Vielleicht habt ihr euch gewundert, dass ich solange nichts habe von mir hören lassen. Meine letzten Wochen und Monate waren so turbulent, dass mir schlichtweg die Energie fehlte, meine Gedanken zu bündeln und in Texte zu transformieren. Dabei habe ich einiges zu erzählen.
Unsere Wohnung wurde umgebaut, so richtig mit zwei Wanddurchbrüchen und allem drum und dran und wir haben 5 Wochen lang bei meiner Stiefoma unter dem Dach gewohnt. An dieser Stelle kam meist von Freunden ein „Oh Gott, ihr Armen!“, aber ich muss sagen, das Ganze hat erstaunlich gut geklappt. Na gut, die erste Nacht im Ehebett der Großeltern war schon etwas skurril, und das Bett der Kinder unter dem Dach bei 36 Grad führte zum Zelten im Garten, aber diese Erfahrung haben diesen Sommer auch andere Städter in Dachwohnungen gemacht. Ansonsten lief diese kleine Gemeinschaft wie geschmiert. Wenn wir morgens das Haus verließen, schlief „Uroma“ noch und das so fest, dass sie uns nicht hörte. Sie kochte mittags, wenn wir noch unterwegs waren, ich kochte abends, wenn sie sich nur ein Brot schmierte und wenn es passte, aßen wir zusammen und wenn nicht, dann nicht.
Dass alles so gut klappte, lag vor allem daran, dass meine Stiefoma eine äußerst großzügige, tolerante und interessierte Frau ist trotz ihres hohen Alters. Sie äußerte in den ersten Tagen ein paar Dinge, die ihr wichtig waren, über alles andere sah sie liebevoll hinweg. Ihre Schwerhörigkeit war dabei sicher von Vorteil. Wir haben natürlich auch keine gemeinsame Geschichte und keine Altlasten, die einem unvoreingenommenen Zusammensein hätten im Wege stehen können und haben uns von Beginn an gut verstanden. Wir zogen ein, als die Fußball EM noch im Gange war und sie genoss das Leben, das mit uns einzog, in vollen Zügen. Wenn die Jungs, die mit den Kroaten mitfieberten, über die Sofalehne sprangen und tanzten und zwischendrin in den Garten sausten, um dort selbst ein bisschen zu kicken. Sie freuten sich gemeinsam mit Mateusz Przybylko, als er Europameister im Hochsprung wurde und sie bewunderten die bezaubernde Natur der Mazuren und des Isartals. Vor allem mein Kleiner hat mit Sicherheit noch nie so viel Fernsehen in seinem Leben gesehen und noch nie so laut gehört, aber es war gut so. „Uroma“ genoss es, wenn er sich unauffällig hinter ihr aufs Sofa schob, um unbemerkt Fernsehen zu gucken und sie ihn irgendwann entdeckte. Da sich ihre Interessengebiete oft überschnitten, konnten sie ihre Eindrücke über das Weltgeschehen teilen.
Sie hat mich aber auch manchmal verwöhnt und ich sagte, es sei bei ihr wie im Hotel. Wenn es mal wieder spät bei mir wurde, übernahm sie mit den Worten, sie habe doch Zeit, den Abwasch der Familie und wusch auch Handtücher und Bettwäsche. Ich traue mich kaum zu sagen, dass sie Anfang Neunzig ist. Aber sie hat es gerne gemacht. Und auch als mein Kleiner überraschend krank wurde, mein Mann und ich arbeiten mussten und alle Freunde, Oma und Opa im Urlaub waren, war sie nach anfänglichen Bedenken wegen der Sommergrippe da. Ist doch selbstverständlich, bekamen wir oft zu hören. Mein Mann im Gegenzug reparierte in den ersten Tagen so einiges, was in die Jahre gekommen war, vom Wasserhahn bis zum Garagentor. Also, im Großen und Ganzen wirklich eine Win-Win Situation, wenn auch eine anstrengende, weil ja nur ein Provisorium.
Trotzdem hat mich diese Erfahrung noch einmal mehr davon überzeugt, dass „Wohnen für Hilfe“-Projekte eine tolle Sache sein können. Dabei zahlen die neuen Bewohner weniger Miete gegen Unterstützung der Senioren. Ich denke, wenn ein guter Draht vorhanden ist, ist diese Wohnform eine tolle Chance, sich gegenseitig zu helfen. Mit Wohnraum, den man sich sonst nicht leisten könnte, und mit Teilnahme am Leben und kleinen Erleichterungen im Alltag auf der anderen Seite. Ein Kennenlernen lohnt sich allemal. Wir sind jetzt wieder zu Hause und das fühlt sich sehr gut an, aber unsere kleine Interimsgemeinschaft war eine gute und nachhaltige Erfahrung, die ich nicht missen wollte.
Infos über solche Wohnprojekte gibt es inzwischen reichlich. Hier ein kleiner Eindruck:

Was passiert eigentlich mit unseren Handys, Tablets und alten Computern, wenn wir sie durch immer neuere Modelle ersetzen? Viele davon landen in „Sodom“, einer Müllhalde für Elektroschrott aus der ganzen Welt in Ghana. Etwa 250000 Tonnen landen dort Jahr für Jahr. Seinen Namen hat die Deponie wegen der pechschwarzen Rauchschwaden bekommen, die durch das Herausschmelzen des Kupfers aus dem Plastik entstehen und permanent die Luft vergiften. Der Dokumentarfilm von Florian Weigensamer und Christian Krönes zeigt vor allem die Menschen, die in Sodom leben und arbeiten und erzählt davon, wie sie mit ihrem Schicksal umgehen. In Nürnberg wird „Welcome to Sodom“ ab 2.8.18 im 



Ich gebe es zu, ich hatte am Anfang nicht viel Lust auf diese Vater-Sohn-Geschichte, hatte ich doch erst vor einigen Monaten ein Buch mit einem ähnlichen Plot gelesen. Aber dann hat sie mich wirklich begeistert und tief berührt und ich möchte sie euch schwer ans Herz legen. Dmitrij Kapitelman, kurz Dima, ist der Sohn eines Juden. In Kiew geboren, kommt er mit etwa acht Jahren in ein Flüchtlingsheim nach Ostdeutschland, nachdem seine Eltern eigentlich nach Israel auswandern wollten und sich dann kurzerhand doch umentschieden. So landet er in Grünau-Ost, einem Stadtteil in Leipzig, der fest in der Hand der Nazis ist. Dimas Kindheit gleicht einem Spießrutenlauf und sein einst so lebenslustiger Vater zieht sich immer weiter in sich zurück, bis er fast unsichtbar wird. Dmitrij, der inzwischen in Berlin lebt und zu einem weltoffenen jungen Mann herangewachsen ist, beschließt mit Mitte 20, mit seinem Vater nach Israel zu reisen, in der Hoffnung, dass sich der Vater ihm dort wieder zeigen würde. Es geht ihm aber nicht nur um seinen Vater, er sucht auch Antworten für seine Lebensthemen. Bin ich Jude, nur weil mein Vater Jude ist? Obwohl wir beide nicht gläubig sind? Ist es seinem Vater, der die Menschen liebt und Dimas muslimischen Freund Kalil ins Herz geschlossen hat, wirklich ernst, wenn er über die Araber schimpft? In Israel und bei seinem Besuch in den Palästinensischen Autonomiegebieten sieht sich Dima mit einer großen Ambivalenz an Gefühlen konfrontiert, einer großen Sehnsucht nach Zugehörigkeit, sich nicht für seine Herkunft rechtfertigen zu müssen, aber auch mit Ängsten und Vorurteilen, denen er sich stellt. Und ich finde, ihm gelingt, was im Nahostkonflikt nur wenigen möglich scheint, er differenziert. Dinge, die unvereinbar scheinen, dürfen sein. Widersprüche, Grautöne, Unverständnis, Verständnis, Verwirrung und Klarheit. Er stellt sich seinen Ängsten und Sehnsüchten gnadenlos und teilt diesen Prozess mit seinen Lesern. Dabei versteht auch jemand wie ich, der keinen sogenannten Migrationshintergrund hat, wie wichtig das Thema Identität ist. Ein Buch zum Mauern einreißen. Die letzten Seiten haben mich dann noch mal sehr nachdenklich gemacht. Dima kehrt nach Deutschland zurück, wo sich inzwischen die Stimmung weiter gegen Flüchtlinge wendet und die Rechtspopulisten immer mehr Zulauf finden.





