Dr.Sommer war gestern

Obwohl wir seit geraumer Zeit Netflix abonniert haben, gehöre ich nicht zu den typischen Serienkonsumenten, aber „Sex education“ muss ich Euch wärmstens empfehlen. Es ist die erste Netflix Serie, die mich in ihren Bann gezogen hat, nachdem sie mir, sowohl von einer Mutter, als auch von einem Spiegelartikel, als umwerfendes Aufklärungsmaterial empfohlen wurde.

Bravo war gestern, heute gibt es den jungfräulichen und ziemlich verklemmten Helden Otis und seine Mutter, die Sextherapeutin Dr. Jean Milburn, einfach hinreißend gespielt von Gillian Anderson (bekannt aus Akte X), die ihr Zuhause mit Dildos und Vaginas in jeder Form dekoriert hat und nichts Ungewöhnliches daran findet, sich beim Frühstück danach zu erkundigen, ob es bei Otis mit dem Onanieren geklappt hat. Ihre Offenheit und die wechselnden Sexualpartner bringen Otis regelmäßig in die Bredouille. Gehör für seine Probleme findet Otis bei seinem besten Freund Eric, der Männer liebt und ein Faible für Make up und schrille Klamotten hat. Überhaupt ist der Cast wunderbar getroffen, die Figuren liebevoll überzeichnet. Es ist die Zeit der Entdeckung der Sexualität, an allen Ecken und Enden schwängern Hormone die Luft. Durch einen Zufall und weil er dadurch Zeit mit seinem Schwarm Maeve verbringen kann, wird Otis zum Sexualtherapeuten seiner Schule. Und dabei werden wenige Themen ausgelassen. Vom Ejakulationsproblem über Stellungsprobleme gleichgeschlechtlicher Liebe, bis hin vom Versenden des Fotos einer Vagina im Schulchat mit erpresserischen Motiven, Otis findet durch sein Zuhören und seine einfühlsame Art meistens eine Lösung für die Probleme seiner Mitschüler*innen. Und das Wichtigste, dabei geht es meistens um Zwischenmenschliches und Gefühle, die Message für die Teenager ist also klar. Otis ist jedenfalls die perfekte Identifikationsfigur für Jugendliche, die nicht im Mittelpunkt stehen, sondern eher schüchtern sind und noch keine Erfahrungen sammeln konnten. Aber auch im vermeintlich perfekten Schulsprecher, der insgeheim gegen Angstzustände kämpft, oder im Sohn des Direktors, der gegen seine Rolle rebelliert, finden sich bestimmt viele Jugendliche wieder.

„Sex education“ erspart das Aufklärungsgespräch, das man in dieser Form sowieso nie geführt hätte und für das es altersgemäß ( ab +- 14 Jahren) auch schon zu spät ist. Über Petting, Fellatio und Coitus Interruptus hatte ich damals auch nur in der Bravo gelesen und nicht von meinen Eltern gehört, es ist also wohl zu verzeihen, wenn wir das „Reden“ anderen überlassen. Für uns Erwachsene macht es jedenfalls einfach Laune, sich nochmal in die Zeit zurückzuversetzen, als es nur „um das Eine“ ging. Wie das Ganze weitergeht, weiß ich noch nicht, ich bin erst bei Staffel 1, aber ich freue mich definitiv schon auf die nächste Folge.

Trübe Aussichten

Gerade war ich, wie üblicherweise am Samstagvormittag, auf dem Wochenmarkt. Und ich werde es bestimmt so schnell nicht wieder tun, denn es war schlicht und ergreifend demütigend und grauenhaft. Binnen Sekunden verwandelte ich mich in ein altes, buckliges Mütterchen aus den Märchen der Gebrüder Grimm und auch der Verkäuferin schien diese Verwandlung nicht entgangen zu sein, denn sie behandelte mich auf eine derart bemühte und zuvorkommende Art und Weise, wie sie mir gemäß meines tatsächlichen Alters auf keinen Fall zugestanden hätte. Sie legte mir die Waren in meine Tasche, nahm mir vorsichtig aus den Händen, was ich ihr reichte, es war ein fast liebevolles Geben und Nehmen. Grund für ihre Besorgnis und meine Mühen war mein schlagartiges Erblinden, das mich vollkommen überforderte und überhaupt nicht mehr aufhörte. Bei 6° Celsius Umgebungstemperatur führte das Tragen meiner Maske nämlich zu einem so starken, kontinuierlichen Beschlagen meiner Brille, dass ich schlichtweg nichts mehr sehen konnte. In verzweifelten Hoch- und Runterschieben meiner Brille und dem Annähern meines Kopfes zur Ware herab (daher das Bucklige), versuchte ich wieder Herrin der Lage zu werden, versuchte panisch, zu erkennen, was ich erwerben wollte und die richtige Menge zu beurteilen. Ich muss vielleicht nicht weiter berichten. Wie eine geprügelte Hündin machte ich mich mit meinem Einkauf von dannen.

Jetzt beim Schreiben erscheint es klar, die einfachste Lösung wäre vermutlich gewesen, die Maske unter die Nase zu schieben, wie es so viele tun. Aber als auf meine Mitmenschen bedachte Bürgerin war mir dieser Gedanke gar nicht gekommen. Und eine nachhaltige Lösung für die zahlreichen Situationen, die in den nächsten Monaten auf uns Brillenträger*innen zukommen werden, ist das natürlich auch nicht. Wir sind es ja von jeher gewohnt, mit zahlreichen Unannehmlichkeiten zu leben, wie eben in der kalten Jahreszeit dem Beschlagen der Brille, wenn wir geheizte Innenräume betreten. Die Maske potenziert diesen Effekt leider um ein Vielfaches durch die permanent nachströmende Atemluft.

Es wäre also ein geeigneter Zeitpunkt, sich endlich die lang ersehnte Laseroperation zu gönnen, könnte man sie sich leisten und würde sie in fortgeschrittenem Alter noch Sinn machen. Und wohl denen, die auf Kontaktlinsen umsteigen können. Alle anderen sind in den nächsten Monaten auf das Wohlwollen und Verständnis ihrer Mitmenschen angewiesen, die ihnen dann saisonbedingt bitte auch den Einkauf auf dem Wochenmarkt abnehmen sollten. Sollten Sie Sehende jemandem begegnen, der so plötzlich erblindet irgendwo in der Gegend herumsteht, scheuen Sie sich bitte nicht, ihm den Weg zu weisen, er wird es Ihnen danken.

Haltet durch, meine Brillenschlangenschwestern und -brüder. Ihr seid nicht allein.

Buchtipp: „Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Dieser Roman entfacht solch eine Sehnsucht nach den Bergen, dass ich mich am liebsten sofort auf den Weg gemacht hätte, Teil dieser besonderen Welt zu werden, sie so in mir aufzunehmen, wie sie der Autor heraufbeschwört. Denn dieses Ursprüngliche, Raue und Fordernde der Natur und der Berge hat wenig mit dem gemein, was der Wochenendausflügler erlebt, wenn er sich mit zahlreichen anderen Touristen von Alm zu Alm begibt. Kein Wunder, der Autor verbringt selbst die Sommer auf seiner Hütte auf 2000 Metern im Aostetal, er weiß also nur zu gut, wovon er schreibt.

„Acht Berge“ erzählt von der Freundschaft zwischen Bruno, der in sehr einfachen und schwierigen Verhältnissen in dem Bergdorf Grana lebt und dem Großstädter Pietro, der dort jedes Jahr seine Sommerferien verbringt. Pietros schweigsamer und oft aufbrausender Vater, der in Mailand nie wirklich angekommen ist, entstammt ebenfalls einem Bergdorf und nimmt den Sohn auf zahlreiche Routen in die Berge mit, bis diese Gemeinschaft eines Tages ein jähes Ende findet. Mit seinem Freund Bruno erkundet Pietro die zahlreichen verlassenen Höfe und Ställe des Dorfes, die stille Zeugen eines Lebens voller Entbehrungen sind, während sie Kühe hüten. Sie erklettern gemeinsam Felsen und Berge und lernen jeden Flecken dieses Stückchens Erde kennen. Während Pietro an den alten Traditionen festhalten will und von seiner eigenen Alm träumt, zieht es Pietro in die Welt hinaus. Und dennoch bleiben sich die Beiden, als sie erwachsen sind, verbunden und Pietro kehrt immer wieder in das Bergdorf zurück.

Der Zauber des Buches liegt an der Beschreibung der Landschaft, der Verbundenheit mit der Natur, dem Menschen als winzigen Teil derer, der sich ihr unterordnet, mit ihren Gaben und Herausforderungen lebt und manchmal auch daran scheitert. „Acht Berge“ erzählt aber auch von der Komplexität von Beziehungen, einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, dem Gefangensein in seinen Wurzeln, der Suche nach dem eigenen Weg und der Tragik des Lebens.

„Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Penguin Verlag ISBN 978-3-328-10344-8