Omikron schlägt gerade überall zu, Freunde und Bekannte von uns sind betroffen, manchmal sogar die ganze Familie. Das Problem bei der Diagnostik ist gerade die Unzuverlässigkeit der Tests, nicht nur die der Schnelltests, sondern auch die der PCR Tests. Wer auch immer aufgrund einer Infektion bereits den Wahnsinn der täglichen Testung mitgemacht hat, erzählt davon, dass Tests an ein und demselben Tag morgens anschlagen können, abends aber nicht (oder umgekehrt), und weiß zu berichten, dass der Schnelltest positiv, der PCR Test aber am gleichen Tag negativ sein kann und umgekehrt. Die Virenlast scheint vor allem gegen Ende der Infektion so hoch zu sein, dass das Freitesten, wenn man eigentlich keine Symptome mehr hat, zum Pokerspiel werden kann. Ich selbst musste kürzlich von einem Job nach Hause gehen, weil der Schnelltest am Morgen vor Ort angeschlagen hatte. Der PCR und alle Schnelltests im Nachgang waren negativ und ich hatte auch keinerlei Krankheitssymptome. Der Job war futsch, die Kohle auch, so ist das mit den Selbständigen. Die Lage gleicht gerade jedenfalls eher einem Glücksspiel als solider Wissenschaft. Ich würde dafür plädieren, dass es selbstverständlich sein sollte, zuhause zu bleiben, wenn man Krankheitssymptome hat und auch dann testet, wenn es nur leichte Symptome sind. Das ins Blaue hineintesten, vor allem von Geboosterten, die ja scheinbar eine extrem schwer nachzuweisende Viruslast zu Beginn einer Infektion haben, führt jedenfalls gerade zu mehr Verunsicherung als zu wirklichem Nutzen. Vielleicht müsste man ja nicht nur bei der Impfung, sondern auch bei den Tests nachjustieren. So ist das jedenfalls keine runde Sache.
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Tägliche Begegnungen und Begebenheiten
Happy 2022!

Ohne viel Gedönse und große Worte:
ich wünsche Euch ein gutes, neues Jahr-so gut es eben gehen wird 2022. Lassen wir uns nicht unterkriegen und begegnen wir dem vielen Hass im Netz und der Welt mit extra viel Liebe.
Let love rule!
Buchtipp!
Eine Freundin fragte mich vor Kurzem, ob ich nicht mal wieder ein Buch vorstellen könne. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Wochen keine Bücher gelesen hätte, aber damit ich sie vorstelle, müssen sie schon einige Kriterien erfüllen. Sie sollten nicht zu speziell sein, d.h. mich nicht nur aus ganz persönlichen Beweggründen wie beispielsweise meiner eigenen Familiengeschichte interessieren. Und ich muss auch keine Bücher vorstellen, die sowieso schon in aller Munde sind, weil sie entsprechend Publicity haben, wie beispielsweise „Unter Menschen“ von Juli Zeh. Auch wenn es das erste Buch war, das ich von ihr gelesen habe, das ich mochte. Frau flieht vor ihrem Leben und dem corona- und klimaüberkorrekten Lebensgefährten aus Berlin nach Brandenburg, wo sie einen überzeugten Nazi zum Nachbarn bekommt. Bald beschäftigt sie die Frage, ob ein Nazi wirklich immer automatisch ein Arschloch ist oder ob es neben dem Schwarz und Weiß auch noch Grautöne gibt. Weil Menschen nicht immer in ihre Schubladen passen. Sehr unterhaltsam, aber ich wollte das Buch ja gar nicht empfehlen;-)
Das wichtigste Kriterium für eine Buchvorstellung- es muss mich irgendwie begeistern und nicht nur ganz nett sein. Und das trifft auf die Bücher „Piccola Sicilia“ und „Jaffa Road” von Daniel Speck zu. Ich habe mich allerdings dagegen gewehrt, sie zu mögen. Denn eigentlich ist von allem zu viel, die Verflechtungen, die Erzählstränge, die Charaktere sind zu groß, die Liebe zu tief, die Augen zu dunkel. Aber dieser Mann kann einfach schreiben, man bemerkt sofort seine Tätigkeit als Drehbuchautor, so filmisch sind manche Szenen. Man sieht die Straßen, Menschen und Landschaften vor sich. Jedes Kapitel endet mit einer Art Cliffhanger, so dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Das Fesselndste aber ist der geschichtliche Hintergrund seiner Romane. Unter französischer Besatzung waren viele Sizilianer nach Tunesien eingewandert, um ein neues Leben zu beginnen. So entstand das Viertel „Piccola Sicilia“ in Tunis, in dem zu Beginn der 1940er Jahre Juden, Muslime und Christen in guter Nachbarschaft miteinander lebten. 1942 gelangt auch der junge Fotograf Moritz Reincke dorthin, um heroische Bilder von Rommels Afrikafeldzug für die Wochenschau zu liefern. Dass an diesem Feldzug überhaupt nichts heroisch ist und die Truppen längst auf dem Rückzug sind, blendet er ebenso aus wie seinen Anteil an den Taten der Nationalsozialisten. Das ändert sich, als er eine unvorhergesehene Entscheidung trifft und bald darauf die Alliierten einmarschieren. Moritz taucht unter und nimmt eine neue Identität an.
„Jaffa Road“ ist die Fortsetzung des Lebens des Moritz Reincke und deshalb kann ich kaum etwas darüber erzählen, ohne zu verraten, wie der erste Teil geendet hat. Nur so viel: wer sich für die Staatsgründung Israels, die Vertreibung der Palästinenser und das schwierige Verhältnis von Juden und Arabern vor seinem historischen Kontext interessiert, den wird auch dieser Band fesseln. Wie anfangs angedeutet, geht es natürlich neben dem Verlust von Heimat, Vertreibung und Identität, hinreichend um Liebe, Familie und Freundschaft. Die Geschichte ist mir vor allem in der Gegenwartsebene etwas zu konstruiert, aber all die Bruchstücke und Mikropartikel der Erzählung, die Verletzungen und das Leid der Vertriebenen, von Juden wie Palästinensern, sind mit Sicherheit so oder so ähnlich tausendfach geschehen und geschehen noch immer. Ich bin jetzt bei Seite 499 und weiß noch nicht, wie sie ausgeht, die Geschichte vom Leben des Moritz Reincke. Aber ich freue mich schon auf meine Tasse Tee am Ofen, wo ich wieder tief in die Jaffa Road abtauchen werde und weiß jetzt schon, dass ich es sehr bedauern werde, wenn ich auf der letzten Seite angekommen bin.
„Piccola Sicilia“ von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70162-9
„Jaffa Road” von Daniel Speck, Fischer Verlag, ISBN 978-3-596-70384-5
Paralleluniversum
Als mein Mann uns im Oktober begeistert die TopTen der Jugendwörter des Jahres präsentierte, machten sich unsere Jungs über die Auswahl erstmal lustig. Dabei hatte ich zumindest das Wort des Jahres „cringe“ gefühlt viele hundert Mal gehört, wenn ich gerade einschlafen wollte und mein fast erwachsenes Kind, emotional völlig entfesselt, aus dem Nebenzimmer beim Zocken vor sich hin gebrüllt hatte: „Ich bin so cringe!“ oder auch „Du bist so cringe!“, wie auch „Er/Sie/Es ist so cringe!“ Meint in diesem Zusammenhang in etwa, dass es ihm total peinlich ist, wie schlecht (je nachdem) er selbst oder jemand anderes gerade spielt.
Wenn sich die Youngster miteinander unterhalten, versteht ein Erwachsener sowieso nur wenig, weil sie sich auch in der echten Welt vor allem über die virtuelle verständigen, mit allen dazugehörigen Fachtermini, gespickt mit lässigen, englischen Ausdrücken. Das mit dem „random“ und seiner Anwendung habe ich bis heute nicht kapiert, es ist irgendwas mit Zufall. Also, so ähnlich wie: Ich stehe random an der Bushaltestelle, als mein Brudi vorbeikommt. Oder stehe ich doch eher an der Bushaltestelle und der Brudi kommt random vorbei? Ich bin so schlecht damit, aber auch mindestens dreissig Jahre zu alt, um es überhaupt zu versuchen. Also, ich lasse es jetzt wieder.
Sie leben eben in ihrem eigenen Kosmos und ich bin froh, dass ich zumindest ab und an mal einen kleinen Blick auf ihn werfen darf. Wusstet ihr beispielsweise, dass sich Jungs im Jahr 2021 tatsächlich eine Dauerwelle verpassen lassen, um diesen angesagten Look mit abrasierten Seiten und lässig verwuscheltem, lockigen Haar tragen zu können? Ich dachte, all die wunderschönen Locken seien echt und nur ich hätte keine. Und dass die Dauerwelle mit den 80ern untergegangen wäre. Von wegen. Beruflich eigentlich am Puls der Haartrends, schlug ich meinem Sohn letztens, nicht ganz ernsthaft vor, jetzt auf Mittelscheitel zu wechseln, weil das ja wieder ziemlich angesagt sei. „Ach Mama, das haben die bei uns an der Schule schon eeeewig!“( Er zog das e so weit in die Länge, dass auf jeden Fall ankommen musste, wie sehr ich draußen war. ) „Ach ja?“, erwiderte ich „Wie lange denn?“ „Bestimmt so ein Jahr.“ Tja, so ist das mit den Trends, bis sie bei den letzten ankommen und nicht mehr als sonderbar empfunden werden, vergehen schon gerne mal drei Jahre, so war es mit der Culotte, mit den ugly sneakers oder den oversize Pullovern. Da bin ich mit meinem Jahr gar nicht so schlecht, finde ich.
Schön, Jungs, dass ihr mich gelegentlich an eurem Paralleluniversum teilhaben lasst. Und macht gar nichts, dass ich nicht alles verstehe.
Säbelzahneichhörnchen und ihre Verwandten
Fast zwanzig Jahre ist es her, dass mich Scrat, das Säbelzahneichhörnchen, in dem Film „Ice Age“ mit seiner, sagen wir mal, überambitionierten Jagd nach der Nuss amüsierte. Aber erst dieses Jahr entdeckte ich die erstaunlichen Parallelen zu unseren hiesigen Eichhörnchen. Dreimal schon passierte es, dass Exemplare dieser Gattung auf ihrer leidenschaftlichen Suche nach Nüssen um Haaresbreite über meine Füße gestolpert wären, um mich anschließend, in Schockstarre befindlich und mit aufgerissenen Augen, verwundert zu betrachten, während sie zu überlegen schienen, wie ich aus dem nichts hatte auftauchen können. Dass ich mich in Wahrheit seit geraumer Zeit an diesem Ort befunden hatte, war ihnen komplett entgangen. Ein lustiges Völkchen.
Anfang & Ende
Heute ist in Bayern der erste Schultag nach den Sommerferien. Spannung liegt bei den Kindern in der Luft. Wie die Lehrer*innen wohl sein werden? Neben wem sie sitzen werden? Aber auch Vorfreude, die Freunde wieder zu sehen. Und ich, ich freue mich auch. Auf den ein oder anderen Vormittag, an dem ich wieder ganz allein sein werde. Ein vielversprechender Neubeginn.
Gestern konnte ich das erste Mal meinen Morgenkaffee vor der Arbeit nicht mehr draußen auf dem Balkon trinken. Ich hätte natürlich können, aber ich wäre ich Dunkeln gesessen, anstatt wie in den vergangenen Monaten hingebungsvoll die Morgensonne zu genießen. Schade, dass diese Zeit vorbei ist. Jetzt heißt es wieder geduldig warten auf das nächste Frühjahr.
Anfang und Ende. Immer so nah beieinander.
Auf dem Einwohnermeldeamt
Über dieses Thema wollte ich mich schon lange mal auslassen, denn dort einen Termin zu bekommen ist kaum weniger schwer als eine Audienz beim Papst. Umso erfreulicher, dass mir heute so Wunderliches widerfuhr.
Ein älterer Herr mir gegenüber musste sich ausgiebig schnäuzen und schob zu diesem Zwecke seine Maske einfach nach oben. Der Anblick dieses Superhelden bedurfte all meiner Körperbeherrschung, um nicht vor Lachen zusammenzubrechen. Ja, auf dem Einwohnermeldeamt kann man was erleben…das Warten hat sich gelohnt.

Vom stillen Leid
Heute möchte ich den Gastbeitrag einer jungen Frau mit Euch teilen, in dem sie auf das oft unerkannte, stille Leid von Menschen aufmerksam machen möchte, die an Bulimie leiden. Da die Betroffenen äußerlich meist ganz „normal“ wirken und weder durch starkes Über- noch Untergewicht auffallen, ahnen viele in ihrem Umfeld nichts von ihrer Erkrankung.
Und wenn du dir manchmal wünschst, dass du aus deinem Leben einfach herausschlüpfen kannst…einfach Cut, Vorbei, Ende. Und ein Neuanfang.
Wenn es denn so einfach wäre.
Wie oft habe ich schon gesagt, heute ist Schluss, heute ist der letzte Essanfall. Heute ist der letzte Essanfall, weil ich mich nicht länger kaputt machen will.
Weil meine Zähne aufhören sollen, zu schmerzen, weil ich nicht länger büschelweise Haare ausfallen sehen möchte, weil ich endlich meine Periode regelmäßig bekommen möchte. Und weil es vor allem ganz furchtbar ist, nach jedem Essanfall das Essen wieder durch Erbrechen loszuwerden. Solange zu erbrechen, bis gelbe Galle kommt oder im Idealfall sogar Blut.
Und weil ich nicht mehr ständig diese totale Erschöpfung spüren möchte, die psychische und die körperliche. Die mich kaputt macht, die mich vom Schlafen abhält, weil ich viel zu erschöpft bin, um schlafen zu können.
Über die Bulimie wird in der Öffentlichkeit so gut wie nie geredet, weil die meisten Menschen mit Bulimie nicht durch ein extremes Körperbild aus der Gesellschaft herausstechen. Nicht durch extremes Untergewicht oder Übergewicht. Die Menschen leiden leise und einsam, doch kaum einer hat den Mut, diese Menschen auf ihr Leiden anzusprechen. Auf diese Menschen wird höchstens still und heimlich gezeigt und hinter ihren Rücken getuschelt.
Die an Bulimie erkrankten Menschen gehen meist lautlos und unauffällig durch die Welt, leiden extrem und haben oft niemanden, mit dem sie über die Erkrankung sprechen können, da sich die Betroffenen extrem schämen. Schämen wegen ihres abnormalen Verhaltens, wegen ihrer finanziellen Sorgen, die durch die häufigen Lebensmitteleinkäufe entstehen, wegen der Lebensmittelverschwendung, die sie betreiben, wenn all das Essen in der Toilette landet.
Ich hatte alle drei Formen der Essstörung und seit mittlerweile fast 10 Jahren Bulimie, glücklicherweise auch mit großen Pausen ohne eine Form der Essstörung.
Und während ich diesen Text hier schreibe, stopfe ich mir Eis und Schokolade rein in dem Wissen, dass ich das und all die anderen Massen an Lebensmitteln in 15 Minuten wieder loswerde, um danach wie immer feinsäuberlich alle Spuren aus meiner Wohnung entfernen werde, das Bad putzen, die Wohnung putzen, den Müll runterbringen, aus der tiefen Hoffnung heraus, dass ich morgen wieder einen guten Tag schaffen werde.
Ich hoffe, ich kann eines Tages endgültig aus meiner persönlichen Hölle aussteigen in dem Wunsch, ein freies und erfüllendes Leben zu führen.
Corona hat die letzten 1,5 Jahre das Leben der Gesellschaft bestimmt, es war das vorherrschende Thema. Corona hat für für viele Menschen, die ohnehin schon psychisch belastet waren, noch zusätzliche Belastung in das Leben dieser Menschen gebracht und leider ist auch die Zahl der Menschen, die an einer psychischen Erkrankung oder Essstörung erkrankt sind, extrem gestiegen.
Meine Bitte an euch ist, nicht weg zu schauen. Egal ob ihr Menschen im Freundes- oder Familienkreis habt, die an einer psychischen Erkrankung oder Essstörung leiden oder ob ihr Menschen auf der Straße seht, denen es offensichtlich nicht gut geht, schaut nicht weg, sprecht sie an und fragt nach. Vielleicht kann das dem einen oder anderen zumindest vorübergehend ein Gefühl des gesehen Werdens vermitteln.
Randnotiz

Mit Bedauern las ich, dass der gute, alte Papier-Führerschein, treffend bezeichnet als „der Lappen“, jetzt doch in ein fälschungssichereres Exemplar im Scheckkartenformat umgetauscht werden soll. Wie schade.
Seit ich ihn vor fast dreißig Jahren erworben habe, freue ich mich auf den Moment, in dem ich als hutzelige, alte Dame bei einer Verkehrskontrolle, die womöglich aufgrund nicht mehr allzu vertrauenswürdig erscheinenden Fahrens stattfände, meinen zerschlissenen Lappen mit dem Jungmädchengesicht hervorzaubern und den kontrollierenden Beamten oder die Beamtin mit meinen dritten Zähnen anstrahlen würde, während sie verzweifelt nach Ähnlichkeiten zu der Person auf dem Foto suchten. Und ich mich diebisch freute.
Diese Möglichkeit wird mir nun ein für alle mal genommen. Wie schade.
Zweierlei Maß
König Fußball darf alles. Die UEFA darf alles. Und die Ungerechtigkeit schreit zum Himmel. Kein Wunder, dass sich bayerische Kulturschaffende darüber in einem offenen Brief an Ministerpräsident Söder empörten. Während bei den Spielen der EM in der Münchner Arena 14500 Fußballbegeisterte zugelassen sind und waren, dürfen Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel nur 1500 Besuchern Einlass gewähren. Dabei geht es dort meist weitaus gesitteter zu als im Stadion, wo sich die Menschen die Seele aus dem Leib brüllen und die Emotionen nur so kochen. Ich gebe zu, dass auch ich den ein oder anderen Fußballabend mit meinen Männern genossen habe – legendär das Spiel Frankreich gegen die Schweiz.
Aber vielleicht wäre es sinnvoller, endlich Möglichkeiten zu schaffen, wie junge Menschen mal wieder ausgelassen und coronakonform feiern können, ohne dass sie über kurz oder lang von der Polizei vertrieben werden, weil sie sich mangels Alternativen auf öffentlichen Plätzen tummeln müssen. Ab ins Stadion oder wie? Ein teurer Spaß. Es gibt zahlreiche Konzepte von Clubbetreibern, sei es mit Teststrategien im Vorfeld, der Abtrennung bestimmter Areale in einzelne Bereiche oder das Feiern an der frischen Luft. Hauptsache es tut sich wieder was. Es gäbe im Schlichten und Ordnen erfahrenes und bestqualifiziertes Personal namens Türsteher ( soweit es nicht inzwischen umgeschult hat), die den Polizeibeamt*innen ihre unliebsame Aufgabe abnehmen könnte und das vermutlich mit weniger Eskalationen, denn Türsteher genießen bei Feierwütigen meist weitaus mehr Sympathien als die Polizei.
Der Virologe Lars Dölken der Universität Würzburg sagte letztens im Interview der Nürnberger Nachrichten: „Wenn ich ein Stadion mit 50000 Personen habe, können natürlich eine Handvoll Infizierte darunter sein, die möglicherweise in ihrem direkten Umfeld ein paar andere anstecken können. Aber das sind keine Superspreader-Events, wie wir sie etwa in Kirchen oder in fleischverarbeitenden Industriebetrieben hatten. Wenn ich Sachen in Innenräumen mache, ist dieser Raum innerhalb von ein bis zwei Stunden eine Virusuppe, und das kann draußen eben nicht passieren.“
Das mag eine Einzelmeinung sein. Vielleicht aber auch nicht. Wieso machen wir dann so einen Zirkus um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die so viel nachholen wollen nach Monaten der Entbehrung? In denen sie auf so viele wichtige Erfahrungen verzichten mussten, die das Heranwachsen normalerweise so wertvoll machen. Versteht mich nicht falsch, ich bin noch immer für einen bedachten Umgang mit der Lage, aber bitte endlich mal mit gleichem Maß für alle.
Wie war das mit der Entschleunigung?
Als unsere Minister*innen und die ermattete Kanzlerin Anfang Mai tagten und jegliche Beschlüsse zu Lockerungen der Corona Maßnahmen vertagten, machte ich mir wirklich Sorgen, dass es in Deutschland bald zu einer Revolte kommen würde – nicht nur von Querdenkern, sondern auch von vielen anderen, die inzwischen ein ernsthaftes Problem mit den Entschlüssen der Politik hatten. Doch dann ging alles schnell. Kaum eine Woche später begannen einige Ministerpräsidenten, sich gegenseitig im Lockern zu überbieten und auf wundersame Weise purzelten die Inzidenzwerte, als gäbe es da einen Kausalzusammenhang. Bayreuth und gar Tirschenreuth inzwischen bei 0,0 und auch das geplagte Nürnberg endlich unter 40. Dazu eine freudige Überraschung nach der anderen. Was? Keine Testpflicht mehr beim Einkaufen? Einfach in einen Laden reingehen ohne Click and Meet? Ins Cafè und in den Biergarten mit bis zu zehn Personen aus unterschiedlichen Haushalten? Der Wahnsinn. Bis ich mir dieser wiedergewonnen Möglichkeiten bewusst geworden war, dauerte es ein Weilchen. Aber dann kam es endlich bei mir an. Ich würde mich wieder verabreden, Kino, Freibad, Cafe und startete eine Dating Offensive. Die Ernüchterung stellte sich binnen weniger Stunden ein. Auf einmal hatte niemand mehr Zeit, eben diese mit mir zu verbringen. Du, sorry, meine Wochenenden sind bis zu den Sommerferien verplant. Ich treffe mich gleich mit einer Freundin. Oh, du, schade, wir bekommen Besuch. Klar, muss man ja alles nachholen, all die aufgeschobenen Treffen, Aktivitäten und Hobbies. Und zu viel Zeit sollte man sich dabei ja auch nicht lassen, schließlich wissen wir nicht, wie umtriebig sich die Deltavariante bei uns zeigen wird. Also schnell leben, als gäbe es kein Morgen. Was waren das für Zeiten, als unsere Kontaktfamilie quasi exklusiv für uns verfügbar war. Klar, sie hatte ja ebenfalls kaum ein Alternativprogramm zu uns. Kurz angerufen, zusammen ein Käffchen mit Abstand im Freien, eine kleine Wanderung oder ein gemeinsames Abendessen. Hach, wie unkompliziert. Jetzt konkurrieren wir wieder mit einer Schar von Freund*innen aus Nah und Fern, Nachbar*innen und der lieben Verwandtschaft. Irgendwie doof. Aber dann hat mich die Welle doch noch mitgerissen und überrascht durfte ich gestern feststellen, dass ich an fünf aufeinander folgenden Abenden verabredet war. Also es ist einfach so passiert. Zwei davon habe ich bereits bewältigt und ich sage Euch, ich fühle mich völlig fertig. Ist man ja nicht mehr gewöhnt, so ein ausschweifendes Leben. Das mit dem Entschleunigen ist auf jeden Fall wieder Schnee von gestern. Aber ist ja auch endlich Sommer.
Angela und ich
Manchmal spüre ich eine tiefe Verbundenheit mit unserer Bundeskanzlerin. Nicht unbedingt, wenn sie gerade stoisch schweigt und abwartet, und auch nicht, wenn sie in einer Runde gewichtiger Staatsmänner das Sagen hat. Nein, es sind eher die stillen Momente, in denen wir uns nah sind, zum Beispiel beim Blick in den Badezimmerspiegel. Wenn ich mal wieder überrascht bemerke, dass mein Nackenhaar absteht, genauso wie ihres. Angie und ich teilen uns einen Wirbel, sie scheinen zumindest eine immens große genetische Übereinstimmung zu haben. Ihr Lebensraum sind unsere Nacken. Noch nie aufgefallen? Im Ernst? Wenn Angela abgekämpft aus der Sitzung kommt und trotz offensichtlich hingebungsvoller Mühe ihrer Coiffeure, reichlich Toupage und Haarspray das Nackenhaar unvorteilhaft absteht? Wer hört denn da noch zu, was sie in der Pressekonferenz zu sagen hat? Der Wirbel hat Zeit und wartet auf seine Stunde: er schmiegt sich hingebungsvoll an den aufliegenden Kragen des Jacketts seiner Herrin, das unbedachte Wenden des Kopfes bringt ihn in die Poleposition. Der hilfesuchende Blick in den Himmel spielt ihm vollends in die Karten. Bähmm. Frisur im Arsch. Und dann ich, die ich mir solche Mühe gebe, im Kreise der Jungen und Schönen nicht allzu unvorteilhaft aufzufallen. Schneide mir das Haar kurz, dass nun in der Stirnpartie Zornes- und Querfalten verdeckt, um sogleich wunderbar verjüngt zu erscheinen und dann- Merkelnacken. Also, ganz ehrlich, ihre geistigen Fähigkeiten hätte ich lieber.
Lockdownnebenwirkung
Ich bin gerade ziemlich müde von all den coronabedingten Einschränkungen des Lebens. Die Sieben-Tage-Inzidenz heute in Nürnberg über 200, der Präsenzunterricht meiner Kinder in weiter Ferne und draußen graues verregnetes Wetter. Und was macht das mit mir in letzter Zeit? Ich träume vom Meer. Immer wieder. Zum Glück ist mein Unterbewusstsein nicht ganz so vernunftorientiert wie der Rest von mir, sonst wüsste es, dass die Sache gerade kompliziert ist. Ich hoffe, ihr habt auch schöne Träume oder andere kleine Fluchten aus dem GrauinGrau. Durchhalten…
Frohe Ostern (im Ernst?)
Die Umstände sind deprimierend, dennoch freue ich mich auf Ostern. Nicht, dass wir auf Malle am Strand lägen. Nein, nicht mal ein paar bescheidene Tage auf einem Campingplatz in der Fränkischen sind uns vergönnt. Aber am Sonntag feiern wir das Ende unserer Fastenzeit. Ich werde genussvoll in ein Stück Käse beißen und dem Anlass entsprechend ein ganzes Frühstücksei vertilgen. Bis vor zwei Wochen war alles fein mit meinem temporären Veganertum. Ich backte mir freudig einen Kuchen, wenn ich Appetit darauf verspürte und verzichtete frohen Mutes auf den Käse auf der Pizza. Bis ich dem nichtveganen Teil der Familie eines Tages erst ein Rührei und dann Käsespätzle zubereitete. Da war sie mit einem Mal geweckt, die Gier, und lässt sich seitdem nur noch unter Aufbietung all meiner Kräfte im Schacht halten. Ich musste mir eingestehen, dass der Weg zur Heiligen noch sehr weit und steinig ist.
Naja, zumindest geht der Plan mit dem coronaunabhängigen Highlight auf. Zum Glück, denn alles andere sieht gerade wirklich trostlos aus. Der Frust steigt allerorten und es fällt wirklich schwer, noch Verständnis dafür zu haben, dass die Regierung ein Jahr nach Beginn der Pandemie noch immer dieselben teils hilflosen, teils willkürlichen Maßnahmen ergreift wie zu Zeiten ihres Ausbruchs. Und das trotz zahlreicher Versprechen, dass Öffnungen wieder möglich würden, wenn erst mehr geimpft, getestet und die AHA Regeln umgesetzt würden.
Als wir vor einigen Wochen das Schreiben von der Schule mit der Einverständniserklärung für die Testung bekamen und klar war, dass diese freiwillig ist, musste ich erstmal lachen. Testen macht zweifellos nur dann Sinn, wenn es alle tun und nicht etwa 10% einer Klasse. Darauf könnte „man“ aber auch kommen, bevor man sowas einführt. Klassenleiter*innen können sicherlich ein Lied davon singen, wie zuverlässig sie Schreiben an Eltern zurückbekommen, vor allem an Schulen, an denen die meisten nicht einmal zum Elternabend erscheinen. Schwamm drüber, wurde ja jetzt nachgebessert. Astrazeneca, der nächste Running gag. Wer des Galgenhumors mächtig ist, hat gerade so einiges zu lachen. Alle anderen schon lange nichts mehr.
Eine meiner Freundinnen fragte mich neulich, warum ich dann alles so hinnähme, wenn ich mit vielem nicht einverstanden sei. Meine schlichte Antwort lautete:“ Weil ich immer noch daran glaube, dass unsere Regierung versucht, es richtig zu machen.“ Auch, wenn sie dabei viele Fehler macht. Das ist vermutlich der größte Unterschied zwischen Verschwörungstheoretikern und Kritikern. Die einen vermuten etwas Großes, Böses hinter den Maßnahmen, die anderen kritisieren (berechtigterweise) eine gewisse Unfähigkeit des Führungspersonals. Zum Glück darf man das inzwischen offener äußern, ohne direkt in eine Schublade gesteckt zu werden. Ich befürchte jedenfalls, dass wir langsam Wege einschlagen müssen, bestmöglich mit dem Virus und seinen zahlreichen noch auf uns zukommenden Mutanten zu leben. Und wenn irgendetwas dran sein sollte, dass Abstand halten, Maske tragen, Hände desinfizieren, Impfen und Testen helfen, dann sollte man auch Dinge wieder ermöglichen, bei denen diese Hygienemaßnahmen umgesetzt werden können.
Damit es auch wieder andere Highlights im Leben gibt als ein Frühstücksei…
In diesem Sinne, lasst Euch nicht unterkriegen!
Eure Ella
Und dann auch noch Fastenzeit!
Als mich mein jüngerer Sohn Anfang Februar ganz beiläufig fragte, wann dieses Jahr Fasching sei, war ich beinahe euphorisch ob meiner Unwissenheit. Es hatte ja keinerlei Relevanz für mich, wir sind keine Karnevalisten und die Ferien waren gestrichen worden, also keine Urlaubsplanung (haha!) und sowieso überall nur Corona. Dennoch war mir klar, dass seine Nachfrage gerade darauf abzielte, auf diese wohlverdienten, von den Hochverrätern Söder, Piazolo und Co. kaltschnäuzig abgeschafften Ferien und das Wissen um ihren Zeitspanne. Und diese würde finster werden. Ich sparte es mir, im Kalender nachzusehen. Kaum eine Woche später erreichte mich dann ein Foto von meiner lieben Freundin Couca aus Köln mit ihren Mädels, prachtvoll verkleidet und mit einem Kölle alaaf von zuhause. Weiberfastnacht – es war also soweit. Ich konnte es nicht mehr leugnen, müsste aber ja auch nichts sagen, wenn ich nicht erneut gefragt würde. Beschloss ich. Es half nichts. Nachrichten, Tageszeitung, obwohl Fasching ja quasi kaum stattfand, drang die Berichterstattung zu ihm hindurch. Um die mageren Zeitungsblätter zu füllen, riefen die Nürnberger Nachrichten gar zum Einsenden von Bildern alter Straßenumzüge auf. Hätten sie es doch gelassen. Das Kind wies uns im Lauf der gestrichenen Ferienwoche mehrmals täglich und nachdrücklich darauf hin, wie unfair es sei, dass er jetzt Homeschooling hätte, wo doch eigentlich Ferien wären. Wie wahr, det Janze sollte ja ursprünglich auch dazu dienen, im Präsenzunterricht Versäumtes nachzuholen (im Karneval käme jetzt der Tusch für den Gag). Zum Glück stieß diese Maßnahme ja auch bei vielen Lehrer*innen auf wenig Gegenliebe und so fiel das Arbeitspensum doch human aus.
Und kaum war also von jetzt auf gleich Faschingsdienstag, wies mich ein Radiobeitrag auf die bevorstehende Fastenzeit hin. So ein Tempo ist man ja gar nicht mehr gewohnt. Verzicht im Verzicht quasi, ganz ohne Party und Völlerei zuvor. Hm, wie selbstkasteiend, dachte ich, aber irgendwie tat das ja auch immer ganz gut mit dem freiwilligen Verzicht. Innerhalb weniger Minuten hatten sich alle Familienmitglieder fürs Fasten ausgesprochen. Mein Veggie Sohn und ich probieren es dieses Jahr mal vegan. Noch vor drei Jahren habe ich gesagt, dass mir alles zu kompliziert und teuer ist, um so für die Familie zu kochen, aber ganz ehrlich, es gibt inzwischen für fast ALLES bezahlbaren Ersatz. Ich begann also sofort zu recherchieren, wie sich Ei ersetzen ließe und buk umgehend meine ersten veganen Muffins mit Apfelmus anstatt mit Ei. Wer`s mag kann auch Banane nehmen, in Wasser angesetzte, schlabberige Chia- oder Leinsamen, Johannisbrotmehl, Seidentofu und vieles mehr. Sprich – ich erweitere gerade meinen Horizont und das ist in diesen Zeiten etwas ganz Unerwartetes und Wertvolles für mich. Statt Einschränkung, Einschränkung, Einschränkung, Horizont, Horizont, Horizont. Endlich kann ich mal wieder über etwas anderes fachsimpeln als Corona. Auf das mitleidvolle „Und, wie läuft`s bei Euch so?“, erzähle ich jetzt, wie locker und luftig meine Muffins ganz ohne Ei werden anstatt von den Schrecken des Homeschoolings. Und auf das „Ich halte das langsam nicht mehr aus.“, entgegne ich glücklich „Du, seitdem ich vegan leben, habe ich viel mehr Energie. Das würde Dir auch guttun.“ Und auf „Noch ein Zoommeeting und ich kotze auf den Bildschirm.“, erwidere ich „Du solltest wirklich Deine Ernährung umstellen, ich kann dir ein paar Tipps geben.“ Wenn das keinen Schneeballeffekt verursacht… Naja, wir sind in Woche 1, vielleicht kühlt sich meine Begeisterung noch ab. Gestern habe ich im Supermarkt ein Nogger Choc in der Kühltruhe gesehen und mit Schrecken begriffen, dass auch das Tabu ist, obwohl jetzt die Sonne scheint und der Frühling naht. Dafür weiß ich jetzt schon ganz genau, wann Ostern ist, nämlich am 04.04.21. Der Tag der Lockerungen, unsere ganz persönliche Rückkehr zur Normalität, ganz unabhängig von sämtlichen Regierungsbeschlüssen. Und das auch noch mit fixem Datum! Unglaublich. Darauf freue ich mich. So richtig.





