Könnt ihr Euch an Situationen erinnern, in denen ihr richtig gute Gespräche mit Euren Kindern, dem Partner oder einer Freundin geführt habt?
Falls Euch jetzt Bilder von Autofahrten oder Spaziergängen in den Sinn kommen, ist das keineswegs Zufall. Denn gerade über Unangenehmes oder sehr Persönliches lässt sich bewiesenermaßen leichter sprechen, wenn sich zwei Menschen nicht direkt ansehen, sondern gemeinsam etwas Drittes betrachten, wie beispielsweise die Landschaft.
Drei-Punkt-Gespräch nennt sich diese Situation und ich war sehr dankbar, als mir meine pädagogisch gebildete große Schwester letzthin die Theorie zu dem lieferte, was mir mein Bauchgefühl schon lange nahegelegt hatte. Ehrlich gesagt war es weniger meine Intuition als vielmehr die Erfahrungen, die ich als Teenager mit meinem Vater gesammelt hatte, die mich lehrten, dass bei ernsten Gesprächen von Angesicht zu Angesicht wenig mehr herauskommt als eine Vergrößerung der Gräben. Wenn er mich damals in sein Arbeitszimmer zitierte, weil ich mich entgegen seinen Vorstellungen verhalten oder tatsächlich etwas angestellt hatte, und ich ihm kleinlaut gegenübersaß, führte das meist zu hilflosem Schulterzucken, weil ich keine Antwort auf seine Fragen wusste, zu langem Schweigen, während ich mit meinen Gefühlen rang und nicht selten zu Tränen, weil ich mich so unverstanden fühlte.
Aufgrund dieser unguten Erfahrungen wehrte ich mich dann auch als erwachsene Frau und Mutter gegen elterliche Gespräche am Küchentisch, um Probleme mit den Kindern zu klären. Allein schon die Vorstellung, dass ein Kind sich beiden Eltern gegenüber erklären sollte, fand ich überfordernd. Dennoch führten mein Mann und ich Jahrzehnte später exakt dieselbe Art von Gesprächen, wobei der Begriff Gespräch ihnen sicherlich nicht gerecht wird. Das Kind fühlte sich in die Enge getrieben, schwieg die meiste Zeit, das Sprechen mischte sich mit Tränen der Wut und Trauer. Herausgekommen ist nur Frust bei allen Beteiligten. Wie schön wäre es gewesen, hätten wir uns damals schon anders zu helfen gewusst.
Das beste Gespräch meines Lebens hatte ich mit meinem großen, eher schweigsamen Sohn, als ich entgegen meinen Gewohnheiten (ich gehe normalerweise sehr früh ins Bett) mit ihm um 23 Uhr zu einem Nachtspaziergang aufbrach, der damit endete, dass wir um halb zwei Uhr morgens Pommes in den Ofen schoben. Es war eine Nacht, in der ich meine Komfortzone verließ, um eines der selten offenen Fenster zu nutzen, die Nähe und echten Austausch erlauben. Natürlich lassen nicht alle im Raum stehenden Probleme zu, dass man auf die richtige Gelegenheit wartet, das ein oder andere aber schon.
Mal sehen, wann sich so ein Moment wieder einmal ergeben wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns dabei bewegen werden, ist ziemlich hoch.



Im Urlaub habe ich das Buch „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells gelesen und es hat mich noch lange danach beschäftigt. Es erzählt davon, welch unterschiedliche Strategien drei Geschwister, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen, entwickeln, um mit diesem tragischen Verlust fertig zu werden. Wirklich aufgearbeitet wird er eigentlich nie und so reichen seine Folgen weit in das Leben der inzwischen Erwachsenen hinein. Ich habe meine Mutter im Alter von zwölf Jahren verloren, nicht plötzlich, aber doch ziemlich unvorbereitet. Man möchte Kinder nicht belasten und spricht deshalb mit ihnen oft nicht über Krankheit und Tod, ganz nach dem Motto, was man nicht ausspricht, ist auch nicht da. Aber man kann Kinder nicht vor dem Schmerz bewahren, man kann sie höchstens mit ihm allein lassen. Lange Zeit nach dem Tod meiner Mutter habe ich in einer Buchhandlung ein Buch entdeckt ( dessen Titel ich leider nicht mehr kenne), in dem sich eine an Krebs erkrankte Mutter gemeinsam mit den Kindern auf ihren Tod vorbereitet und mit ihnen ein Erinnerungskästchen füllt, das sie nach ihrem Tod in die Hand nehmen können, wenn sie traurig sind und die Mutter vermissen. Etwas, das ihnen über den Tod hinaus bleibt, eine Verbindung und gemeinsame Erinnerung. Ich fand diesen Weg wunderschön und hätte mir auch so eine Vorbereitung und Hilfestellung gewünscht. Aber wer kennt sich schon aus mit dem Sterben? Der plötzliche Tod lässt sich natürlich überhaupt nicht vorbereiten, aber anders als bei Benedict Wells, kann man Kinder zumindest danach unterstützen, ihn aufzuarbeiten. Die drei Geschwister seines Romans kommen nach dem schweren Schicksalsschlag ins Internat und werden mit ihren Gefühlen fast völlig allein gelassen. Kinder sind nicht blöd, sie sind fühlig. Solltet ihr in eurer Familie mit Krankheit und Tod konfrontiert werden, gebt ihnen Antworten auf ihre Fragen, auch wenn ihr selber Angst habt vor dem, was da kommen mag. Natürlich altersgerecht und mit der Souveränität des Erwachsenen. Nehmt die Kinder mit auf diese Reise, soweit das möglich ist. Dann werden sie danach vielleicht leichter wieder ins Leben zurück finden.
