Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich brauche regelmäßig Zeit für mich ganz allein. Und zwar ganz alleine – nur ich. Mit Mann und zwei Kindern ist das nicht einfach, deshalb bleibe ich abends meist länger wach, warte bis auch mein Mann ins Bett geht (wenn ich die Müdigkeit so lange zurückhalten kann), um noch etwas Zeit für mich im Wohnzimmer zu haben. Ich mache dann meist gar nichts besonderes, schaue fern, surfe im Internet oder schaue im Dunkeln aus dem Fenster und genieße die Ruhe. Keiner der was von mir will, keine Kinder, die streiten… einfach ich und meine Gedanken. Tagsüber sind solche Momente eigentlich micht mehr möglich. Früher konnte ich mich noch manchmal aufs Klo zurückziehen und da solange gemütlich in ein paar Zeitschriften blättern, bis jemandem auffiel, dass ich schon über die normale Zeit, die ein Toilettengang in Anspruch nehmen darf, verschwunden bin und zu rufen oder wild an die Tür zu hämmern begann. Aber dieses „stille Örtchen“ gibt es für mich nicht mehr – meine Tochter will jetzt immer direkt mit mir aufs Klo. Ich habe diesen letzten Rückzugsort aufgegeben, nachdem sie immer laut Mama schreiend und jämmerlich schluchzend vor der Badezimmertür lag und rein wollte. Seitdem verrichte ich meine Geschäft in Gesellschaft. Also bin ich eben wach, wenn die anderen schlafen. Da fehlt mir dann zwar eine Stunde Schlaf, aber wenn ich diese Zeit alleine nicht habe, wirkt sich das negativ auf meine Geduld und andere für’s Zusammenleben wichtige Eigenschaften aus.
Mein Mann hat dieses Bedürfnis scheinbar nicht. Naja er ist Italiener und die sind es ja gewohnt bis zur Hochzeit zu Hause in der Familie zu wohnen und dann gleich mit dem Partner zusammenzuziehen. Die sind wirklich nie alleine! Wenn ich ihn am Anfang unserer Beziehung in Italien besucht habe und dann, während er arbeitete, alleine in ein Einkaufstzentrum oder ans Meer wollte, haben die mir immer gleich jemanden mitgschickt – einen Bruder oder eine Nichte, wer gerade verfügbar war. Alleine auf dem Balkon sitzen und lesen konnte ich auch nicht, da wurde ich gleich gerufen oder jemand kam, weil sie annahmen, ich würde mich langweilen. Ich musste schon ins Zimmer gehen und die Türe schließen, um mal alleine zu sein, und das fanden sie, glaube ich, ziemlich seltsam. Ich weiß nicht wie die das aushalten!
Naja, die Chance ist groß, dass mir mit dem Älterwerden der Kinder auch wieder mehr Zeit alleine bleibt. Und bis dahin muss ich mir eben die Nächte um die Ohren schlagen.


Als ich dieser Tage einen Weihnachtskatalog durchblätterte, wurde ich von Botschaften und Lebensweisheiten nur so überflutet. Während wir Beschriftungen auf T-Shirts seit Jahrzehnten kennen ( O-Ton meiner Großmutter: „Du kannst doch nicht als lebendige Litfaßsäule herumlaufen!“), hat die Kalligraphie mit mehr oder weniger sinnigen Sprüchen allumfassend in unser Leben Einzug erhalten. Zunächst auf Büchlein, Postkarten, Wandbildern zumindest artverwandt, inzwischen wirklich überall zu finden: auf Kerzen, Stühlen, Bettwäsche, Schmuck & sogar Schokolade. „My home is my castle“ erinnert die sich allzeit aus dem Koffer lebende Businessfrau daran, was ihr eigentlich wichtig ist, „Don`t dream your life. Live your dreams.“ lässt uns jederzeit spüren, dass mehr möglich ist und wir Teil eines großen Wunschkonzerts sind. Dem sinnentleerten Leben Tiefe geben. Zum Glück weisen sie uns aber auch den Weg in einer immer komplexer werdenden Welt. Die Kerze heißt Candle, das Zuhause home, was soll da noch schief gehen. Und sollte uns tatsächlich mal jemand in unserer durchgestylten Wohnung besuchen, weiß jeder sofort, was uns wichtig ist, ( zur Auswahl beispielsweise „My kitchen ist for dancing“ oder „Leben. Lieben. Lachen“ ) ohne dass auch nur ein Wort gesagt werden muss. Ach und übrigens, wir befinden uns gerade in der most beautiful time of the year, nur dass ihr wisst, welcher Gemütszustand gerade so angesagt ist.

