Buchtipp: „Steinhammerstrasse“ von Jörg Thadeusz

Steinhammerstrasse heißt die Ecke in Dortmund, in der die Freunde Edgar, Jürgen und Nelly in den 50er Jahren aufwachsen. Die Gegend ist grau von Kohlestaub, die Wohnverhältnisse sind ärmlich und beengt, und das vorgezeichnete Schicksal eines jungen Mannes ist es, Bergmann zu werden. Oder Friseur, wie Edgars Stiefvater Jupp, der Bruder seines Vaters. Der Vater hatte bestimmt, sein Bruder solle seinen Platz in der Familie einnehmen, wenn er nicht von der Front zurückkäme. Mit den alten Kameraden trinkt Jupp sich sein Schicksal im Hinterhof des Ladengeschäfts erträglicher, die Steinhammerstraße ist voll von Kriegsversehrten und traumatisierten Menschen, nur dass damals darüber kaum jemand spricht, geschweige denn Bescheid weiß.

Edgar ist ein talentierter Zeichner. Die Mutter seiner großen Liebe Nelly, die einen kleinen Laden betreibt, stellt ihm eine kleine Kammer zur Verfügung, die er in jeder freien Minute als Atelier nutzt, manchmal auch, um den verbalen Attacken seines Stiefvaters zu entgehen. Edgars bester Freund Jürgen lebt nach dem Tod der Mutter allein mit seinem Vater. Der Deutschlehrer ist nach dem Verlust seines Gehörs gezwungen, einen anderen Beruf auszuüben und betreibt eher schlecht als recht einen kleinen Kiosk. Jürgen hat dessen Talent fürs Schreiben geerbt und findet oft die Worte, die Edgar zu äußern nicht in der Lage ist. Als Nellys Mutter versucht, sich das Leben zu nehmen, kommt sie in eine Anstalt und Nelly muss zur wohlhabenden Großmutter nach Essen. Das vertraute Zusammensein des Trios verändert sich schlagartig, aber ihre Verbundenheit reißt nicht ab. Bald gelingt es auch Edgar und Jürgen, aus den vorbestimmten Bahnen auszubrechen und Dortmund zu verlassen…

Jörg Thadeusz hat es geschafft, mich von der ersten Seite an in die Steinhammerstraße mitzunehmen, durch die Wohnungen, Geschäfte und Hinterhöfe zu führen, mir die Menschen in all ihren Wunderlichkeiten zu zeigen und mich bei den berührenden Treffen der drei Freunde Mäuschen spielen zu lassen. Eine wunderbare Sprache, ein Buch zum Verschlingen, wäre es nicht so schade, wenn es vorbei wäre. Ein großartiger Roman, um das Leben in der Nachkriegszeit besser greifen zu können, eine Zeit, in der die alten Bande mit den Kameraden manchmal alles waren, was man hatte. Neues musste erst wieder entstehen. Auch diesen Wandel im Laufe der Leben dieser drei Menschen, beschreibt der Autor anschaulich. Wahre Vorbilder gab es übrigens auch für diesen Roman, dazu mehr im Nachwort. Ein gelungener Roman.

ISBN: 978-3-462-00724-4 Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Buchtipp: „Mühlensommer“ von Martina Bogdahn

Ich möchte Euch heute den Roman einer wahnsinnig sympathischen und humorvollen Frau ans Herz zu legen, die ich im vergangenen Jahr kennenlernen durfte – Martina Bogdhan. In meinem „echten“ Leben bin ich Visagistin. Und so kam es, dass mich ein Fotograf an eben diese weiterempfahl, denn die Autorin ist eigentlich Fotografin. Aus der Buchung wurde leider nichts, aber wir hatten gleich einen guten Draht zueinander. Als sie mich einige Monate später erneut anrief, hörte sich das in etwa so an:

„Hast Du am Soundsovielten Zeit? Aber diesmal geht es um mich, ich brauche Bilder, ich habe ein Buch geschrieben.“ Und ich hatte Zeit! Und so fuhr ich an einem Sonntag zur Mäusleinsmühle, einem wunderschönen fränkischen Einödhof, der Pate für den Birkenhof im „Mühlensommer“ stand, mit einer Bank vor der Tür, einem kleinen, wilden Flusslauf, Wiesen mit Wildkräutern und schminkte Martina unter freiem Himmel bei Kaffee und einer zarten Brise. Hach. Nun aber zur Geschichte:

Maria, die nach ihrer Schulzeit nicht schnell genug diesem einsamen Stück Erde entfliehen konnte, und in der Großstadt eine erfolgreiche Werbeagentur betreibt, bekommt im Kurzurlaub mit den Töchtern einen Hilferuf ihrer Mutter. Der Vater liegt schwer verletzt im Krankenhaus und sie kann weder die demente Oma alleinlassen noch die Aufgaben am Hof ohne Hilfe bewältigen. Maria fährt sofort los und quartiert sich in ihrem alten Kinderzimmer ein, in dem noch alles unverändert ist, die Tapete, die Möbel und die Birke vor dem Fenster. Als sie die selbstgemachte Schneekugel ihres Bruders findet, taucht sie in Kindheitserinnerungen ab. Diese Geschichten aus dem Leben der Viertklässlerin Maria erzählt Martina Bogdahn wunderschön, einfühlsam, sie berühren und lassen ebenso laut auflachen. Manchmal erinnern sie an die Lausbubengeschichten eines Michel Lönneberga, die Freiheit der Unbeaufsichtigten. Aber auch die Kehrseite des oft verklärten Landlebens wird spürbar. Ein Kind in der Landwirtschaft ist Arbeitskraft, und zwar ohne Wenn und Aber. Der Ton ist rau, der Gestank des Schweinestalls in den Haaren penetrant und das gesellschaftliche Ansehen gering. Und auch der Tod ist allgegenwärtig, ob beim Schlachten oder der Geburt eines Tieres, die kleine Maria muss einiges wegstecken. Zum Glück erfährt sie ebenso viel Zuneigung und Liebe am Birkenhof, sie erlebt Zusammenhalt, Verständnis und manchmal auch unkonventionelle Lösungen.

Die erwachsene Maria merkt bald, dass zwei Herzen in ihrer Brust schlagen, als sie erneut ins Landleben eintaucht. Sie wird ganz ruhig und genießt es, neben der dementen Großmutter auf der Bank zu sitzen und ihr dabei zuzusehen, wie sie Apfel um Apfel schält, die zusammen später ein herrliches Kompott zu den Reibekuchen geben werden…

Tja, welches Leben wollen wir führen? Stadt oder Land? Am besten beides, finden Martina und ich. Und wenn ihr einige der Portraits, die an jenem Sonntag entstanden sind, sehen wollt, findet ihr sie auf dem Umschlag von „Mühlensommer“ oder der Homepage. 

Foto: Jens Wegener

Viel Spaß beim Lesen!

„Mühlensommer“ von Martina Bogdahn

Verlag Kiepenheuer & Witsch ISBN: 978-3-462-00478-6

Ich kann Euch auch eine Lesung nur wärmstens ans Herz legen! Mehr unter:

https://www.martinabogdahn.de

Buchtipp: „Hund, Wolf, Schakal“ von Behzad Karim Khani

Über die Sonnenallee in Neukölln stolpert man immer wieder, wenn es um Clan-Kriminalität geht. Die Serie „4Blocks“ wurde von ihr inspiriert, der Hauptdarsteller Kida Ramadan, der im Libanon geboren wurde und bald darauf mit seiner Familie nach Kreuzberg kam, kennt diesen Kosmos aus Einwanderern verschiedenster Länder nur zu gut. Zuletzt geriet die Sonnenallee durch die antiisraelischen Proteste nach dem 07.10.23 zu trauriger Berühmtheit. Natürlich ist das nur die Schattenseite dieses Viertels, es ist auch Heimat vieler Menschen geworden. 

Aber was ist da los in dieser Sonnenallee? Der Autor Behzad Karim Khani kennt das Leben dort*. Er erzählt das Schicksal einer Familie, die in Neukölln strandet. Nachdem die Mutter im Tumult der iranischen Revolution hingerichtet wurde und die politische Lage immer gefährlicher wird, flieht der Vater mit dem 11-jährigen Saam und dem jüngeren Sohn Nima Ende der 80er Jahre nach Deutschland. Die persische Familie fühlt sich im arabisch dominierten Neukölln fremd. Der Vater sorgt als Taxifahrer für den Unterhalt und Saam versucht, sich den Regeln der Straße anzupassen, möglichst nicht aufzufallen und sich durchzuschlagen. Seiner Andersartigkeit und der damit verbundenen Grenzen ist er sich immer bewusst, auch als er sich mit dem Libanesen Heydar anfreundet, der durch seine älteren Brüder einen gewissen Status im Viertel genießt. Dessen Mutter und seine Schwester nehmen Saam herzlich in die Familie auf. Seinen kleinen Bruder Nima versucht Saam immer zu beschützen und von dem ihm selbst vorbestimmten Leben fernzuhalten. Denn es dauert nicht lange, bis Saam sich auf der Straße beweisen muss, bis er selbst schlagen muss, um nicht geschlagen zu werden, bis er mitspielt, um nicht unterzugehen. 

Das erstaunlichste Kunststück gelingt dem Autor darin, dass man, obwohl Saams Werdegang voraussehbar ist, die ganze Zeit über das Gefühl hat, dass dieses Leben nichts mit Saam zu tun hat. Dass es ein Irrtum ist und er in Wirklichkeit an einem friedlichen Ort die Schule besucht, um anschließend zu studieren und an einer Universität zu unterrichten. Dass auf irgendeine Weise alles noch gut geht, denn Saam ist ein sensibler, gebildeter junger Mann. Und dennoch läuft alles falsch- bis zum bitteren Ende.

„Hund, Wolf, Schakal“ ist kein schöner Roman, er ist brutal und schonungslos, wenn auch sprachlich mitreißend. Er macht nachdenklich, denn niemand kommt kriminell auf die Welt. Und manchmal braucht es ein paar Weggabelungen und gute Seelen mehr, damit sich alles zum Guten wendet.

*Mich interessieren die Hintergründe der Autor*innen sehr, weshalb ich ein wenig gestöbert habe und dieses Interview mit dem Hanser Literaturverlag gefunden. Ein kurzer Auszug:

Lieber Behzad, wie nahe kommt Hund, Wolf, Schakal deiner eigenen Biographie? Wer verbirgt sich hinter Saam?

Das Buch ist entlang meiner Biographie geschrieben. Die Eckdaten sind die meines Lebens. Ich setze mit Saam und Nima zwei Enden meiner Schicksalsskala in einen Raum und schaue, wie sie miteinander agieren. Saam ist, was ich vielleicht geworden wäre, wenn ich zwanzig Kilo schwerer, zehn Zentimeter größer gewesen wäre. Wenn ich meine Kämpfe durch Gewalt gewonnen hätte. Kämpfe, die ich im realen Leben verloren habe. Ich bin das Resultat der Niederlagen. Saam das der Siege. Und Nima ist die Frage, was wäre, wenn ich mich den Kämpfen nicht gestellt hätte. Wenn ich einfach weggerannt wäre.

Mehr auf: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/behzad-karim-khani-hund-wolf-schakal-9783446273788-t-3715

Behzad Karim Khan “Hund, Wolf, Schakal“  Hanser Berlin ISBN 978-3-446-27378-8

Buchtipp: Nele Pollatschek „Kleine Probleme“

Wer schon immer mal Einblicke in die Gedankenwelt eines Prokrastinierenden (Prokrastination = extremes Aufschieben) gewinnen wollte, sei es aus eigener Betroffenheit oder weil dieses Phänomen in aller Munde ist, seitdem immer mehr Menschen offen mit ihrer AD(H)S und den damit einhergehenden Problemen umgehen, greift bei „Kleine Probleme“ zum richtigen Buch.

Lars, der Held der Geschichte, leidet schon zeit seines Lebens unter „Verschieberitis“, aber jetzt muss er beweisen, dass er sich ändern kann. Denn diesmal geht es um alles. Nur so kann er seine geliebte Johanna zurückzugewinnen, die sich eine Auszeit in Portugal genommen hat. 13 Punkte beinhaltet die Liste, die er unbedingt noch am 31.Dezember abarbeiten muss, um alles zum Guten zu wenden. Dazu gehören vermeintlich einfache Dinge, wie auf Nachrichten zu antworten, aber auch seit Jahren aufgeschobene, wie die Steuererklärung, die bislang nur in Form loser Quittungen vorliegt oder der Aufbau des Bettgestells, das Tochter Lina einst zum Geburtstag bekommen hat und die seitdem demonstrativ auf der Matratze am Boden schläft. Wenn Lars dann beginnt, den Schrauben eines schwedischen Möbelherstellers statt Nummern Namen zu geben und mit Pleumeln, Hoshis und Wörles kommuniziert, mit ihnen ringt und schließlich triumphiert, kann man nicht umhin, eine gewisse Zärtlichkeit für diesen Mann zu empfinden, der so viel will und dennoch immer wieder scheitert. Seine Johanna ist im Geiste stets bei ihm – mahnt, seufzt, verzweifelt und sieht voraus. Und er weiß es doch selbst, aber kann eben nicht anders.

Nele Pollatscheks Roman wirft einen liebevollen Blick auf einen Menschen, der so gar nicht in unsere Leistungsgesellschaft passt, der mit sich und der Welt ringt und doch so viel zu bieten hat. Ein humorvolles Buch mit wunderbaren Gedankengängen, das spielerisch die ganze Palette an Emotionen hervorruft, die das Leben mit einem Lars vermutlich mit sich bringen kann: von Bewunderung für seine grenzenlose Fantasie bis hin zum Wahnsinnigwerden. Mach`doch einfach, würde Johanna dann sagen.

Viel Spaß beim Lesen!

Nele Pollatschek „Kleine Probleme“ * ISBN 978-3-86971-240-6 Verlag: Galiani

Buchtipp: T.C. Boyle „Blue Skies“

Als ich begann, den Roman zu lesen, fiel mir als Erstes auf, dass ich lange kein amerikanisches Buch in den Händen hatte. Die Figuren erinnerten mich an einen College Roman, ein bisschen schwarz-weiß, viel Klischee, the american way of life eben. Schnell aber zog mich das Buch in seinen Bann, in Erwartung des Unheilvollen, Unabwendbaren.

T.C.Boyle lässt uns einige Jahre in die Zukunft blicken, die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich massiv. Kalifornien leidet unter anhaltender Dürre, Hitze und Stürme gestalten den Aufenthalt im Freien immer mühsamer. Es gibt eingeschleppte Tierarten, die ihr Unwesen treiben, dafür sterben immer mehr heimische Arten aus. In Florida gehören Überschwemmungen zur Tagesordnung, es regnet nahezu ununterbrochen und das Meer holt sich nach und nach die Küstengebiete und ihre traumhaften Strandhäuser. Als ich das las, regnete es gerade auch in Nürnberg ununterbrochen und war zudem viel zu warm für den November, so dass sich der Roman schnell ungut real anfühlte und ich ihn bald mit zum Joggen und in meine Träume nahm.

An diesen beiden Orten leben ein Ehepaar und seine beiden erwachsenen Kinder. Während Cooper, der schon als Teenager ein leidenschaftlicher Insektenforscher war, bereits alle Untergangsszenarien vorhergesagt hat, versucht sich seine Schwester Cat als Influencerin und blendet alles aus, was nicht zu ihrem Lebensentwurf passt. Die Realität scheinen sowieso alle nur aushalten zu können, indem sie ihre Blutalkoholkonzentration konstant hochhalten (Auch das in bester Tradition einiger amerikanischer Schriftsteller). Während Cooper mit seiner Lebensgefährtin nach Zecken für ihre Forschungsarbeit sucht, kauft sich Cat einen Tigerpython, um ihre Reichweite zu erhöhen. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf, unabwendbar, sehenden Auges…

Nein, dieser Roman ist nicht schön, aber es ist faszinierend. Er nimmt Raum ein und konfrontiert uns damit, wie sich das Leben aufgrund des Klimawandels konkret verändern könnte, vielleicht nicht genauso, aber doch so ähnlich. Er macht das Unvorstellbare vorstellbar und zeigt, wie Menschen darauf reagieren und damit umgehen könnten. „Blue Skies“ spielt in einer viel zu nahen Zukunft, man erträgt das bedrückende Thema durch die Spannung der Handlung und das Verlangen, zu erfahren, wie es weitergehen wird im Leben der Protagonist*innen. Und zum Glück ist Amerika auch weit genug entfernt, um sich einzureden, dass es bei uns so nicht kommen wird. T.C.Boyle spielt mit konkreten Fragen, die sich aus den Klimaveränderungen ergeben. Und die er zumindest teilweise von seinem Haus in Kalifornien aus beobachten kann. Dort hat er auch bereits ungute Erfahrungen mit Zecken machen müssen. Tja, Schriftsteller schreiben eben auch immer ein wenig aus ihrem Leben…seid gespannt!

„Blue Skies“ von T.C.Boyle, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-27689-5

Buchtipp: „Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin mancher Gespräche wirklich leid. Über Sinn und Unsinn des Genderns, der deutschen Klimapolitik und warum manche Wörter einfach rassistisch sind, „auch wenn man das schon immer so gesagt hat“. Ich wurde schon als „Gutmensch“ bezeichnet, weil ich überwiegend im Biomarkt einkaufen gehe. Was soll das?

Fast automatisch werden heute einige Positionen abgeklopft, um die Person dann umgehend und zielsicher einer Schublade zuzuordnen. Gleichgesinnt, woke, „Schwurbler“, wie auch immer.

Juli Zeh und Simon Urban gehen an dieser Stelle weiter und machen es uns in ihrem Roman nicht so einfach, zu urteilen. Zunächst scheint der Sachverhalt vollkommen klar. Theresa und Stefan haben während ihres Studiums gemeinsam in einer WG gewohnt und standen sich sehr nah. Warum sie nie ein Paar wurden, wissen sie bis heute nicht. Sie hat inzwischen den Hof ihres Vaters in Brandenburg übernommen, er ist stellvertretender Chefredakteur einer der renommiertesten Tageszeitung des Landes. Sie ist tagtäglich mit den Herausforderungen in der Landwirtschaft konfrontiert, von Dürre bis Schweinepest, den Absurditäten von Förderanträgen und Ausgleichszahlungen, er ist mit sich und seiner Political Correctness in allen gesellschaftlich relevanten Themen von der richtigen Ausdrucksweise bin hin zum richtigen Verhalten im Reinen.

Ihr erstes Zusammentreffen nach zwanzig Jahren endet im Desaster, weil sie heftig aneinandergeraten. Doch anstatt es dabei zu belassen, beginnen sie sich auf Whatsapp zu schreiben und, als es dort aus dem Ruder läuft, per Mail weiter auszutauschen, Theresa oft nachts vor dem Melken, Stefan zwischen den Redaktionssitzungen. Sie beginnen, ihr Leben miteinander zu teilen. Und was sich die Autor*innen hier ausgedacht haben, ist beeindruckend und intelligent. Diese Korrespondenz geht weit über das hinaus, wo sie normalerweise endet. Trotz aller Unterschiede – und die beiden sind knallhart in der Sache und nehmen kein Blatt vor den Mund- versuchen sie sich zu unterstützen und den anderen zu verstehen. Ihre gegenseitige Zuneigung ist dabei der Kitt, der sie durchhalten und verzeihen lässt. Theresa radikalisiert sich nach herben Rückschlägen bei der Rettung des Hofs immer weiter. Aber auch Stefans Weltbild gerät ins Wanken, als ein Freund wegen einer flapsigen Bemerkung, die viral geht, und der ein übermächtiger Shitstorm folgt, geradezu vernichtet wird.

Richtig und falsch, Gut und Schlecht – diese Urteile verlieren ihre klaren Konturen. Ein wirklich inspirierendes Buch gegen das Schwarz-Weiß-Denken in unserer heutigen Gesellschaft.

„Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban, Luchterhand

ISBN 978-3 -630-87741-9

Buchtipp: „Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“ von Gianni Jovanovic mit Oyindamola Alashe

Und hier ist der zweite Tipp. Und dieses Buch ist etwas ganz anderes…

Gianni Jovanovic hätte allen Grund gehabt, ein verbitterter, gebrochener, richtig fieser Typ zu werden, bei all dem, was ihm in seinem Leben widerfahren ist. Er hat immer wieder Diskriminierung erfahren, rassistische Beleidigungen und Ausgrenzung, weil er zu einer traditionellen Roma-Familie gehört. Er wurde auf eine Sonderschule geschickt, wie das bei Kindern aus Roma- und Sinti- Familien leider nicht unüblich ist. Und dann stellt er auch noch fest, dass er schwul ist, während sein Leben in vorgezeichneten Bahnen verläuft: Hochzeit mit vierzehn, zweifacher Vater mit siebzehn.

Aber anstatt an seinem Schicksal zu zerbrechen, entwickelt sich Gianni Jovanovic zu einem Aktivisten. Der Wunsch, seinen Kindern einen in jeder Hinsicht anderen Weg aufzuzeigen, erweckt den Kämpfer in ihm. Er setzt sich mit der Geschichte der Rom*nja und Sinti*zze auseinander, um zu verstehen, um diskutieren zu können und aufzuklären. Es gelingt ihm, nicht nur das Abitur zu machen, sondern auch ein Studium zu absolvieren. Weil er Vorurteile widerlegen will und zeigen, dass dieser Weg auch für Rom*nja und Sinti*zze möglich ist. Er möchte ein Vorbild sein und gibt Workshops an Schulen, um über strukturellen Rassismus aufzuklären. Er versucht, Schüler*innen zu ermutigen und Lehrkräften aufzuzeigen, welch wichtige Rolle sie beim Verlauf einer Schullaufbahn spielen können. Und er setzt sich für die LBGTQ+ – Community ein, damit jeder sein darf, wie er ist.

Übrigens nimmt Gianni Jovanovic kein Blatt vor den Mund, er ist offen und seine Worte mitunter deftig, nur so zur Vorwarnung. Seine Geschichte hat mich tief beeindruckt, seine Herzlichkeit, seine Bereitschaft zur Vergebung, sein Verständnis und sein Appell für Toleranz und Vielfalt. Einfach bewundernswert!

„Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“ von Gianni Jovanovic mit Oyindamola Alashe, Verlag: Blumenbar

ISBN 978-3-351-05100-6

Buchtipp: „Patria“ von Fernando Aramburu

Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, fehlt mir gerade etwas Zeit und Muße, um zu schreiben. Ich möchte Euch aber zumindest in wenigen Worten zwei Bücher empfehlen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Das erste ist:

„Patria“ von Fernando Aramburu

Seitenzahlmäßig ein ziemlicher Brocken, aber gut in Etappen zu lesen, schon deshalb, weil Zeiten und Erzählperspektiven wechseln, ohne aber, dass es zu kompliziert würde, der Handlung zu folgen.

Der Roman erzählt von zwei befreundeten Familien im spanischen Teil des Baskenlandes. Während Txato, Unternehmer und Familienoberhaupt einer der Familien, eines Tages von Terroristen der ETA* erschossen wird, weil er sich weigert, Revolutionsgeld zu zahlen, schließt sich Joxe Mari, der ältere Sohn der anderen Familie der ETA an. Obwohl von Kindheit an eng verbunden, kommt es zum Bruch.

Fernando Aramburu zeigt uns eine Welt, in der das Baskische über allem anderen steht, der permanente Druck der Dorfgemeinschaft zur Radikalisierung der Menschen führt und wie schwer es ist, sich dem zu entziehen. Er gibt Tätern und Opfern eine Stimme. Durch sie erfahren wir, was es heißt, als Familienmitglied eines Opfers der zahlreichen Attentate durchs Leben gehen zu müssen, aber auch als Mutter, Vater, Bruder oder Schwester eines Attentäters. Wir erfahren von den unterschiedlichen Strategien, mit dem Schicksal fertig zu werden. Eine Annäherung scheint fast unmöglich und dennoch gibt es auch die, die aufbegehren…

Ein wirklich spannender, kluger und interessanter Roman, auch wegen des „Euskera“, der baskischen Schrift und Sprache mit den vielen x, die Aramburu immer wieder einfließen lässt und die uns vor einigen Jahren erstmals im Urlaub im französischen Teil des Baskenlandes in den Pyrenäen begegnet ist.

*Euskadi ta Askatasuna (baskisch für „Baskenland zur Freiheit“)

ISBN: ISBN: 978-3-499-27361-2  Rowohlt Verlag

Das andere kommt die Tage…versprochen!

Buchtipp: „Maksym“ von Dirk Stermann

Als mir eine Freundin „Maksym“ von Dirk Stermann schenkte, sagte mir der Name des Autors rein gar nichts. Wie der kurzen Autorenbeschreibung zu entnehmen ist, lebt der in Duisburg geborene Moderator und Kabarettist wie auch seine Romanfigur seit langem in Wien. Überhaupt schreibt Dirk Stermann über das etwas ausgeschmückte und fiktional variierte Leben des Dirk Stermann und ist dabei sogar Wiederholungstäter- es ist nicht sein erster Roman.

Wie mir gerade auffällt, verfolgen mich in jüngster Zeit die Österreicher*innen (siehe „Dunkelblum“, „Alles finster“). Auch „Maksym“ lebt von den regionalen Gepflogenheiten, dem „Schmäh“, den Eigenarten und den liebenswerten Besonderheiten der Sprache, wenn den Romanen auch sonst nichts gemein ist. Jedenfalls veranlasste mich nicht der Autor, mit dem Roman zu beginnen, da ich ihn ja, wie gesagt, nicht kannte, sondern die Überschrift der Rückseite.

Maksym: Türsteher, Kampfsportler, Babysitter.

Das klang ein bisschen platt, aber auch grotesk und unterhaltsam. Und das wurde es. Ja, dieses Buch wurde für eine kurze Zeit eine Art Weggefährte, der mich schon beim Frühstück begleitete. Der erste Kaffee am Morgen – ach ja, mal sehen, was bei Dirk heute so los ist. Dirk Stermann schreibt einfach wahnsinnig sympathisch und schonungslos ehrlich. Der Mann kann über sich lachen, er schönt nichts und gibt sich keinen Illusionen hin. Er ist das Gegenteil des alten weißen Mannes, auch wenn er rein optisch von diesem kaum zu unterscheiden ist. Dieser Mann hat Humor, mitunter bösen, und alles, was er nicht hat, hat Maksym, sein ukrainischer Babysitter. Und den hat er wegen seiner jungen Frau und dem gemeinsamen, kleinen Sohn. Also genau genommen, weil diese sich nach der Elternzeit eben auch mal verwirklichen möchte (und das ausgerechnet in New York) und er ja eh ständig beruflich unterwegs ist.  So, ich finde das reicht als Appetizer, ich möchte euch ja nicht die intimen Momente mit Dirk und seiner Schamhaarphobie vorwegnehmen…ups

Verlag: Rowohlt ISBN: 978-3-498-00267-1

Buchtipp: „Zur See“ von Dörte Hansen

In Zeiten, in denen mutige Iranerinnen und Iraner, die für ihre Freiheit kämpfen, von den Machthabern getötet werden, in denen Putin danach trachtet, die Ukraine dem Erdboden gleich zu machen, und in denen unser Kanzler den Verkauf von Anteilen des Hamburger Hafens an China wieder aller Vernunft durchsetzt, möchte ich mich manchmal nur noch in Büchern vergraben. Nicht mal zuhause scheinen die „Guten“ zu siegen, wirklich frustrierend. Wie gut, dass mich liebe Menschen immer wieder mit Lesestoff versorgen, um meine Weltflucht zu ermöglichen. Eines der neuesten Bücher, die ich gelesen habe, ist „Zur See“ von Dörte Hansen, der Autorin, die mich bereits mit ihren Romanen „Mittagsstunde“ und „Altes Land“ durch die lebendigen Beschreibungen ihrer wunderbar knorrigen Charaktere begeistert hat. Ohne zu übertreiben, vermisste ich tatsächlich ihre Sprache, als ich vergangene Woche die wirklich gelungene Verfilmung von „Mittagsstunde“ mit Charly Hübner im Kino ansah. Klar, war ja auch ein Film und kein Hörspiel und er funktionierte aufgrund der großartigen Besetzung und der starken Bilder wirklich auch ohne.

Diesmal geht es also vom Land „Zur See“. Als ich die ersten Seiten las, war ich zunächst schwer irritiert. Hansens distanzierter, nüchterner Stil erinnerte mich fast an ein Sachbuch. Dieses Buch schien nichts mit ihren Vorgängerromanen gemein zu haben. Aber dann tauchten sie auf, nach und nach, ihre vom Leben gezeichneten Figuren, diesmal beheimatet auf einer Insel in der Nordsee. Auch, wenn sie keinen Namen nennt, erinnert vieles an Sylt, die Insel der Reichen und Schönen, die ich vor vielen Jahren ganz bodenständig kennenlernen durfte, an der Seite meines Mannes, der die langen Ferien seiner Kindheit dort auf dem Campingplatz zugebracht hatte. Aber natürlich gibt es sie, die vielen Superreichen, die nach und nach die Insulaner*innen vertreiben, weil sie die alten, reetgedeckten Häuser für Unsummen aufkaufen, um dort ihre Wochenenden zu verbringen. Krafttanken vom Alltag zum Preis, dass sich die Einheimischen das Leben auf der Insel kaum mehr leisten können.

Wie auch in ihren anderen Büchern beschäftigt sich Dörte Hansen mit den unaufhaltsamen Veränderungen der Lebensumstände der Menschen und damit, welche Auswirkungen sie haben. Im Zentrum ihrer Erzählung steht diesmal eine alteingesessene Familie, Nachfahren von Walfängern, so wie viele auf der Insel. Auch, wenn diese Zeiten längst vergangen sind, ist das Erbe überall spürbar. Und so ringen die Menschen mit den Traumata in ihrer DNA, übergestülpten Traditionen und unerfüllbaren Sehnsüchten. Sie suchen ihren Platz an Land, weil der ihre auf See abhandengekommen ist. Schicksale im Wandel der Zeit, vom Fischfang als Lebensgrundlage hin zum Tourismus, meist ungeliebt und zu einem hohen Preis, nämlich dem Verlust der eigenen Identität. Aber Dörte Hansen wäre nicht so eine gute Schriftstellerin, würde sie nur plumpe Klischees bedienen. So zeigt sich die sonst so schroffe Mutter und Frau eines Seemannes zuckersüß, wenn die ersten Feriengäste der Insel im freigeräumten Zimmer untergebracht werden, während sich ihre Kinder als Spielpartner zur Verfügung stellen müssen. Der Pfarrer dekoriert den Altar mit goldfarbenen Muscheln und inszeniert seine Predigt als kitschiges Schauspiel, um die Erwartungen der Touristen zu erfüllen. Aber eben nicht nur. Es gibt auch einen Teil in diesen Menschen, der nicht gespielt ist. Und der ehrlicher ist als ihre vermeintliche Bestimmung, die sich nur noch im Walfänger Museum bestaunen lässt.

Und so entwickelt sich „Zur See“ bald zu einem raffiniert gesponnenen Roman, in dem die Episoden zusammenlaufen, die Menschen in Verbindung treten, gefangen in einem großen Netz, und mit einem Mal mutet nichts mehr sachlich an, sondern zieht in seinen Bann. Dörte Hansen at ist best.

Definitiv ein Buch für Fans norddeutscher Inseln und Liebhaber*innen von Seefahrt und Seemännern!

Dörte Hansen „Zur See“, PENGUIN Verlag, ISBN 978-3-328-60222-4

Buchtipp: „Dunkelblum“ von Eva Menasse

Anfang des Jahres ergatterte ich in unermesslicher Vorfreude Karten für eine Lesung der Schriftstellerin Eva Menasse aus ihrem Roman „Dunkelblum“. Der Name der Autorin sagte mir etwas, ich war mir sogar ziemlich sicher, bereits etwas von ihr gelesen zu haben, was mir allerdings nicht wirklich gefallen hatte, wie ich mich zu erinnern glaubte. Nach coronabedingter Kulturabstinenz erschien mir diese Tatsache keineswegs bedeutsam und ich freute mich auf einen unterhaltsamen Abend mit einer guten Freundin. Erst an dem Abend der Veranstaltung im April erfuhr ich, dass diese Lesung aus pandemischen Gründen bereits zweimal verschoben worden war, so dass der Großteil des Publikums den im Sommer des Vorjahres erschienenen Roman bereits gelesen hatte. Ich ja zum Glück nicht und so harrte ich in freudiger Erwartung und in dem in die Jahre gekommenem Ambiente bei Aperol Sprizz und tomatisierter Gemüsesuppe (kein Witz!) der Lesung.

Und dann betrat Eva Menasse ihre Bühne und bezauberte uns mit ihrem Charme, ihrem Wissen und den Auszügen aus ihrem beeindruckenden Roman. Die Schriftstellerin hat neben Germanistik auch Geschichte studiert und wer meinen Buchgeschmack schon ein wenig kennt, weiß, dass ich Romane liebe, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Ausgangspunkt für die Entstehung von „Dunkelblum“ war eine lange Recherche zu so genannten Endphaseverbrechen in österreichischen Dörfern im Burgenland kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Dort wurden zahlreiche jüdische Zwangsarbeiter von Einheimischen niedergemetzelt, kurz bevor die Sowjetarmee über Ungarn einmarschierte, vermutlich um Zeugen von Gräueltaten zu beseitigen. In vielen dieser Dörfer wurde diese bittere Vergangenheit aufgearbeitet, aber es gab wohl eines, in dem die Leichen bis heute nicht gefunden wurden. Diese Entdeckung führte dazu, dass Eva Menasse begann, sich damit zu beschäftigen, wie eine Dorfgemeinschaft mit solch einem Wissen über Täter, Mitläufer und Unbeteiligte hatte weiterleben können, ohne ihr Schweigen zu brechen. Auf Grundlage ihrer Recherche erschuf die gebürtige Burgenländerin in ihrem Roman ein eigenes, fiktives Dorf, nämlich Dunkelblum, mit all seinen unterschiedlichen Charakteren, vom Hitlerjungen, über den SS-Mann über den jüdischen Lebensmittelhändler, mit Nutznießern des Nazi-Regimes, Vertriebenen und Zurückgekehrten und erdachte akribisch genau, wie sich das hätte zutragen können. Allerdings lässt sie die Dorfgemeinschaft nicht zu Kriegszeiten agieren, sondern im Jahr 1989, als die ersten DDR-Flüchtlinge über eben jene Grenze von Ungarn nach Österreich fliehen, wo damals die Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen einen Schutzwall gegen die vorrückende Sowjetarmee hatten ausheben müssen. Als kurz darauf menschliche Knochen gefunden werden und eine junge Frau verschwindet, die sich sehr für die Vergangenheit Dunkelblums interessiert hat, gerät alles in Bewegung.

Wer jetzt den Eindruck bekommen hat, es handele sich um einen düsteren Roman, der irrt. Eva Menasse hat einen angenehm süffisanten Ton gefunden, um die Bewohner und ihre Lebensstrategien zu skizzieren. Sie wirft immer wieder mal einen typischen burgenländischen Ausdruck wie beispielsweise „altvaterisch“, „Das geht sich nicht aus“ oder „Geh heast“ ein, so dass die Sprache auch dann lebendig wird, wenn man ihre Stimme nicht im Ohr hat – auch, wenn das zugegebenermaßen besonders viel Spaß macht. Überhaupt ihre Sprache! Man könnte sie fast als verspielt bezeichnen, sie findet immer wieder wunderbare Metaphern und kluge Beschreibungen für das kleine Grenzdorf und seine Bewohner. Schon die ersten Zeilen ihres Romans geben einen kleinen Eindruck:

„In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert jeden Schritt.“

Ich bin noch nicht ganz fertig mit Lesen, weiß aber jetzt schon, dass es eines dieser Bücher sein wird, bei dem ich bedauern werde, wenn es vorbei ist. Ein toller Roman für alle, die sich für Sprache begeistern, für Geschichte und den Menschen in all seinen Facetten und Kuriositäten. Danke, liebe Frau Menasse.

„Dunkelblum“ von Eva Menasse

Verlag: Kiepenheuer & Witsch ISBN: 978-3-462-04790-5

Und wer mal wieder zu einer guten Lesung in etwas altmodischem Ambiente gehen möchte, kann es hier versuchen: https://literaturhaus-nuernberg.de/programm

Buchtipp!

Eine Freundin fragte mich vor Kurzem, ob ich nicht mal wieder ein Buch vorstellen könne. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Wochen keine Bücher gelesen hätte, aber damit ich sie vorstelle, müssen sie schon einige Kriterien erfüllen. Sie sollten nicht zu speziell sein, d.h. mich nicht nur aus ganz persönlichen Beweggründen wie beispielsweise meiner eigenen Familiengeschichte interessieren. Und ich muss auch keine Bücher vorstellen, die sowieso schon in aller Munde sind, weil sie entsprechend Publicity haben, wie beispielsweise „Unter Menschen“ von Juli Zeh. Auch wenn es das erste Buch war, das ich von ihr gelesen habe, das ich mochte. Frau flieht vor ihrem Leben und dem corona- und klimaüberkorrekten Lebensgefährten aus Berlin nach Brandenburg, wo sie einen überzeugten Nazi zum Nachbarn bekommt. Bald beschäftigt sie die Frage, ob ein Nazi wirklich immer automatisch ein Arschloch ist oder ob es neben dem Schwarz und Weiß auch noch Grautöne gibt. Weil Menschen nicht immer in ihre Schubladen passen. Sehr unterhaltsam, aber ich wollte das Buch ja gar nicht empfehlen;-)

Das wichtigste Kriterium für eine Buchvorstellung- es muss mich irgendwie begeistern und nicht nur ganz nett sein. Und das trifft auf die Bücher „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road” von Daniel Speck zu. Ich habe mich allerdings dagegen gewehrt, sie zu mögen. Denn eigentlich ist von allem zu viel, die Verflechtungen, die Erzählstränge, die Charaktere sind zu groß, die Liebe zu tief, die Augen zu dunkel. Aber dieser Mann kann einfach schreiben, man bemerkt sofort seine Tätigkeit als Drehbuchautor, so filmisch sind manche Szenen. Man sieht die Straßen, Menschen und Landschaften vor sich. Jedes Kapitel endet mit einer Art Cliffhanger, so dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Das Fesselndste aber ist der geschichtliche Hintergrund seiner Romane. Unter französischer Besatzung waren viele Sizilianer nach Tunesien eingewandert, um ein neues Leben zu beginnen. So entstand das Viertel „Piccola Sicilia“ in Tunis, in dem zu Beginn der 1940er Jahre Juden, Muslime und Christen in guter Nachbarschaft miteinander lebten. 1942 gelangt auch der junge Fotograf Moritz Reincke dorthin, um heroische Bilder von Rommels Afrikafeldzug für die Wochenschau zu liefern. Dass an diesem Feldzug überhaupt nichts heroisch ist und die Truppen längst auf dem Rückzug sind, blendet er ebenso aus wie seinen Anteil an den Taten der Nationalsozialisten. Das ändert sich, als er eine unvorhergesehene Entscheidung trifft und bald darauf die Alliierten einmarschieren. Moritz taucht unter und nimmt eine neue Identität an.

„Jaffa Road“ ist die Fortsetzung des Lebens des Moritz Reincke und deshalb kann ich kaum etwas darüber erzählen, ohne zu verraten, wie der erste Teil geendet hat. Nur so viel: wer sich für die Staatsgründung Israels, die Vertreibung der Palästinenser und das schwierige Verhältnis von Juden und Arabern vor seinem historischen Kontext interessiert, den wird auch dieser Band fesseln. Wie anfangs angedeutet, geht es natürlich neben dem Verlust von Heimat, Vertreibung und Identität, hinreichend um Liebe, Familie und Freundschaft. Die Geschichte ist mir vor allem in der Gegenwartsebene etwas zu konstruiert, aber all die Bruchstücke und Mikropartikel der Erzählung, die Verletzungen und das Leid der Vertriebenen, von Juden wie Palästinensern, sind mit Sicherheit so oder so ähnlich tausendfach geschehen und geschehen noch immer. Ich bin jetzt bei Seite 499 und weiß noch nicht, wie sie ausgeht, die Geschichte vom Leben des Moritz Reincke. Aber ich freue mich schon auf meine Tasse Tee am Ofen, wo ich wieder tief in die Jaffa Road abtauchen werde und weiß jetzt schon, dass ich es sehr bedauern werde, wenn ich auf der letzten Seite angekommen bin.

„Piccola Sicilia“ von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70162-9

„Jaffa Road” von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70384-5

Buchtipp: „Leinsee“ von Anne Reinecke

Ich hatte eben angefangen, eine kleine Zusammenfassung für Euch zu schreiben, als ich auf diese wunderschöne Rezension von Katharina gestolpert bin. Und sie schreibt das so gut, dass ich erst gar nicht versuche, mitzuhalten und euch schlichtweg bitte, einfach diesem Link zu folgen:

https://sophisti-que.blogspot.com/2018/10/leinsee-von-anne-reinecke.html

Eine sommerleichte, ungewöhnliche (Liebes-)geschichte mit einer Portion Exzentrik, Humor und Tiefgang. Wie steht es so schön geschrieben? Ein Roman, wild wie ein Gewitter, zart wie ein Hauch.

Das Buch gibt es natürlich auch als Taschenbuch:

„Leinsee“ von Anne Reinecke, Diogenes, ISBN 978-3-257-24517-2

Buchtipp: Alte Sorten von Ewald Arenz

Die siebzehnjährige Sally hat die Nase voll- von so ziemlich allem und jedem. Sie fühlt sich von niemandem verstanden, weder von den Leuten aus der Schule und erst recht nicht von ihren Eltern, die sie immer nur voller Sorge betrachten und wissen wollen, wie es ihr geht. Genauso wie die in der Klinik. Nur, weil sie wenig isst und sich manchmal schneidet. Aber nochmal geht sie da nicht hin. Als sie völlig planlos von zuhause abhaut, begegnet ihr die wesentlich ältere Liss mit ihrem Traktor auf den Feldern. Sie bittet Sally ihr zu helfen, den Anhänger wieder aus einem Graben zu bugsieren. Liss stellt keine blöden Fragen und bietet ihr schließlich an, auf ihrem Hof, auf dem sie alleine lebt, zu übernachten. Sally nimmt das Angebot zögernd an und aus einer Nacht werden mehrere Wochen. Langsam nähern sich die Frauen, die beide so gar nicht in ein konventionelles Leben zu passen scheinen, einander an. Sally darf auf dem Hof endlich sein, wie sie ist, ihren eigenen Rhythmus leben, ohne sich rechtfertigen und Erwartungen erfüllen zu müssen. Durch die gemeinsame Arbeit auf Feld und Hof spürt Sally nach und nach wieder ihren Körper und ihre Sinne, Müdigkeit, Hunger und Neugier auf das Leben mit der Natur. Liss bringt Sally alles bei, was sie über Obstsorten, Brotbacken oder die Honigernte weiß. Sie kommentiert weder ihre Essgewohnheiten noch fragt sie nach ihrer Vergangenheit und beginnt die Gesellschaft der jungen Frau zunehmend zu genießen. Und auch Sally akzeptiert, dass Liss nur zögerlich von sich erzählt. Dass es triftige Gründe geben muss, dass die wortkarge Frau im Dorf eine Außenseiterin ist und so zurückgezogen lebt, liegt auf der Hand. Und dennoch fühlt sie sich bei dieser manchmal so rätselhaften Frau erstmals wirklich angenommen. Leider drohen die zarten Bande dieser Freundschaft schnell zu zerreißen, denn Sallys Eltern lassen sie von der Polizei suchen…

Ewald Arenz beschreibt einfühlsam das fragile Annähern der beiden Frauen, das durch den kleinsten Misston sofort wieder zunichte gemacht werden könnte. Weil jede ihre Strategie entwickelt hat, sich zu entziehen, wenn sie sich angegriffen fühlt. Und dennoch sind sie sich auf ihre Weise so ähnlich, dass sie meist die richtigen Worte füreinander finden. Erstaunlich, wie gut sich dieser männliche Autor in seine Protagonistinnen hineindenken kann. Aber auch die detaillierten Beschreibungen der land- und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, das Heraufbeschwören von Düften, Farben und Landschaften machen „Alte Sorten“ zu einem sinnlichen Genuss. Das Landleben stellt sich einmal mehr als eine Lebensform dar, der manche Menschen mehr Sinnhaftigkeit abgewinnen können als dem sterilen Leben fernab der Natur.

Der bei Fürth lebende Gymnasiallehrer Ewald Arenz hat gerade seinen neuesten Roman veröffentlicht: „Der große Sommer“, ebenfalls beim Dumont Verlag erschienen. Für Lokalpatrioten dürfte der Roman ein besonderer Genuss sein, denn viele Schauplätze dürften ihnen sehr bekannt vorkommen. Ich werde ihn auf jeden Fall auch noch lesen. Er hat einfach einen tollen Stil.

Mehr dazu: https://www.deutschlandfunk.de/ewald-arenz-der-grosse-sommer-wochen-die-alles-veraenderten.700.de.html?dram:article_id=495558

„Alte Sorten“ von Ewald Arenz, Verlag Dumont, ISBN 978-3-8321-6530-7

Buchtipp: „ Blaupause“ von Theresia Enzensberger

Weimar 1921. Luise Schilling beginnt ihr Studium am neu gegründeten Bauhaus, Walter Gropius himself führt das Aufnahmegespräch. Sie möchte Architektin werden und nicht, wie für sie und die meisten Frauen dieser Zeit vorgesehen, eine gute Hausfrau. Zu ihrer Enttäuschung darf sie nach dem Vorkurs allerdings nicht zu den Tischlern, sondern wird der Weberei zugewiesen.

Einer der Dozenten am Bauhaus ist Johannes Itten. Zumindest den Namen kennen vermutlich alle aus dem Kunstunterricht aufgrund seiner berühmten Farbenlehre. Diese charismatische Persönlichkeit und Vertreter des Mazdaznan, einer religiösen Lehre verschiedenster Elemente, schart in der Studentenschaft zahlreiche Anhänger*innen um sich, die durch das Tragen mönchsartiger Kutten und seltsame Bräuche auffallen. Luise schließt sich ihnen an, teils aus Neugier und Faszination, teilweise aber auch, weil sie noch wenig andere Kontakte gefunden hat. Sie bemüht sich, die Vorschriften der Lehre bestmöglich zu befolgen, sich vegetarisch zu ernähren, Atemtechniken zu erlernen, vor Sonnenaufgang aufzustehen und durch die Natur zu wandern, kann aber im Gegensatz zu ihren neu gewonnenen Freunden nicht umhin, die starren Regeln und das dahinterstehende Menschenbild immer wieder zu hinterfragen. Die Besuche in ihrer Heimatstadt Berlin im Haus ihres Vaters, einem gut situierten Großindustriellen, könnten nicht gegensätzlicher zu ihrer Lebensrealität in Weimar und später Dessau sein.

„Blaupause“ gibt dem Leben, was man über das Bauhaus gehört oder gelesen hat. Und noch mehr. Die Geschichte der Emanzipation in dieser Zeit wird lebendig. Luise lässt sich irgendwann die Haare kurz schneiden, sie trägt Hosen, sie bricht mit ihrer Familie, um ihren Weg weitergehen zu können und sie stößt immer wieder an ihre Grenzen als Frau. Im Hintergrund brodeln die verschiedenen politischen Strömungen, ein Freund, der den Kommunisten angehört, schließt sich 1926 einer Gruppe an, die in Berlin in den Straßenkampf gegen die SA zieht, der Bruder vertraut dagegen auf die Deutschnationalen. Und während sich eine Katastrophe anbahnt, feiern die Menschen das Leben, es wird getanzt und geliebt, die Roaring Twenties eben. Schilderungen meiner Großmutter, die in Berlin aufwuchs, fielen mir wieder ein. „Wir hatten nicht viel, aber bei uns war immer was los. Irgendjemand konnte ein Instrument spielen und schon wurde getanzt.“ So oder so ähnlich. Wer die klassischen Berliner Altbauwohnungen kennt, kann sich das bestimmt gut vorstellen.

Luise wendet sich schließlich von den Itten-Jüngern ab, sie stößt sich an der starren, teils unmenschlichen Ideologie, die die Anhänger über alles andere stellen. Interessanterweise begreift man in der Auseinandersetzung mit dieser Bewegung viel besser, warum sich heute bei den Querdenkerdemonstrationen neben rechten Gruppierungen so viele Anhänger alternativer, eher naturromantischer, esoterischer Bewegungen finden, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen. Aber eben nur auf den ersten Blick.

Natürlich gäbe es noch weitaus mehr zu erzählen, aber ihr wisst, ich will nicht allzu viel verraten. Wer geschichtliche Daten und Hintergründe mit Bildern und Geschichten füllen möchte, dem sei dieser kurzweilige Roman wärmstens ans Herz gelegt.

Theresia Enzensberger „Blaupause“, dtv, ISBN 978-3-423-14671-5