Als meine Mutter in den 80er Jahren an Krebs erkrankte, gab es nur wenig Informationen darüber, wie Eltern ihren Kindern gegenüber mit der Situation umgehen sollten. Was sicher nicht nur in meinem Fall passierte, war, dass das Thema Sterben und Tod komplett ausgeklammert wurde. Und auch nach dem Tod meiner Mutter wurde wenig gesprochen, passende Therapieangebote fehlten. Ich verdrängte, lenkte mich ab, lebte teils ausschweifend und schlidderte von einer Beziehung in die nächste. Erst fünfzehn Jahre später arbeitete ich den frühen Verlust meiner Mutter auf, nachdem ich in eine Depression gerutscht war. So ähnlich erging es auch Katrin Gärtner, die den Verein „Wolfsträne“ in Leipzig gegründet hat, um Kindern einen besseren Weg aus ihrer Trauer zu ermöglichen und zu verhindern, dass sie im Erwachsenenalter als Spätfolge des Verlusts psychisch erkranken. Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche gibt es inzwischen in vielen Städten. Die geschulten Mitarbeitenden schaffen passende Räume und Angebote, um zu trauern, denn manchmal zeigt sich Trauer ganz anders, als man sich das vorstellt.
Ich musste leider erst vor wenigen Jahren bei einer Freundin selbst erleben, wie schwer es trotz all der guten Bücher und Informationen im Internet noch immer fällt, mit den Kindern bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung über den Tod zu sprechen. Niemand möchte seine Kinder unnötig beunruhigen und wer weiß schon so genau, ob und wann wirklich keine Hoffnung mehr auf Heilung besteht. Auch ich habe damals den richtigen Zeitpunkt verpasst, meine Freundin zu ermutigen, mit ihren Kindern offen zu reden. Die Metastasen hatten sich irgendwann zu weit ausgebreitet und ein Gespräch darüber war nicht mehr möglich. Aus diesem Grund möchte ich diese Reportage mit euch teilen. Es ist immer besser mit Kindern über den Tod zu reden, als sie damit allein zu lassen. Traut euch und ermutigt auch Bekannte und Freunde mit einer schweren Erkrankung, es zu tun. Um der Kinder willen.
Eine beeindruckende Reportage der Reihe 37Grad über gutes Abschied nehmen und Trauern von Kindern und Jugendlichen:

Im Urlaub habe ich das Buch „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells gelesen und es hat mich noch lange danach beschäftigt. Es erzählt davon, welch unterschiedliche Strategien drei Geschwister, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, entwickeln, um mit diesem tragischen Verlust fertig zu werden. Wirklich aufgearbeitet wird er eigentlich nie und so reichen seine Folgen weit in das Leben der inzwischen Erwachsenen hinein. Ich habe meine Mutter im Alter von zwölf Jahren verloren, nicht plötzlich, aber doch ziemlich unvorbereitet. Man möchte Kinder nicht belasten und spricht deshalb mit ihnen oft nicht über Krankheit und Tod, ganz nach dem Motto, was man nicht ausspricht, ist auch nicht da. Aber man kann Kinder nicht vor dem Schmerz bewahren, man kann sie höchstens mit ihm allein lassen. Lange Zeit nach dem Tod meiner Mutter habe ich in einer Buchhandlung ein Buch entdeckt ( dessen Titel ich leider nicht mehr kenne), in dem sich eine an Krebs erkrankte Mutter gemeinsam mit den Kindern auf ihren Tod vorbereitet und mit ihnen ein Erinnerungskästchen füllt, das sie nach ihrem Tod in die Hand nehmen können, wenn sie traurig sind und die Mutter vermissen. Etwas, das ihnen über den Tod hinaus bleibt, eine Verbindung und gemeinsame Erinnerung. Ich fand diesen Weg wunderschön und hätte mir auch so eine Vorbereitung und Hilfestellung gewünscht. Aber wer kennt sich schon aus mit dem Sterben? Der plötzliche Tod lässt sich natürlich überhaupt nicht vorbereiten, aber anders als bei Benedict Wells, kann man Kinder zumindest danach unterstützen, ihn aufzuarbeiten. Die drei Geschwister seines Romans kommen nach dem schweren Schicksalsschlag ins Internat und werden mit ihren Gefühlen fast völlig allein gelassen. Kinder sind nicht blöd, sie sind fühlig. Solltet ihr in eurer Familie mit Krankheit und Tod konfrontiert werden, gebt ihnen Antworten auf ihre Fragen, auch wenn ihr selber Angst habt vor dem, was da kommen mag. Natürlich altersgerecht und mit der Souveränität des Erwachsenen. Nehmt die Kinder mit auf diese Reise, soweit das möglich ist. Dann werden sie danach vielleicht leichter wieder ins Leben zurück finden.