Zeit

(Ein Gastbeitrag von Petra)

Ich sitze bei nur wenigen Grad Celsius über Null in unserem Garten im dicken Nebel eingehüllt und frühstücke. Warum ich das erzähle? Weil ich noch letztes Jahr um die Zeit sicher nicht auf die Idee gekommen wäre, mich unter der Woche am Vormittag in Ruhe draußen zum Frühstücken hinzusetzen- nicht, weil das nicht schon damals schön gewesen wäre, sondern weil ich schlichtweg keine Zeit gehabt hätte. Um diese Zeit (10h morgens) wäre ich mit meinem Hund auf dem Heimweg von meinem Pferd gewesen, in großer Eile, um noch kurz unter die Dusche zu springen und dann in die Arbeit zu düsen, um nicht zu spät zu kommen.

Und jetzt, jetzt habe ich Zeit, jede Menge davon und viel mehr, als mir manchmal lieb ist. Ich bin seit Ende März zuhause aufgrund von Long Covid und musste auf schmerzhafte Art lernen, mich von all den Hobbies, vom Beruf, von sämtlichen Freizeit Aktivitäten, aber auch von allen Leistungsansprüchen an mich selbst zu verabschieden. In die Pause gezwungen.

Kein Sport mehr, kein Job mehr, keine langen Spaziergänge mit Hund und Pferd – nichts mehr war da von meinem „alten“ Leben. Die letzten Monate waren geprägt von viel Trauer, viel Schmerz über meine Situation, die mich hilflos gemacht hat, weil sehr lange Zeit keine Hilfe in Sicht war. Die vergangene Zeit war auch geprägt von immer wieder viel Hoffnung, um dann in ein tiefes Loch der Verzweiflung zu fallen, weil ich wieder Rückschritte gemacht und somit wieder ans Sofa oder Bett gefesselt war. Ärzte, Krankenhäuser, spezielle Ambulanzen konnten nicht helfen und somit war ich sehr lange mit der Erkrankung alleine und musste lernen, wie es ist, auf Hilfe angewiesen zu sein – im Haushalt, in der Tierversorgung, in allen Lebensbereichen – ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen und tiefe Dankbarkeit zu empfinden – den Menschen gegenüber, die mich in den letzten Monaten so intensiv begleitet haben und immer an ein Gesund werden geglaubt haben, auch wenn ich selbst immer wieder so verzweifelt war, dass Suizid sehr verlockend erschien.

Aber mein wundervoller Partner und meine Tiere erinnerten mich immer wieder daran, dass es sich lohnt zu kämpfen und nicht aufzugeben, weshalb ich heute in meinem Garten sitze, eine Tasse Tee vor mir und die Kraft habe, wieder zu schreiben. Ich kann mit ganz viel Stolz sagen, dass es langsam in Minischritten aufwärts geht – dank einer wunderbaren Unterstützung, die mich seit zwei Monaten begleitet. Jemand, der sauer darüber war, dass sich so wenig mit den Menschen beschäftigt wird, die von Long Covid betroffen sind und sich deshalb darauf spezialisiert hat, erkrankte Menschen zu begleiten. *

Auch dafür bin ich unendlich dankbar – es ist Tag für Tag Arbeit, die ich leisten muss, damit es Stück für Stück besser wird, aber ich weiß, dass es sich am Ende lohnen wird. Ich halte mich fest an Visionen – wie es ist, das erste Mal mit meinem Freund zum Tanzkurs zu gehen oder mit Hund und Pferd wieder einen schönen langen Spaziergang zu machen. Es liegt noch ein langer Weg vor mir, aber ich habe ja jede Menge Zeit… und ich bin dankbar für all die kleinen Dinge und Momente in meinem Leben, die wieder möglich sind.

Nehmt Euch Zeit- für Euch selbst, für Eure Liebsten, für all die Dinge, die ihr tun möchtet – denn ihr wisst nie, wie lange ihr gesund seid – schätzt das Leben und seid dankbar für alles Große und Kleine, was Euch tagtäglich begegnet.

(* http://www.longcovid-ganzheitlich.de – Leider ist nur ein kleiner Leitfaden kostenlos, ansonsten muss die ganzheitliche Begleitung privat bezahlt werden. Ich wollte die Homepage trotzdem verlinken, da die Kassenleistungen und Hilfen bei Long Covid trotz der Kampagne des Bundesgesundheitsministers noch immer vollkommen unzureichend sind und Betroffene meist froh sind, andere Wege zu finden.)