Gegen die Zeit

Ein mir nahestehendes Familienmitglied, das deutlich jenseits der 70 ist, legt in jüngster Zeit ein etwas befremdliches Verhalten an den Tag. Schon immer sehr sportlich gewesen, scheint es, als müsse er sich und der Welt beweisen, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört und absolviert sportliche Höchstleistungen bar jeglicher Vernunft, die schon einen Vierzigjährigen an seine Grenzen bringen würden. Darauf angesprochen, fragte er mich, ob ich es wohl anders machen würde, wenn ich in seinem Alter sei. Ich meinte, da müssten wir uns wohl zu gegebener Zeit an einem anderen Ort darüber unterhalten, ich könne es nicht wirklich beurteilen, mir momentan aber nicht vorstellen, dass ich im Alter zu einem solchen Verhalten tendieren würde. Was ich aber durchaus verstehen kann, ist der Kampf der euphemistisch betitelten „Silver Surfer“ gegen das Ausrangiert werden. Nicht nur, dass per se mit den Jahren alles mühsamer wird. Dazu kommt der Druck, es sich nach außen nicht anmerken zu lassen. Einmal beim Einparken die Parkuhr geschrammt, den Seitenspiegel abgefahren und Kontakt mit der Parkhauswand aufgenommen – und man muss befürchten, dass einem nahe gelegt wird, den Führerschein abzugeben. Der erste große Einschnitt in das selbstbestimmte Leben. Irgendwann folgt der erste größere Sturz zu Hause, eine Herdplatte wird vergessen und die tägliche Hygiene fällt zunehmend schwer. Dann wird die Frage in den Raum gestellt, ob man weiterhin in seinem Zuhause bleiben kann und darf. Die Versorgung wäre in einem betreuten Wohnen viel einfacher. Ja, einfacher schon, aber ein neues Zuhause? Sich noch mal zurecht finden und neu einrichten? In dem Zimmer sind dann andere Schränke mit einer Ordnung, die sich jemand anderes ausgedacht hat und die sein unfreiwilliger Bewohner nicht kennt und versteht. Kein Wunder, dass sich viele Senioren mit Händen und Füßen dagegen wehren. Und schade, dass sich nur sehr wenige unserer Eltern irgendwann einfach aufs Bänkchen vors Haus setzen und sich die Nase von der Sonne kitzeln lassen können. Und den ganzen Tag beobachten dürfen, wer so vorbeifährt und das ein oder andere Schwätzchen mit den Nachbarn halten können. Das wäre für alle Senioren eine schöne Aussicht, die es ihnen und uns zukünftigen „Alten“ sicherlich einfacher machen würde, dem Alter gelassen entgegen zu blicken und es anzunehmen. Dann würde ich mich mit Sicherheit irgendwann den Schaukelstuhl dem Trimmrad vorziehen, das kann ich jetzt schon sagen.

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