Wie ein Dinosaurier

Ich verdiene meinen Unterhalt als Visagistin. Und fühle mich gerade wie einer der letzten Dinosaurier. Denn in meiner Branche herrscht Endzeitstimmung. Die ersten Werbekampagnen werden von KI generiert und so die Arbeit von Fotograf*innen, Assistent*innen, Stylist*innen und Visagist*innen ersetzt. Um zukünftige Drehs überflüssig machen und somit die Beschäftigung von Kameramännern und Frauen, Beleuchter*innen, Tontechniker*innen, Aufnahmeleiter*innen, Produzent*innen, Regisseur*innen usw., einzusparen, werden Avatare von Moderator*innen erstellt. Diese übernehmen dann die digitale Repräsentation der gefilmten Person, die in verschiedenen Online-Umgebungen genutzt werden kann, um damit ihre tatsächliche Präsenz unnötig zu machen. Die KI benötigt nur fünf Minuten Aufzeichnung, um den Avataren jeden beliebigen (von ChatGPT erstellten) Text in jeder beliebigen Sprache in den Mund legen zu können. Für die Rechenleistung benötigt sie etwa 30 Minuten. Ganz schön praktisch- und ganz schön gefährlich. Aber davon ein andermal. 

KI betrifft die Beschäftigung von Schauspieler*innen, Sprecher*innen, Musiker*innen oder Journalist*innen. Sie wurde kostenlos mit bereits Erschaffenem gefüttert, ohne Urheber*innen auf der ganzen Welt dafür zu entlohnen oder dafür zu entschädigen, dass ihre Arbeit dadurch überflüssig gemacht wird. Die rasant lernende KI wirkt sich aber auch auf die IT-Branche aus. Vor kurzem noch händeringend gesucht, sinken die (Verdienst-)möglichkeiten gerade so deutlich, dass sich manche Studierenden fragen, ob sie auf das richtige Pferd gesetzt haben. Die Entwicklung läuft so rasend schnell, dass sich in vielen Branchen Panik breit macht. 

Der Moment, als ich das Tempo begriffen habe, liegt jetzt zwei Jahre zurück. Ich bin damals durch ein tiefes Tal gegangen, als ich sah, wozu KI bereits fähig war. Mein Job wäre schneller überflüssig, als ich es je für möglich gehalten hatte. Inzwischen fühle ich mich als eine der letzten Zeitzeuginnen, die ihren Enkelkindern einmal berichten können wird, wie das damals war. Immerhin habe ich schon die Endzeit der Analogfotografie erlebt. Ich war noch dabei, als Polaroidfotos dem Fotografen Rückmeldung darüber gaben, ob seine Belichtung stimmte. Ich kannte noch das Labor, bei dem die belichteten Filmrollen geclipt wurden, um eventuell noch bei der Entwicklung nachjustieren zu können. Eine Blende mehr oder weniger war dann im Nachhinein noch drin. 

Ich habe keine Angst mehr und frage mich doch manchmal, ob meine Furchtlosigkeit an Naivität grenzt. Denn bislang war ich davon überzeugt, dass ich mit meinem gesunden Körper und meinen vielen Skills, die ich durch die Selbständigkeit erworben habe, jederzeit einen anderen, wenn auch schlechter bezahlten Job finden würde. Wenn ich allerdings manchen Gesprächen lausche, könnte mir bang werden wegen der Schar derer, mit denen ich mich bald vielleicht um dieselben Jobs rangeln könnte. Aber derzeit freue ich mich einfach über jede Produktion, bei der ich dabei sein darf und feiere diese Zeiten. Ich schätze meine Arbeit vielleicht noch viel mehr in dem Bewusstsein, dass es irgendwann vorbei sein könnte. 

Ein Art Director verriet mir letzthin, ich sei Teil der „wertvollen Generation“. Das sind die Menschen, die zwar vor der Digitalisierung aufgewachsen sind, aber noch jung genug sind, um (halbwegs) mit ihren Anforderungen Schritt halten zu können. Bei mir liegt die Betonung absolut auf halbwegs. Für uns ist es jedenfalls sicherlich einfacher mit den Veränderungen umzugehen als für junge Menschen, die gerade am Anfang ihres beruflichen Lebens stehen. Ihnen wäre etwas mehr Beständigkeit und Verlässlichkeit zu wünschen. Und auch, dass die Politik auf die Ängste der Menschen reagiert. Denn natürlich können wir uns glücklich schätzen, dass der Arbeitskräftemangel in bestimmten Bereichen von KI aufgefangen werden kann. Auf der anderen Seite wird es aber auch Verluste von Arbeitsplätzen in vielen Branchen geben. Und auch darüber muss man reden. 

Wir werden sehen, wie lang es dauern wird mit der „Endzeit“ unserer Branche. Lasse ich die Angst beiseite, fühlt sich die Entwicklung auch ein bisschen spannend an. 

Das Mädchen Wadjda

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Von dem „Mädchen Wadjda“ (sprich:Waschda) der saudi- arabischen Regisseurin Haifaa Al Mansour hatte ich schon vor längerer Zeit gehört und als er mir in der Bibliothek über den Weg lief, wusste ich, dass ich ihn unbedingt mit meinen Jungs sehen wollte, wohl wissend, dass sie zu „so einer Art“ Film vermutlich alleine nie greifen würden. Der Film handelt von dem 11jährigen saudi-arabischen Mädchen Wadjda, das davon träumt, ein eigenes Fahrrad zu besitzen – ein Unding in dem Land, in dem sich Frauen meist nur komplett verschleiert auf der Straße zeigen dürfen. Und unvorstellbar für Kinder, die hier im Westen aufwachsen. In ruhigen, aber eindrücklichen Bildern nimmt die Regisseurin uns mit in Wadjda`s Alltag in der Koranschule, in dem sich das Mädchen an den Grenzen des Zulässigen durchhangelt, bis sie von einem Koranwettbewerb erfährt, dessen Hauptpreis 1000 Saudi-Riyal sind und ihr den Kauf des Fahrrads ermöglichen würde, das sie in einem Laden für sich entdeckt hat. Von einem Tag auf den anderen mutiert Wadjda zur Vorzeigeschülerin, die Koranverse Rezitieren übt. Auch ihr Leben zuhause spielt sich auf einem schmalen Grat zwischen Tradition und Moderne ab. Die Mutter fürchtet, dass sich ihr Ehemann eine Zweitfrau nehmen wird, weil sie ihm keinen Sohn mehr gebären kann und versucht das, zu verhindern, indem sie ihm eine vorbildliche, begehrenswerte Frau ist. Und so findet diese Geschichte schließlich ein Ende, das nur teilweise „happy“ ist. „Das Mädchen Wadjda“ ist eine aufwühlende Geschichte, die Einblick in eine uns völlig fremde Welt gibt und Verständnis für Menschen weckt, die in einer anderen Kultur aufwachsen und von ihr tief geprägt werden. Und meine Jungs waren genau wie ich bis zur letzten Minute gefesselt, auch wenn der Film auf den ersten kindlichen Blick nur von einem Mädchen und einem Fahrrad handelt.

http://www.wadjda-film.de/