Buchtipp: „Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin mancher Gespräche wirklich leid. Über Sinn und Unsinn des Genderns, der deutschen Klimapolitik und warum manche Wörter einfach rassistisch sind, „auch wenn man das schon immer so gesagt hat“. Ich wurde schon als „Gutmensch“ bezeichnet, weil ich überwiegend im Biomarkt einkaufen gehe. Was soll das?

Fast automatisch werden heute einige Positionen abgeklopft, um die Person dann umgehend und zielsicher einer Schublade zuzuordnen. Gleichgesinnt, woke, „Schwurbler“, wie auch immer.

Juli Zeh und Simon Urban gehen an dieser Stelle weiter und machen es uns in ihrem Roman nicht so einfach, zu urteilen. Zunächst scheint der Sachverhalt vollkommen klar. Theresa und Stefan haben während ihres Studiums gemeinsam in einer WG gewohnt und standen sich sehr nah. Warum sie nie ein Paar wurden, wissen sie bis heute nicht. Sie hat inzwischen den Hof ihres Vaters in Brandenburg übernommen, er ist stellvertretender Chefredakteur einer der renommiertesten Tageszeitung des Landes. Sie ist tagtäglich mit den Herausforderungen in der Landwirtschaft konfrontiert, von Dürre bis Schweinepest, den Absurditäten von Förderanträgen und Ausgleichszahlungen, er ist mit sich und seiner Political Correctness in allen gesellschaftlich relevanten Themen von der richtigen Ausdrucksweise bin hin zum richtigen Verhalten im Reinen.

Ihr erstes Zusammentreffen nach zwanzig Jahren endet im Desaster, weil sie heftig aneinandergeraten. Doch anstatt es dabei zu belassen, beginnen sie sich auf Whatsapp zu schreiben und, als es dort aus dem Ruder läuft, per Mail weiter auszutauschen, Theresa oft nachts vor dem Melken, Stefan zwischen den Redaktionssitzungen. Sie beginnen, ihr Leben miteinander zu teilen. Und was sich die Autor*innen hier ausgedacht haben, ist beeindruckend und intelligent. Diese Korrespondenz geht weit über das hinaus, wo sie normalerweise endet. Trotz aller Unterschiede – und die beiden sind knallhart in der Sache und nehmen kein Blatt vor den Mund- versuchen sie sich zu unterstützen und den anderen zu verstehen. Ihre gegenseitige Zuneigung ist dabei der Kitt, der sie durchhalten und verzeihen lässt. Theresa radikalisiert sich nach herben Rückschlägen bei der Rettung des Hofs immer weiter. Aber auch Stefans Weltbild gerät ins Wanken, als ein Freund wegen einer flapsigen Bemerkung, die viral geht, und der ein übermächtiger Shitstorm folgt, geradezu vernichtet wird.

Richtig und falsch, Gut und Schlecht – diese Urteile verlieren ihre klaren Konturen. Ein wirklich inspirierendes Buch gegen das Schwarz-Weiß-Denken in unserer heutigen Gesellschaft.

„Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban, Luchterhand

ISBN 978-3 -630-87741-9

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