Als ich ein Foto von unseren drei Ampelchefs während einer Bundestagssitzung in der Zeitung sah, dachte ich nur: haben wir uns das wirklich so vorgestellt mit der Digitalisierung? Ein treffliches Sinnbild für das, was schon lange schiefläuft. Der Homo sapiens glotzt auf sein Smartphone – ganz gleich ob in der U-Bahn oder im Bundestag.

Was waren das für Zeiten, als man während einer Bundestagssitzung, eines Meetings, einer Unterrichtsstunde, eines Essens oder eines Treffens mit Freunden, sich nur seinen Mitmenschen widmete und nicht noch gleichzeitig die Welt retten musste. Zugegebenermaßen machte sich bisweilen Langweile breit. Wir waren nicht immer bei der Sache. Wir schwätzten vielleicht oder schrieben heimlich Zettelchen unter dem Tisch. Die ein oder andere Entscheidung musste vielleicht etwas warten, aber es passierte meist auch nichts Schlimmes in der Zwischenzeit.
Und jetzt? Heute muss alles sofort passieren. Gleichzeitig. Wir müssen umgehend reagieren und erreichbar sein. Viele Menschen empfinden das zunehmend als Stress. Das Digitale, das den Alltag eigentlich erleichtern soll, bindet immer mehr Energien. Wir brauchen immer mehr Apps für immer mehr Anwendungen, für Hotelbuchungen, Essensbestellungen, Versicherungen, den Schulalltag oder Job, Authentifizierungen und Onlinebanking. Jedes für sich wunderbar praktisch, in der Masse einfach zu viel. Wir brauchen Zwei-Wege-Authentifizierung und immer mehr und sicherere Passwörter, um Hackerangriffe auf unsere Accounts abzuwehren. Und weil wir uns diese nicht mehr merken können, benötigen wir Passwortmanager. Cloud Lösungen bieten uns Speicherplatz für Bilder und Daten, die nicht mehr auf unsere Endgeräte passen. Ob wir sie jemals alle wieder ansehen oder ordnen werden, bleibt bei den scheinbar grenzenlosen Ressourcen anzuzweifeln. Dieses Mehr fühlt sich verdammt falsch an, finde ich.
Wenn ich mal wieder fast daran verzweifele, beispielsweise meinen Mailaccount auf dem Smartphone einzurichten, denke ich an Menschen, die weitaus schlechtere Voraussetzungen haben als ich, eine solche Aufgabe zu bewältigen. Weil sie älter sind, eine Behinderung haben oder schlichtweg einen anderen Weg gehen wollen. Stichwort Inklusion. Sie werden zunehmend ausgeschlossen. Ob bei Bankgeschäften oder beim Deutschlandticket. Bei allen Erleichterungen, die die Digitalisierung mit sich bringen kann, darf sie Menschen nicht ausschließen, die ihrer Nutzung nicht mächtig sind. Für sie muss es auch weiterhin andere und vor allem einfache Möglichkeiten geben, auch wenn diese vielleicht teurer sind, weil sie Personal und Räumlichkeiten erfordern. Und nach diesen Angeboten sehnen sich auch Menschen, denen all das Digitale zu viel geworden ist.
Vor etwa fünf Jahren habe ich mich dazu entschieden, WhatsApp von meinem Handy zu entfernen, zum einen aus Datenschutzgründen, zum anderen, weil ich geschäftliche Anfragen über WhatsApp als sehr nervig empfunden habe. Ich habe diese Entscheidung keinen Tag bereut, aber peinlich ist sie mir trotzdem manchmal. Denn jedes Mal, wenn mir jemand „schnell mal“ etwas schicken möchte und ich kleinlaut gestehe, dass das auf diesem Weg nicht möglich ist, gehe ich davon aus, dass mich mein Gegenüber in die Schublade „Nicht von dieser Welt“ steckt. Erstaunlicherweise reagieren inzwischen viele Menschen ganz anders.
„Wie toll, das würde ich auch so gerne machen!“
Ich finde, es ist wirklich Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken, wie wir leben wollen und nicht immer nur kritiklos den digitalen Möglichkeiten hinterherzurennen. Auch und vor allem im Bundestag.

