Nicht über meine Leiche

Ich habe gefühlt schon immer einen Organspendeausweis, fand ich es seit jeher doch reichlich verschwenderisch, meine Innereien ungenutzt nach meinem Ableben verbrennen oder verrotten zu lassen, wenn sie anderenorts noch wunderbare Dienste leisten könnten.Organspende Noch ist ja alles soweit ganz gut in Schuss, sieht man mal von so ein paar Mängeln ab wie der unzureichenden Sehleistung, die das Leben aber ja durchaus auch angenehm weichzeichnen kann. Angst, ich könne zum Zeitpunkt der Organentnahme noch nicht wirklich tot sein, hatte ich eigentlich nie, gehöre ich doch eher weniger zu jenen Abenteurern, die Länder bereisen, wo man das mit der Freiwilligkeit und dem Zeitpunkt des Ablebens vielleicht nicht so ernst nehmen könnte. Es gibt nur eine Ausnahme, die ich jedes Mal ganz dick vermerke: ich möchte auf keinen Fall der Wissenschaft überantwortet werden. Sozusagen nicht über meine Leiche. Und daran ist einer meiner Exfreunde Schuld. Ich weiß nicht, was seine Intention war, mich in einen Anatomiesaal mitzunehmen, in dem angehende Mediziner lernten, Leichen zu präparieren. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht mehr, warum ich überhaupt mitgekommen bin. Diese Frage stellte ich mir damals erst, als ich inmitten der leblosen Körper stand und mich dieser unangenehme Geruch in sich aufnahm. Sicher, als angehende Maskenbildnerin hatte auch ich mich mit Anatomie beschäftigt und wir hatten das ein oder andere unappetitliche Präparat menschlicher Missbildungen studiert, aber ich hatte definitiv nichts in diesem Saal zu suchen. Die Student(inn)en versuchten locker zu sein und übten sich an ihren ersten Scherzen im unverkrampften Umgang mit dem Tod. Treue Tatortkonsument(inn)en wissen, dass der Umgang mit einer Leiche etwas ganz Natürliches sein kann, der dem geübten Pathologen weder Appetit noch Laune verdirbt. Aber Scherze und Indiskretionen auf meine Kosten, wehrlos in einer Formaldehydwolke aufgebahrt, ohne mich, Leute. Vielleicht wäre das die richtige Verwertung für einen Exhibitionisten. In seinem Organspendeausweis müsste vermerkt sein: ausschließlich zu wissenschaftlichen Zwecken. Endlich könnte er sich in seiner ganzen Pracht präsentieren und täte damit zumindest einmal in seinem Leben etwas Gutes.

Es geschah an einem Sonntag…

Ich liebe es, sonntags, als eine Art Downer zum Abschluss des Wochenendes, TATORT zu gucken. Meist steige ich allerdings erst so gegen 21Uhr ein, wenn die Leiche bereits gestorben ist und die Ermittlungen ihren Verlauf genommen haben. Vorher bekomme ich die Kinder einfach nicht ins Bett. Als ich an jenem Sonntag mal wieder den Wettlauf gegen die stark voranschreitende Zeit antrat, brummelte ich vor mich hin: „Mist, jetzt fängt der Tatort gleich an.“ Mein neunjähriger Sohn erwiderte großzügig: „Du brauchst mir heute nichts vorlesen.“ Ich: „Du, das ist total lieb von Dir, aber ich muss ja Deinem kleinen Bruder noch vorlesen.“ Er (wörtlich): „Mama, knall Dich vor die Glotze, ich übernehme das!“ Tja, Kinder werden groß und so saß ich tatsächlich pünktlich zum Tatort Intro um 20.15h vor dem Fernsehen und freute mich ein Loch in den Bauch.

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