Bestandsaufnahme

Ich möchte mich vorab bei Euch entschuldigen, dass dieser Beitrag nicht in den gewohnt kurzen Häppchen daherkommt, die ich sonst anzustreben suche. Denn meine eigene Aufmerksamkeitsspanne erschöpft sich online schnell durch allzu lange Texte. Aber diesmal muss ich etwas ausholen.

Manch eine(r) erinnert sich an die Kolumne „Mehr als 40“, aus der längst bei vielen von uns ein “Mehr als 50“ geworden ist und das zugegebenermaßen mit einigem Struggle. Ich selbst steuere gerade die Zielgerade zur 51 an. Zeit also zu hinterfragen, was sich in diesen letzten Jahren verändert hat. 

Da wäre festzustellen, dass mein so genannter Kulturbeutel deutlich an Umfang gewonnen hat. Neben diversen Cremes mit und ohne Lichtschutzfaktor, tummeln sich Pillen, Tropfen und Salben, manche unbedingt notwendig, andere für den Fall der Fälle in Zeiten einer gewissen Anfälligkeit für Eindringlinge jeglicher Art. Seit letztem Winter hat der Schal einen neuen Stellenwert in meinem Leben bekommen, gebar sich mein Hals auf einmal auch bei milderen Temperarturen und Fahrtwind sensibel. Wie ich das modisch lösen werde, weiß ich noch nicht, wollte ich doch niemals der Gattung der chronischen Halstuchträgerinnen zugerechnet werden. Meine Zähne werden schäbiger und dunkler und stehen damit im krassen Gegensatz zu all den gebleachten, perfekten Zahnreihen, die mich mehr und mehr umgeben. Zugegebenermaßen mutet es manchmal schon grotesk an, wenn ich bei meinem Gegenüber ausschließlich Zähne wahrnehme, weil sie so hell strahlen, aber ein wenig von ihrem Glanz würde ich gerne abbekommen. Das Smartphone hat sich unauffällig einen Rang in der Pole Position meines Lebens erobert, allem Gegensteuern zum Trotz. Bahnfahren, Wandern, Verabreden, Bezahlen, es hat sich auch an Detoxtagen unentbehrlich gemacht und so bemerke ich, wie ich viele dutzend Mal am Tag das Handy in die Hand nehme und prüfe, ob etwas in meinem Leben passiert sein könnte. Es liegt inzwischen zuhause am Esstisch ebenso wie am Tisch im Café mit Freundinnen, weil es immer etwas zu zeigen oder nachzusehen gibt. Dass wir Menschen uns so leicht unserer Freiheit haben berauben lassen, gefällt mir überhaupt nicht.

Und damit komme ich zu dem Punkt, der diesen Text etwas umfangreicher macht. Die Veränderungen im Außen schmecken mir weitaus weniger als die Zipperlein und Neurosen, die ich vielleicht in den letzten Jahren entwickelt habe. Letzthin musste ich beispielsweise mit Schrecken feststellen, dass man in einem bekannten schwedischen Möbelhaus, sowie bei einer französischen Sportartikelkette nur noch an Self-Service Kassen bezahlen kann. Bei neu eröffneten Supermärkten ist es sowieso schon gang und gäbe, dass auf Kassierer(innen) aus Fleisch und Blut verzichtet wird. Totschlagargument ist stets der Personalmangel. Aber wie diskriminierend ist das bitte? Ob für alte Menschen, Menschen mit Behinderung, einsame, überforderte oder altmodische wie mich. Das Gegenteil von Inklusion und einfach schrecklich. Schön, dass zumindest wenige Supermärkte, extra so genannte „Plauderkassen“ eingerichtet haben, damit das Zwischenmenschliche nicht vollkommen verloren geht. Ein kurzer Schnack, ein freundliches Lächeln und schon sieht der Tag anders aus. Ich mag das. Zugegebenermaßen erlebe ich leider in jüngster Zeit vermehrt Begegnungen der anderen Art, gereizt und konfrontativ, weil die Menschen am Anschlag zu sein scheinen. Manche Restaurants weisen sogar mit Schildern darauf hin, man möge dem Personal freundlich begegnen, weil man vielleicht sonst noch die wenigen Menschen vergrault, die den Job überhaupt noch machen wollen. Was läuft da falsch? 

Ich denke, wir Menschen sind überfordert von dem Tempo und der Komplexität dieser Zeit. Es tut uns nicht gut, von Informationen und Schreckensmeldungen überflutet zu werden, aber auch von Werbung, die uns suggeriert, wie wir sein sollen, was wir tun müssen und welchem Ideal wir zu entsprechen haben. Ich unterstelle den Big Playern, dass es sich um reines Kalkül handelt, die Menschen dazu zu bringen, sich um Shopping, Beautyroutinen und Nahrungsergänzungsmittel zu drehen, damit sich unser Hirn nicht mit Wichtigem beschäftigen kann. Mit dem, was wir wollen, was uns guttut und was auf dieser Welt verdammt schiefläuft. Sonst würden wir vielleicht endlich dafür sorgen, dass Social Media nicht mehr von wirtschaftlichen Interessen gesteuert wird, sondern im Sinne einer Weltgemeinschaft. Das würde so viel verändern!

Auch bei mir hat sich eine große Müdigkeit eingeschlichen, mich mit Politik und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Dabei ist es wichtiger denn je, sich nicht taten- und willenlos von diesem Strudel mitreißen zu lassen, sondern sich gegen diese Entwicklungen zu wehren. Ich finde sie jedenfalls weitaus schlimmer als all meine Falten und Beulen, die in den letzten zehn Jahren dazugekommen sind. Bei einer Freundin ist mir das Buch „Du sollst nicht funktionieren“ von Ariadne von Schirach in die Hände gefallen, erstaunlicherweise schon 2014 erstmals veröffentlicht. Ich habe mich sehr wiedergefunden mit vielen Themen unserer Zeit, wie beispielsweise dem Appell, sich zu empören. Nicht abzustumpfen und zu resignieren. Aber auch damit, wie die Autorin schildert, was die Entwicklung mit Fokus im Außen mit jedem einzelnen und somit auch mit unserer Gesellschaft macht. 

Ich könnte vom Hundertsten ins Tausendste kommen und verbleibe an dieser Stelle doch mit meinem Vorsatz, mit mehr Bewusstsein und weniger Schicksalsergebenheit durchs Leben zu gehen. Und mal sehen, wie dann eines Tages das Resümee zu „Mehr als 60“ ausfallen wird, so mir diese Zeit gegeben werden mag und ich diesen Blog noch fortführe.

Seid herzlich gegrüßt,

Eure Ella

2024!

Willkommen im neuen Jahr, ihr interessierten und wohlwollenden Menschen, die mich auf diesem Blog begleiten. Ich wünsche Euch das Beste und freue mich auch 2024 wieder auf den Austausch mit Euch, ob hier in den Kommentaren oder – wie es des Öfteren geschieht – per Nachricht oder auch im persönlichen Gespräch.

In diesem Jahr werden viele meiner Schulfreundinnen und auch ich 50 – ein große Zahl und Anlass für so einige Partys. Das mit dem Feiern ist auch dicke notwendig, denn so unbeschwert, wie die Frauenzeitschriften einem diesen Lebensabschnitt immer verkaufen wollen, scheint er nicht zu sein. Von wegen Gelassenheit, toller Sex und Selbstverwirklichung, die meisten Menschen, mit denen ich mich austausche, erzählen mir ganz andere Dinge. Aber wie ist diese Lebensphase wirklich? Hand aufs Herz.

Ich finde, es wird dringend Zeit, eine kleine Serie wieder aufleben zu lassen. Erinnert Ihr Euch an „Mehr als 40“ ? Unter dieser Überschrift haben damals einige von Euch ganz offen ihre Gedanken über diesen Lebensabschnitt mit uns geteilt. Höchste Zeit für eine Fortsetzung! Ich nenne sie der Einfachheit halber „Mehr als 50“. Denn auch die 50 ist nur eine Zahl und so viel mehr als die gängigen Klischees über dieses Alter. Außerdem hat nicht alles mit dem Alter zu tun, sondern auch mit den Lebensumständen. Wir befinden uns gerade in einer Zeit großer Veränderungen.

Schreibt mir: Wie geht es Euch? Was beschäftigt Euch? Welche Krisen und Herausforderungen müsst ihr bewältigen? Ich freue mich auf Eure Lebensberichte, ganz egal, was diese Phase Eures Lebens prägt, ob ihr noch eine 4 vor der 0 habt oder nicht mehr, anonymisiert oder hochoffiziell – für alles ist Platz.

Ich habe mir übrigens vorgenommen, diesen Blog im neuen Jahr ein wenig mehr zu professionalisieren. Das hat vor allem diesen einen Grund, dass ich während Corona einen Roman geschrieben habe und noch immer auf der Suche nach einem Verlag bin. Da kann es nicht schaden, etwas mehr Reichweite zu generieren und sich interessanter zu machen. Falls ihr also den Blog im Freundes- und Bekanntenkreis weiterempfehlen wollt, freue ich mich fast so sehr, wie über eine Connection zu einem Verlag. Aber keine Sorge, ich werde Euch weder Tupperware verkaufen noch täglich mit Lebensweisheiten nerven. Es wird so ein „aus dem Bauch Ding“ bleiben.

So, ich freue mich – wie immer – von Euch zu hören und vor allem zu lesen.

Alles Liebe,

Ella

Mehr als 40 – und bald endlich mehr Zeit!

Mehr als 40_Couca

Ich bin jetzt 44 und über mein Alter nachzudenken habe ich, ehrlich gesagt, überhaupt keine Zeit.

Ich habe eigentlich so gut wie gar keine Zeit, mich mit mir selber zu beschäftigen. Mit zwei kleinen Kindern, 30 Stunden Woche-Arbeitszeit, Mitglied im Elternrat in der KiTa und allen anderen alltäglichen Verpflichtungen, fühlt sich mein Leben gerade an als wäre ich ununterbrochen in Hetze. Vor allem hetze ich meine Kinder sehr viel, was mir eigentlich schrecklich leid tut, aber morgens müssen wir rechtzeitig in die KiTa, nachmittags zu manch anderem Termin und abends hab ich dann einfach keine Geduld mehr, wenn das mit dem „ins Bett gehen“ ewig dauert, weil ich dann endlich irgendwann mal meine Ruhe haben und auf der Couch sitzen will. Ich telefoniere auch so gut wie gar nicht mehr. Was habe ich früher stundenlang mit Freundinnen telefoniert! Aber wenn die Kinder abends endlich im Bett sind, hab ich eigentlich keine Lust und Kraft mehr, irgendwas zu machen und eben auch nicht mehr groß zu reden. Ich berede ein paar Dinge mit meinem Mann, bevor der auf der Couch einschläft und ich einfach da sitze, fernsehe und auf die Zeit hoffe, wenn ich mal wieder mehr Zeit habe – vor allem für mich allein. Ich vermisse das alleine sein!

Klar, manchmal denke ich schon, vielleicht würde mir das alles etwas leichter von der Hand gehen, wenn ich noch jünger wäre. Vielleicht wären meine Ansprüche an meine Erziehungsweise nicht so hoch (und ich über mein Ungenügen nicht so oft enttäuscht), weil ich mir darüber in jüngeren Jahren gar nicht so viele Gedanken gemacht hätte. Obwohl ich schon einiges erlebt und eine gescheiterte Ehe hinter mir habe, fühle ich jetzt zum ersten Mal im Leben an meine Grenzen gebracht.

Aber auch das sollte man wohl mal erleben, hilft es einem doch, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen.

In manchen Bereichen bringt das Älter werden durchaus Vorteile mit sich. Bei der Arbeit wird mir immer bewusster, wo genau meine Stärken liegen. Und finanziell bin ich soweit, dass ich zwar immer noch nicht wirklich sparen kann, aber dass mein Konto endlich ein dauerhaftes Plus aufweist – was über Jahrzehnte nicht der Fall war.

Außerdem werde ich eigentlich immer jünger geschätzt, was sicherlich auch an der natürlichen Fettunterpolsterung meiner Falten liegt, die ich mir in den letzten Jahren wieder zugelegt habe und die vom Hals aufwärts durchaus als positiv zu bewerten ist.

Und auch für die Zukunft bin ich sehr positiv gestimmt, denn ein erster und entscheidender Schritt für mehr Zeit ist getan: Ich habe jetzt eine Putzfrau!

Kinder, is dat herrlisch!

 

(Couca, 44)

Mehr als 40 – mit großer Dankbarkeit

Ihr schreibt, wie sich Euer Leben mit mehr als 40 anfühlt. Hier kommt der dritte Beitrag:

Mehr als 40_die dritte

Ich bin erst mit Mitte 30 sehr unerwartet Mutter geworden und damals irgendwie (gefühlt) „stehen geblieben“. Ich bin mit meinem Körper und Aussehen im Großen und Ganzen zufrieden und vor allem sehr dankbar. Vielleicht rührt diese Dankbarkeit auch daher, dass ich mit 19 Jahren einen Bandscheibenvorfall hatte und im Jahr darauf aufgrund einer neurologischen Erkrankung einige Wochen im Rollstuhl saß. Alles was danach kam, war besser als das von Cortison aufgeschwemmte Ich, das nicht mehr richtig laufen konnte. Daher stehe ich den kleinen Ärgernissen des Älterwerdens recht gelassen gegenüber. Vermutlich steuere ich mit meinen 48 Jahren auch auf die Wechseljahre zu, die ich bei Freundinnen als sehr gravierenden Einschnitt mit allen möglichen Beschwerden miterlebt habe. Noch spüre ich davon wenig. Meine Mutter war in meinem Alter bereits tot und auch diese Erfahrung hat mich sicherlich sehr geprägt. Auch habe ich mich nie über mein Aussehen definiert, weil das bei uns in der Familie klar zu meinen Ungunsten verteilt war. Ich war zudem bisher in einem Bereich tätig, wo eine gewisse körperliche Fitness und Schnelligkeit zwar von Vorteil ist, aber keineswegs Voraussetzung. Im Moment verändert sich das, da ich seit kurzem nicht mehr direkt mit sogenannten „erziehungsschwierigen“ Kindern arbeite, sondern in der Erwachsenenbildung. Ich bin gespannt, was das mit mir macht, kann aber jetzt schon sagen, dass mir die Kinder fehlen. Gleichzeitig bin ich sehr froh und dankbar, einen festen und unbefristeten Job zu haben, der mir ein gesichertes Einkommen ermöglicht und mir meistens Spaß macht. Das geht in meinem Alter längst nicht allen Frauen so. Außerdem macht sich mein Pubertier mit Riesenschritten auf in die Selbstständigkeit. Dadurch ist plötzlich wieder mehr Zeit frei und die möchte ich für mich nutzen. Ich weiß, dass mir das durchaus schwerfallen wird, da die letzten Jahre sehr vollgestopft waren mit Familie und Arbeit. Deshalb freue ich mich auf den neuen Abschnitt, habe aber auch ein bisschen Respekt davor. Musik und Sport machen, mit Erde und Holz arbeiten, lesen – Ideen habe ich viele, bisher hapert es noch mit der Umsetzung.

(Kathrin, 48)

Mehr als 40 – keine große Sache

Für alle, die erst jetzt einsteigen: Mehr als 40 – neue Serie  Allen anderen, viel Spaß beim Lesen! Danke Dir, liebe Waldfee….

Mehr als 40_die zweite

An das Alter als Tagesbeschäftigung zu denken, kommt bei mir noch eher selten vor. Ich fühle mich auch nicht weniger fit oder weniger fähig als mit 30+. Gut, im Spiegel und an der Waage sehe ich die Zeitspuren natürlich schon. Aber das nehme ich noch relativ gelassen zur Kenntnis. In meinem Arbeitsumfeld sehen die Leute eher konservativ und zeitlos aus. Viel Zeit oder zum Teil auch Interesse für Events, wo ich vielleicht feststellen könnte, dass die anderen Frauen an der Bar oder wo auch immer alle viel frischer aussehen, habe ich nach wie vor nicht. Kurz gesagt, da wo ich am meisten bin, sehen alle ähnlich alt aus, und da wo mein Alter auffallen würde, gehe ich selten hin.

Was ich an der 40+ sehr schön finde, ist die Vielzahl von neuen Erinnerungen, die mit den eigenen Kindern verbunden sind. Nicht die Erinnerungen aus der eigenen Kindheit, die natürlich auch sehr schön sein können, sondern die neuen Momente, an die man gerne zurückkehrt.

Außerdem empfinde ich es als sehr angenehm, dass ich im Beruf manchmal schon so etwas wie Lebenserfahrung verspüre. Ich bin nicht mehr so kategorisch wie früher, bin öfter zu Kompromissen bereit und nehme zumindest kleinere Rückschläge etwas gelassener. Das heißt aber nicht, dass ich entspannt in die Zukunft schaue. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Umwelt technologisch ändert und die Frage, ob ich bis zur Rente beruflich damit Schritt halten kann, beschäftigt mich aktuell mehr als mein Äußeres.

(Tanja, 43)

Mehr als 40 – alles hat seine Zeit

Hallo, ihr Lieben!

Ich freue mich, heute den ersten Beitrag zu Mehr als 40 mit Euch teilen zu dürfen, zum Lebensgefühl von uns nicht mehr ganz jungen Menschen. Ich hoffe, Euch macht das Lesen genauso viel Spaß wie mir! Danke, ihr fleissigen Schreiberlinge und wunderbaren Frauen. Here it is!!!Mama44

So, eigentlich hatte ich ihn ja schon längst fertig, meinen Text. Feingeschliffen, fehlerfrei. So hatte ich ihn ein Weilchen beiseite gelegt, um dann beim vermeintlich letzten Lesen festzustellen – geht gar nicht! Viel zu frustig, viel zu melancholisch, weg damit.

Gedankenvorlage war eines meiner Lieblingsgedichte gewesen, „Hälfte des Lebens“ von Hölderlin*. Ich fasse es knapp zusammen: Während uns in der ersten Lebenshälfte noch das üppige Leben blüht, geht es in der zweiten Lebenshälfte dann dahin, was bleibt, sind Einsamkeit und Kälte. (Zur Erklärung muss man vielleicht wissen, dass Hölderlin als „romantischer Melancholiker“ galt, im Laufe seines Lebens schwer erkrankt war und daher sehr zurückgezogen lebte. Das Gedicht ist wirklich wunderschön!)

Nun, was ob dieser intensiven Auseinandersetzung (ich hoffe immer noch primär mit dem Gedicht, und nicht meinem Leben) folgte, war eine heftige Welle der Wehmut. Wehmut nach vergangenen, unbeschwerten Zeiten, nach der Blüte der Jugend, nach jungen Männern, die Schlange stehen, um mit einem wegzugehen, nach der Welt, die einem offensteht, nach Chancen, die man als solche erkennt (und ergreift) und überhaupt.

Vor diesem Hintergrund war die Notwendigkeit einer Überarbeitung meines Textes nicht mehr zu leugnen. Wobei ich gestehen muss, dass die Sache mit der Wehmut nicht ganz vom Tisch ist. Es heißt zwar, wer in der Vergangenheit lebt, sei bereits gestorben, aber so ein bisschen den alten Zeiten hinterhertrauern sei doch gestattet. Es ist ja auch eine Hommage ans Leben, an die Liebe, an die Jugend … die jetzt natürlich weitergeführt werden will!

Also habe ich mir statt Hölderlin die Boulevardpresse zum Thema Ü 40 reingezogen. 40 ist das neue 30, so und ähnlich hieß es da. Cameron Diaz war noch nie so zufrieden, Penelope Cruz noch nie so glücklich und Madonna vermutlich noch nie so gestählt. Keine Ahnung, da habe ich mich jedenfalls auch nicht so richtig drin wiedergefunden.

Was mich schließlich bewogen hat, mich zu entsinnen, was in meinem 40. Lebensjahr tatsächlich so passiert ist. Gab es epochale Ereignisse? Emotionale Zusammenbrüche? Vorher vs. Nachher Erlebnisse? Mmmh. Eher nichts Besonderes. Das einzig Einschneidende in diesem Lebensjahr – und eben genau der 40 geschuldet – war, dass ich meinen Job gewechselt habe, aus halbfreien Stücken, würde ich sagen. Nach einer sehr langen und sehr glücklichen Zeit an der Uni hatte ich beschlossen, dass ich mit 40 keine befristeten Arbeitsverträge mehr unterschreiben wollte. (Auch heute noch würde ich befinden, dass dies ein durchaus legitimer Beweggrund war). So bin ich in die Wirtschaft gewechselt, wo ich in den letzten vier Jahren dann das gemacht habe, was man gemeinhin wohl als Karriere definiert.

Die Bilanz: Nun, über 40, habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag, verdiene deutlich mehr als mit unter 40, bin aber deutlich weniger erfüllt. Eine Entwicklung, die meine Wehmut nach vergangenen Zeiten sicherlich zu einem Teil erklärt und natürlich die Sinnfrage auf den Tisch bringt. Ich glaube aber, dass das ein anderes Thema ist, die Sinnfrage … Sicherlich sucht man mit zunehmendem Alter in dem, was man tut, verstärkt nach einem tieferen Sinn. Aber das würde ich nicht an der 40 festmachen. Und wenn ich meine Kinder frage, so ergibt es für sie durchaus einen tieferen Sinn, dass ich mehr verdiene 😉

Also auch hier keine bahnbrechenden Erkenntnisse im eindeutigen Kausalzusammenhang der 40. Zwischenstand meiner bisherigen Überlegungen ist somit, dass ich zu „Ü 40“ keine wirkliche Haltung habe. Für mich ist der Lauf der Zeit und der Dinge so in Ordnung, wie er ist. Für das meiste, was ich bislang erleben durfte, bin ich sehr dankbar. Und ich freue mich bedingungslos darüber, dass mein 12-jähriger Sohn bald größer und meine 16-jährige Tochter deutlich knackiger ist als ich.

Alles hat eben seine Zeit.

(Janet, 44)

* Und hier Höderlins Gedicht:

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Mehr als 40 – neue Serie

Mehr als 40Ich bin jetzt 43, eindeutig nicht mehr jugendlich, vollkommen erwachsen und befinde mich vermutlich in der zweiten Hälfte meines Lebens. Das Älterwerden beschäftigt mich mal mehr, mal weniger nachdrücklich und ich frage mich, wie es Euch damit geht. Lässt Euch die 40+ kalt, genießt ihr sie oder hadert ihr mit dieser Lebensphase? Manche sind vielleicht gerade erst Eltern geworden und sind noch völlig von den Anforderungen dieser anstrengenden Zeit vereinnahmt, andere haben bereits erwachsene Kinder und sehen sich mit dem Empty-Nest-Syndrom konfrontiert oder genießen einfach die wiedergewonnene Freiheit. Oder ihr habt keine Familie und beschäftigt Euch mit ganz anderen Themen. Schreibt mir, wie es Euch geht. Wir sind mehr als 40. Eure Beiträge werden dann in den nächsten Wochen erscheinen, anonym und mit einem Beitragsbild, das für Euch steht. Das kann eine Landschaft sein, ein Material oder ihr. Ich freue mich darauf!

Eure Ella