Meine Weihnachtsgeschichte

Ich kannte mal den Weihnachtsmann. Ja wirklich, natürlich nicht den echten, aber den gibt`s ja auch nicht. Er hatte eine große Knubbelnase und eine richtig alte, runde Nickelbrille. Die Nase war vermutlich einem Rhinophym geschuldet, das Männer manchmal bekommen, wenn sie älter werden und die Brille hatte er mit Sicherheit von seinem eigenen Großvater geerbt, so alt war sie mit ihren Bügeln zum Biegen und den komischen dicken Gläsern. Und natürlich hatte er einen weißen Vollbart und einen gemütlichen Bauch. Weihnachtsmann eben. Ich musste da nicht mehr viel nachhelfen, damit er authentisch aussah. Das erste Mal traf ich ihn kurz nach der Jahrtausendwende, als er mit ein paar Kindern – als Engel verkleidet- für den Titel eines Kataloges posieren sollte. Mitten im Hochsommer in einem Fotostudio, das bis zum Anschlag mit Weihnachtsschmuck dekoriert war. Bei 30°C Außentemperatur. Echt strange. Die Kinder waren auf und um den Schoß des Weihnachtsmanns positioniert und ihr Lachen war echt, denn der Weihnachtsmann mit dem gütigen Lächeln und den freundlichen Augen verstand sich auf Kinder, hatte er doch selber drei aufgezogen. Da wir uns mochten, in etwa den gleichen Weg zurücklegen mussten und die Fahrt mit dem eigenen Auto für ihn mit der Zeit zu mühsam wurde, kam es, dass ich den Weihnachtsmann in einem der darauffolgenden Jahre von zu Hause abholen durfte und ihn mit auf die Reise nahm. So lernte ich auch das Haus des Weihnachtsmannes kennen. Es lag natürlich am Waldrand und hatte einen großen Garten, der, etwas verwildert wie er war, zahlreichen Vögeln und anderem Getier Unterschlupf bot. Auch das Häuschen war in die Jahre gekommen und man merkte gleich, dass hier ein „Junggeselle“ wohnte. Die Zimmer waren bis zur Decke mit Büchern, Figürchen und anderem Tand gefüllt und es dauerte jedes Mal geraume Zeit, bis er die goldene Nickelbrille gefunden hatte und wir losfahren konnten. Auf den Fahrten erzählte er mir von seinem bewegten Leben und seinen Kindern, die es in alle Teile der Welt verschlagen hatte. Von Jahr zu Jahr merkte man dem Weihnachtsmann die Anstrengung mehr an, in seinem schweren Mantel mit dem Sack auf dem Rücken zu posieren. Die Kinder bekamen etwas Angst vor ihm, war er doch so sehr mit dem beschäftigt, was er beim Fotografieren zu beachten hatte, dass es ihm nur noch schwer gelang, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Irgendwann ging man dazu über, den Weihnachtsmann nur noch alleine zu fotografieren. Für die Aufnahme mit den Kindern schlüpfte jemand anderes in den Mantel und später wurden die beiden Aufnahmen dann digital so zusammengebaut, dass es aussah, als wäre alles wie früher – der Weihnachtsmann und seine Engelchen ganz vertraut und glücklich. Aber nicht nur der Weihnachtsmann veränderte sich, nein, irgendwann war es auch nur noch ein ganz normales Fotostudio im Sommer ohne viel Weihnachtsschmuck, denn auch die Deko wurde später ins Bild eingebaut. Mir tat das Herz weh, meinen Weihnachtsmann allmählich schwinden zu sehen. Als er schließlich nicht mehr in der Lage war, ein Fotoshooting durchzustehen, baute man ein altes Bild von ihm in eine neue Aufnahme der Engelchen ein und schließlich kam der Tag, an dem mir ein neuer Weihnachtsmann präsentiert wurde. Aber der sah nicht aus wie der Weihnachtsmann, nicht mit falschem Bart und aller Schminke der Welt. Es war einfach der Falsche. Der Weihnachtsmann verschwand schließlich nach etwa fünfzehn Jahren vom Katalogtitel und wurde durch ein Produktfoto ersetzt. Ich denke oft an meinen Weihnachtsmann zurück und bin mir manchmal nicht sicher, ob es nicht doch der echte war.

Weihnachtsmann-01

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