Wie war das mit der Entschleunigung?

Als unsere Minister*innen und die ermattete Kanzlerin Anfang Mai tagten und jegliche Beschlüsse zu Lockerungen der Corona Maßnahmen vertagten, machte ich mir wirklich Sorgen, dass es in Deutschland bald zu einer Revolte kommen würde – nicht nur von Querdenkern, sondern auch von vielen anderen, die inzwischen ein ernsthaftes Problem mit den Entschlüssen der Politik hatten. Doch dann ging alles schnell. Kaum eine Woche später begannen einige Ministerpräsidenten, sich gegenseitig im Lockern zu überbieten und auf wundersame Weise purzelten die Inzidenzwerte, als gäbe es da einen Kausalzusammenhang. Bayreuth und gar Tirschenreuth inzwischen bei 0,0 und auch das geplagte Nürnberg endlich unter 40. Dazu eine freudige Überraschung nach der anderen. Was? Keine Testpflicht mehr beim Einkaufen? Einfach in einen Laden reingehen ohne Click and Meet? Ins Cafè und in den Biergarten mit bis zu zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten? Der Wahnsinn. Bis ich mir dieser wiedergewonnen Möglichkeiten bewusst geworden war, dauerte es ein Weilchen. Aber dann kam es endlich bei mir an. Ich würde mich wieder verabreden, Kino, Freibad, Cafe und startete eine Dating Offensive. Die Ernüchterung stellte sich binnen weniger Stunden ein. Auf einmal hatte niemand mehr Zeit, eben diese mit mir zu verbringen. Du, sorry, meine Wochenenden sind bis zu den Sommerferien verplant. Ich treffe mich gleich mit einer Freundin. Oh, du, schade, wir bekommen Besuch. Klar, muss man ja alles nachholen, all die aufgeschobenen Treffen, Aktivitäten und Hobbies. Und zu viel Zeit sollte man sich dabei ja auch nicht lassen, schließlich wissen wir nicht, wie umtriebig sich die Deltavariante bei uns zeigen wird. Also schnell leben, als gäbe es kein Morgen. Was waren das für Zeiten, als unsere Kontaktfamilie quasi exklusiv für uns verfügbar war. Klar, sie hatte ja ebenfalls kaum ein Alternativprogramm zu uns. Kurz angerufen, zusammen ein Käffchen mit Abstand im Freien, eine kleine Wanderung oder ein gemeinsames Abendessen. Hach, wie unkompliziert. Jetzt konkurrieren wir wieder mit einer Schar von Freund*innen aus Nah und Fern, Nachbar*innen und der lieben Verwandtschaft. Irgendwie doof. Aber dann hat mich die Welle doch noch mitgerissen und überrascht durfte ich gestern feststellen, dass ich an fünf aufeinander folgenden Abenden verabredet war. Also es ist einfach so passiert. Zwei davon habe ich bereits bewältigt und ich sage Euch, ich fühle mich völlig fertig. Ist man ja nicht mehr gewöhnt, so ein ausschweifendes Leben. Das mit dem Entschleunigen ist auf jeden Fall wieder Schnee von gestern. Aber ist ja auch endlich Sommer.

Mal wieder schick ausgehen

Im letzten Sommerurlaub wollten wir einmal abends richtig schön essen gehen. Wir hatten uns ein Restaurant im Reiseführer ausgesucht, dass nicht zu teuer aber trotzdem sehr gut sein sollte.

Weils am Strand so schön war, kamen wir allerdings später als vorgesehen nach Hause, aber voller Vorfreude, mal wieder richtig schick auszugehen (Essen gehen ist in den letzten Jahren ja schon das höchste der Gefühle), schalteten wir den Turbo ein. Mein Mann badete die Kinder und zog sie an, ich kochte den Brei fürs Baby und fütterte es, während er duschte. Dann ich ins Bad und fein machen; zur Feier des Abends mal wieder richtig schön schminken, in die schicke Bluse und die High Heels schlüpfen, üppige Geschmeide angelegen und in verführerischen Duft hüllen. Mein Mann roch genauso lecker und hatte sich auch richtig elegant gemacht. Außerordentlich zufrieden mit unserer äußeren Erscheinung stiegen wir endlich ins Auto.

Die ganze Auftakelei hatt natürlich Zeit gekostet, es war schon viertel vor neun, aber das Ergebnis war es wert, außerdem isst man in Südfrankreich ja wohl sowieso erst spät und laut Navi war das Restaurant auch nur fünfzehn Minuten entfernt. Wir fuhren also, schon sehr hungrig, los und wenige Minuten vor der vorgesehenen Ankunft lotste uns das Navigationssystem in ein Gasse, die zwischen Häusern durch immer enger und enger wurde bis wir mit unserem Auto schließlich nicht weiterkamen. Also wieder ein Stück zurückgefahren bis zu einer kleinen Kreuzung, um dann durch eine Seitenstraße zu fahren. Aber oh je, auch die Kreuzung war so eng, dass wir nicht um die Kurve kamen. Jetzt hingen wir also in dieser Kurve fest. Vor den Augen der Anwohner, die sich vor ihren Häusern unterhielten, versuchte mein Mann uns zentimeterweise um die Kurve zu bugsieren, auf seinem schicken Hemd begannen sich langsam kleine Schweißflecken zu bilden, ohne Erfolg, wir steckten fest. Die Verzweiflung kroch langsam in uns hoch, vielleicht war es aber auch der Hunger. Das Einzige, was wir schließlich schafften, war, uns wieder in diese enge Gasse zu fahren. In der Not versuchten wir es zu wagen, ich stieg aus um zu manövrieren und schließlich passte unser Auto mit eingeklappten Spiegeln doch durch die enge Stelle. Wir hatten unser Ziel jetzt erreicht, aber natürlich gab es keinen Parkplatz. Also wieder ein paar Mal um die Kurve und kurz bevor diese furchtbare Gasse wieder kam, fanden wir tatsächlich einer Parkplatz.

Es war zwanzig nach neun. Glücklich stiegen wir aus, öffneten die hinteren Türen und sahen unsere beiden Kinder selig tief und fest in ihren Kindersitzen schlafen! Jetzt konnten wir sie doch nicht mehr in ein Restaurant zerren und da noch ein paar Stunden wach halten! Also mit den schicken Stöckelschuhen wieder rein ins Auto und verabschieden vom schönen Restaurantbesuch.

Wir überlegten uns in einem Lokal, in der Nähe unserer Unterkunft, etwas zum Mitnehmen zu holen und zuhause zu essen, dann könnten die Kinder in ihre Betten. Wir fuhren also zu dem Restaurant und siehe da, die Küche war schon geschlossen. Von wegen, die Franzosen essen so spät! Mit knurrenden Mägen war unsere letzte Idee einem Pfeil auf einem Straßenschild zu einem Grill- und Steakhaus zu folgen, doch die Straße führte aus der Stadt in die Dunkelheit und nach zehn Minuten beschlossen wir umzukehren.

Wir aßen schließlich im Auto in einem Drive In einer bekannten Fast Food-Kette und haben für den Rest des Urlaubs abends zuhause gegessen.