Vom stillen Leid

Heute möchte ich den Gastbeitrag einer jungen Frau mit Euch teilen, in dem sie auf das oft unerkannte, stille Leid von Menschen aufmerksam machen möchte, die an Bulimie leiden. Da die Betroffenen äußerlich meist ganz „normal“ wirken und weder durch starkes Über- noch Untergewicht auffallen, ahnen viele in ihrem Umfeld nichts von ihrer Erkrankung.

Und wenn du dir manchmal wünschst, dass du aus deinem Leben einfach herausschlüpfen kannst…einfach Cut, Vorbei, Ende. Und ein Neuanfang.

Wenn es denn so einfach wäre.

Wie oft habe ich schon gesagt, heute ist Schluss, heute ist der letzte Essanfall. Heute ist der letzte Essanfall, weil ich mich nicht länger kaputt machen will.

Weil meine Zähne aufhören sollen, zu schmerzen, weil ich nicht länger büschelweise Haare ausfallen sehen möchte, weil ich endlich meine Periode regelmäßig bekommen möchte. Und weil es vor allem ganz furchtbar ist, nach jedem Essanfall das Essen wieder durch Erbrechen loszuwerden. Solange zu erbrechen, bis gelbe Galle kommt oder im Idealfall sogar Blut.

Und weil ich nicht mehr ständig diese totale Erschöpfung spüren möchte, die psychische und die körperliche. Die mich kaputt macht, die mich vom Schlafen abhält, weil ich viel zu erschöpft bin, um schlafen zu können.

Über die Bulimie wird in der Öffentlichkeit so gut wie nie geredet, weil die meisten Menschen mit Bulimie nicht durch ein extremes Körperbild aus der Gesellschaft herausstechen. Nicht durch extremes Untergewicht oder Übergewicht. Die Menschen leiden leise und einsam, doch kaum einer hat den Mut, diese Menschen auf ihr Leiden anzusprechen. Auf diese Menschen wird höchstens still und heimlich gezeigt und hinter ihren Rücken getuschelt.

Die an Bulimie erkrankten Menschen gehen meist lautlos und unauffällig durch die Welt, leiden extrem und haben oft niemanden, mit dem sie über die Erkrankung sprechen können, da sich die Betroffenen extrem schämen. Schämen wegen ihres abnormalen Verhaltens, wegen ihrer finanziellen Sorgen, die durch die häufigen Lebensmitteleinkäufe entstehen, wegen der Lebensmittelverschwendung, die sie betreiben, wenn all das Essen in der Toilette landet.

Ich hatte alle drei Formen der Essstörung und seit mittlerweile fast 10 Jahren Bulimie, glücklicherweise auch mit großen Pausen ohne eine Form der Essstörung.

Und während ich diesen Text hier schreibe, stopfe ich mir Eis und Schokolade rein in dem Wissen, dass ich das und all die anderen Massen an Lebensmitteln in 15 Minuten wieder loswerde, um danach wie immer feinsäuberlich alle Spuren aus meiner Wohnung entfernen werde, das Bad putzen, die Wohnung putzen, den Müll runterbringen, aus der tiefen Hoffnung heraus, dass ich morgen wieder einen guten Tag schaffen werde.

Ich hoffe, ich kann eines Tages endgültig aus meiner persönlichen Hölle aussteigen in dem Wunsch, ein freies und erfüllendes Leben zu führen.

Corona hat die letzten 1,5 Jahre das Leben der Gesellschaft bestimmt, es war das vorherrschende Thema. Corona hat für für viele Menschen, die ohnehin schon psychisch belastet waren, noch zusätzliche Belastung in das Leben dieser Menschen gebracht und leider ist auch die Zahl der Menschen, die an einer psychischen Erkrankung oder Essstörung erkrankt sind, extrem gestiegen.

Meine Bitte an euch ist, nicht weg zu schauen. Egal ob ihr Menschen im Freundes- oder Familienkreis habt, die an einer psychischen Erkrankung oder Essstörung leiden oder ob ihr Menschen auf der Straße seht, denen es offensichtlich nicht gut geht, schaut nicht weg, sprecht sie an und fragt nach. Vielleicht kann das dem einen oder anderen zumindest vorübergehend ein Gefühl des gesehen Werdens vermitteln.