Soll ich oder soll ich nicht?

„Jetzt hol`Dir doch bitte endlich mal WhatsApp!“

Diese Aufforderung im Dezember ließ mich zusammenzucken. Bitte nicht! Ich bin doch gut erreichbar und reagiere immer blitzschnell per SMS, Mail oder den guten alten Anruf. Wieso muss das denn sein? Ich lebe so gut ohne und halte mir dadurch viel mentalen Beef vom Leib. Es fällt mir sowieso schwer genug, bei aller Erreichbarkeit abzuschalten.

Es war 2016, als unser Nachbar, der als Anwalt tätig ist, wegen geplanter Chatgruppen an der Schule über Whatsapp und seine Datenschutzprobleme in einer Rundmail aufklärte. Ich fand das damals sehr beeindruckend. Da ich sowieso von eher unseriösen Jobanfragen über Whatsapp genervt war, entschied ich mich bald, nur noch Signal zu nutzen. Glücklicherweise gingen die Familie und ein Großteil der Freundesgruppen mit, deshalb ließ sich das gut umsetzen. Im Lauf der Jahre kamen allerdings Gruppen dazu, die ausschließlich Whatsapp nutzen. Dort bedarf es immer einer Person, die Infos an mich weiterleitet. Ich halte mich bei Entscheidungsfindungen stark zurück, weil ich es dieser Person das Leben nicht noch schwerer machen möchte und akzeptiere die Ergebnisse der Gruppe ohne viel Aufhebens. Danke an dieser Stelle an alle, die diesen Job für mich in der Vergangenheit übernommen haben und noch immer übernehmen!

Bei der Kommunikation innerhalb meines beruflichen Umfelds lebe ich seit vielen Jahren damit, dass ich kaum Making Off Bilder von Jobs bekomme. Auch hier benötige ich eine Person, die mich darüber informiert, wann man sich bei einer Fotoreise abends zum Essen trifft oder morgens zur Abfahrt startet. Mit einem Satz: Ich bin die Extrawurst. Und in dieser Rolle fühle ich mich nicht wohl, zumal sie mit einer beginnenden Ausbildung und einer weiteren Tätigkeit inzwischen noch mehr Felder meines Lebens betrifft.

Bis auf diejenigen, die mich richtig schräg finden wegen dieser „Macke“, bekomme ich öfter das Feedback: das würde ich auch gerne machen. Denn viele Menschen sind gestresst von der unaufhörlichen Nachrichtenflut und die ist bei Signal geringer, schlichtweg, weil es weniger genutzt wird. Ich hatte in den vergangenen Jahren gehofft, dass sich Signal irgendwann durchsetzen würde, gerade im beruflichen Kontext, weil hinreichend bekannt ist, dass die Datensicherheit bei WhatsApp unterirdisch ist. Dass alle Kontakte abgegriffen werden. Auf manchen Firmenhandys ist es deshalb verboten. Aber wie bei so vielen Themen, über die wir bestens informiert sind, es interessiert nicht. Weil der oder die einzelne sowieso nichts verändern kann, weil alle es machen. Ja, ihr habt Recht, ich gebe vermutlich auch bald auf. Es macht keinen Spaß, allein gegen Windmühlen zu kämpfen. Zehn Jahre sind genug.

Den größten Druck übt gerade das Berufsleben auf mich aus. Ich weiß, dass viele Jobanfragen über Whatsapp laufen und kann es mir als Selbständige eigentlich nicht leisten, darauf zu verzichten. Für die Gen Z ist die Mail echt antiquiert, sie organisieren alles per Whatsapp Gruppen.

Mein innerer Widerstand ist groß, gerade jetzt, wo Tech Konzerne mehr Macht denn je haben und die Politik offen beeinflussen. Gerade jetzt, wo die Demokratie in den USA zusehends flöten geht. Seit Wochen unterhalten sich Engelchen und Teufelchen auf meinen Schultern und versuchen sich, argumentativ zu übertönen. Mein Bauch sagt ganz klar nein, der Kopf ja. Mal sehen, wer am Ende gewinnt.

Schreibt mir gerne Eure Gedanken und Erfahrungen dazu, vielleicht könnt ihr mir bei meiner Entscheidungsfindung helfen.

Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen

Ich sage es gerade heraus, auch wenn ich mich hiermit als vollkommen rückständig oute: Die Digitalisierung unserer Welt macht mir Angst. Nach einem heiß diskutierten Abend über dieses Thema legte mir mein Neffe tröstend die Hand auf die Schulter und sprach mir gut zu: „So schlimm wird es nicht werden.“ Ich aber denke, dass es sogar noch weit aus schlimmer werden wird, als ich es mir gerade vorstellen kann.

In den letzten Wochen ging die Erfolgsmeldung durch die Presse, dass Künstliche Intelligenz (KI) Ärzten bei der Diagnostik von Hautkrebs überlegen ist. Das ist toll, ich kann mir das gut vorstellen, dass die KI mit so vielen Bildern und Informationen gefüttert wurde, dass sie wunderbar Vergleiche anstellen kann zwischen gut- und bösartig. Die positive Nachricht für die Ärzte sei es, dass sie durch solche Anwendungsbereiche viel mehr Zeit für ihre Patienten gewännen. Halt, da muss ich sofort widersprechen, denn so funktioniert Wirtschaft nicht und Medizin unterliegt heute klar den Kriterien der Wirtschaftlichkeit. Es kann mir keiner weismachen, dass durch KI generierte Zeit für das Zwischenmenschliche genützt würde. Nein, es werden Kosten minimiert werden, indem Personal eingespart wird. Wo KI die Arbeit des Menschen übernimmt, wird diese für die Arbeitnehmer wegfallen. Es werden natürlich für entsprechend qualifizierte Menschen auch viele neue Jobs entstehen. Weniger Qualifizierte werden sich beispielsweise zu Krankenpflegern umschulen lassen müssen, denn zumindest da wird der hohe Bedarf an Arbeitskräften in den nächsten Jahrzehnten vermutlich bestehen bleiben. Denn 100 Jahre alt zu werden, wird bald nichts außergewöhnliches mehr sein. Die Zahl steigt und wird vermutlich auch durch verbesserte Früherkennungsmethoden der KI noch rasanter steigen. Leider werden die meisten Senior(inn)en diese gewonnene Lebenszeit trotzdem nicht quietschfidel verbringen, sondern für Jahre oder Jahrzehnte auf Pflege angewiesen sein. Natürlich werden auch in der Pflege bereits Pflege-Roboter in Pilotprojekten eingesetzt, vor allem um Pfleger durch die Übernahme einfacher Tätigkeiten zu entlasten. Ich habe aber trotzdem noch Hoffnung, dass wir die Versorgung unserer überalterten Gesellschaft langfristig nicht Robotern überlassen werden.

Ich bin also nicht per se Pessimistin. Ich frage mich einfach, was vom Menschen noch bleibt, wenn wir alles Denken Rechnern überlassen und in diesem Bereich keine Aufgaben mehr haben. Mit eben jenem Neffen habe ich mich auch darüber gestritten, wie Schule sich verändern muss. Dass nur die Einführung digitaler Medien im Klassenzimmer kaum wirksam ist, haben unlängst einige Studien belegt. Er meinte, Schüler(innen) müssten sich Wissen nicht mehr selbst aneignen, sondern nur noch lernen, wie und wo man es sich beschaffen könne. Es ist ja jederzeit zugänglich. Wie erlangen aber Kinder Bildung, wenn sie nur noch im Bedarfsfall nachgucken, anstatt zu lernen, sich durch die jahrelange Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen selbst ein Bild zu machen? Wie bilden sie sich eine Meinung, wie können sie Dinge einordnen und entscheiden?

Diese junge Generation, für die Digitalisierung bereits so selbstverständlich ist, hat ein fast blindes Vertrauen in die Konzerne, die sie steuern. Dabei lässt sich so wunderbar manipulieren und überwachen. Wirklich Ernstnehmen wird man den Missbrauch von Daten vermutlich erst, wenn es zu spät ist. Nehmen wir China als leuchtendes Beispiel, dass sich Jahrzehnte lang darin geübt hat, seine Bürger zu unterdrücken, zu überwachen und klein zu halten. Ab 2020 soll das „Soziale Bonitätssystem“, mit dem der Staat das Verhalten seiner Bürger nach Punkten bewertet und diese bei „Fehlverhalten“ abstraft, regierungskonformes Verhalten aber belohnt, flächendeckend eingeführt werden. Konsequenzen von Fehlverhalten können beispielsweise sein, dass Kindern Studienplätze verwehrt bleiben, Arbeitnehmer von Beförderungen ausgenommen werden oder Bürgern die Ausreise verweigert wird. Die Regierung hat dabei Zugriff auf die Daten des weltweit größten E-Commerce Händlers Alibaba und der App Alipay, mit der etwa 500 Millionen Kunden mobil bezahlen. Außerdem werden Äußerungen in Chats und sozialen Medien ausgewertet. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet Informationen hier:

FAZ: Das Sozialkreditsystem     FAZ: Die totale Überwachung

Die totale Kontrolle ist durch Big Data zum Kinderspiel geworden. Und Verfechter des Datenschutzes gelten leider auch bei uns oft als nervige Spielverderber. Dass bei uns die neue Datenschutzgrundverordnung inzwischen vor allem im echten Leben bei Behörden, beim Arztbesuch oder in der Schule spürbar wird und nicht im Netz, ist teilweise absurd. Beim Umgang mit Daten im Internet hat sich bei den meisten Privatpersonen jedenfalls wenig verändert. Ich begreife es noch immer nicht, warum die halbe Welt „Whats app“ verwendet, anstelle einen der alternativen Messanger wie Signal, Threema oder Telegram, die genauso viel können, aber keine Daten abgreifen. Es bedürfte eines Klicks und der Einigung im Freundeskreis und der Familie – fertig. Das einzige Argument dagegen, ist dass alle „Whats app“ verwenden. Tja und daran wird sich nichts ändern, solange alle mitmachen.

Der WürfelEin interessantes Buch zum Thema KI hat Bijan Moini geschrieben. „Der Würfel“ spielt in der nahen Zukunft und erzählt davon, wie sie immer mehr Einfluß auf unser Leben gewinnt. Das System des Würfels basiert auf der Berechenbarkeit der Menschen, die Zahlungswährung für ihr sorgenfreies Leben mit einem Grundeinkommen sind ihre Daten. Da die Menschen von dem System profitieren, gibt es nur wenige, die sich dagegen stellen. Einer davon ist Taro. Seine Haltung wird auf eine harte Probe gestellt, als er sich verliebt.

Ich habe es noch nicht gelesen, es hört sich aber sehr spannend an und macht greifbar, was geschehen kann. Wer mehr dazu erfahren möchte, hört sich den Podcast auf Bayern 2 an. In einem Interview in EinszuEins erzählt der Autor von seinem Roman.

Bayern 2 EinszuEins der Talk mit Bijan Moini

Es gibt noch vieles zu sagen und zu schreiben zur Künstlichen Intelligenz, ihre Existenz in vielen Lebensbereichen schreitet in riesigen Schritten voran und wir werden erleben, was sie an Nutzen und Schrecken bringen wird. Ich hoffe, dass bei allem technischen Fortschritt die Menschlichkeit nicht auf der Strecke bleibt. Wir sind die letzte Generation, die noch Beides kennengelernt hat, ein Leben mit und ohne Digitalisierung. Das macht uns manchmal vielleicht etwas gestrig und mag Fluch und Segen zugleich sein. Es ist aber auf jeden Fall auch eine Möglichkeit zur Gestaltung, die wir den Digital Natives voraus haben.