Fast…

Wie ihr wisst, ist Weihnachten nicht mein Ding. Aber den Tag ignorieren? Keinen Jahresabschluss posten? Fast wäre es passiert. Gerade hatte ich mich hingelegt, um mich auszuruhen – ich bin nämlich zu allem Überfluss auch noch angeschlagen- da sahen mich meine beiden Freunde an. Und da wusste ich, dass es kein besseres Bild zu diesem Anlass geben würde.

Ich mag die Beiden. ER erinnert mich an einen meiner älteren Cousins, der in meiner Kindheit Anfang der 80er auf seinem Motorrad angeknattert kam. Langes, unzähmbares, lockiges Haar, vielleicht so ein abgeschrabbtes Baumwolltuch um den Hals, wie man es damals trug, unkonventionell, auch wenn ich dieses Wort damals noch nicht kannte, ein Hauch einer fremden Welt. Lange Jahre fristeten sie ihr Dasein auf dem Dachboden – mein Mann mag sie nicht-, aber seit ein paar Wochen habe ich sie bei mir. Im verwaisten Zimmer meines Ältesten, das ich jetzt öfter nutze, seit es die meiste Zeit leer steht. Raum für mich. Ihn stören die Beiden nicht. Deko ist ihm ziemlich egal, es macht für ihn keinen Unterschied, ob sie da sind oder nicht. Ihr Blick zum Fotografen, man mag ihn als gelangweilt oder abweisend interpretieren, für mich ist er die absolute Momentaufnahme – quasi das absolute Hier & Jetzt. Kein Vorher, kein Nachher. Sie wissen nicht, was als nächstes passieren wird, aber es ist auch vollkommen egal, sie sind bereit, es mit der Welt aufzunehmen. Stark, gelassen und kraftvoll.

Eine gute Attitüde fürs neue Jahr, finde ich. Wenn wir uns gegenseitig stärken und stützen, werden auch wir es schaffen, unsere Ängste im Zaum zu halten, um es mit all den Trumps und Musks dieser Welt aufzunehmen. Ich wünsche uns viel Kraft und Mut fürs neue Jahr!

Frohe Weihnachten,

Eure Ella

Von Freundschaft und Pausenbrot

Wenn ich für meinen Sohn das Pausenbrot zubereite, weiß ich, dass ich auch mal was darauf packen kann, was er nicht so gerne mag, weil es noch so einige Mitesser gibt. Sie erfreuen sich regelmäßig an den kleinen Überraschungsbrotzeitdosen, obwohl mein Sohn eher ungewöhnliche Ernährungsgewohnheiten hat. Er isst weder Wurst noch Käse und so gibt es diverse Cremes, Tomaten, Hummus oder einfach Butter mit Schnittlauch. 

Und wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, war es damals nicht anders. Weil ich meine Pausenbrote verschmähte, bekam ich bald keine mehr und kaufte mir stattdessen Brötchen mit dick Butter und Salami vom Hausmeister. Aber weitaus leckerer schmeckten die Brote meiner Freundin, mit der ich diesen Blog gestartete habe. Ihre Mutter buk selbst, vermutlich mit Mehl aus Demeter Anbau, von dem ich zu dieser Zeit noch nie gehört hatte. Belegt mit einem wunderbaren Käse, der mir vorzüglich schmeckte, obwohl ich eigentlich keinen Käse aß. Für meine Freundin war das nichts Besonderes, aber ich genoss mit allen Sinnen.

Wie schön, dass manches bleibt. Auf die Freundschaft und das Teilen des Brotes!

On fire

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich über die Sauberkeit ihres Zuhauses definieren. Im Gegenteil, ich finde Putzen wahnsinnig erschöpfend, fängt man doch direkt wieder von vorne an, wenn man gerade fertig geworden ist. Ganz anders verhält sich das, wenn ich Besuch bekomme. Je seltener und freudiger, umso größer meine Motivation, alles schön zu machen. Am Wochenende kommt meine Freundin aus Berlin. Sie kommt so alle paar Jahre und ich bin on fire. Wahrscheinlich werde ich nicht alles schaffen, ich bin mit zu vielem im Verzug. Sieben Fenster – no way. Aber Blumen kaufen muss klappen, ihren Schlafplatz schön einrichten, das Bad soll glänzen. Ich kann mir vorstellen, was es für eine Dynamik haben muss, wenn sich Frauen in anderen Kulturen eine Woche lang auf ein Fest vorbereiten, gemeinsam kochen, backen, schmücken, dabei singen und lachen. Diesen Zauber fühle ich heute- ganz allein mit meinem Staubwedel.

Ich habe eine Freundin, die ist wie mein Mann.

Und ich wie der Ihre. Je vertrauter wir uns im Lauf der Jahre wurden, desto augenscheinlicher wurde dieser recht kuriose Sachverhalt. SIE findet sich meist in den Verhaltensweisen meines Mannes wieder, über die ich mich gelegentlich auslasse. Während ICH die Empörung über Aktionen ihres Mannes meist nur halbherzig teilen kann, weil ich sein Verhalten eigentlich nachvollziehbar finde. Wollte man unsere Charaktermerkmale auf eine stark vereinfachte Formel bringen, wären ER und ICH eher die Pragmatiker, während SIE und ER sich eher von Gefühlen leiten lassen.

Dass wir aneinander scheinbar genau das mögen, was uns an unseren Männern nervt, deutet stark darauf hin, dass zum einen die Wahl unserer Partner durchaus die Richtige war, zum anderen Freundschaft weitaus großzügiger ist als es eine Ehe je sein könnte. Das mag man bedauern, muss man aber wohl so hinnehmen. Jedenfalls ist diese Freundschaft überaus lehrreich. Im besten Fall hilft sie dabei, das Verhalten des Partners/ der Partnerin (wir teilen ja so manche Erkenntnisse mit unseren Liebsten) aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und es sogar ein bisschen besser zu verstehen. Einige Erkenntnisse durften wir bereits gewinnen. Uns ist klar geworden, dass sich Gegensätze wirklich anziehen und zwar völlig unabhängig vom Geschlecht. Wir wissen jetzt, dass es die Sache mit Mann und Frau nicht einfacher macht, Unterschiede zu überbrücken. Und dass die Angelegenheit kompliziert, aber nicht hoffnungslos ist.

Das Schöne ist übrigens, dass sich auch unsere Männer gut verstehen, obwohl oder gerade, weil sie so unterschiedlich sind. Weiteren Studien steht also nichts im Wege. Ich freue mich schon darauf.

Wie war das mit der Entschleunigung?

Als unsere Minister*innen und die ermattete Kanzlerin Anfang Mai tagten und jegliche Beschlüsse zu Lockerungen der Corona Maßnahmen vertagten, machte ich mir wirklich Sorgen, dass es in Deutschland bald zu einer Revolte kommen würde – nicht nur von Querdenkern, sondern auch von vielen anderen, die inzwischen ein ernsthaftes Problem mit den Entschlüssen der Politik hatten. Doch dann ging alles schnell. Kaum eine Woche später begannen einige Ministerpräsidenten, sich gegenseitig im Lockern zu überbieten und auf wundersame Weise purzelten die Inzidenzwerte, als gäbe es da einen Kausalzusammenhang. Bayreuth und gar Tirschenreuth inzwischen bei 0,0 und auch das geplagte Nürnberg endlich unter 40. Dazu eine freudige Überraschung nach der anderen. Was? Keine Testpflicht mehr beim Einkaufen? Einfach in einen Laden reingehen ohne Click and Meet? Ins Cafè und in den Biergarten mit bis zu zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten? Der Wahnsinn. Bis ich mir dieser wiedergewonnen Möglichkeiten bewusst geworden war, dauerte es ein Weilchen. Aber dann kam es endlich bei mir an. Ich würde mich wieder verabreden, Kino, Freibad, Cafe und startete eine Dating Offensive. Die Ernüchterung stellte sich binnen weniger Stunden ein. Auf einmal hatte niemand mehr Zeit, eben diese mit mir zu verbringen. Du, sorry, meine Wochenenden sind bis zu den Sommerferien verplant. Ich treffe mich gleich mit einer Freundin. Oh, du, schade, wir bekommen Besuch. Klar, muss man ja alles nachholen, all die aufgeschobenen Treffen, Aktivitäten und Hobbies. Und zu viel Zeit sollte man sich dabei ja auch nicht lassen, schließlich wissen wir nicht, wie umtriebig sich die Deltavariante bei uns zeigen wird. Also schnell leben, als gäbe es kein Morgen. Was waren das für Zeiten, als unsere Kontaktfamilie quasi exklusiv für uns verfügbar war. Klar, sie hatte ja ebenfalls kaum ein Alternativprogramm zu uns. Kurz angerufen, zusammen ein Käffchen mit Abstand im Freien, eine kleine Wanderung oder ein gemeinsames Abendessen. Hach, wie unkompliziert. Jetzt konkurrieren wir wieder mit einer Schar von Freund*innen aus Nah und Fern, Nachbar*innen und der lieben Verwandtschaft. Irgendwie doof. Aber dann hat mich die Welle doch noch mitgerissen und überrascht durfte ich gestern feststellen, dass ich an fünf aufeinander folgenden Abenden verabredet war. Also es ist einfach so passiert. Zwei davon habe ich bereits bewältigt und ich sage Euch, ich fühle mich völlig fertig. Ist man ja nicht mehr gewöhnt, so ein ausschweifendes Leben. Das mit dem Entschleunigen ist auf jeden Fall wieder Schnee von gestern. Aber ist ja auch endlich Sommer.

Einfach entlastend.

Entlastend

Vor einiger Zeit besuchte uns eine gute Bekannte und wir empfingen sie in einem relativ ungeordneten Umfeld, was mich an diesem Tag definitiv nervte. Als ich mich für die Zustände entschuldigte, sagte sie diesen Satz, der mich seitdem nachhaltig beschäftigt:

„Ich finde das ganz wunderbar. Das ist so entlastend!“, und erzählte mir wiederum von einem Besuch bei einer Freundin, die sich in einem so perfekt inszenierten Ambiente präsentierte, dass sie sich völlig unzulänglich fühlte.

Aha. Das ist also meine Berufung. Ich entlaste andere Menschen mit meiner Unvollkommenheit. Ich finde mich da durchaus wieder. Beispielsweise bereite ich bei viel zu selten ausgesprochenen Essenseinladungen gerne mal Speisen zu, die ich zum ersten Mal koche, auch auf die Gefahr hin, dass sie nicht schmecken könnten. Ich weiß jetzt, ich muss mich nicht dafür schämen, wenn mal was daneben geht, denn es entlastet alle anderen auf wunderbare Weise, wenn ich schlechter koche als sie. Oder wenn es in der Familie mal wieder nicht rund läuft und ich damit nicht hinter dem Berg halte, mache ich andere damit glücklich. Es entlastet einfach, wenn auch woanders die Kacke am Dampfen ist. Und es stimmt doch tatsächlich. Habe ich einen kaputten Meniskus, kann ich mich damit trösten, wenn jemand anderes zwei kaputte Menisken hat. So schlimm ist es also gar nicht. Wir kennen so was doch alle und vermutlich ist nur so der Erfolg zahlreicher Reality Shows zu erklären. Die Zuschauer ergötzen sich daran, dass andere tieferbegabter, unattraktiver und peinlicher sind und noch weniger auf die Reihe kriegen als sie selbst.

Also verstehen kann ich das schon mit dem Entlasten, aber irgendwie schmeckt es trotzdem nach Versagen. Was vermutlich daran liegt, dass ich selbst das mich manchmal umgebende Chaos also ziemlich belastend empfinde. Aber so ist das mit den Waagschalen. Ansonsten komme ich mit meinen Unzulänglichkeiten meistens ganz gut klar und teile sie auch offenherzig mit meinen Freund(inn)en. Vielleicht verstehe ich jetzt etwas besser, warum sie mich so gern mögen.

Freundschaft mitten im Leben

Die meisten von uns durften erleben, wie wunderbar einfach Freundschaft sein kann, zu Schulzeiten, während der Ausbildung oder des Studiums, wenn wir fast täglich viele Stunden gemeinsam erlebten, dieselben Interessen hatten und auch noch die Nächte zusammen verbrachten. Wir haben in den wenigen Stunden, die wir uns nicht gesehen haben, oft noch telefoniert und waren zu jeder Tages- und Nachtzeit füreinander erreichbar. Freundschaft in der Mitte des Lebens ist dagegen eine ziemlich mühsame Angelegenheit. Spontane Impulse, eine Freundin anzurufen, verpuffen meist ganz schnell wieder, fallen mir im selben Moment doch schlagkräftige Argumente ein, es nicht zu tun, sei es, weil sie sicherlich gerade arbeitet, am Nachmittag die Kinder aus dem Kindergarten abholt, mit Hausaufgabenbetreuung beschäftigt ist, am Abendessen kochen ist oder das Kind ins Bett bringt. Bis dann abends die Wohnung wieder in Normalzustand gebracht und der Abwasch erledigt ist, ist auch bei mir die Luft raus, um das loszuwerden, was mir Stunden vorher auf dem Herzen gelegen ist. Außer ich habe natürlich ein Tage oder Wochen vorher verabredetes Skypetelefonat mit einer Freundin im Ausland, bei der nicht Kinder für das komplizierte Vorgehen verantwortlich sind, sondern ein unberechenbarer Dienstplan. Egal, was nun die Beziehung verkompliziert, Freundschaft in der Mitte des Lebens verlangt viel Toleranz und Durchhaltevermögen, vor allem zwischen Kinderlosen und Freunden mit Kindern. Ohne ein Mindestmaß an Interesse und Einfühlungsvermögen für die Sorgen und Belange des/der anderen, auch wenn deren momentane Lebensform vielleicht rein gar nichts mit der eigenen zu tun hat, geht gar nichts. Ich bewundere Freunde, die es schaffen, jedes Jahr einen gemeinsamen Urlaub zu verbringen, ganz unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Feste Verabredungen sind sicherlich eine gute Möglichkeit, sich nicht aus den Augen zu verlieren, aber eben auch nur dann möglich, wenn es Beruf und Partner und das durchgetaktete Leben an sich zulassen. So ist eines der wenigen Dinge, auf die ich mich am Älterwerden freue, dass ich wieder mehr Zeit für meine Mädels haben werde, vorausgesetzt, wir dürfen diese Zeit quietschlebendig und bester Gesundheit erleben. Einfach wieder spontan sein können, ohne Rücksicht auf Kinder, darauf freue ich mich. Und bis dahin heißt es durchhalten und sich nicht aus den Augen verlieren.

Weihnachten mit Bolle

Ja, aWeihnachten mit Bolleuch ich kann mich ihr nicht entziehen, der Weihnachtszeit. Jahr für Jahr versuche ich, das Beste draus zu machen. ich bemühe mich, eine gute Mutter zu sein und den Kindern eine schöne Zeit zu bereiten. Da gehört es natürlich auch dazu, Weihnachtsgeschichten vorzulesen. Aber ehrlich gesagt landen die meisten Sammelbände wie „Weihnachten in Nordsibirien“, „Märchenzarte Weihnachten“, „Die besten Weihnachtsgeschichten allerberühmtester Autoren“, „Weihnachten mit Manni & Tanni“ und wie sie nicht alle heißen, nur kurz angelesen auf dem Dachboden. Der Funke springt einfach nicht so recht über. Ganz anders bei „Weihnachten mit Bolle“ von Mirjam Müntefering. Die Geschichte einer Freundschaft zwischen dem an einem Parkplatz ausgesetzten Hund Bolle und Hannes, der außer seinem alten Fahrrad und den Sachen, die er am Leibe trägt, nicht viel hat, zieht Leser und Zuhörer sofort in ihren Bann. Es geht (mal wieder) um die wahren Werte des Lebens, um Freundschaft und vor allem um den Sinn von Weihnachten. Und das ist doch schon mal fantastisch, wenn ich das nicht selbst erklären muss. Ein Buch für große vorweihnachtliche Gefühle- nicht nur für Hundefreunde!

„Weihnachten mit Bolle“ von Mirjam Müntefering

ISBN-978-3-431-3868-2