Vom Leid mit dem Schreiben

Wieso habe ich eigentlich Kinder bekommen, die niemals freiwillig malen würden und Schreiben als Zumutung empfinden? Also, bitte nicht falsch verstehen, ich möchte sie um nichts in der Welt eintauschen, sie sind zwei bezaubernde Geschöpfe mit wunderbaren Fähigkeiten und Neigungen, aber eben nicht mit diesen. Und trotzdem fällt es mir ziemlich schwer, Verständnis für diese beiden Würmer zu haben, wenn sie sich mal wieder um das Schreiben einzelner Buchstaben und Sätze winden, abtauchen und auftauchen, zwischendurch in die Luft gehen und so die Bewältigung ihrer Aufgaben auf Stunden oder gar Tage ausdehnen, die bei konzentriertem Angehen vermutlich zehn Minuten in Anspruch nähme. Bei mir. Bei manch anderer/m. Für sie ist es die reine Zumutung. Ein Affront.

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Höhepunkt im Schulleben – das Referat. An der Montessori Schule eine hochgelobte Sache, schon Erstklässler halten dort freiwillig Referate und diese machen die Kinder selbstbewusst im Vortrag und geübt in der Recherche. So die Lehrerinnen. Soweit die Theorie. Was so ein Referat für mich bedeutet, kommt dabei völlig zu kurz. Es ist die Hölle. (M)ein Kind soll aus der Fülle von nicht begrenzten Informationen(Lesen!!! – kommt gleich nach Schreiben) die wichtigsten (!!!!!!) Punkte ( bei naturwissenschaftlichem Anspruch auf Präzision) aufs Papier (!!!!!!!!!!!!!) bringen, ein Plakat (!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!) gestalten (meine Kinder verwenden im Allgemeinen Bleistifte, Farben werden an dieser Stelle sehr überschätzt). Supergau. Und das über Wochen.

Ich hatte von diesen Anstrengungen nicht die leiseste Ahnung, ich, die ich bei Schwungübungen mein Bestes gab, die ich Religion in der Grundschule geliebt habe, weil ich Hefte mit zahllosen Bildern füllen durfte. Mein kleiner Sohn hasst Religion genau aus diesem Grund. Wer nicht gern malt, ist natürlich auch beim Schreiben nicht so locker und so kommt eins zum anderen. Und oft sind es leider die Jungs, die mit dem Schreiben auf Kriegsfuß stehen. Unterrichtet werden sie an den Grundschulen allerdings überwiegend von Frauen, die vielleicht genauso gerne gemalt haben wie ich und denen dieses Ringen mit dem Stift vermutlich ebenso fremd ist. Vielleicht bräuchte es für die kleinen Schreibverweigerer einen ganz anderen Unterricht, von jemandem, der es auch ganz furchtbar fand, zu schreiben und einen ganz anderen Zugang zu diesem Thema hat. Schreibhasserklassen sozusagen, wo nach einer Zeile schreiben fünf Minuten Fußball gespielt werden darf. Oder so. Naja, wird wohl eh nichts in nächster Zukunft, fürchte ich. Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als zu wachsen. Weit in den Himmel hinauf. Und vielleicht stehe ich eines Tages drüber und sage: „Schatz, du machst ein Referat, das ist ja wunderbar!“, und bekomme einen (Schein-)heiligenschein. Bis dahin – tief durchatmen, immer und immer wieder.