„Fun“Facts

Manche von uns nutzen liebend gerne Karten oder besser noch das Handy zum Zahlen. Sie feiern es, stets flüssig zu sein und ihre Ausgaben jederzeit übersichtlich einsehen zu können. Andere hadern mit dem schrittweisen Zurückdrängen des Bargelds und möchten keine digitalen Spuren beim Einkaufen hinterlassen. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte. Verzichten möchte ich auf Bargeld jedenfalls nicht, auch, wenn das zunehmend schwieriger wird. Seit Februar können wir unseren Kaffee nach dem Bouldern nur noch mit Karte oder Smartphone bezahlen. Da fielen die Prinzipien zugegebenermaßen schnell der Begierde zum Opfer. Einen Realitätscheck durfte ich vergangene Woche machen. Als ich an einem Wochentag um 18.30h einen Bar-Einkauf bei H&M in Höhe von 200,-€ umtauschen wollte, sah mich die Verkäuferin ratlos an. In ihrer Kasse befanden sich gerade mal 100,-€. Die Store Managerin wurde herbeigerufen, um mit Ach und Krach aus der zweiten Kasse weitere 100,-€ zusammenzukratzen. Und das am Ende eines Einkaufstags! Es hat mich doch erstaunt, wie weit der Rückgang des bargeldlosen Zahlungsverkehrs bereits fortgeschritten ist.

Selbe Woche, andere Baustelle. Wer einen Arzttermin ausmachen möchte, hat entweder das Glück, ein funktionierendes Onlinebuchungssystem nutzen zu können, oder das Pech, dass man Termine noch immer telefonisch vereinbaren soll, aber niemals jemand abnimmt. Nach zehnminütigem Verbleib in der Warteschleife wird man mit dem Hinweis rausgekickt, die Leitungen seien überlastet. Natürlich gibt es noch zahlreiche grauenhafte Varianten mit computergenerierten Stimmen, die die falschen Fragen stellen und deren Konversation selten zum Ziel führt. Und mich auch noch in den Wahnsinn. Also wählte ich den vermeintlich idiotensicheren Weg und suchte zwecks Terminvergabe die Facharztpraxis direkt auf. Als ich mein Anliegen vortrug, erwiderte die freundliche Medizinische Fachangestellte, dass sie mir einen Termin im April 2026 anbieten könne. Mal ganz ehrlich, da kann ich doch gleich ein paar Stunden in der Warteschleife rumhängen, dann geht das Jahr wenigstens schneller um.

Es lebe das deutsche Gesundheitssystem!

Die Spendenbox

Vor kurzem stand ich bei H&M mit einem Berg Klamotten an der Kasse, als mir eine Spendenbox für Unicef-Bildungsprojekte auffiel. Eigentlich ja eine schöne Sache. Einfach Geldbeträge aufrunden und schon können ein paar arme Kinder in Bangladesch eine Schule besuchen. Da stand ich nun mit meinen geschätzt 15 Klamotten für 160,- € und betrachtete die kleinen Schulmädchen auf der Sammelbox. Und empfand diese Situation als Zynismus in Reinform. Schließlich sorge ich mit meinem Einkaufsverhalten erst dafür, dass viele dieser Kinder auf Grund der niedrigen Löhne ihrer Eltern in Textilfabriken überhaupt arbeiten gehen müssen und nicht in die Schule gehen können. Um mein Gewissen rein zu waschen, kann ich dann ein paar Cent in die Sammelbox werfen. Das Bild des mittelalterlichen Ablasshandels drängte sich mir auf. Ich sündige, indem ich alles verdränge, was ich über die Ausbeutung der Arbeiter(innen) weiß und kaufe mich frei, um trotzdem in den Himmel zu kommen. Und was ist mit H&M? Sie sind Teil des Systems, das die Menschen in Bangladesch ausbeutet. Ist es da nicht einfach nur zynisch, bei einem Gewinn nach Steuern im Jahr 2013 von 1924,4 Millionen Euro (laut de.statista.com) in den Filialen 158436,77€ Spendengelder (2013) von seinen Kunden einzusammeln, anstatt Löhne der Arbeiter(innen) zu erhöhen und Arbeitsbedingungen wirklich zu verbessern? Dann bräuchte es nämlich erst gar keine Sammelboxen, die vor allem der Imagepflege dienen, an der Lebenssituation der Kinder aber nur wenig ändern. Natürlich bekämen auch wir Verbraucher das zu spüren und müssten den ein oder anderen Euro mehr bezahlen und somit auch auf das ein oder andere Kleidungsstück verzichten.  Weiterlesen