte, als unliebsame Pflichten zu erfüllen. Heute empfinde ich es nicht mehr als nervige Aufforderung zu Fleiß und Pflichterfüllung. Befreit man diesen Satz von seiner altmodischen Schale, könnte man ihn als Aufforderung deuten, im Hier und Jetzt zu leben, Raum für Achtsamkeit zu schaffen. Ich fühle mich wohl, wenn es aufgeräumt ist. Was liegt da näher, das Geschirr direkt wegzuräumen und die heruntergefallenen Krümel nach dem Essen gleich vom Boden zu entfernen? Ich werfe die Werbung direkt ins Altpapier, wenn ich sie aus dem Briefkasten geholt habe und hefte den Steuerbescheid ab, nachdem ich ihn mir in Ruhe angesehen habe. Was für ein himmlischer Zustand, keine Stapel fürs „Später“ aufzubauen und zu horten. Ich muss keine unliebsamen Überraschungen fürchten, weil ich Ordnung in meinem Leben schaffe.
Natürlich gibt es Situationen, in denen wir tatsächlich keine Zeit oder viel mehr Lust haben, uns direkt um etwas zu kümmern. Wenn wir gerade gemütlich mit Freunden am Tisch sitzen und uns gut unterhalten, können die Teller auch gerne stehen bleiben. In vielen Situationen ist es allerdings eine bewusste Entscheidung und vielleicht sogar Lebenseinstellung. Ich kümmere mich um mich selbst und meine Dinge. Das schärft das Bewusstsein für die Besitztümer, die mich umgeben sollen. Je weniger ich habe und je wertvoller es mir ist, umso lieber werde ich diesen Sachen meine Aufmerksamkeit schenken, sie pflegen, sortieren, aufbewahren oder neu anordnen.
Ich kann die Bilder vom Ausflug am vergangenen Wochenende nochmal ansehen, die nicht so gelungenen direkt löschen und die anderen in einen Ordner packen, wo ich sie wiederfinden werde und vielleicht am Jahresende in einem Album abdrucken lasse. Ich habe Zeit darüber nachzudenken, was ich überhaupt machen will – mit meinen Fotos und vielleicht generell mit meinem Leben. Von manchem werde ich mich trennen, weil es mich eher belastet als es mir guttut. Ob es sich um Besitz oder Beziehungen handelt. Einfach mal sitzen und nachdenken, statt eine neue Serie streamen.
Zugegebenermaßen ist das manchmal anstrengend, bisweilen aber auch sehr befreiend. Nicht jede Lebensphase lässt diese Entschleunigung zu, aber gerade in der Mitte des Lebens entstehen manchmal neue Freiräume. Und die erfordern bisweilen ganz neue Lebensentwürfe. Und manchmal wird es gut.
Liebe Elke! Was für ein wunderbarer Text! Ich fühle mich sehr angesprochen. Da sind einige Gedanken, die mich zZt bewegen, andere mit denen ich abgeschlossen habe. Vielen lieben Dank für das Teilen! Ganz liebe Grüße und bis bald beim Yoga 🙂 Nicola
Liebe Nicola, vielen Dank für Deine lieben Worte! Ich freue mich immer sehr, wenn meine Gedanken Resonanz finden. Bis morgen:-)