Als ich mich am Wochenende mit Freunden traf, die in der Schweiz leben, erzählten sie mir vom Jugendlohn, der dort ganz üblich zu sein scheint. Sobald die Kinder zwölf Jahre alt werden, wird dieses Modell in vielen Familien eingeführt. Dabei versuchen die Eltern gemeinsam mit dem Kind möglichst realistisch abzuschätzen, welchen Betrag es durchschnittlich im Monat benötigt, um Kleidung, Kosten für den öffentlichen Verkehr, Kosmetik und Hobby finanzieren zu können und sich auch selbständig darum kümmern zu können (und müssen). Ein Vertrag hilft dabei, ganz klar zu definieren, welche Kosten das Kind trägt und welche die Eltern. Wohnen, Essen, Versicherungen oder Familienferien sind beispielsweise davon ausgeschlossen. Wichtig ist natürlich, dass die Kosten den Verhältnissen der Familie angepasst sind und dass die Eltern auch konsequent bleiben, wenn sich das Kind einmal verkalkuliert und ihm nicht dann doch Geld zustecken. So fördert der Jugendlohn Selbstverantwortung und Selbständigkeit und hilft, ständige Konflikte ums Geld zu vermeiden. Und er ist ein gute Möglichkeit für die Jugendlichen, den Umgang mit Geld zu üben und bei Volljährigkeit nicht gleich in die Schuldenfalle zu tappen, weil die Kosten für das WG Zimmer, Handy, Internet und Lifestyle höher sind, als gedacht. Mir gefällt dieses Konzept sehr gut, denn beim Taschengeld haben wir oft das Problem, das nicht wirklich klar ist, für was es genau gedacht ist und für was dann doch die Eltern zuständig sind. Meine E-Mail Adresse habe ich gerne angegeben, um die Arbeitsblätter zur Berechnung des Lohns und den Arbeitsvertrag herunterladen zu können, denn Jugendlohn ist ein Verein, der weiterhin an der Verbesserung und Weiterentwicklung des Modells forscht und deshalb gerne per E-Mail nach Erfahrungen fragen möchte. Aber das will ein Händler ja auch, wenn ich etwas bei ihm im Internet kaufe. Die Schweizer sind ja bekannt für ihr glückliches Händchen mit Geld. Vielleicht nimmt es genau hier seinen Anfang.
Der Glaube an das Gute in dieser Welt und in der Politik im Speziellen wird einem ja häufig schwer gemacht. Dass sich Hubertus Heil, SPD, Minister für Arbeit und Soziales, und Entwicklungsminister Gerd Müller, CSU, dafür einsetzen, ein Lieferkettengesetz für die Wirtschaft durchzusetzen, ist da ein echter Lichtblick. Dies wäre ein so wichtiges Zeichen, dass es uns nicht egal ist, dass wir auf Kosten anderer leben, sondern Verantwortung dafür übernehmen, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in aller Welt, die für uns und unseren Wohlstand schuften, zu verbessern und internationalen Standards anzupassen.
„Herkunft“ von Saša Stanišić ist eines dieser Bücher, ausgezeichnet mit dem deutschen Buchpreis und das wirklich mehr als verdient. Stanišić ist ein Sprachkünstler, der zauberhaft mit einer Sprache jongliert, die ihm erst im Alter von zwölf Jahren zu eigen wurde, als er mit seinen Eltern vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland floh. Und der es irgendwann wagte, in dieser Sprache zu schreiben, weil ihn sein Deutschlehrer dazu ermutigte. „Herkunft“ ist eine fiktionale Biographie, in der er sich auf die Reise in eine Zeit begibt, die seiner geliebten Großmutter, die zunehmend an Demenz erkrankt, allmählich entgleitet. Spielerisch springt der Autor durch die Zeiten, erzählt von seiner Jugend in Heidelberg, als er es kaum wagte, jemanden mit nach Hause zu nehmen, weil die Familie in so bescheidenen Verhältnissen lebte, er erzählt von einem Jugoslawien, in dem alle ziemlich friedlich zusammenlebten, bis das der aufpeitschende Nationalismus unmöglich machte, er erzählt von seinem Vater, der ihn als Kind vor dem Angriff einer Poskok, einer Hornotter, rettete, von der Heimat seiner Großeltern, der Landschaft und den Menschen. Manches ist wahr, manches ist erfunden und ein wenig phantastisch im besten Sinne. So erwartet den Leser ein ganz besonderes Ende der Geschichte oder auch zwei?



