
Das ist meine erste Barbie. Ich kann mich zwar nicht mehr an ihren Namen erinnern, aber ich weiß, dass sie mein Frauenbild nachhaltig geprägt hat. Zumindest hatten alle Frauen, die ich als Kind und Jugendliche gezeichnet habe, Beine, die 2/3 ihrer Körperlänge ausmachten. Meine Eltern versuchten zwar, Barbies Einzug in unseren Haushalt zu verhindern, aber sie waren machtlos. Ich wollte sie und nur sie. Zumindest schafften sie es, mit ihrer Wahl ein Statement für „Diversity“ und gegen blondes Haar und blaue Augen zu setzen. Als ich dann heranwuchs, hörten meine Beine viel zu früh auf, emporzustreben, mein Busen kam über einen A-Cup nicht hinaus, die Taille blieb androgyn und noch so einiges andere entsprach gar nicht meinen Erwartungen. Verglichen mit Barbie war ich ein echtes Mängelexemplar, sofort zu retournieren. Es fiel mir schwer, meine Vorzüge zu sehen, was ich nicht allein ihr in die Schuhe schieben will. Das Glück, zu einem selbstbewussten Menschen heranzuwachsen und sich so zu mögen, wie man ist, ist nicht vielen gegeben.
Als ich Mutter zweier Söhne wurde, war ich froh, dass zumindest ihnen dieses Schönheitsideal nicht würde gefährlich werden können, selbst, wenn ich ihre Zimmer mit Barbiepuppen hätte tapezieren wollen (mal die Spätfolgen bei der Wahl der zukünftigen Schwiegertöchter in spe außen vor gelassen). Um so geschockter war ich, als ich letzthin im Bad mitbekam, wie sich meine Jungs gegenseitig mit ihren „Speckpacks“ * neckten. Meine ganz normalen, noch ziemlich jungen Kinder machen sich Gedanken über ihr Aussehen! Von wegen Barbie. Sie haben längst ihre eigenen Kens gefunden, Youtuber, die mit nacktem Oberkörper samt Sixpack Fitnessübungen vorturnen. Sie haben sich von uns ganz unbemerkt ins Kinderzimmer geschlichen und wir können dagegen so wenig tun, wie meine Eltern seinerzeit. Und Barbie ist ein ****dreck gegen das heutige Angebot von durch Make up, Filter und Photoshop optimierter scheinbar perfekter Vorbilder. Ich werde das ein oder andere Stoßgebet zum Himmel schicken und hoffen, meine Kinder werden sich dem Einfluss so manchen Influencers, deren Namen nicht umsonst dem der Influenza ähnelt, entziehen können( das war jetzt höchst unsachlich). Und natürlich auch sonst alles tun, um sie stark zu machen. Ansonsten wohl abwarten und Tee trinken.
Ein wenig nostalgisch werde ich trotzdem, wenn ich meine Barbie so dasitzen sehe. Wir haben viele schöne Stunden zusammen verbracht.
* Beim „Speckpack“ handelt es sich in diesem Falle um einen ganz normalen Bauch, bei dem sich kein Sixpack abzeichnet.

Obwohl die „Vorstadtkrokodile“ bereits Ende der 70er geschrieben wurden und das Buch schon in meiner Kindheit erfolgreich war, habe ich es jetzt erst kennengelernt, als ich es meinen Jungs vorgelesen habe. Und nach den ersten Seiten dachte ich ehrlich gesagt nicht, dass es ihnen gefallen würde. So wie uns viele der Vorabendserien unserer Kindheit inzwischen fast wie in slow motion erscheinen, beginnt auch dieser Roman äußerst entschleunigt und hat erst mal mit dem Leben der meisten Kinder heute wenig gemein. Die Krokodiler, wie sich die Kinderbande selbst nennt, leben in einer Siedlung im Ruhrpott in eher einfachen Verhältnissen. Die Eltern der Kinder arbeiten Schicht oder sind von Arbeitslosigkeit bedroht und müssen zusehen, dass das Geld bis zum Ende des Monats reicht. Statt also in den Verein oder zum Musikunterricht zu gehen, verbringen die Kinder ihre Nachmittage im nahe gelegenen Wäldchen und in der alten Ziegelfabrik. In der Nachbarschaft wohnt auch Kurt, der im Rollstuhl sitzt. Als es zu einer Einbruchsserie in der Siedlung kommt, macht er eine wichtige Beobachtung. Obwohl sich die Krokodiler anfangs dagegen sträuben, Kurt in ihre Bande aufzunehmen, gehen sie schließlich gemeinsam auf Einbrecherjagd. Max von Gruen hat dieses Buch für seinen körperbehinderten Sohn geschrieben, der ebenso wie die Romanfigur Kurt zwar körperlich benachteiligt ist, dafür aber sehr clever und aufgeweckt. Er wollte mit Vorurteilen aufräumen und zeigen, dass auch ein behindertes Kind dazugehören kann, wenn die Gesellschaft offen ist und bereit, neue Wege zu gehen. So entstand dieser Roman als wichtiges Werk zum Thema Inklusion, lange bevor dieser Begriff in aller Munde war. Ich musste das Buch dann tatsächlich in einem Rutsch auf einer langen Fahrt vorlesen und sowohl mein 3.- als auch mein 8.- Klässler waren total begeistert. Und ich bin froh, dass ich diesen Klassiker endlich kennengelernt habe.



Ich erinnere mich wirklich nicht an viele Dinge aus meiner Kindheit, aber der Spaziergang mit der Familie am Ostersonntag im Park mit Ostereiersuche gehört zu den Erlebnissen , die ich nie vergessen habe. Wenn das Wetter einigermaßen gut war, haben wir diesen Spaziergang immer gemacht und tun dies auch heute noch in den seltenen Fällen, dass sich die Familie an Ostern mal zusammenfindet. Und welcher Spaß, sich an die lustigen Vorfälle zu erinnern, wie etwa das im Erdloch verschwundene Ei, dass nicht mehr aufzufinden war oder wie mein Vater ein Loch in seiner Hosentasche nutzte, um die Eier ungesehen durch das Hosenbein ins Gras kullern zu lassen.
Seit einigen Wochen grinsen mir Eltern von Litfaßsäulen und Plakatwänden entgegen, die stolz auf ihre Kinder sind, weil sie sich für eine Ausbildung entschieden haben. Es ist erst mal nichts Verkehrtes daran und sicher sogar notwendig, für Ausbildungsberufe zu werben in Zeiten, in denen mehr als 40% aller Jugendlichen eines Jahrgangs in Deutschland das Abitur machen. Was mir daran aufstößt, ist, dass es in erster Linie mal wieder um die Eltern und nicht um die Kinder geht. Ein Symptom unserer Zeit, in der sich Eltern dazu berufen fühlen, das Optimum aus ihren Kindern herauszuholen (um ihnen für später optimale Chancen zu ermöglichen, sich im Kampf gegen den sozialen Abstieg zu behaupten). Während in den 50ern klar war, dass die Eltern bei der Berufswahl ohne große Diskussionen den Ton angaben, hatte unsere Generation viele Freiheiten, den eigenen Weg einzuschlagen. Heute scheinen die Möglichkeiten derart unbegrenzt, dass ein wenig Entscheidungshilfe die Wahl erleichtern mag, aber das Problem ist eigentlich ein ganz anderes: Viele Eltern haben kein Vertrauen, kein Zutrauen mehr in ihre Kinder. Während bei uns die Grundschulzeit meist beiläufig von statten ging, sorgen sich heute Eltern schon lange vor der Einschulung um den schulischen Erfolg ihrer Kinder. Anstatt dem Kind erst mal zuzutrauen, dass es seine Hausaufgaben alleine bewältigen wird und das Thema Schule an sie abzugeben, wird kontrolliert und korrigiert. Die Kinder lernen von Anfang an, wenn sich Mama oder Papa nicht jeden Tag mit mir hinsetzten und mir helfen, schaffe ich es nicht. Ich kann nichts ohne sie. Da wird ein Teufelskreis aus Entmutigung und Bestätigung des Systems kreiert. Natürlich muss ich es als Elternteil auch aushalten, wenn die Hausaufgabe meinen Ansprüchen nicht genügt. Aber um das zu beurteilen, gibt es ja eigentlichen den/die Lehrer(in). Ich spreche nicht von Kindern, die tatsächlich Förderbedarf haben. Ich sprechen von jenen, die jahrelang in die Schule gebracht werden, weil man ihnen nicht zutraut, den Schulweg alleine bewältigen zu können. Ich spreche von jenen, die ab der 2.Klasse mit Nachhilfe auf das richtige Übertrittszeugnis ( <2,33) getrimmt werden, um dann kreuzunglücklich im Gymnasium zu landen. Und die von klein auf zusätzliche Kurse besuchen, um optimal aufs Berufsleben vorbereitet zu werden. Ihre Eltern spricht diese Kampagne an – ihr habt alles richtig gemacht, Projekt Optimierung erfolgreich abgeschlossen, auch wenn es dann mit dem Studium doch nicht geklappt hat. Bitte nicht falsch verstehen, ich finde eine Berufsausbildung eine wunderbare Sache, wenn sich das Kind dafür interessiert. Ich würde mir nur wünschen, dass es mehr jungen Menschen erst mal schnurzpiepegel ist, ob ihre Eltern stolz auf ihre Berufswahl sind oder nicht. Denn das sollte nicht die Motivation sein.
Ich finde es unheimlich spannend, wie unterschiedlich Kinder so ticken. Dass das eigene Kind mit dem einen Freund immer raufen muss und mit dem anderen über Stunden hinweg ruhig und harmonisch spielen kann. Wie sich ein neuer Freund verhält, wenn er das erste Mal zu uns nach Hause kommt. Wie Kinder Konflikte untereinander lösen oder mit dem Kopf durch die Wand gehen. WIE unterschiedlich Kinder aber tatsächlich in den kleinsten Dingen sind, begriff ich tatsächlich erst so richtig, als ich das erste Mal Erstklässler beim „Fußgängerdiplom“ begleitete. Zu diesem Zweck üben die Kinder in den Wochen vorher mit ihren Lehrer(inne)n, eine festgelegte Strecke mit Ampeln, Zebrastreifen und Einfahrten sicher abzugehen und dabei auf mögliche Gefahren zu achten und sich entsprechend zu verhalten. Am Tag der Prüfung laufen dann einige Eltern als Prüfer in gebührendem Abstand hinter den Kindern her und notieren auf einem Zettel, ob sie das Gelernte gut umgesetzt haben. So also auch ich. Mein erster Prüfling lief so schnell los, dass ich Mühe hatte, mitzuhalten. Getrieben von einer zuversichtlichen Energie, meisterte er seine Aufgaben souverän. Außer Atem (also ich), aber zufrieden erreichten wir das Ziel. Das zweite Kind wagte kaum, mich bei unserer Begrüßung anzusehen. Die Aufgabe schien mühsam, in zaghaften Schritten tastete es sich voran und schaute bei der grünen Ampel so lange nach, ob auch tatsächlich kein Auto käme, dass diese wieder auf Rot sprang, kaum hatte er endlich die Straße betreten. Ich wollte ihm am liebsten die Last des Lebens von seinen Schultern nehmen und ihm einen großen Gasluftballon in die Hand drücken, damit er nur einmal das Gefühl von Schwerelosigkeit erfahre. Ach. Eine lange Zeit später kamen wir wieder am Startpunkt an, wo mich ein Mädchen als dritter Prüfling erwartete. Sie fing sogleich an, sich mit mir zu unterhalten und ich musste sie darauf aufmerksam machen, dass dies nicht so gedacht sei und sie selbständig vorausgehen solle. Wo es denn lang gehe, fragte sie. Hast du denn nicht mit den anderen Kindern geübt? Doch, aber ich weiß den Weg nicht mehr so genau. Sie schlenderte von rechts nach links, betrachtete ein Blümchen am Wegesrand, drehte sich immer mal wieder zu mir um, um mich mit großen fragenden Augen anzusehen, ob wir uns denn noch in der richtigen Galaxie befänden. Tippel hier, Tippel dort, feengleich kaum den Boden berührend und nur rein physisch anwesend. Unglaublich großartig, wie unterschiedlich so ein kleines Menschenwesen durch die Welt geht, wie unterschiedlich es seine Umgebung wahrnehmen mag, wie es sich in diesem Kosmos empfindet. Und ich dachte, Gehen sei einfach Gehen. Nein, es haben sich mir kleine Menschenreiche gezeigt, von denen ich zuvor nichts geahnt hatte. Und es lohnt ein Blick auf die kleinen Dinge, während wir nach dem Großen streben, der richtigen Schule, dem richtigen Instrument, der richtigen Sportart und dem richtigen Beruf. Ob wir dabei wirklich immer unsere Kinder SEHEN?