Es wird dieser Tage wieder viel über Geld gesprochen, über den Bundeshaushalt und die Entscheidungen, wie der Kuchen aufgeteilt werden soll. Das Sondervermögen durchbricht diesmal das Prinzip, dass die Höhe der Einnahmen über die möglichen Ausgaben entscheidet. Und dass allein das Wirtschaftswachstum dafür verantwortlich ist, wie gut es uns geht. Und wehe dem, wenn es erneut stagniert oder gar zurückgeht. Mit Grabesmiene werden in den Nachrichten die Zahlen verlesen, die den Untergang unseres Wohlstands besiegeln. Ich könnte jedes Mal schreien.
Denn, dass Wirtschaftswachstum gleich Wohlstand für alle bedeutet, hat sich schon längst als Milchmädchenrechnung entpuppt. Dass die Wirtschaft schon lange nicht mehr weiterwachsen sollte, bezeugt Jahr für Jahr der sogenannte Erdüberlastungstag, der in Deutschland erneut bereits Anfang Mai erreicht wurde. Ab diesem Tag schöpfen wir Ressourcen aus, die uns eigentlich nicht mehr zur Verfügung stehen. Sollte das nicht Grund genug sein für ein Umdenken in der Bewertung von Ökonomie?
Die Idee der Postwachstumsökonomie ist nicht neu, bereits 2007 wurden erste Ideen dazu entwickelt. Die Notwendigkeit, das Wirtschaftssystem zu verändern, beruht auf der Tatsache, dass sich Wirtschaftswachstum und ökologische Schäden nicht entkoppeln lassen, so verlockend das klingen mag, wenn neue, grüne Technologien als Heilsbringer angepriesen werden. Es hat sich auch gezeigt, dass zunehmendes Wirtschaftswachstum weder zum Glücksgefühl des einzelnen führt noch Hunger und Armut weltweit bekämpft. Im Gegenteil, die Schere geht immer weiter auf zwischen den Superreichen und den Otto-Normalverbrauchern.
Postwachstumsökonomie bedeutet nicht, auf alles zu verzichten. Es geht vielmehr um Entrümpelung des Zuviels. Wer kennt das nicht, dass zuhause Schränke, Keller oder Dachböden überquellen von Dingen, die sich nüchtern betrachtet oft als Ballast herausstellen? Oft wirkt es wie eine Befreiung, wenn man sich von Dingen trennt und dadurch Raum schafft. Raum für das, was einem wirklich wichtig und wertvoll ist. So kann das auch mit der Wirtschaft funktionieren: sich auf das Wesentlich konzentrieren, gute Produkte entwickeln statt ständig neuer Kollektionen. Statt unaufhörlich weiterzuwachsen zu müssen, solide wirtschaften. Damit das funktioniert, müsste jedoch die Politik umdenken und andere Anreize schaffen. So lange Neuverschuldung für Investitionen zum Erfolgskonzept gehört, ist es natürlich schwierig, mit dem zu planen, was bereits erfolgreich läuft.
Natürlich bedarf es mehr für ein neues Wirtschaftsmodell, ein Umdenken im großen Stil, welches der Mensch im Allgemeinen leider nicht sonderlich schätzt. Mehr Regionalität, Reparaturen, Nachbarschaftshilfe, Tauschbörsen, u.v.m.
Seit Jahren warte ich auf den Politiker oder die Politikerin, die es wagt, auszusprechen, dass wir so nicht weitermachen können. Die eine Vision entwickelt, die Menschen mitreißt und dem Ende des Wachstums seinen Schrecken nimmt. Die aufzeigt, dass ein neues Wirtschaftsmodell Chancen bieten kann, unser Leben mit mehr Zufriedenheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gestalten. Natürlich kann dies nicht von heute auf morgen passieren und ich höre die Aufschreie derer, die jegliche Möglichkeit zur Veränderung wegen des globalen Wettbewerbs niedermachen. Und die Aufschreie derer, die ihre Pole-Position nur ungern aufgeben wollen. Die Aufschreie derer, die lieber an Altbewährtem festhalten und die Augen verschließen. Ihnen entgegne ich:
You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will be as one
(aus „Imagine“ von John Lennon, 1971)