Buchtipp: „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Das Lächeln meines unsichtbaren VatersIch gebe es zu, ich hatte am Anfang nicht viel Lust auf diese Vater-Sohn-Geschichte, hatte ich doch erst vor einigen Monaten ein Buch mit einem ähnlichen Plot gelesen. Aber dann hat sie mich wirklich begeistert und tief berührt und ich möchte sie euch schwer ans Herz legen. Dmitrij Kapitelman, kurz Dima, ist der Sohn eines Juden. In Kiew geboren, kommt er mit etwa acht Jahren in ein Flüchtlingsheim nach Ostdeutschland, nachdem seine Eltern eigentlich nach Israel auswandern wollten und sich dann kurzerhand doch umentschieden. So landet er in Grünau-Ost, einem Stadtteil in Leipzig, der fest in der Hand der Nazis ist. Dimas Kindheit gleicht einem Spießrutenlauf und sein einst so lebenslustiger Vater zieht sich immer weiter in sich zurück, bis er fast unsichtbar wird. Dmitrij, der inzwischen in Berlin lebt und zu einem weltoffenen jungen Mann herangewachsen ist, beschließt mit Mitte 20, mit seinem Vater nach Israel zu reisen, in der Hoffnung, dass sich der Vater ihm dort wieder zeigen würde. Es geht ihm aber nicht nur um seinen Vater, er sucht auch Antworten für seine Lebensthemen. Bin ich Jude, nur weil mein Vater Jude ist? Obwohl wir beide nicht gläubig sind? Ist es seinem Vater, der die Menschen liebt und Dimas muslimischen Freund Kalil ins Herz geschlossen hat, wirklich ernst, wenn er über die Araber schimpft? In Israel und bei seinem Besuch in den Palästinensischen Autonomiegebieten sieht sich Dima mit einer großen Ambivalenz an Gefühlen konfrontiert, einer großen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, sich nicht für seine Herkunft rechtfertigen zu müssen, aber auch mit Ängsten und Vorurteilen, denen er sich stellt. Und ich finde, ihm gelingt, was im Nahostkonflikt nur wenigen möglich scheint, er differenziert. Dinge, die unvereinbar scheinen, dürfen sein. Widersprüche, Grautöne, Unverständnis, Verständnis, Verwirrung und Klarheit. Er stellt sich seinen Ängsten und Sehnsüchten gnadenlos und teilt diesen Prozess mit seinen Lesern. Dabei versteht auch jemand wie ich, der keinen sogenannten Migrationshintergrund hat, wie wichtig das Thema Identität ist. Ein Buch zum Mauern einreißen. Die letzten Seiten haben mich dann noch mal sehr nachdenklich gemacht. Dima kehrt nach Deutschland zurück, wo sich inzwischen die Stimmung weiter gegen Flüchtlinge wendet und die Rechtspopulisten immer mehr Zulauf finden.

 

„Weißt du, vor wem ich Angst habe?“

„Vor wem?“

„Vor den deutschen Nazis. Gar nicht mal so sehr vor den Schlägern. Was ist, wenn sie viel mehr stille Unterstützer haben, als bisher gedacht? In der Bevölkerung, bei den Behörden. Der ganze Hass, er war nie weg. Als ob Grünau niemals aufhört. Papa, vielleicht ändert sich wirklich nichts in diesem Land.“ (Zitat)

 

Ich fürchte, da liegt viel Wahres drin, wenn man die Stimmungsmache dieser Tage verfolgt. Überall Parolen statt konstruktiver Lösungsvorschläge. Umso wichtiger, klare Kante zu zeigen gegen Rechts. Ein beeindruckendes Buch für alle, die sich für die Zwischentöne von Migration, Religion und Nahostkonflikt interessieren.

Dmitrij Kapitelman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Verlag: Hanser Berlin   ISBN 978-3-446-25318-6

 

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