Geoutet

Habt ihr schon mal versucht, mit Jugendlichen ein Activity Professional aus den 90ern zu spielen? 

Ein Ding des Unmöglichen. Bei zeichne/umschreibe/stelle dar „Um des Kaisers Bart streiten“, „Eulen nach Athen tragen“, oder aber „Den Amtsschimmel reiten“, sieht man „durch die Bank“ in fassungslose Gesichter. Sprache verändert sich und so wie wir die Jugendsprache nicht verstehen, verstehen sie eben nicht die ein wenig in die Jahre Gekommene. Ist ja auch irgendwie fair, dass da jeder so sein Spezialgebiet hat.

Nichtsdestotrotz empfindet mein jüngerer Sohn eine gewisse Faszination für das, was ich manchmal so von mir gebe. Eine Mischung aus Kopfschütteln und vielleicht Spaß an der Verspieltheit der Sprache, so „mutmaße“ ich. Er würde das vermutlich energisch dementieren, aber ich erkläre es mir so, wenn er mal wieder frech grinsend und kopfschüttelnd mein „Das ist ja zum Mäusemelken“, „Den musst du wohl etwas bauchpinseln“ oder „Du bist echt mit allen Wassern gewaschen“ wiederholt.

Als ich letztens auf Bayern 2(!) eine Kostprobe des Comedian Max Osswald hörte, fühlte ich mich ertappt. Jetzt weiß ich, dass nicht nur mein Sohn über diese Ausdrücke spöttelt. Wehe dem, der sie verwendet. Er oder sie outet sich „stehenden Fußes“ als steinalt. Möchte man diesen Eindruck tunlichst vermeiden, sollte man umgehend sein antikes Activity aus dem Spieleschrank entfernen oder beim nächsten Mal so tun, als verstünde man kein Wort.

Jetzt ist aber auch mal gut.

Ich habe heute Nacht von Ebay Kleinanzeigen geträumt – ganz im Ernst. Es klingelte und eine Frau mit drei kleinen Kindern saß auf einmal bei mir im Flur. Ich entschuldigte mich, denn ich wusste gar nicht mehr, was ich ihr verkauft hatte. Hektisch verließ ich die Wohnung und ging in meine andere Wohnung im dritten Stock auf der gegenüberliegenden Seite der Straße (die ich in Wirklichkeit gar nicht habe) und sah mich hektisch um – nichts. Ich ging zurück und sagte, ich habe nichts und sie erwiderte, dann nähme sie auch die Puppenmöbel. Ich entschuldigte mich, die hätte ich inzwischen schon verkauft, nur ein Schaukelstuhl sei noch da. Wieder verließ ich die Wohnung, schwer grübelnd, was ich dieser armen Frau jetzt bieten konnte. Ich fand noch einen Einkaufsgutschein über 6,-€, den ich mitnahm. Als ich ihn ihr übergeben wollte, stellte ich fest, dass er bereits abgelaufen war. Die Situation war nicht zu lösen. Wie konnte es dazu kommen?

Wie so viele, habe ich in den letzten Monaten ausgemistet und versucht, zu Geld zu machen, was sich noch zu Geld machen ließ. Auf Ebay Kleinanzeigen. Im Idealfall lässt sich dort so ein Kauf innerhalb weniger Stunden zur Zufriedenheit beider Seiten abwickeln. Manchmal treibt das Ganze aber merkwürdige Blüten.

Ich stelle beispielsweise einen Artikel für 5,-€ rein, jemand antwortete:

 „Hallo, 3 eu ich kann bezahlen und morgen abholen. LG“

Ich versuche zu handeln und antworte, wie ich es auf dem Souk in Marrakesch gelernt habe:

„Für 4,-€ können Sie es haben.“

Antwort:

„Wo wohnen Sie?“

Ich schreibe meine Adresse und höre nie wieder etwas.

Gedanken des Misstrauens machen sich breit. Wollte die Frau etwa nur ausspionieren, wo ich wohne, weil sie denkt, wer einen Regenschutz für Schulränzen verkauft, bei dem ist noch mehr zu holen? Wird die Dame namens Nathalie etwa eines Tages bei mir einbrechen? Oder heißt sie in Wirklichkeit gar nicht so?

Das passiert öfter, der Deal ist klar und kommt trotzdem nie zustande. Während Kaufinteressenten scheinbar immer davon ausgehen, die Ware zum halben Preis zu bekommen, verschwindet das Interesse meist ganz schnell, wenn man darüber anderer Meinung ist. Manche Sachen will aber auch einfach kein Mensch haben, andere alle und man ärgert sich, dass man keinen höheren Preis gemacht hat.

Eine weitere sensible Phase des Geschäfts neben der Bekanntgabe der Adresse – die Bezahlung. Vorauskasse, PayPal, kann ich meinem Bieter trauen oder hat er oder sie Übles im Sinn? Alles, was ich jemals gelesen habe über die kriminelle Energie meiner Mitmenschen, bahnt sich den Weg aus dem Sumpf der Erinnerungen. Und welch Erleichterung, wenn es mal wieder geklappt hat und redliche Bürger brav ihren Zahlungsverpflichtungen nachgekommen sind, während ich die Ware sachgerecht verpackt zustelle.

Ob der Vertrauensvorschuss gelingt, hat nicht wenig mit dem Schriftwechsel zu tun.

„Hei gips den stuhl den noch“

konkurriert mit:

„Hallo, ich interessiere mich für den Stuhl. Ist er noch zu haben? Und könnte man morgen zum Abholen kommen? Mit freundlichen Grüßen ,***“

Also, Menschen, die Kenntnis über die korrekte Anrede, Höflichkeitsformeln und gelungene Konversation haben, genießen da durchaus Vorteile. Das mag sich nach Diskriminierung anhören, vielleicht ist es aber auch nur menschlich. Ich meine, ich möchte nicht wissen, wie ungelenk meine Anfrage in einer Sprache klänge, bei der ich nur über rudimentäre Kenntnisse verfügte. Auf jeden Fall würde ich es mit einer extra Portion Bitte und Danke versuchen, das geht vermutlich immer. Natürlich versuche ich, dem Schriftbild nicht allzu viel Bedeutung beizumessen, wirklich.

Also, was ich sagen will, ein Verkauf bei Ebay Kleinanzeigen ist immer ein Überraschungspaket. Und scheinbar täte es mir gut, mal ein Weilchen zu pausieren. Weil meine Träume – ganz ehrlich, sind wirklich Privatsache und da möchte ich weder Anna, noch J.T, Familie Buddel oder Vera und Tobi treffen.

Einen guten Start in die Woche wünscht Ella!