Buchtipp: So leicht kommen wir nicht davon

Vielleicht haben einige von euch das Jugendbuch „Jenseits der blauen Grenze“ gelesen, in dem Dorit Linke von den Freunden Hannah und Andreas erzählt, die schwimmend die gefährliche Flucht aus der DDR über die Ostsee wagen. Hannah gelingt es, die endlos lange Distanz von 50 Kilometern zu bewältigen, ihrem Freund Andreas schwinden die Kräfte und sie muss ihn in den Fluten zurücklassen. Aber wie ging es bei Hannah weiter, nachdem sie auf westdeutschem Boden angelandet war? Dieser Frage widmet sich Dorit Linke in ihrem neuen Roman „So leicht kommen wir nicht davon“.

Hannah findet Unterschlupf bei ihrer Tante in Bremen, die 1959 die DDR noch rechtzeitig vor dem Mauerbau verlassen hatte. In ihr findet Hannah eine Vertraute, die ihr Zeit lässt, das Erlebte zu verarbeiten und die sie einfühlsam unterstützt, wo immer es ihr möglich ist. Denn Hannah ist traumatisiert und fällt in ein dunkles Loch. Das vermeintliche Glück, es geschafft zu haben, wird überschattet vom Verlust ihres besten Freundes. Als die Mauer kurze Zeit später vollkommen überraschend fällt, lässt das ihre gemeinsame Entscheidung zu der lebensgefährlichen Flucht und den Tod des Freundes noch sinnloser erscheinen. Hätten sie doch noch ein wenig gewartet! Dann wären sie beide am Leben und könnten gemeinsam im Westen neu starten. In Gedanken bespricht Hannah alles, was sie erlebt und was in ihr vorgeht mit Andreas. Sie erinnert sich an gemeinsame Erlebnisse und versucht sich vorzustellen, was Andreas an ihrer Stelle tun würde. So hält sie den Freund ein Stück weit am Leben. 

Als Hannah nach dem Mauerfall erstmals wieder in ihre alte Heimat Rostock fährt, schlagen ihr Feindseligkeit und Unverständnis entgegen. Ihre Mutter ist verletzt, weil sie nach der Schwester, nun auch von ihrer Tochter verlassen wurde. Manche Menschen geben Hannah die Schuld an Andreas Tod. Dass ihn erst die unerträglichen Lebensumstände durch den gewalttätigen Vater, die Gängeleien, die Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit in diesem Unrechtsstaat und die brutalen Umerziehungsmaßnahmen im Jugendwerkhof zur Flucht getrieben haben, scheint vergessen. Hannah wird als eine behandelt, die sich mit dem Westen arrangiert hat und sich auskennt, obwohl sie selbst es kaum schafft, in Bremen Fuß zu fassen. 

Bei ihren Besuchen in Rostock beobachtet Hannah die gewaltigen Veränderungen. Westprodukte ersetzen Ostprodukte, Betriebe schließen, Menschen werden arbeitslos. Schuld ist für viele der Westen und nicht die Tatsache, dass etliche der DDR-Betriebe völlig marode waren. „Scheiß auf die Mauer, die war gar nicht so wild, finden sie. Viel schlimmer sei es, dass man Vita-Cola und Knusperflocken nicht mehr zu kaufen bekam.“ Für Hannah, deren Freund sein Leben verloren hat, um diesen Mauern zu entkommen, eine unerträgliche Verdrehung der Wirklichkeit. Die D-Mark wird eingeführt und viele versuchen die Situation auszunutzen und Geschäfte zu machen. Die Wendehälse sichern sich gute Positionen und wissen nichts mehr von dem Unrecht, das sie vor der Wende begangen haben. Es kommt zu den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen.

Die traumatischen Erlebnisse ihrer Flucht stehen wie eine Wand zwischen Hannah und dem Leben Gleichaltriger. Immer wieder fragt sie sich, ob sie Schuld an dem trägt, was geschehen ist. Erst als sie Jahre später nach Schottland reist, findet Hannah die Menschen und den Abstand, den sie benötigt, um neu anzufangen.

„So leicht kommen wir nicht davon“ liest sich, als seien keine zehn Jahre zwischen den beiden Büchern vergangen. An Hannahs Schicksal teilzunehmen berührt, nicht weniger interessant sind aber auch all die Details über die Nachwendezeit, die sich wie eine Art Zeitzeugenbericht lesen. Kein Wunder, denn Dorit Linke war selbst achtzehn, als die Mauer fiel. Sie möchte die Erinnerungen der Ostdeutschen, „die eine Diktatur durchgestanden haben und zur friedlichen Revolution beigetragen haben“, lebendig erhalten, damit falsche Erzählungen entlarvt werden können, derer sich die AFD geschickt bedient. Viele Menschen haben durch die gewaltigen Umbrüche ihren Arbeitsplatz und ihren Platz in der Gesellschaft verloren. Sie müssen gehört und ernst genommen werden, um für sozialen Frieden zu sorgen und sie nicht in die Arme der AFD zu treiben. Die AFD befeuert das damit verbundene Gefühl der Ungerechtigkeit und vermengt es mit idealisierten Erinnerungen, um die Menschen für sich einzunehmen. Diese Mechanismen zu erkennen, ist ein Anliegen der Autorin. Dorit Linke regt mit ihrem Buch Jugendliche, die lange nach der Wiedervereinigung geboren sind, zur Auseinandersetzung damit an, was Diktatur bedeutet, welche persönliche Verantwortung jeder in solch einem System trägt und welche Verantwortung wir heute für unsere Demokratie haben. Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass die Errungenschaften der Demokratie nicht selbstverständlich sind und wir gut auf sie achtgeben müssen. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, gelingt Dorit Linke eindrucksvoll. 

Ein tolles Buch, dass mich sofort mitgerissen hat, auch wenn ich nicht mehr ganz so jugendlich bin. Für Menschen, die die Wende und Nachwendezeit nicht erlebt haben, bestimmt superspannend!

Dorit Linke: „So leicht kommen wir nicht davon“

Verlag Arena ISBN 978-3-401-60853-2

Jugendbuchtipp: „Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke

Jenseits der blauen GrenzeWenn Menschen in anderen Ländern für ihre Freiheit demonstrieren und dabei sogar ihr Leben riskieren, ist das für diejenigen, die in eine funktionierende Demokratie hineingeboren wurden, manchmal schwer nachvollziehbar. Was Menschen dazu treibt, einem System der Überwachung und Unterdrückung zu entfliehen, erzählt der Jugendroman „Jenseits der blauen Grenze“.

Die Freunde Hanna, Andreas und Sachsen-Jensi haben alle ihre Probleme, sich dem politischen System der DDR anzupassen. Hanna durch ihren senilen, unangepassten Großvater, der sie in Schwierigkeiten bringt, Sachsen-Jensi durch seine große Klappe und Andreas, weil er seine Kritik am System nicht für sich behalten kann. Er ist es dann auch, der so aneckt, dass er schließlich die Schule verlassen muss, um in einem Jugendwerkhof umerzogen zu werden. Als er entlassen wird, ist er nicht mehr der Alte und hadert mit seinem Leben.

Schließlich fasst er den irrwitzigen Plan, durch die Ostsee in den Westen zu schwimmen. Hanna, die Leistungsschwimmerin ist, entschließt sich, gemeinsam mit Andreas die Flucht zu wagen.

Der Roman springt in seinen Kapiteln zwischen der Flucht auf der Ostsee und der Zeit davor und gibt Einblicke in das Leben der Jugendlichen in der DDR der 80er Jahre. Der Leser versteht nach und nach, warum die Flucht der einzige Ausweg zu sein scheint. Ironie des Schicksals, dass wenige Monate später die Mauer fällt, zum Zeitpunkt der Flucht undenkbar.

„Jenseits der blauen Grenze“ von Dorit Linke hilft, besser zu verstehen, was die Mauer zwischen Ost und West bedeutet hat. Und was für eine Befreiung ihre Öffnung war, etwas, was heute in der Diskussion über das, was nach der Wende schief gegangen ist, manchmal untergeht. Spannend, nah dran und leider nicht mit Happy End. So würde ich das Lesen ab ca.14 Jahren empfehlen.

Mehr über Dorit Linke und ihre interessante Arbeit (sie besucht auch Schulen) unter: Dorit Linke-Lesungen, Workshops, Politische Bildung

Magellan Verlag, ISBN 978-3-7348-5602-0

Ein empfehlenswerter Film zu dem Thema ist übrigens der Film „Der Ballon“ von Bully Herbig, der die wahre Geschichte einer Flucht zweier Familie Ende der 70er Jahre erzählt.

 

Mehr über die Flucht, die Hintergründe, Baupläne u.v.m unter: Ballonflucht

Buchtipp Kinder/Jugendbuch: „Krasshüpfer“ von Simon van der Geest

KrasshüpferDer elfjährige Hidde lebt mit seinem älteren Bruder Jeppe und der Mutter in einem Haus in einer niederländischen Kleinstadt. Der älteste Bruder Ward ist drei Jahre zuvor an einer Erkrankung verstorben. Die alleinstehende Mutter arbeitet lange und ist auch oft nicht richtig anwesend, wenn sie zuhause ist und so sind sich die beiden Jungen meist selbst überlassen. Für Hidde, der von seinem Bruder nur Spinnerling genannt wird, sind das Wichtigste seine Insekten und Spinnentiere, die er draußen aufspürt und sie in zahlreichen Gefäßen in einem geheimen, ans Haus angrenzenden Keller hält, von dem nur die Brüder wissen. Eines Tages erklärt Jeppe, dass von jetzt an er den Keller als Übungsraum für sein Schlagzeug nutzen wolle und Hidde ihn räumen solle. Eine Katastrophe für Hidde und seine Tiere. Von diesem Tag an beginnt ein Krieg zwischen den Brüdern. Denn das verstößt klar gegen die Abmachung. Der Keller war der Preis für das Wahren eines Geheimnisses. Ein Geheimnis, über das Hidde eigentlich wahnsinnig gerne sprechen würde, aber nicht darf. „Krasshüpfer“ ist Hiddes Tagebuch, in dem er mit dem Leser sein Nöte teilt und um die richtigen Entscheidungen ringt. Er zeichnet darin seine Tiere und das Experiment, mit dem er seine Klassenkameradin Lieke beeindrucken möchte, die Rosa so gerne mag. Hidde ist nicht cool, er spricht über seine Gefühle, seine Hilflosigkeit und Angst und genau das macht ihn so sympathisch. Und dass der Leser dabei so nah dran ist, macht das Buch so besonders.

Mein großer Sohn hat seinem kleinen Bruder das Buch mit den Worten übergeben, dass es noch viel schlimmere Brüder als ihn gebe. Das Resümee des Jüngeren nach dem Lesen: du bist schlimmer. Naja.

Ein Buch also definitiv für Jungs und Brüder ab etwa zehn Jahren, die das auch mal überprüfen möchten. Ein tolles Buch für alle anderen über Anderssein, Gewissensnöte, Freundschaft, Einsamkeit und Überforderung.

 

„Krasshüpfer“ von Simon van der Geest

Thienemann Verlag, ISBN: 978-3-522-18425-0

Die Vorstadtkrokodile

VorstadtkrokodileObwohl die „Vorstadtkrokodile“ bereits Ende der 70er geschrieben wurden und das Buch schon in meiner Kindheit erfolgreich war, habe ich es jetzt erst kennengelernt, als ich es meinen Jungs vorgelesen habe. Und nach den ersten Seiten dachte ich ehrlich gesagt nicht, dass es ihnen gefallen würde. So wie uns viele der Vorabendserien unserer Kindheit inzwischen fast wie in slow motion erscheinen, beginnt auch dieser Roman äußerst entschleunigt und hat erst mal mit dem Leben der meisten Kinder heute wenig gemein. Die Krokodiler, wie sich die Kinderbande selbst nennt, leben in einer Siedlung im Ruhrpott in eher einfachen Verhältnissen. Die Eltern der Kinder arbeiten Schicht oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht und müssen zusehen, dass das Geld bis zum Ende des Monats reicht. Statt also in den Verein oder zum Musikunterricht zu gehen, verbringen die Kinder ihre Nachmittage im nahe gelegenen Wäldchen und in der alten Ziegelfabrik. In der Nachbarschaft wohnt auch Kurt, der im Rollstuhl sitzt. Als es zu einer Einbruchsserie in der Siedlung kommt, macht er eine wichtige Beobachtung. Obwohl sich die Krokodiler anfangs dagegen sträuben, Kurt in ihre Bande aufzunehmen, gehen sie schließlich gemeinsam auf Einbrecherjagd. Max von Gruen hat dieses Buch für seinen körperbehinderten Sohn geschrieben, der ebenso wie die Romanfigur Kurt zwar körperlich benachteiligt ist, dafür aber sehr clever und aufgeweckt. Er wollte mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, dass auch ein behindertes Kind dazugehören kann, wenn die Gesellschaft offen ist und bereit, neue Wege zu gehen. So entstand dieser Roman als wichtiges Werk zum Thema Inklusion, lange bevor dieser Begriff in aller Munde war. Ich musste das Buch dann tatsächlich in einem Rutsch auf einer langen Fahrt vorlesen und sowohl mein 3.- als auch  mein 8.- Klässler waren total begeistert. Und ich bin froh, dass ich diesen Klassiker endlich kennengelernt habe.

„Vorstadtkrokodile“ von Max von Gruen

cbj-Verlag, ISBN 978-3-570-21665-1

mehr unter: Die Vorstadtkrokodile

Buchtipps für lesefaule Jungs

Bei meinem großen Sohn ist das Lesen kein Selbstläufer. Entweder lande ich einen Volltreffer und das Buch wird binnen 24 Stunden verschlungen oder aber mein Kind fängt – im blödsten Fall- erst gar nicht damit an, weil ihn beispielsweise das Cover nicht anspricht. Ich kenne das durchaus auch von mir, muss ich gestehen. Zu den Verschlungenen des vergangenen Jahres zählen die Bücher der Bodyguard- Reihe von Chris Bradford – nein, das hat überhaupt nichts mit Kevin Costner zu tun. Da geht es um einen 14-jährigen Bodyguard, der mal die Tochter des amerikanischen Präsidenten, mal den Sohn eines millionenschweren Oligarchen oder eine Diplomatenfamilie beschützen soll. Gut recherchiert, an verschiedensten Schauplätzen, teilweise nichts für schwache Nerven, aber eben auch spannend genug, um Jungs zu fesseln.

Body Guard Band 1Theo Boone, Band1

 

Die Geisel, Band 1, von Chris Bradford, Cbj Verlag, ISBN 978-3-570-40275-7 ab 12 Jahren

Eine andere Buchreihe ist von dem Autor und ehemaligem Anwalt John Grisham, den wir von Bestsellern wie „Die Jury“ oder „Die Akte“ kennen. 2010 schrieb er sein erstes Jugendbuch. Theodore Boone, der Held der Geschichten, ist dreizehn und Sohn eines Anwalts. Er ist eher das Gegenteil von cool, träumt selbst davon, Anwalt zu werden und hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Deshalb nimmt er die Sachen gerne selbst in die Hand und ermittelt die spannendsten Fällen. Wer mehr lesen möchte, klickt hier:

Buchbesprechung Abendblatt

Theo Boone und der unsichtbare Zeuge, Band 1, von John Grisham, Heyne Verlag,

ISBN 3-453-26000-7 ab 12 Jahren