„I love you, mommy!“

Es ist gut zehn Jahre her, dass ich erstmals mit dem Thema „Überschwängliche Liebesbekundungen zwischen Kindern und ihren Eltern“ konfrontiert wurde. Ich arbeitete für eine bekannte Messe und schminkte eine Koryphäe für Spielwaren aus Amerika, die alljährlich dafür eingeflogen wurde, dem Fachpublikum die neuesten Trends auf diesem Gebiet vorzustellen. Sie erzählte mir von ihrer etwa elfjährigen Tochter, die ihr jeden Tag – ob zuhause oder unterwegs am Telefon – mit einem „I love you, mommy!“ ihre tiefe Zuneigung beteuerte. Kurz dachte ich an meine beiden in diesen Belangen wortkargen Jungs und erwiderte trocken, meine täten das nie, um weitere Ausführungen über diese für mich zugegebenermaßen völlig übertriebene amerikanische Auslegung der Mutter-Kind-Beziehung im Keim zu ersticken und so meine spitze Zunge im Zaum halten zu können.

Es dauerte geraume Zeit, bis ich erneut mit dem Thema konfrontiert wurde. Diesmal handelte es sich um eine äußerst geschätzte Arbeitskollegin, die ich wirklich sehr gerne mag und die zwar immerhin mit einem Amerikaner verheiratet, sonst aber eine waschechte Berlinerin ist, die ja nicht gerade berühmt für Sentimentalitäten sind. Ich wusste schon seit geraumer Zeit von den Liebesbekundungen zwischen ihr und ihren Söhnen. Ein tägliches „Ich liebe Dich so sehr!“, wechselseitig und aus tiefstem Herzen. Stutzig wurde ich, als sie mir kürzlich erzählte, dass ihr Dreizehnjähriger das noch immer tat. In der Phase größter Bockigkeit, des Grenzen Austestens, der Abnabelung. Sie erklärte es mir in etwa so: „Wir haben das einfach über so lange Zeit eingeübt, ich habe sie immer bestärkt, dass sie sich sicher sein können, dass ich sie liebe, auch wenn etwas nicht gut gelaufen ist, das gehört für sie so selbstverständlich zum Leben wie das Atmen.“ Das verstand ich und begriff zugleich, warum meine Jungs das nicht taten.

Und dann las ich vergangene Woche ein Interview mit Barbara Becker und ihren Söhnen Elias und Noah in der Bunten, der eine 23, der andere 28, und stellt Euch vor, die machen das immer noch, täglich anrufen und „Ich liebe Dich“ und das ganze Programm, und finden das vollkommen normal. Ich wunderte mich nicht, denn ich hatte ja inzwischen gelernt, wie es zu solchen Verhaltensweisen kam.

Früher hätte ich dieses Verhalten völlig drüber und sogar äußerst bedenklich gefunden. So etwas kannte ich nicht von zuhause, genau wie mein Mann. Klar, die Generation unserer Eltern kämpfte, wenn nicht an der Front, so doch als Kinder des Krieges ums Überleben, da war kein Raum für „Gefühlsduseleien“. Und so waren wir uns (unausgesprochen) einig, dass unsere Kinder ohnehin merken würden, dass wir sie liebten (mein kleiner Sohn nimmt gerade den Konjunktiv in der Schule durch – ich kann nicht anders), ob als Baby durch Vorsingen, Kuscheln, Spielen und Küssen oder später – zugegebenermaßen etwas diskreter – durch die Versorgung mit Nahrung, das Kümmern um Schulsachen, Bekleidung und andere Belange. Ein seltenes und schüchternes „Ich habe Dich lieb“ hatte da reichen müssen.

Aber jetzt denke ich anders darüber. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht gewesen, mit unseren Kindern auf diese offensive Art einzuüben, über Gefühle zu sprechen. Nicht, weil ich so gerne hören würde, dass sie mich lieben, dessen bin ich mir auch ohne viel Worte gewiss. Nein, sondern, weil es dann vielleicht auch später im Leben ganz leicht fällt, über Gefühle zu reden und das nicht mit etwas irgendwie Unangenehmen und Schamhaften verknüpft ist. Wer seiner Mutter etwa (bei 365 Tagen im Jahr kommt da schon einiges zusammen) 10000-mal gesagt hat, dass er sie liebt, wird auch keine Probleme haben, seine Liebe einer Frau oder einem Mann zu gestehen. Unter Umständen kommt ihr oder ihm dieses Geständnis ein bisschen schnell über die Lippen, aber es gibt Schlimmeres im Leben. Naja, ich werde nicht mehr versuchen, das Liebesding einzuführen, meine Kinder würden mich vermutlich für verrückt erklären. Dafür ist es zu spät.

Ich mache mir überhaupt gerade viele Gedanken über Dinge, die zu spät sind. Das liegt wahrscheinlich daran, dass mein Großer in absehbarer Zeit aus dem Haus gehen wird. Manchmal wünschte ich mir, wir hätten einen ganzen Durchgang Eltern auf Probe sein können, um uns zu allen Themen und Problemen, die so auf einen zukommen, in Ruhe überlegen zu können, wie wir damit umgehen möchten, welche Haltung wir haben, was wir als richtig ansehen und was als falsch. Und um es dann so vollkommen durchdacht anzugehen. Stattdessen stolpert man durchs Elternleben und stellt irgendwann fest, dass man vieles erlaubt hat, was man eigentlich zum Kotzen findet und anderes viel Wichtigeres keinen Platz gefunden hat. Wieso bekommen die das in Büchern immer so gut hin? Da geben Mütter oder Väter in geeignetsten aller Momente ganz wunderbare Dinge von sich, die ihre Kinder durchs Leben tragen und ihnen den Weg zeigen. Wenige Sätze, klug und wohldosiert. Und was sage ich? „Hast Du was für die Schule gemacht?“ und „Zockst Du schon wieder?“ und verpasse den richtigen Moment und die richtigen Worte. Ich tappe in die gleichen Fallen wie meine Eltern, belasse es bei Banalitäten, bestätige Schubladen und entmutige, anstatt zu beflügeln. Ja, ist eben der erste Durchgang.

Würde ich es nochmal tun, dann wäre „Ich liebe Dich“ auf jeden Fall Basisseminar anstatt das Höchste der Gefühle.

2 Gedanken zu „„I love you, mommy!“

  1. Das „Liebesding“ einzuführen – ich möchte dafür plädieren, dass es dafür nur richtige Momente gibt. Gerade eben völlig unabhängig von Ort, Zeit und Geschehen. Darin liegen, meines Erachtens, Erkenntnis, Kunst und Zauber gleichermaßen.

    • Wie wundervoll du das formuliert hast und wie recht du hast! Ich werde gleich in ihre Zimmer stürmen und ihnen einen dicken Kuss auf die Wange drücken.

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