Kalifornische Verhältnisse

Als wir vor mehr als zehn Jahren in das Mehrfamilienhaus einzogen, in dem wir auch heute noch leben, gab es dort ein kleines von Hecken umsäumtes Rasenstück mit einer gemütlichen Sitzgruppe in der Mitte, die Laube, wie wir sie liebevoll nennen. Der Rasen wuchs recht kümmerlich und wies einige kahle Stellen auf, so dass wir frisch motivierten Neuankömmlinge beschlossen, mit dem Verlegen eines saftigen, üppigen Rollrasens Abhilfe zu schaffen. Vielleicht hätte es ein Happy End geben können, wenn wir die vorbereitenden Aufgaben mit dem erforderlichen Aufwand betrieben hätten. Den Boden spatentief auflockern, Unkraut, Steine und Wurzeln entfernen, gegebenenfalls mit Erde, Humus und Sand auffüllen und zwei bis drei Wochen ruhen lassen. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass dieses Stück Erde von den Wurzeln einer riesigen Birke bevölkert wird und eher minderwertiger Qualität ist. Jedenfalls währte unser Rasenglück nicht allzu lange und er glich bald wieder seinem Anfangsstadium, wenn auch jetzt mit einigen Unebenheiten garniert, die die nicht ganz sachgemäße Vorbereitung des Untergrundes verursacht hatte.

So schnell ließ ich mich nicht unterkriegen und begann, Jahr für Jahr partiell wieder neu anzusäen. Ein schwieriges Unterfangen. Denn immer dann, wenn der Boden endlich konstant Nachts über 10° Grad Celsius blieb, stieg auch das Bedürfnis der Hausbewohner*innen, sich im Freien aufzuhalten und just jene Areale zu betreten, die ich zu verschönern versuchte. Besonders Kleinkinder mit Bobby Cars sind schwer aufzuhalten. Zärtlich betrachtete ich die Quadratzentimeter zarter, sattgrüner Hälmchen im Wissen um ihre Vergänglichkeit. Die meisten von ihnen überlebten keine Saison. Egal- neues Jahr, neues Glück, ich säte so verlässlich wie der Papst seine Osteransprache hielt. Bis, ja, bis…

…der Klimawandel Fahrt aufnahm und die Kalifornier dazu aufgerufen wurden, wegen der Wasserknappheit ihre Gärten nicht mehr zu gießen. Und manche von ihnen versuchten, die Illusion aufrechtzuerhalten, indem sie das verdörrte Gelb mit Hilfe von Airbrushfarbe satt grün sprühten. Nun könnte man sagen, ja, aber das ist doch Kalifornien und was hat das mit Dir zu tun? Ganz einfach. Ich klagte einer mir sehr nahestehenden Person mein Rasenleid und diese zeigte sich, anstatt ihr Mitgefühl zu beteuern, schlichtweg entrüstet, dass ich mit Leitungswasser gieße. Sie hätten eine Zisterne, die Regenwasser sammele, und dieses reiche vollends zur Bewirtschaftung des Gartens. Schön. Wir haben leider keine Zisterne und unsere mickrige Regentonne ist aufgrund der trockenen fränkischen Sommer meist leer. Was hieß das jetzt? Es war eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Durften jetzt nur noch Menschen mit modernen Häusern und Zisternen grüne Rasen haben und der Rest sich an verbrannter Erde laben? Das Ganze war zutiefst ungerecht und gleichzeitig gab ich ihr insgeheim Recht, dass mein Kampf für ein wenig Grün eine reine Verschwendung von Trinkwasser war.

Wir dachten über die Umgestaltung der Laube nach und das Verlegen von Holzbrettern als eine Art Terrasse, aber eine überzeugende Lösung fanden wir nicht. In den letzten Tagen kam mir dann eine Idee. Anstatt Unkraut zu entfernen, würde ich es einfach sprießen lassen. Vielleicht lag die Lösung in einer Wiese voller Löwenzahn, Gänseblümchen und anderem „Unkraut“, dem es bei uns gefallen könnte? Das war allemal besser als Braun mit grünen Punkten. Ich schöpfte neue Zuversicht. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, nachdem ich wochenlang über das schlechte Wetter gejammert hatte: es regnete dies Jahr ungewohnt viel. Vielleicht würde dies Jahr alles anders werden. Ich ging in den Garten und säte….

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