Eine Begebenheit in der dunklen Jahreszeit

Es ist inzwischen Oktober und leidlich kalt. Ich habe manchmal Mühe, mich bei Laune zu halten. Nur noch selten wage ich mich morgens- nachdem endlich die Sonne aufgegangen ist- mit einem Kaffee auf meinen Balkon, um den Vögeln zuzuhören, die sich färbenden Bäume zu betrachten und meine rotierenden Gedanken von dannen ziehen zu lassen. Heute morgen lenkte ein Eichhörnchen meine Aufmerksamkeit auf sich, als es die metallenen Fensterläden weit oben am Nebenhaus hinunterkletterte. Gemessen an der Größe des Tieres verursachte dies nämlich beträchtlichen Lärm. Bereitwillig ließ ich mich auf die willkommene Ablenkung ein und bewunderte die waghalsigen Manöver des possierlichen Tieres. Es war nicht meine erste Begegnung mit diesen manchmal unfreiwillig komischen, aber überaus talentierten Lebewesen, ich muss zugeben, ich mag sie. Jedenfalls erfreute ich mich noch einige Zeit an dem kleinen Kameraden, bevor ich mich wieder an die Arbeit machte.

Gegen Mittag war ich mit einer Freundin verabredet. Als ich aus der Haustür trat, um zu meinem Auto zu gehen, sah ich es wieder. Eine Krähe hackte auf den leblosen Körper ein, der leuchtend rot auf dem Asphalt lag. Vielleicht war es auch sein Cousin, wer weiß das schon. Der Lauf des Lebens und dennoch so grausam.

Wieso ich diese Begebenheit mit Euch teile? Weil sie für mich zur dunklen Jahreszeit passt, einer Zeit, in der es nicht immer leicht fällt, das Licht zu sehen, so sehr man sich auch bemüht. Ich fand es ziemlich mies, dass mir die Brutalität des Lebens so drastisch vor Augen geführt wurde, nachdem ich gerade versucht hatte, diesem etwas mehr Freude und Leichtigkeit abzugewinnen. Wie eine schallende Ohrfeige. Als müsste ich beim nächsten Mal achtsamer sein, der Situation misstrauen, mir ihrer Endlichkeit bewusst sein, um mich nicht darauf einzulassen. Aber das werde ich nicht. Ich nehme es als Begebenheit in der dunklen Jahreszeit, nicht schön, aber auch kein Grund, das Spiel von Licht und Schatten nur noch von außen zu betrachten. Tschüss, kleiner Freund.

Du fehlst mir

Als meine Mutter in den 80er Jahren an Krebs erkrankte, gab es nur wenig Informationen darüber, wie Eltern ihren Kindern gegenüber mit der Situation umgehen sollten. Was sicher nicht nur in meinem Fall passierte, war, dass das Thema Sterben und Tod komplett ausgeklammert wurde. Und auch nach dem Tod meiner Mutter wurde wenig gesprochen, passende Therapieangebote fehlten. Ich verdrängte, lenkte mich ab, lebte teils ausschweifend und schlidderte von einer Beziehung in die nächste. Erst fünfzehn Jahre später arbeitete ich den frühen Verlust meiner Mutter auf, nachdem ich in eine Depression gerutscht war. So ähnlich erging es auch Katrin Gärtner, die den Verein „Wolfsträne“ in Leipzig gegründet hat, um Kindern einen besseren Weg aus ihrer Trauer zu ermöglichen und zu verhindern, dass sie im Erwachsenenalter als Spätfolge des Verlusts psychisch erkranken. Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche gibt es inzwischen in vielen Städten. Die geschulten Mitarbeitenden schaffen passende Räume und Angebote, um zu trauern, denn manchmal zeigt sich Trauer ganz anders, als man sich das vorstellt.

Ich musste leider erst vor wenigen Jahren bei einer Freundin selbst erleben, wie schwer es trotz all der guten Bücher und Informationen im Internet noch immer fällt, mit den Kindern bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung über den Tod zu sprechen. Niemand möchte seine Kinder unnötig beunruhigen und wer weiß schon so genau, ob und wann wirklich keine Hoffnung mehr auf Heilung besteht. Auch ich habe damals den richtigen Zeitpunkt verpasst, meine Freundin zu ermutigen, mit ihren Kindern offen zu reden. Die Metastasen hatten sich irgendwann zu weit ausgebreitet und ein Gespräch darüber war nicht mehr möglich. Aus diesem Grund möchte ich diese Reportage mit euch teilen. Es ist immer besser mit Kindern über den Tod zu reden, als sie damit allein zu lassen. Traut euch und ermutigt auch Bekannte und Freunde mit einer schweren Erkrankung, es zu tun. Um der Kinder willen.

Eine beeindruckende Reportage der Reihe 37Grad über gutes Abschied nehmen und Trauern von Kindern und Jugendlichen:

Du fehlst mir-37Grad

Vom Leben erzählen

Auf dem Foto seht ihr die Bücher, die ich für meine Kinder beschreibe, damit sie später mal nachlesen können, wie das so war mit ihnen, mit uns, mit mir. Anlass, damit anzufangen, war, dass ich von den „Memory Books“ gelesen hatte, Erinnerungsbüchern, die an Aids erkrankte Eltern in Uganda für ihre Kinder aufschrieben, um ihnen etwas nach ihrem Tod hinterlassen zu können. Da auch meine Mutter frühzeitig verstarb und ich sie vieles von dem nicht mehr fragen konnte, was mich interessiert hätte, wollte ich dem bei meinen eigenen Kindern vorbeugen.

Als ich jetzt im Stern von den Hörbüchern las, die unheilbar Erkrankte für ihre Kinder aufnehmen dürfen, war ich wirklich berührt. In vier Tagen wird, von einer Stiftung finanziert, ein professionelles Hörbuch aufgenommen, das mit Lieblingsmusik und verschiedensten Kapiteln aus dem Leben vor und nach der Krankheit gestaltet wird. Die Erkrankten bereiten sich gründlich vor, um das zu sagen, was sie ihren Liebsten mit auf den Weg geben wollen und was von ihnen in Erinnerung bleiben soll. Ich stelle es mir gerade für die eigenen Kinder so wertvoll vor, wenn sie die Stimme ihrer Mama hören können, wann immer sie traurig sind und Trost suchen. Die an sie denkt, auch wenn sie schon lange nicht mehr da ist.

Wenn ihr Lust habt, lest den Artikel im Stern nach:

https://www.stern.de/plus/gesellschaft/letzte-worte-auf-ton-9547372.html

Oder erkundigt Euch auf der Homepage: https://familienhoerbuch.com/aktuelles/