Die Berliner Kids Mats und Rea landen durch Zufall in einer Zeitkapsel in Form einer alten Telefonzelle im Jahr 1985. Und zwar in einem Ferienlager in der DDR. Zunächst deuten nur die altmodischen Klamotten auf eine andere Zeit hin. Aber spätestens, als sie Peggy kennenlernen, die sich vor der Polizei versteckt, seit ihre Eltern nach einem gescheiterten Fluchtversuch in den Westen inhaftiert worden sind, wird den beiden klar, dass hier so einiges anders läuft, als sie es kennen. Selbstverständlich wollen Mats, Rea und die anderen Kinder Peggy helfen. Als sich aber die Umstände zuspitzen und die Zeitreisenden als Eindringlinge enttarnt werden, gerät ihre Rückkehr in die Jetztzeit in Gefahr. Die Kinder müssen sich schnell etwas einfallen lassen…
„Die Telefonzelle“ ist der Auftakt zu einer DDR Kinderbuch Reihe. Und für die war es an der Zeit, denn, was können sich Kinder heute noch unter der DDR vorstellen, außer vielleicht, dass es eine Mauer gab, die unser Land in zwei Teile getrennt hat? Dorit Linke, die selbst in der DDR aufgewachsen ist und 2023 für ihre politisch-literarische Bildungsarbeit mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland geehrt wurde, vermittelt jungen Lesenden einen Einblick in das Leben dort. Gemeinsam mit Mats und Rea können sie die Enge dieses Systems erahnen, in dem man nicht ohne Konsequenzen alles sagen konnte, was man dachte. Etwas, was nicht nur für Mats, der sich niemals den Mund verbieten lassen würde, nahezu unvorstellbar ist. Die Lesenden lernen ein System kennen, in dem es Spitzel gab, aber natürlich auch Menschen, denen man vertrauen konnte und die sich selbst in Gefahr begaben, um anderen zu helfen. Und dieses Wissen wird ganz nebenbei in einer actionreichen, kindgerechten Geschichte vermittelt. Für mich neu war, dass die Kinder und Jugendlichen in der DDR 1985 genau dieselben Hits gehört haben wie wir im Westen zu dieser Zeit. Ich dachte immer, das sei verboten gewesen. Duran Duran, Alphaville oder Madonna beispielsweise, die Musik im Buch ist ein verbindendes Element. So bleibt viel Platz für Gemeinsamkeit in dieser Geschichte, denn so wie Arschloch keine Hautfarbe hat, gab und gibt es eben im Osten wie im Westen solche und solche Menschen. Ein Buch, das nicht nur Kindern Spaß macht, sondern vielleicht auch Eltern oder Großeltern, die Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend teilen möchten- ganz ohne Ostalgie.
„Mats und Rea drehen am Rad der Geschichte“ , empfohlen ab 9 Jahren, erscheint im Selbstverlag über die Autorenseite. Dort findet man auch Infos zu Lesungen in Schulen: https://dorit-linke.de/out-now-mats-und-rea-drehen-am-rad-der-geschichte/
Und hier noch der Link zu einem Jugendbuch von Dorit Linke, das ich vor längerer Zeit vorgestellt hatte und das inzwischen sogar verfilmt worden ist: https://meedchenwargestern.com/2019/08/22/jugendbuchtipp-jenseits-der-blauen-grenze-von-dorit-linke/







Wenn Menschen in anderen Ländern für ihre Freiheit demonstrieren und dabei sogar ihr Leben riskieren, ist das für diejenigen, die in eine funktionierende Demokratie hineingeboren wurden, manchmal schwer nachvollziehbar. Was Menschen dazu treibt, einem System der Überwachung und Unterdrückung zu entfliehen, erzählt der Jugendroman „Jenseits der blauen Grenze“.
Der elfjährige Hidde lebt mit seinem älteren Bruder Jeppe und der Mutter in einem Haus in einer niederländischen Kleinstadt. Der älteste Bruder Ward ist drei Jahre zuvor an einer Erkrankung verstorben. Die alleinstehende Mutter arbeitet lange und ist auch oft nicht richtig anwesend, wenn sie zuhause ist und so sind sich die beiden Jungen meist selbst überlassen. Für Hidde, der von seinem Bruder nur Spinnerling genannt wird, sind das Wichtigste seine Insekten und Spinnentiere, die er draußen aufspürt und sie in zahlreichen Gefäßen in einem geheimen, ans Haus angrenzenden Keller hält, von dem nur die Brüder wissen. Eines Tages erklärt Jeppe, dass von jetzt an er den Keller als Übungsraum für sein Schlagzeug nutzen wolle und Hidde ihn räumen solle. Eine Katastrophe für Hidde und seine Tiere. Von diesem Tag an beginnt ein Krieg zwischen den Brüdern. Denn das verstößt klar gegen die Abmachung. Der Keller war der Preis für das Wahren eines Geheimnisses. Ein Geheimnis, über das Hidde eigentlich wahnsinnig gerne sprechen würde, aber nicht darf. „Krasshüpfer“ ist Hiddes Tagebuch, in dem er mit dem Leser sein Nöte teilt und um die richtigen Entscheidungen ringt. Er zeichnet darin seine Tiere und das Experiment, mit dem er seine Klassenkameradin Lieke beeindrucken möchte, die Rosa so gerne mag. Hidde ist nicht cool, er spricht über seine Gefühle, seine Hilflosigkeit und Angst und genau das macht ihn so sympathisch. Und dass der Leser dabei so nah dran ist, macht das Buch so besonders.
„Niemandsland“ von Caroline Brothers beginnt sperrig. Der dreizehnjährige Aryan und sein achtjähriger Bruder Kabir versuchen gemeinsam mit anderen Flüchtlingen über den Evros nach Griechenland zu gelangen. Hinter ihnen liegt schon eine endlos lange Reise von Afghanistan über den Iran in die Türkei, allein auf sich gestellt, da die Eltern und ein älterer Bruder getötet wurden. Caroline Brothers, die sich als investigative Journalistin und anderem für die New York Times, viele Jahre mit Migration und Flüchtlingsströmen beschäftigt hat, schildert absolut realistisch und detailliert die Flucht zweier Kinder und was sie beschreibt, raubt einem den Atem. Alle Informationen und Bilder, die ich in den letzten Jahren zum Thema Flüchtlinge gesammelt habe, setzen sich wie ein Puzzle zusammen und finden sich auf grausame und menschenunwürdige Weise bestätigt. Ausbeutung und Versklavung auf Obstplantagen, Treffpunkte von Landsmännern in Stadtparks, Lager aus Pappkartons im Winter, durchlaufene Schuhe, die Skrupellosigkeit von Schleppern, Mißhandlung und Polizeigewalt. Und mittendrin zwei Kinder, die sich gegenseitig Kraft geben und am Leben halten und diesen Wahnsinn zusammen durchmachen. Aryan, der nach besten Kräften versucht, für sich und den kleinen Bruder die richtigen Entscheidungen zu treffen und Kabir, der mit seinem unbedarften, fröhlichen Wesen Herzen öffnet. In dessen Gesicht die Männer auf der Flucht ihre Kinder oder Brüder wiederfinden, die sie zurücklassen mussten. Die Geschichte vom „Niemandsland“ ruft ein fast schmerzendes Bewusstsein für das Unrecht hervor, das Menschen auf der Flucht widerfährt, dass sich nicht mehr so einfach wegschalten lässt. Es sind eben nicht mehr nur „die Flüchtlinge“, es sind jetzt Aryan, Kabir, Hamid, Jonah oder Khaled, die diese unerträglichen Zustände aushalten müssen. Eigentlich hatte ich das Buch als Jugendbuch gekauft, wir haben es dann aber zusammen gelesen und das war auch gut so. Caroline Brothers hat eine Geschichte aus vielen Fluchtgeschichten unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge aufgezeichnet. Wer sie liest, wird nicht mehr mit Parolen gegen Flüchtlinge hetzen können, sondern ihnen mit Verständnis begegnen. „Niemandsland“ ist auch ein Buch für Erwachsene gegen die Gleichgültigkeit auf dieser Welt.
Obwohl die „Vorstadtkrokodile“ bereits Ende der 70er geschrieben wurden und das Buch schon in meiner Kindheit erfolgreich war, habe ich es jetzt erst kennengelernt, als ich es meinen Jungs vorgelesen habe. Und nach den ersten Seiten dachte ich ehrlich gesagt nicht, dass es ihnen gefallen würde. So wie uns viele der Vorabendserien unserer Kindheit inzwischen fast wie in slow motion erscheinen, beginnt auch dieser Roman äußerst entschleunigt und hat erst mal mit dem Leben der meisten Kinder heute wenig gemein. Die Krokodiler, wie sich die Kinderbande selbst nennt, leben in einer Siedlung im Ruhrpott in eher einfachen Verhältnissen. Die Eltern der Kinder arbeiten Schicht oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht und müssen zusehen, dass das Geld bis zum Ende des Monats reicht. Statt also in den Verein oder zum Musikunterricht zu gehen, verbringen die Kinder ihre Nachmittage im nahe gelegenen Wäldchen und in der alten Ziegelfabrik. In der Nachbarschaft wohnt auch Kurt, der im Rollstuhl sitzt. Als es zu einer Einbruchsserie in der Siedlung kommt, macht er eine wichtige Beobachtung. Obwohl sich die Krokodiler anfangs dagegen sträuben, Kurt in ihre Bande aufzunehmen, gehen sie schließlich gemeinsam auf Einbrecherjagd. Max von Gruen hat dieses Buch für seinen körperbehinderten Sohn geschrieben, der ebenso wie die Romanfigur Kurt zwar körperlich benachteiligt ist, dafür aber sehr clever und aufgeweckt. Er wollte mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, dass auch ein behindertes Kind dazugehören kann, wenn die Gesellschaft offen ist und bereit, neue Wege zu gehen. So entstand dieser Roman als wichtiges Werk zum Thema Inklusion, lange bevor dieser Begriff in aller Munde war. Ich musste das Buch dann tatsächlich in einem Rutsch auf einer langen Fahrt vorlesen und sowohl mein 3.- als auch mein 8.- Klässler waren total begeistert. Und ich bin froh, dass ich diesen Klassiker endlich kennengelernt habe.
