Buchtipp: „Hund, Wolf, Schakal“ von Behzad Karim Khani

Über die Sonnenallee in Neukölln stolpert man immer wieder, wenn es um Clan-Kriminalität geht. Die Serie „4Blocks“ wurde von ihr inspiriert, der Hauptdarsteller Kida Ramadan, der im Libanon geboren wurde und bald darauf mit seiner Familie nach Kreuzberg kam, kennt diesen Kosmos aus Einwanderern verschiedenster Länder nur zu gut. Zuletzt geriet die Sonnenallee durch die antiisraelischen Proteste nach dem 07.10.23 zu trauriger Berühmtheit. Natürlich ist das nur die Schattenseite dieses Viertels, es ist auch Heimat vieler Menschen geworden. 

Aber was ist da los in dieser Sonnenallee? Der Autor Behzad Karim Khani kennt das Leben dort*. Er erzählt das Schicksal einer Familie, die in Neukölln strandet. Nachdem die Mutter im Tumult der iranischen Revolution hingerichtet wurde und die politische Lage immer gefährlicher wird, flieht der Vater mit dem 11-jährigen Saam und dem jüngeren Sohn Nima Ende der 80er Jahre nach Deutschland. Die persische Familie fühlt sich im arabisch dominierten Neukölln fremd. Der Vater sorgt als Taxifahrer für den Unterhalt und Saam versucht, sich den Regeln der Straße anzupassen, möglichst nicht aufzufallen und sich durchzuschlagen. Seiner Andersartigkeit und der damit verbundenen Grenzen ist er sich immer bewusst, auch als er sich mit dem Libanesen Heydar anfreundet, der durch seine älteren Brüder einen gewissen Status im Viertel genießt. Dessen Mutter und seine Schwester nehmen Saam herzlich in die Familie auf. Seinen kleinen Bruder Nima versucht Saam immer zu beschützen und von dem ihm selbst vorbestimmten Leben fernzuhalten. Denn es dauert nicht lange, bis Saam sich auf der Straße beweisen muss, bis er selbst schlagen muss, um nicht geschlagen zu werden, bis er mitspielt, um nicht unterzugehen. 

Das erstaunlichste Kunststück gelingt dem Autor darin, dass man, obwohl Saams Werdegang voraussehbar ist, die ganze Zeit über das Gefühl hat, dass dieses Leben nichts mit Saam zu tun hat. Dass es ein Irrtum ist und er in Wirklichkeit an einem friedlichen Ort die Schule besucht, um anschließend zu studieren und an einer Universität zu unterrichten. Dass auf irgendeine Weise alles noch gut geht, denn Saam ist ein sensibler, gebildeter junger Mann. Und dennoch läuft alles falsch- bis zum bitteren Ende.

„Hund, Wolf, Schakal“ ist kein schöner Roman, er ist brutal und schonungslos, wenn auch sprachlich mitreißend. Er macht nachdenklich, denn niemand kommt kriminell auf die Welt. Und manchmal braucht es ein paar Weggabelungen und gute Seelen mehr, damit sich alles zum Guten wendet.

*Mich interessieren die Hintergründe der Autor*innen sehr, weshalb ich ein wenig gestöbert habe und dieses Interview mit dem Hanser Literaturverlag gefunden. Ein kurzer Auszug:

Lieber Behzad, wie nahe kommt Hund, Wolf, Schakal deiner eigenen Biographie? Wer verbirgt sich hinter Saam?

Das Buch ist entlang meiner Biographie geschrieben. Die Eckdaten sind die meines Lebens. Ich setze mit Saam und Nima zwei Enden meiner Schicksalsskala in einen Raum und schaue, wie sie miteinander agieren. Saam ist, was ich vielleicht geworden wäre, wenn ich zwanzig Kilo schwerer, zehn Zentimeter größer gewesen wäre. Wenn ich meine Kämpfe durch Gewalt gewonnen hätte. Kämpfe, die ich im realen Leben verloren habe. Ich bin das Resultat der Niederlagen. Saam das der Siege. Und Nima ist die Frage, was wäre, wenn ich mich den Kämpfen nicht gestellt hätte. Wenn ich einfach weggerannt wäre.

Mehr auf: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/behzad-karim-khani-hund-wolf-schakal-9783446273788-t-3715

Behzad Karim Khan “Hund, Wolf, Schakal“  Hanser Berlin ISBN 978-3-446-27378-8

Buchtipp: „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Das Lächeln meines unsichtbaren VatersIch gebe es zu, ich hatte am Anfang nicht viel Lust auf diese Vater-Sohn-Geschichte, hatte ich doch erst vor einigen Monaten ein Buch mit einem ähnlichen Plot gelesen. Aber dann hat sie mich wirklich begeistert und tief berührt und ich möchte sie euch schwer ans Herz legen. Dmitrij Kapitelman, kurz Dima, ist der Sohn eines Juden. In Kiew geboren, kommt er mit etwa acht Jahren in ein Flüchtlingsheim nach Ostdeutschland, nachdem seine Eltern eigentlich nach Israel auswandern wollten und sich dann kurzerhand doch umentschieden. So landet er in Grünau-Ost, einem Stadtteil in Leipzig, der fest in der Hand der Nazis ist. Dimas Kindheit gleicht einem Spießrutenlauf und sein einst so lebenslustiger Vater zieht sich immer weiter in sich zurück, bis er fast unsichtbar wird. Dmitrij, der inzwischen in Berlin lebt und zu einem weltoffenen jungen Mann herangewachsen ist, beschließt mit Mitte 20, mit seinem Vater nach Israel zu reisen, in der Hoffnung, dass sich der Vater ihm dort wieder zeigen würde. Es geht ihm aber nicht nur um seinen Vater, er sucht auch Antworten für seine Lebensthemen. Bin ich Jude, nur weil mein Vater Jude ist? Obwohl wir beide nicht gläubig sind? Ist es seinem Vater, der die Menschen liebt und Dimas muslimischen Freund Kalil ins Herz geschlossen hat, wirklich ernst, wenn er über die Araber schimpft? In Israel und bei seinem Besuch in den Palästinensischen Autonomiegebieten sieht sich Dima mit einer großen Ambivalenz an Gefühlen konfrontiert, einer großen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, sich nicht für seine Herkunft rechtfertigen zu müssen, aber auch mit Ängsten und Vorurteilen, denen er sich stellt. Und ich finde, ihm gelingt, was im Nahostkonflikt nur wenigen möglich scheint, er differenziert. Dinge, die unvereinbar scheinen, dürfen sein. Widersprüche, Grautöne, Unverständnis, Verständnis, Verwirrung und Klarheit. Er stellt sich seinen Ängsten und Sehnsüchten gnadenlos und teilt diesen Prozess mit seinen Lesern. Dabei versteht auch jemand wie ich, der keinen sogenannten Migrationshintergrund hat, wie wichtig das Thema Identität ist. Ein Buch zum Mauern einreißen. Die letzten Seiten haben mich dann noch mal sehr nachdenklich gemacht. Dima kehrt nach Deutschland zurück, wo sich inzwischen die Stimmung weiter gegen Flüchtlinge wendet und die Rechtspopulisten immer mehr Zulauf finden.

 

„Weißt du, vor wem ich Angst habe?“

„Vor wem?“

„Vor den deutschen Nazis. Gar nicht mal so sehr vor den Schlägern. Was ist, wenn sie viel mehr stille Unterstützer haben, als bisher gedacht? In der Bevölkerung, bei den Behörden. Der ganze Hass, er war nie weg. Als ob Grünau niemals aufhört. Papa, vielleicht ändert sich wirklich nichts in diesem Land.“ (Zitat)

 

Ich fürchte, da liegt viel Wahres drin, wenn man die Stimmungsmache dieser Tage verfolgt. Überall Parolen statt konstruktiver Lösungsvorschläge. Umso wichtiger, klare Kante zu zeigen gegen Rechts. Ein beeindruckendes Buch für alle, die sich für die Zwischentöne von Migration, Religion und Nahostkonflikt interessieren.

Dmitrij Kapitelman „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“

Verlag: Hanser Berlin   ISBN 978-3-446-25318-6