Es ist inzwischen Oktober und leidlich kalt. Ich habe manchmal Mühe, mich bei Laune zu halten. Nur noch selten wage ich mich morgens- nachdem endlich die Sonne aufgegangen ist- mit einem Kaffee auf meinen Balkon, um den Vögeln zuzuhören, die sich färbenden Bäume zu betrachten und meine rotierenden Gedanken von dannen ziehen zu lassen. Heute morgen lenkte ein Eichhörnchen meine Aufmerksamkeit auf sich, als es die metallenen Fensterläden weit oben am Nebenhaus hinunterkletterte. Gemessen an der Größe des Tieres verursachte dies nämlich beträchtlichen Lärm. Bereitwillig ließ ich mich auf die willkommene Ablenkung ein und bewunderte die waghalsigen Manöver des possierlichen Tieres. Es war nicht meine erste Begegnung mit diesen manchmal unfreiwillig komischen, aber überaus talentierten Lebewesen, ich muss zugeben, ich mag sie. Jedenfalls erfreute ich mich noch einige Zeit an dem kleinen Kameraden, bevor ich mich wieder an die Arbeit machte.
Gegen Mittag war ich mit einer Freundin verabredet. Als ich aus der Haustür trat, um zu meinem Auto zu gehen, sah ich es wieder. Eine Krähe hackte auf den leblosen Körper ein, der leuchtend rot auf dem Asphalt lag. Vielleicht war es auch sein Cousin, wer weiß das schon. Der Lauf des Lebens und dennoch so grausam.
Wieso ich diese Begebenheit mit Euch teile? Weil sie für mich zur dunklen Jahreszeit passt, einer Zeit, in der es nicht immer leicht fällt, das Licht zu sehen, so sehr man sich auch bemüht. Ich fand es ziemlich mies, dass mir die Brutalität des Lebens so drastisch vor Augen geführt wurde, nachdem ich gerade versucht hatte, diesem etwas mehr Freude und Leichtigkeit abzugewinnen. Wie eine schallende Ohrfeige. Als müsste ich beim nächsten Mal achtsamer sein, der Situation misstrauen, mir ihrer Endlichkeit bewusst sein, um mich nicht darauf einzulassen. Aber das werde ich nicht. Ich nehme es als Begebenheit in der dunklen Jahreszeit, nicht schön, aber auch kein Grund, das Spiel von Licht und Schatten nur noch von außen zu betrachten. Tschüss, kleiner Freund.



